September 2017, kino arsenal

Anatomie der Einsamkeit – 
Die Filme von Tsai Ming-liang

THE RIVER, 1997

Wenn man es definieren wollte, wäre das Kino wohl vor allem ein Manifest des Begehrens, der Versuch des Bewahrens unerklärlich schöner, flüchtiger Momente. Motive des "Perversen" haben dabei seit je, spätestens seit den lustvollen Regelverstößen der Surrealisten, ihren festen Platz. Tsai Ming-liang, Regisseur aus Taiwan, arbeitet seit einem Vierteljahrhundert mit der Anziehungskraft apokalyptischer Gesellschaftspanoramen und an seiner Version desolater Erotik. Die schiere Bildgewalt, mit der Tsai von Entfremdung, Isolation und Lebensmüdigkeit berichtet (Kamera in fast allen Fällen: Liao Pen-jung), dient auch einem höchst eigenwilligen Humor. In seinem skeptischen Blick auf Liebesqual und Familienspannungen lodert eine – bisweilen kurios diskret anmutende – Sehnsucht nach Groteske und Tabubruch. Seine Erzählungen selbst hält Tsai Ming-liang schlicht, oft sehr fragmentarisch, um ihnen eine möglichst avancierte Form geben zu können. Das Arsenal würdigt den vielfach ausgezeichneten Autorenfilmer im September mit einer Retrospektive seiner zwischen 1992 und 2015 entstandenen zwölf Langfilme.

1957 in Malaysia geboren, in Taipeh als Künstler initiiert, hat Tsai inzwischen seine Zweifel an der Zukunft des Kinos geäußert, vorsichtig sogar seinen Ausstieg als Filmemacher angedeutet. Kurz vor seinem 60. Geburtstag scheint der Bogen, den seine internationale Karriere seit 1992 geschlagen hat, tatsächlich zu einem Ende zu kommen: Den Naturalismus der frühen Werke hat Tsai konsequent ins Visionäre, Fantastische, in den Fiebertraum getrieben, seine Autorenfilmkarriere folgerichtig vom Erzählerischen weg ins Installative gelenkt. Sein aktuelles Schaffen passt besser in Galerien- und Museumsräume als in jenes sterbende alte Lichtspielhaus, das er in GOODBYE, DRAGON INN noch gefeiert hat. Kein einziger seiner Kinofilme, sagt Tsai, hätte ohne den phlegmatischen, oft rätselhaft agierenden Darsteller Lee Kang-sheng entstehen können, den er einst in einer Spielhalle entdeckt hatte. Dieser trägt in allen Filmen denselben Rollennamen (Hsiao-kang), als spielte er – über die Grenzen der jeweiligen Fiktion hinaus – stets nur sich selbst. Lees minimal acting bietet die perfekte Entsprechung zu den extrem reduzierten Storylines seines Regisseurs. Die Zeit manipuliert Tsai Ming-liang gerne: Das gemessene Erzähltempo, mit dem er operiert, und seine wortkargen Erzählungen benötigen Konzentration; in langen, statischen Einstellungen entfalten sich diese Werke, die auch dazu neigen, intensiv über sich selbst nachzudenken: Um die Wirkungen von Licht(entzug) und Blick(verweigerung) geht es Tsai Ming-liang überall, Filme-im-Film komplizieren die Erzählebenen, indem vielfältige Verweise auf Hollywoods Musicals und Frankreichs Nouvelle Vague für zusätzliche Selbstreflexion sorgen. Die Figuren treiben durch die Stadt, lakonisch, ziellos, dem Schicksal ergeben, aber der Farce nicht abgeneigt, die in Depressions-Singspielen und im Porno-Slapstick liegt. Dreiecksbeziehungen entstehen, Lebenswelten kollidieren, man irrt alleingelassen durch Ruinenlandschaften und postindustrielle Durchgangszonen, lebt provisorisch und polyamourös, queer und hetero, in Ungewissheit und ausgebrannten Abbruchhäusern. Im Attraktionskino des Tsai Ming-liang ist Voyeurismus eine Grundbedingung und, allem Kulturpessimismus zum Trotz, der Wasserschaden eine Garantie für den ewigen libidinösen Fluss der Fantasien.

CHING SHAO NIEN NA CHA / REBELS OF THE NEON GOD (Taiwan 1992, 1.9., Einführung: James Lattimer & 18.9.) Der strömende Regen kennt kein Ende, und im Kinderzimmer wird eine Kakerlake erlegt. Kleinkriminelle Jugendliche -huldigen dem Neongott in Videospielhallen, während ein ennuyierter Teenager auf die schulische Optimierung seiner Karrierechancen pfeift, auf die seine Eltern leider Wert legen; lieber beobachtet er die motorisiert durch Taipeh rasende, desillusionierte Jugend, die von Platinendiebstahl und Münzraubzügen in Telefonzellen zu leben versucht. In seinem Kinodebüt, das viele der späteren Grundthemen des Regisseurs bereits auffächert, skizziert Tsai eine längst untergegangene Welt, in der die 80er Jahre noch sehr lebendig sind. "Ein Film so schön wie eine Elegie von Lou Reed." (Tony Rayns)

AIQING WANSUI / VIVE L'AMOUR (Taiwan 1994, 2.9., Einführung: Cristina Nord & 20.9.) Mit einem Schlüssel in Großaufnahme, der zur freien Entnahme in einem Türschloss steckt, setzt die Geschichte ein, die sich zu einer aberwitzigen schwarzen Komödie mit einer unwahrscheinlichen Ménage-à-trois entwickelt: Der morbide junge Held, der als Vertreter für Urnenplätze arbeitet, versucht sein Leben zu beenden, aber die Zufallsbekanntschaft mit einem Paar, einer Maklerin und ihrem neuen Liebhaber, hält ihn davon ab. VIVE L'AMOUR ist ein Werk der asymmetrischen Begehrensverhältnisse, eine Hymne ans improvisierte Leben in einem von Baustellen durchzogenen Taipeh. Die vielen absurden Momente dieses Films und sein extratrockener Witz kulminieren in der siebenminütigen Schlusseinstellung, die eine haltlos weinende, zugleich rauchende Protagonistin zeigt, gespielt von der sonst sehr lakonischen Yang Kuei-mei, Darstellerin in sieben Spielfilmen von Tsai Ming-liang. Die Liebe, auch wenn sie kaum möglich erscheint, lebt hoch in VIVE L'AMOUR.

HE LIU / THE RIVER (Taiwan 1997, 3. & 25.9.) Auf seinen Wegen durch Taipeh gerät Hsiao-Kang an eine alte Freundin und zufällig an ein Filmset. Dort lässt er sich von Regisseurin Ann Hui überreden, eine Wasserleiche darzustellen, um wenig später einen stechenden Schmerz im Nacken festzustellen, der auch in den Familienverhältnissen begründet liegen mag, in denen er lebt. Viel mehr als Sex mit Zufallsbekannten fällt ihm zur Ablenkung vom Grauen seiner Existenz nicht ein. Das Schicksal verstrickt ihn wider Willen inzestuös mit seinem Vater. Ein traurig-schönes Porträt innerfamiliärer Isolation.

DONG / THE HOLE (Taiwan/Frankreich 1998, 4. & 30.9.) Tsai Ming-liang untersucht das Musical als Form hier erstmals, ehe er Ähnliches auch in THE WAYWARD CLOUD und VISAGE versuchen wird. Den Frohsinn des Singens und Tanzens verschränkt er, charakteristisch konfrontativ, mit der Apokalypse: Das Jahr 2000 naht, die Welt droht unterzugehen. Eine unerklärliche Seuche breitet sich in Taipeh aus, die Stadt ist entvölkert. Ein allein lebender Mann weigert sich, sein Apartment zu verlassen, gerät aber – wegen eines Lochs in seinem Fußboden – in einen Konflikt mit der Frau, die in der Wohnung unter ihm lebt. Heiterkeit und Depression sind in diesem Film auf aberwitzige Weise in Balance.

NI NEI PIEN CHI TIEN / WHAT TIME IS IT THERE? (Taiwan/Frankreich 2000 | 5. & 21.9.) Zugleich Liebes- und Einsamkeitsgeschichte, dreht sich WHAT TIME IS IT THERE?, als Hommage an Truffauts "Les 400 coups" konzipiert, um die Erbarmungslosigkeit der Zeit. Wie verrückt muss man sein, um gegen sie kämpfen zu wollen? Hsiao-Kang entdeckt, weil er sich in eine Frau verliebt hat, die nach Frankreich abgereist ist, seine Frankophilie – und beginnt, alle Uhren der Stadt zurückzustellen: auf französische Zeit. Die Angebetete läuft inzwischen, ausgerechnet auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, einem der großen Idole des Regisseurs, Jean-Pierre Léaud, über den Weg.

BU SAN / GOODBYE, DRAGON INN (Taiwan 2003, 6. & 23.9.) In einer regnerischen Nacht hat die letzte Vorstellung eines alten Lichtspielhauses in Taipeh begonnen. Tsai poetisiert das lange Sterben des Kinos im Kurzschluss mit der Filmgeschichte Taiwans: Man zeigt Dragon Inn, inszeniert 1967 von Martial-Arts-Maestro King Hu. Einer der Hauptdarsteller von damals, Chun Shih, sitzt mit bleich erstarrtem Gesicht im Kino, Tränen in den Augen. Akribisch Choreografiertes findet auf und jenseits der Leinwand statt, einmal frenetisch (bei King Hu), einmal radikal verlangsamt (bei Tsai): Das Cruising und die Suchbewegungen seines Ensembles führen durch die Korridore und Hinterzimmer des Hauses. GOODBYE, DRAGON INN ist ein Film der Abschiede: Miao Tien, der als dubiose Vaterfigur Tsais Filme von Anfang an begleitet hat (und schon im originalen "Dragon Inn" mitgewirkt hatte), absolviert hier seinen fünften und letzten Auftritt im Kosmos des Tsai Ming-liang.

TIAN BIAN YI DUO YUN / THE WAYWARD CLOUD (Taiwan/Frankreich 2004, 7. & 22.9.) In seiner Lust an überraschenden Sinnzusammenhängen spannt Tsai hier Pornoindustrie, Wassermelonenfetischismus und giftigen Retro-Musicalglanz zusammen: THE WAYWARD CLOUD setzt als Groteske an, gewinnt in seinem Finale aber einiges an Schrecken. Er habe einen "Schlagerporno" drehen wollen, hat Tsai Ming-liang erklärt, einen Film, "der auf die Metaebene zielt, der weder sexuell erregen will, noch ein echtes Musical darstellt. Ich hatte also vor, einen sehr explizit-erotischen Nichtpornofilm zu drehen. Um Fragen wie diese zu klären: Wie verwenden und missbrauchen wir alle unsere Körper?"

HEI YAN QUAN / I DON’T WANT TO SLEEP ALONE (Taiwan/Frankreich/Österreich 2006, 8. & 14.9.) 1977 hatte Tsai seine Heimat Malaysia verlassen, fast 30 Jahre später kehrte er für ein Filmprojekt, das Mozarts "Zauberflöte" Reverenz erweisen sollte, dahin zurück: Lee Kang-sheng ist hier in einer Doppelrolle als Komapatient und schwer verletzter Obdachloser zu sehen, den Arbeitsmigranten gesund pflegen. Ein Dreieck aus Verbrechen, Sehnsucht und Begehren entsteht. Die – undefinierbare und kaum zu findende – Freiheit sei das zentrale Thema dieses Films, hat der Regisseur betont. Dem Smog in Kuala Lumpur hat er eine wesentliche Nebenrolle verschafft.

VISAGE (Frankreich/Taiwan/Belgien/Niederlande 2009, 9. & 29.9.) Die Direktion des Louvre kofinanzierte diesen Film, eine weitere Huldigung des Tsai prägenden Regisseurs François Truffaut, die um eine schwierige Kinoproduktion zum Mythos der Salomé kreist. Der aus Taipeh eingeflogene Regisseur Hsiao-Kang spricht leider keine Fremdsprachen, und auch sonst findet man offenbar kein kreatives Zentrum: Jean--Pierre Léaud träumt sich – in seinem zweiten Auftritt für Tsai – in eine bizarre Musicalszene im künstlichen Schnee- und Spiegelwald, Produzentin Fanny Ardant droht die Nerven zu verlieren und Filmstar Laetitia Casta verklebt und verdunkelt alle Fenster und Spiegelflächen in ihrer Reichweite. Mysteriöse Erzählung, immense Bilder: ein Spiegelkabinett des Kinos.

JIAO YOU / STRAY DOGS (Frankreich/Taiwan 2013, 10. & 28.9.) Die Abkehr vom erzählerischen Kino, dem Tsai nie so recht getraut hat, radikalisiert sich nach VISAGE. Was noch an Story-Resten in seiner Arbeit zu finden war, dünnt nun auf das absolute Minimum aus. Er setzt heftiger denn je auf Entschleunigung, fordert Beobachtung, Konzentration, Geduld. STRAY DOGS zeichnet tristes Familienleben, Armut und Alkoholismus auf – in gewaltigen digitalen Bildwelten, auch überlangen, kaum bewegten Einstellungen. Der eindringliche Film verhandelt Rückzugsgefechte und Endspiele: In den hochauflösenden Ansichten urbaner Trümmerlandschaften und finsterer Abrisshäuser, durch die ein Mann mit seinen beiden Kindern streift, wird die Entkräftung des internationalen Autorenfilms greifbar.

XI YOU / JOURNEY TO THE WEST (Frankreich/Taiwan 2014, 11. & 16.9.) Ein Zeitlupenspaziergänger bewegt sich durch Marseille in dieser Studie der Verlangsamung. Der Film beginnt mit dem achtminütigen Blick auf ein Männergesicht im Halbdunkel (Denis Lavant), danach streift Lee Kang-sheng als buddhistischer Mönch, als lebendes, grell orangefarbenes Signal, unendlich langsam durch Höhlen, einen Strand entlang, durch die Straßen von Marseille (und eine knappe Viertelstunde nur eine öffentliche Treppe hinunter). Lees Figur sucht das Leben in der Stadt, den Alltag heim, mahnend, in sich gekehrt, out of time.

NA RI XIAWU / AFTERNOON (Taiwan 2015, 12. & 27.9.) In formaler Demut übt sich Tsai mit diesem ästhetisch schlichten und gerade dadurch beeindruckenden Konversationsfilm, der noch einmal als Tribut an seinen permanenten Hauptdarsteller und Lebensmenschen Lee Kang-sheng zu verstehen ist. AFTERNOON bietet nichts als ein gut zweistündiges Beziehungsgespräch, eine private Therapiesitzung, eine Liebeserklärung in einem kahlen, aber sonnenlichten Raum. Es geht um Todesangst, (platonische) Zuneigung und kaum je direkt ums Kino. Er habe nach so langer Zeit, sagt Tsai, endlich wissen wollen, was im Kopf seines wortkargen Protagonisten tatsächlich vorgehe. Es ist dann aber doch Tsai Ming-liang selbst, der die Unterhaltung über weite Strecken sehr emotional bestreitet. Die Muse des Filmemachers bleibt bei all dem, was sie stets war – und wohl auch sein muss: ein Rätsel. (sg)

Eine Veranstaltung mit freundlicher Unterstützung des Kulturministeriums Taiwan. Dank an die Taipeh Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland.

September '17