Sieben Dinge, die passierten, während Du schliefst: Gedanken zu Spuren, Dokumenten und Archiven

Bild aus Ahmad Ghosseins “My Father is Still a Communist - Intimate Secrets to be Published” (2011). Courtesy of the Artist.

Dem Archiv – traditionell als Aufbewahrungsort oder geordnetes System von Dokumenten definiert – kam zu allen Zeiten eine wichtige Rolle in der Konstruktion historischen Wissens zu. Bis heute ist das Archiv, das sich in verschiedensten Formen manifestiert, der zentrale Ort für die Verwahrung, Bergung und Interpretation der Vergangenheit. Doch wie könnte ein Archiv all die Momente erfassen, die nicht aufgezeichnet wurden, von denen keine physische Spur vorhanden ist? Wäre es denkbar aus dem Archiv auch das Immaterielle, das Unsichtbare, die flüchtigen Töne und Düfte zu bergen; alles, was einmal eine Erfahrung in ihrer Gänze ausmachte? Und was schließt das Archiv, gefangen in den Grenzen der Sprache selbst, unweigerlich aus seiner eigenen Sphäre aus?

Historiker*innen und Philosoph*innen versuchen seit langem, den Begriff des „Archivs“ zu umschreiben. Die Kunst ist derweil zu einem Ort der Kritik des Archivs geworden, in dem dessen Handlungsmacht, vermeintliche Faktizität und komplettistischen Illusionen hinterfragt und seine Autorität destabilisiert wurde. Ausgehend von einer erweiterten Definition des Archivs – verstanden als Sammlung nicht nur „offizieller Dokumente“, sondern aller Formen kultureller Produktion und persönlicher Berichte – haben hunderte Film- und Videokünstler*innen Gegenerinnerungen geschaffen. Für sie ist das Archiv verfügbares Rohmaterial, das sie dekonstruieren, recyceln und manipulieren. Das kritisch-subversive Potential einer solchen Aneignung des Archivs ist weithin anerkannt. Doch wie weit kann solch ein Potential gehen, wenn die archivbasierte Kunst aufgrund ihrer grundlegenden Beschaffenheit nicht anders kann, als sich unablässig mit dem Archiv ins Verhältnis zu setzen, über dessen Ästhetiken nachzusinnen und auf dessen Narrative zu reagieren?

Anhand ausgewählter Texte, Diskussionen, Filmvorführungen und Gastvorträge werden wir uns dem Archiv nicht als bloße Sammlung von Aufzeichnungen und Dokumenten nähern, sondern als einem omnipräsenten linguistischen und diskursiven System. Wir werden uns mit dem Kanon der Archivtheorie auseinander setzen, und ihn mit kritischen Texten, Filmen und Videos in Dialog bringen, die ihn hinterfragen, den Begriff des „Archivarischen“ dekonstruieren, die Fetischisierung des Dokuments als über alle Zweifel erhabenen Hort der Wissensproduktion destabilisieren und die Frage stellen, wie entschieden wird, ob ein „Ereignis“ der Dokumentation würdig ist. Wir werden darüber hinaus ein besonderes Augenmerk darauf legen, wie das heutige systematische Aufzeichnen, Sammeln und Lagern von Daten durch nicht-menschliche Objekte die Landschaft des Wissens verändert und die Relevanz kanonischer Werke der Archivtheorie in Frage stellt.

Der zehnwöchige, partizipative, diskursive, multi-disziplinäre Workshop richtet sich an Künstler*innen, Autor*innen und Wissenschaftler*innen mit Interesse und/oder Erfahrung an/mit dem Thema. Die Treffen beginnen am 15. Oktober und werden in Folge wöchentlich bis einschließlich 17.Dezember immer dienstags von 18:00 bis 21:00 Uhr im silent green Kulturquartier stattfinden.

Der Workshop wird durchgeführt von Mohammad Shawky Hassan. Er ist Filmemacher und lebt und arbeitet in Kairo und Berlin. Shawkys Arbeiten wurden unter anderem auf der Berlinale, im Haus der Kulturen der Welt, im MUCEM, im Sursock Museum und im Contemporary Image Collective (CIC) präsentiert und befinden sich in der Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA). Shawky schloss 2016 ein Masterstudium in Philosophie an der American University Cairo ab. Seine Masterarbeit trägt den Titel "On the Limitations of the Archive: Affective Traces, Sensible Intensities and the Humming Background Noise of the Universe" ("Zu den Beschränkungen des Archivs: Affektive Spuren, spürbare Intensitäten und das summende Hintergrundrauschen des Universums")

Das Seminar findet in englischer Sprache statt.

Anmeldung

Die Teilnehmer*innenzahl ist auf 12 Personen begrenzt. Plätze werden nach Eingang der Anmeldungen vergeben. Teilnahmegebühren: 120 Euro / 100 Euro (Mitglieder, Studierende, Berlin-Pass) / 90 Euro (Mitglieder im Arsenal-Freundeskreis).
Anmeldeschluss ist der 1. Oktober 2019.



Anmeldeformular als PDF zum Download

Veranstaltungsorte
Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.
@silent green Kulturquartier

Gerichtstr. 35, 13347 Berlin


Kontakt

Nathalie Knoll, Markus Ruff
archive(at)arsenal-berlin.de