This Interview was conducted in German.
Barbara Wurm (BW): Nurith Aviv, es ist uns eine große Ehre, Dich mit Deinem neuen Film PRÉNOMS im Forum zu begrüßen. Wir haben uns in Frankfurt beim „Remake Festival. Frankfurter Frauen Filmtage“ gesehen, mit zwei anderen Filmen von Dir, die durchaus im Zusammenhang mit PRÉNOMS stehen. Du schreibst: „A given name is a gift, a choice, a message that can be questioned, interpreted, reinvented all throughout life.“ Wie kam es zu diesem Film, zu dieser Idee und vor allem auch zu der Form, die der Film am Ende gefunden hat?
Nurith Aviv (NA): Eigentlich ist es so, dass in jedem Film schon der nächste Film drin steckt, nur weiß ich es vorher nicht. Aber der letzte Film, LETTRE ERRANTE (WANDERING LETTER) (2024), handelte von einem Buchstaben im Alphabet. Nicht didaktisch, sondern ich ging zu Leuten und fragte sie nach ihrer Geschichte mit dem Buchstaben „R“. Das „R“ hat ja so viele Möglichkeiten und Leute erzählen mir ihre Probleme und ihre Geschichte mit dem „R“. Der Film fängt damit an, dass ich erzähle, dass Töne Farben haben, und ich gebe ein Beispiel von Freunden aus meiner Kindheit: „Gabi oder Gila waren grün, Dina, David oder Dani waren blau“ und so weiter. Der Film endet mit einer Farbe und der Geschichte des ersten Alphabets, von dem manche Forscher sagen, dass es in einer Türkisgrube auf der Halbinsel Sinai erfunden wurde. Diese zwei Themen, Freundschaft und Alphabet, habe ich nun im nächsten Film wieder aufgegriffen Ich dachte, ich mache einen Film mit meinen Freunden und habe jeden Buchstaben aus dem Alphabet einem Freund oder einer Freundin [zugeordnet]. Dann habe ich gesehen, dass ich nur 22 Freunde mit verschiedene Buchstaben habe. „Okay, ich gehe die 22 besuchen“, sagte ich mir, denn im hebräischen Alphabet sind es 22 Buchstaben. Aber eigentlich hatte ich mir das lateinische Alphabet ausgesucht. Zunächst dachte ich an eine Installation mit diesen 22 Freunden. Aber dann war irgendwie ein Film da. Diese 13 Freunde, zu denen ich gegangen bin, die gesagt haben, sie erzählen mir anhand ihrer Vornamen von sich. Ich hatte nicht erwartet, dass sie mir diese unheimlichen Geschichten erzählen. Ich meine, nicht alle sind unheimlich, aber es war überraschend, dass alle solche Geschichten mit ihren Vornamen haben.
Christiane Büchner (CB): Wie sind diese Interviews entstanden? Wir sehen, dass Du hereinkommst mit Blumen, dass Du herzlich begrüßt wirst. Wir verstehen, dass es Menschen sind, die Dich mögen. Aber wie hast Du dann mit mit Deinen Freunden gearbeitet?
NA: Eigentlich stammt die Idee mit den Blumen auch aus dem Film LETTRE ERRANTE. Dort standen die Blumen für die Farben, weil die Namen alle Farben hatten. Damals waren es Blumen aus der Natur und bei PRÉNOMS habe ich mir gesagt: „Okay, jetzt nehme ich Blumen aus der Kultur.“ Ich komme oft mit Blumen zu meinen Freunden zu Besuch und so entstand die Idee, dass ich diese Blumen filme. In einer Hand hatte ich die kleine Kamera, in der anderen die Blumen. Und dann sage ich ihren Namen und sie lächeln und laden mich ein hereinzukommen. Das war so ein Austausch: Ich gebe ihnen einen Blumenstrauß und sie geben mir dann einen Strauß Worte zurück.
Das war so ein Austausch: Ich gebe ihnen einen Blumenstrauß und sie geben mir einen Strauß Worte zurück.
Das war auch, muss ich sagen, in diesen schrecklichen Zeiten von dem absoluten Horror, der in Gaza passierte und nicht zu Ende kommt. Und die Idee, dass ich jedes Wochenende einen Freund oder eine Freundin treffe… Es war wichtig für mich, dass ich mit Freunden zusammen bin. Nicht, dass ich dadurch weniger deprimiert war – aber irgendwie war ich bei Freunden und wir haben gesprochen. Wir sprachen über den Anfang ihres Lebens, oder sogar noch von der Zeit davor, wenn der Name des Kindes von den Eltern ausgesucht wird. Wieso bekamen sie diese Namen? Und so erzählen sie den Anfang, woher sie sind und wohin sie manchmal ziehen. Da ist die Frage: Woher sind wir? Das heißt nicht, dass ich glaube, dass wir irgendetwas wissen über unsere Ursprünge. Ich glaube, dass man nie dahinter kommt. Der Vorname ist anders als der Nachname, der in der ganzen Familie derselbe ist. Der Vorname gehört dieser einer Person. Manchmal ist das ein Geschenk und manchmal mögen sie den Namen nicht und ändern ihn. Und manchmal lernen sie ihn mögen. Es ist die Beziehung zum Vornamen, zu den Eltern, zu denjenigen, die ihnen den Namen gegeben haben. Und was mich am meisten gewundert hat, waren diese Verbindungen zwischen den Leuten, die sich nicht kannten.
CB: Alle im Film erzählen ihre Geschichten unglaublich toll und ich habe mir vorgestellt, dass wenn Du mich nach meinem Namen gefragt hättest, das dann eine knappe Erzählung geworden wäre. Wie hast du Deine Freund*innen eingeführt in diese vielen Erinnerungen?
NA: Ich muss sagen, dass die meisten einen Namen haben, der von woanders herkommt. Das heißt, entweder sind sie selber woanders geboren oder die Eltern sind woanders geboren. Und der Name kommt von dieser Geschichte der Wanderung. Ich denke, dass Leute, die von einem Ort zum anderen, von einer Sprache zur anderen, von einem Namen zum anderen kommen, auch solche Geschichten erzählen. Es waren oft Geschichten, die mit dieser Bewegung zu tun haben und mit der Übersetzung. Das sind Themen, die in meinen Filmen immer wieder kommen. Natürlich habe ich mit ihnen viel vorher gesprochen, und ich kannte manchmal die Geschichte vorher. Und die Leute kennen auch meine Filme. Sie wissen, was mich interessiert. Ich weiß nicht, wie viele Filme ich über Sprache gemacht habe. 15 oder 18 oder ich weiß es nicht genau. Deswegen war das kein Interview, wie wir es jetzt gerade machen. Die Leute haben das vorher gebaut. Aber sie durften es nicht auswendig lernen. Absolut nicht. Aber man wusste, über was man reden wird.
BW: Montierst Du auch?
NA: Meistens. Man sieht im Film immer diese Blumen, die ich mitgebracht habe, als ob sie da sind und zuhören. Und die brauche ich für den Rhythmus, weil manchmal sprechen die Leute so schnell und alles auf einmal. Aber es ist schon so, dass wir immer auf eine einzige Einstellung zielten. Das muss nicht die Erste sein, es ist eigentlich nie die erste Einstellung. Und deshalb ist es ein bisschen wie mit Schauspielern. Denn von einer Einstellung zur nächsten werden die Sachen klarer für denjenigen, der gesprochen hat. Manchmal sage ich etwas zwischen den Einstellungen, manchmal nicht. Es kommt drauf an. Oft merken sie auch, was mir gefallen oder nicht gefallen hat. Aber es ist nicht die Frage, was mir gefällt, sondern was wirklich das Zentrum der ganzen Geschichte ist. Eigentlich machen die Leute eine Performance. Sie denken. Und was ich so unheimlich mag ist, dass ich den Eindruck bekomme, ich filme das Denken. Das ist es, was mich interessiert.
Was ich so unheimlich mag ist, dass ich den Eindruck bekomme, ich filme das Denken. Das ist es, was mich interessiert.
BW: Die Freundschaft und das Verhältnis von Regie und Protagonist, verstärkt sich das? Ist es immer komplementär und gut, oder steht das auch manchmal im Weg?
NA: Nein, es steht nicht im Weg. Die Freundschaft steht im Zentrum von diesem Film. In allen meinen Filmen sind Freunde da. Aber hier ist es zum Thema geworden. Das heißt, das ist für mich auch ein Film über Freundschaft.
CB: Dieser Eindruck verstärkt sich über den Film. Irgendwann, wenn man die Blume sieht, dann fragt man sich schon: „Wie passt die jetzt zu der Person, die gleich die Tür aufmachen wird? Weil man das dann schon kennt und es eine Erwartung erzeugt, die schön ist.
NA: Ich ging jeden Abend vor dem Dreh die Blumen kaufen. Und es waren Blumen, die ich jetzt zu dieser Jahreszeit mag. Manchmal hat das so gut gepasst, ohne dass ich das vorher vorbereitet habe. Die zwei Blumen bei Edouard, die dann symbolisch wurden, weil sie mit dem Text plötzlich in Dialog traten. Tewfik habe ich schon im Film CIRCUMCISION (2000) 25 Jahre vorher gedreht und darin erzählt er: „Ja, okay, ich habe meine Söhne nicht beschneiden lassen“, was die Muslime machen. „Ich habe es nicht gemacht, weil Brigitte es nicht wollte“. Sie erzählten die Geschichte von der Beschneidung, oder Nichtbeschneidung, und er sagte: „Aber ich habe meinen Söhnen arabische Namen gegeben. Und dann erzählt er mir die Geschichte der Namen seiner Söhne, am Ende von CIRCUMCISION. Nachdem PRÉNOMS zu Ende gedreht war, hat mir Tewfik etwas erzählt, das für mich das Wichtigste im ganzen Film geworden wäre. Er erzählte die Geschichte wie sein Name Tewfik in der Schule in einer anderen Weise ausgesprochen wurde, als seine Mutter das tat: Tsoufi’e. Er hat sich sehr geschämt, wenn seine Mutter ihn so nannte, weil diese Art seinen Namen auszusprechen mit dieser offenen Silbe am Ende feminin ist. Und Tewfik mit dem „k“ am Ende, das ist maskulin. Dass seine Mutter ihn so nannte, als wäre er homosexuell, dafür hat er sich unheimlich geschämt. Ich habe ihm gesagt: „Ich könnte dich ermorden! Wie kannst du mir das nicht erzählen?“ Aber okay, man muss sich mit dem, was fehlt auseinandersetzen und deshalb habe ich das jetzt euch erzählt. Das bedeutet, dass wenn etwas nicht im Film ist, dann ist das Wichtigste natürlich nicht das Wichtigste. Nur in diesem Moment, wenn es fehlt, glaubt man, dass das, was fehlt, das Wichtigste ist.
BW: Das Verblüffendste an Deinem Film ist, wie dieses Konzept „Name“ jeweils einen Dialog auch mit sich selbst und der eigenen Biografie eröffnet, und wie es dieses Spiel mit der eigenen Identität erweitert und gleichzeitig nicht ins Beliebige rutscht, sondern sich sehr präzise in Linien begibt, die vorgegeben scheinen, aber selbst gewählt sind. War Dir das von Anfang an klar, dass das mit dem Vornamen so funktioniert, dass sich für jede Person so ein Universum der eigenen Kultur und Familie und Freundeslinien eröffnen wird?
NA: Ich habe mir gedacht, dass da etwas Wichtiges ist, aber nicht, dass es so wichtig wird. Ich kannte z.B. die Geschichte von Edouard, aber es war viel Arbeit mit ihm, bis er die Geschichte, wie er seinen Namen erhielt, erzählt hat. Es wurde eine viel stärkere, poetische Erzählung mit einem Rhythmus, den er gefunden hat, den ich nicht geschnitten habe. Der Rhythmus kommt von der Person selbst und sie findet ihn, indem sie wirklich das Wesentliche erzählt.
Der Rhythmus kommt von der Person selbst und sie findet ihn, indem sie wirklich das Wesentliche erzählt.
BW: Du hast sehr viele Filme gemacht, die von Sprache handeln. LANGUE SACRÉE LANGUE PARLÉE (2008), ANNONCES (2013), SIGNING (2018), YIDDISH (2020), WORDS THAT REMAIN (2022). Dann hast Du gerade ein Buch veröffentlicht, „Filmer la Parole“ [Das Sprechen filmen]. Woher kommt diese Sprachfaszination?
NA: Ich glaube, ich bin Analphabet in vier Sprachen, von denen ich keine richtig kann. Hebräisch kann ich, aber das war nicht meine erste Sprache. Meine Eltern sprachen Deutsch mit mir und als ich in den Kindergarten ging, war Hebräisch am Anfang nicht meine Muttersprache. Ich sage auch in einem Film: „Ich weiß nicht, was Muttersprache ist, weil ist das die Sprache der Mutter oder ist das die Sprache, in der du zählst, wie man so sagt? Und ich zähle auf Hebräisch, ich zähle nicht auf Deutsch. Aber Deutsch ist meine erste Sprache, und das ist die Sprache, die mit einer gewissen Emotion zu tun hat, die nicht die gleiche ist auf Hebräisch, sicher nicht auf Englisch. Und auch auf Französisch ist es eine andere. Und ich rede jetzt von Emotionen, die so anders sind. Das war auch fast mein erster Film, über Schriftsteller, die nicht in ihrer Muttersprache schreiben. Was passiert da zwischen den beiden Sprachen? Wenn du mehrere Sprachen sprichst, bist du permanent am Übersetzen. Ich war Kamerafrau und habe vielleicht 100 Filme für andere gedreht, und ich hatte immer den Eindruck, dass ich die Übersetzerin bin. Ich habe mit den Regisseuren zusammen versucht herauszufinden, was die beste Übersetzung der Filmidee in Bilder ist.
CB: Du hast gesagt, die ursprüngliche Idee war eine Installation mit diesen Interviews. Kannst Du ein bisschen beschreiben, wie sie aussehen sollte?
NA: Ja, es wird sie wahrscheinlich noch geben. Ich hatte die Idee von 22 Interviews, die für eine lineare Montage zu viele wären. Die Idee ist, dass ich 22 Tablets mit dem Bildschirm nach unten auf einen Tisch lege. Oben ist der Anfangsbuchstabe des Namens zu sehen und der Bildschirm liegt auf einem Glastisch, unter dem sich ein Spiegel befindet. Das heißt, die Filme reflektieren in diesem Spiegel und jeder, der ins Museum kommt, kann sich ein Tablet nehmen. Keiner wird das Ganze sehen. Es war nicht dafür gedacht, als Ganzes gesehen zu werden, sondern als Teile. Du nimmst dir eins, guckst, legst es wieder zurück auf den Tisch, ohne festen Platz. Ich will, dass die Tablets wie Spielkarten auf dem Tisch liegen, hingeworfen.
CB: Warst Du bei der Montage des Films gespannt, ob die Geschichten auch funktionieren, wenn du sie in eine feste Reihenfolge bringst?
NA: Ich frage Dich. Ich glaube, es funktioniert.
CB: Ja, klar funktioniert es.
NA: Ich glaube, es funktioniert, weil ich das Alphabet nehme, um sie zu ordnen. Aber es sind auch nicht alle drin. David, z.B, ist in der Installation. Im Film wäre er mit „D“ zwischen Chowra und Edouard gelandet, die beide so große Geschichten erzählen: Chowra hat ihre Mutter verloren, Edouard seinen Vater. Edouard erzählt eine Geschichte der Shoah. Und Chowra erzählt eine Geschichte von der islamischen Revolution, in der ihre Mutter ihr Leben verloren hat, weil sie militant war. Ich konnte David nicht in den Film nehmen, weil seine Geschichte eine unheimlich persönliche ist. Die konnte nicht zwischen den beiden anderen stehen. Da ist etwas zwischen den Leuten. Wie kommt es z.B. dazu, dass plötzlich zwei Leute von den guten Zeiten im ägyptischen Film erzählen? Und andere Verbindungen - wie kommen sie dazu? Deleuze redet über Rhizome oder Édouard Glissant redet über „Le Tout-Monde“, wo es zwischen den Kulturen und den Sprachen plötzlich Verbindungen gibt, die unerwartet sind. Und das ist es, was mich am meisten fasziniert hat, dass ich in diesem Moment das Prinzip der Zufälligkeit nutze. Das macht Boom! An mehreren unerwarteten Orten, in Details, die nicht im Zentrum der Geschichte stehen.
Das ist es, was mich am meisten fasziniert hat, dass ich in diesem Moment das Prinzip der Zufälligkeit nutze. Das macht Boom!
BW: Du beginnst PRÉNOMS ganz wunderbar mit dem Geschenk, das Dir nicht nur Gott, sondern Deine Eltern gemacht haben, mit Deinem Namen, Nurith, und schwenkst dann zu der einzigen verstorbenen Protagonistin, zu Agnès Varda und lässt sie noch mal auferstehen und beginnst mit dem Himmel und dem Blick in eine andere Zukunft, eine gemeinsame Zukunft. Wir haben in Verbindung mit dem Film auch über ein migrantisches Paris diskutiert, wo der Urzustand des Menschen einer der vielen Herkünfte und Biographien ist. Das ist vielleicht eine etwas pathetische Frage, aber ist es am Ende ein Film auch über Deine Stadt und dieses Leben geworden oder viel universeller, über das Leben als solches und über die Menschheit?
NA: Ja, Du hast so viele Sachen gesagt - was mich auch freut - dass Du eigentlich alles erzählt hast, in Deiner Frage. Ich meine, das ist das Paris, das ich mag, das Paris, das so international ist. Und das sind auch meine Freunde, die von überallher kommen. Das ist das „Tout-Monde", und wo dieses sich trifft. Und irgendwie ist es komisch, dass im Film alle Französisch sprechen. Ich glaube, es sind auch alle Franzosen im Film. In der Installation haben wir Ursula, die Einzige, die nicht Französisch spricht, und die Deutsche ist. Okay, ich wohne in Frankreich. Für mich ist es wichtig, eine Jüdin aus der Diaspora zu sein, weil das mit dem Gleichen zu tun hat. Juden waren überall und ich möchte wieder ein Teil dieses Überalls sein, wo Juden waren, auch wenn das manchmal mit Dingen verbunden war, die nicht leicht waren. Aber sie gehörten dort hin und sie sind noch da.
Für mich ist es wichtig, eine Jüdin aus der Diaspora zu sein
Was ich noch sagen wollte ist, dass es meine Mutter war, die hinter meinem Anfangstext im Film ist. Ich sage das nicht im Film, aber sie gibt mir diesen neuen Namen, ja? Und das ist der Zionismus. Man erfindet einen Name für die Blume, weil die Blume keinen Namen hatte. Um den Namen zu erfinden, nimmt man einen Namen, der aus zwei anderen Sprachen kommt. Eine ist das Arabische, wo „Nur“ Licht heißt und das Arameische, das eine jüdische Sprache war und in dem „Nur“ Feuer bedeutet. Und dann nimmt man dieses Wort, das schon aus zwei Sprachen stammt, und macht aus dem Nur „Nurit“. Weil die Blume rot ist, gibt man ihr einen Namen, wie ein Feuer, wie ein Licht. Dann entscheidet man, dass dieser Name auch ein Vorname ist. Das ist alles innerhalb weniger Jahre passiert. Das heißt, meine Mutter ist da in dieser Bewegung der Neuerung der Sprache, die zum Zionismus gehört. Und sie weiß es. Ich meine, sie denkt nicht dran, sie mag diese Blume, sie will ein Mädchen. Mein Vater, der ein deutscher Jude ist, sagt: „Wie würden wir jetzt diesen hebräischen Namen in lateinischen Buchstaben schreiben?“ Und judaisiert ihn, weil er weiß, dass Judith und Ruth sich mit einen „h“ am Ende schreiben, so fügt er ein „h“ ein. Der hebräische Name braucht dieses „h“ nicht. Viele Nurits schreiben sich ohne „h“. Indem er ihn judaisiert, bringt er ihn zurück in die Diaspora, die zum Zionismus gehört. Der Film kommt zu meinem Geburtstag am 11. März ins Kino. Und für mich ist die Idee der Diskussion über den Film auch ein Teil des Films, wie im Talmud. Im Talmud steht in der Mitte ein Text und daneben sind Interpretationen. Und die Zuschauer, die kommen, sind jetzt die Rabbiner, die Interpretationen von dem Film machen.