Mai 2016, kino arsenal

The American Landscape – 
Die Filme von Kelly Reichardt

WENDY AND LUCY, 2008

Kelly Reichardt (*1964) ist derzeit wohl die wichtigste unabhängige Filmemacherin der USA. Sie gehört zu den eigenwilligen Stimmen im zeitgenössischen amerikanischen Kino. Ihre Filme handeln vom Unterwegssein, von Menschen, die aufbrechen, die vom Weg abkommen oder auf der Suche sind. Sie befragen ihr Land, seine Mythen, seinen Alltag, seine Vorstädte, seine Natur und zeichnen sich meist durch eine bewusst minimalistisch gehaltene Inszenierung aus. Fast alle sind in der Landschaft des US-Bundesstaats Oregon angesiedelt und in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Jon Raymond entstanden. Über die regionale Verankerung hinaus eignet ihnen ein umfassenderer Aspekt, die Geschichten ihrer Figuren verweisen stets auf eine existenzielle Verfasstheit, eine soziale Ordnung und auf gesellschaftliche Krisen, ohne ostentativ politisch zu sein. Anlässlich der Restaurierung ihres wenig bekannten Langfilmdebüts RIVER OF GRASS (1994) zeigen wir Kelly Reichardts erste fünf Filme im Zusammenhang einer Werkschau.

RIVER OF GRASS (USA 1994, 1.5., Einführung: James Lattimer) Cozy (Lisa Bowman) ist von ihrem Mann, ihren Kindern und ihrem Dasein in der Suburbia-Welt Südfloridas gelangweilt. Sie würde all das gerne hinter sich lassen. Eines Nachts trifft sie in einer Bar auf Lee Ray (Larry Fessenden), der bei seiner Großmutter lebt und sich ziellos treiben lässt. Als sich versehentlich ein Schuss aus einem gefundenen Revolver löst, ergreifen die beiden die Flucht, im Glauben, einen Mord begangen zu haben. Die Bonnie-and-Clyde-Möchtegerns kommen jedoch nicht weiter als bis zum nächstgelegenen Motel. Der Topos des Outlaw-Liebespaars on the run wird zitiert und dekonstruiert: keine Liebe, kein Verbrechen, keine neuen Horizonte. Eine Flucht, die nirgendwohin führt. Reichardts Anti-Roadmovie, von der teilnahmslosen Stimme Cozys aus dem Off kommentiert, entlarvt mit bissigem Humor den Mythos von Freiheit und Abenteuer als mit der amerikanischen Gegenwart nicht vereinbar.

OLD JOY (USA 2006, 2.5.) Mark und Kurt (Daniel London, Will Oldham), die früher zusammen in einer Wohngemeinschaft gelebt, sich dann aber aus den Augen verloren haben, verabreden sich zu einem Ausflug in die Wälder Oregons, um an alte Zeiten anzuknüpfen. Während der eine sich mittlerweile in einer bürgerlichen Lehrer-Existenz mit Frau und Reihenhaus eingerichtet hat und bald Vater wird, ist der andere ein kiffender Hippie geblieben und lebt von der Hand in den Mund. Ausgehend von diesem minimalistischen Setting zeigt Kelly Reichardt mit viel Gespür für Nuancen und reich an Details, wie zwei einstige Freunde einander nicht mehr viel zu sagen haben. Sie umkreist dabei ein unbestimmbares Gefühl von Verlust und Trauer. Unterlegt von melancholischen Gitarrenklängen der Band Yo La Tengo entwirft OLD JOY zugleich ein Zeitbild der USA nach der Wiederwahl von George W. Bush und das Porträt einer ratlosen Generation.

WENDY AND LUCY (USA 2008, 3.5.) Wendy (Michelle Williams) ist mit ihrer Hündin Lucy und nur ein paar Dollar in der Tasche unterwegs nach Alaska, wo sie auf einen Job in einer Fischfabrik hofft. Sie schläft in ihrem alten Auto und als das nicht mehr anspringt, sitzt sie mittellos in einer Kleinstadt in Oregon fest. Doch damit nicht genug: Erst wird sie beim Stehlen von Hundefutter erwischt und dann verschwindet Lucy, die sie daraufhin verzweifelt sucht. Wendy kämpft gegen ihre missliche Lage, pragmatisch, beharrlich und selbstversunken. Nur der Wachmann eines Parkplatzes nimmt Anteil an ihrer Misere, ansonsten bekommt sie keinerlei Unterstützung. „I’m passing through“ sagt sie – doch der Film zeigt die Kehrseite des amerikanischen Mythos von der Freiheit des Unterwegsseins. Wendys individuelle Krise verweist auf den Zustand der Gesellschaft, ohne thesenhaft von Exklusion zu sprechen. Aus einer einfachen Grundkonstellation erwächst ein präzise inszenierter, kleiner großer Film.

MEEK’S CUTOFF (USA 2010, 4.5.) 1845, während des Oregon-Trails, verirrt sich ein Treck von drei Siedlerfamilien auf dem Weg nach Westen mit ihren Planwagen bei flirrender Hitze in einer ausgetrockneten Steppenlandschaft. Der großmäulige Trapper Meek hat sie mit Verweis auf eine angebliche Abkürzung dorthin geführt. Die Wasservorräte gehen zur Neige, Anspannung und Misstrauen in der Truppe wachsen. Nur die junge Emily (Michelle Williams) begehrt gegen Meek auf und wagt es, sich einem gefangenen Indianer anzunähern, denn er könnte der Lotse auf den richtigen Weg sein. Reichardt richtet den Blick auf den im Western-Genre oft übersehenen Alltag der Frauen, zeigt deren tägliche Handgriffe (Brot backen, Holz suchen) und die Strapazen des Lebens in der Wildnis. Ein feministisch perspektivierter, leiser Western mit ruhigen Bildern im 4:3-Format, zarten, ausgebleichten Farben, malerischen Landschaftsaufnahmen und Musik von Jeff Grace.

NIGHT MOVES (USA 2013, 5.5.) Josh, Dena und Harmon (Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard) kennen sich kaum, haben aber ein gemeinsames Ziel: Sie wollen einen Staudamm in Oregon in die Luft sprengen, um ein Zeichen zu setzen gegen Umweltverschmutzung, Raubbau an der Natur und die kapitalistische Konsumgesellschaft. Doch etwas geht schief, ihre Tat fordert ein Todesopfer und den dreien bricht der Boden unter den Füssen weg. Nicht die Explosion steht im Zentrum des Films, sondern die akribischen Vorbereitungen der Tat auf der einen und die Veränderungen, die der Anschlag bei den Umweltaktivisten hervorruft, auf der anderen Seite. Was wie ein entschleunigter Öko-Thriller beginnt, wandelt sich so zum Psychodrama um Fragen von politischem Aktivismus, Moral, Gewalt und Schuld. Ist es besser, einen Fehler zu begehen, als gar nichts zu tun? Der Film hält sich mit einem Urteil zurück. (bik)

Eine Veranstaltung in Kooperation mit Comeback Company (comebackcompany.com/KellyReichardt). Dank an Peripher Filmverleih.

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