Der große Verhau

The Big Mess
Alexander Kluge
Bundesrepublik Deutschland 1971

27.02.2020 20:00 OmEU Kino Arsenal 1
29.02.2020 14:00 OmEU Akademie der Künste

86 Min. Deutsch.

Die Parallelen zum wenige Jahre später entstandenen ersten Star Wars sind verblüffend – und doch könnten die Filme nicht unterschiedlicher sein. "Es herrscht Bürgerkrieg im Weltraum", informiert zu Beginn von Der große Verhau ein Rolltitel wie auch in George Lucas’ Sternensaga. Wo dort das böse „Imperium“ über das All herrscht, ist es hier die Suez-Kanal-Gesellschaft. Widerstand kommt von „Selbstversorgern“, Schmugglern und Schrotthändlern, nicht unähnlich der „Rebellion“ aus Lucas’ Film. Dem Gut/Böse-Pathos setzt Kluge allerdings eine augenzwinkernde antikapitalistische Nonsens-Erzählung entgegen und den Materialschlachten Hollywoods eine Fülle von kreativ gestalteten Texttafeln und wunderbar selbstgebastelter Tricktechnik. Die Kostüme scheinen eher vom „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“-Cover inspiriert als von der NASA. Den zeitgemäßen Soundtrack liefern die Krautrocker von Amon Düül II. Wie jede gute Science-Fiction erzählt Der große Verhau also vor allem von der Zeit seiner Entstehung. (svr)

Alexander Kluge wurde 1932 in Halberstadt geboren. Ab 1950 studierte er Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik in Freiburg im Breisgau, Marburg und Frankfurt am Main. 1956 folgte die Promotion, ab 1958 war er als Rechtsanwalt tätig. Zugleich nahm er seine schriftstellerische Arbeit auf und wandte sich dem Film zu. 1962 war Kluge Mitinitiator des Oberhausener Manifests. Im selben Jahr übernahm er zusammen mit Edgar Reitz und Detten Schleiermacher die Leitung des Instituts für Filmgestaltung an der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Kluge war zudem Mitbegründer der Filmförderungseinrichtung Kuratorium Junger Deutscher Film. 1966 entstand sein erster Langspielfilm Abschied von gestern. Ende der 1980er-Jahre widmete Kluge sich dem Fernsehen und gründete 1988 die Produktionsfirma dctp (Development Company for Television Programs), durch die er eigene Fernsehformate wie Prime Time/Spätausgabe und 10 vor 11/Ten to Eleven entwickelte. 2018 stellte er seinen aktuellen Film Happy Lamento bei den Filmfestspielen von Venedig vor.

Die Lage im Jahr 2034

Der Film DER GROSSE VERHAU spielt nach der Zertrümmerung der Erde. Sieben galaktische Revolutionen sind fehlgeschlagen, sechs Raumkriege gingen verloren. Trotzdem sieht die Situation nicht so aus wie in George Orwells „1984”. Gerade der Weltmonopolist, die Firma Suez-Kanal-Gesellschaft, zieht ihre Gewinne nicht aus dem toten Papiermaterial der Aktien, sondern aus der lebendigen Arbeit, insbesondere der Kleinunternehmer, die den Weltraum durchfahren.
Es sind diese Kleinen, die die Entwicklung vorwärtstreiben durch ihren tiefen Glauben an die Auswertungsmöglichkeiten des Weltalls.
Sie leben nach der Devise: „In zwei Jahren ist alles aus“. Nach dieser Devise leben sie ewig. (...)
Thema des Films ist der Widerspruch zwischen ungeheurer „Weite und großem Reichtum des Weltalls und der besonderen Enge der Verwertungsformen, in denen die Menschen leben müssen.
Man fragt sich, warum die Menschen (insbesondere auch die Bewohner der galaktischen Reichshauptstadt, die in ihren Bunkern sitzen) immer noch mitmachen. Einige haben jetzt schon die Hoffnung verloren. Andere hoffen aber immer noch, etwas vom Reichtum für sich abzufangen. (...) (Alexander Kluge)

Zwei Bayern im Weltraum. Gespräch mit Alexander Kluge

Florian Hopf: Worum geht es in DER GROSSE VERHAU?

Es geht um die Abenteuer von Kleinunternehmern im Weltall zu einer Zeit, in der das Großmonopol absolut herrscht. Es geht also um eine gesellschaftliche Situation.

Wie sieht denn diese Gesellschaft aus?

Es ist eine Ausbeutungsgesellschaft. Die zu Kleinunternehmern gewordenen Arbeiter sind die Pioniere für die Weiterentwicklung der Monopole. Sie ackern wie die Wilden. Haben sie Erfolg, werden sie aufgekauft. Das Risiko für die vielen Mißerfolge, die dem Erfolg vorangehen, tragen sie selber. Was also auch immer geschieht, sie verlieren immer.

Auf welchen Erfahrungen beruht Ihr Film?

Erfahrungen über die Technik im Jahre 2034 habe ich ebensowenig wie Wernher von Braun. Ich kann aber ein gesellschaftliches Modell entwickeln. Das Modell muß nicht im Jahre 2034 existieren. Es kann z.B. auch ganz andere Entwicklungen geben, wie sie z.B. Mao Tse Tung erwartet. Wenn aber die „spätindustrielle Gesellschaft“ dann noch existiert, dann wird sie den Widerspruch zwischen Kleinunternehmern und hochorganisierten Monopolen kennen und verschärfen, d.h., wir selber haben Erfahrungen über diese Gesellschaft.

Die Monopole würden als „Verwertungsgesellschaft Mensch“ funktionieren?

So wie die Gema die Töne verwaltet. Selbstverständlich entziehen sich die kreativen Eigenschaften, die konkreten Menschen dieser Zwangsverwaltung. D.h., das wirkliche Leben geht unterhalb des von der Wirtschaft vorgeschriebenen Gesetzes weiter. Daß sich die Weltgeschichte immer wieder wiederholt, ist nur Schein. In Wirklichkeit ändert sie sich unterirdisch unablässig. Das äußere Bild sieht paradox aus: wenn das Weltmonopol (unter anarchischen Produktionsbedingungen) einmal gebildet ist, ist nicht Ordnung, sondern Bürgerkrieg die Folge (siehe auch Brechts „Flüchtlingsgespräche“).

Aber diese Prozesse kann man doch eigentlich nicht sehen.

Unsere sinnliche Erfahrung ist immer die von einzelnen Menschen. Wir werden aber geleitet oder lassen uns leiten von der Erfahrung, die ein kollektives Produkt aller Menschen ist. Dafür gibt es kein Auge, es sei denn: der gesellschaftliche Blick. Nur er kann das Ganze der Gesellschaft und das Wesentliche, das über uns bestimmt, fassen. Die Vermittlung zwischen unmittelbarer, sinnlicher Erfahrung, die das einzige ist, was wir haben, und der gesellschaftlichen Erfahrung, die dasjenige ist, was wir brauchen, ist das eigentliche aktuelle Thema der heutigen ästhetischen Produktion, die man als organisierte menschliche Erfahrung bezeichnen kann. (...)

Warum herrscht in DER GROSSE VERHAU eigentlich Krieg, und woher kommt der Feind?

Die Kehrseite einer totalen Beherrschung ist der Bürgerkrieg. Das ist ein gesellschaftliches Gesetz, das auf den ersten Blick dogmatisch klingt. Es enthält aber mehr Erfahrung als George Orwells „1984“, in dem so getan wird, als könnte der Große Bruder die Massen total beherrschen und gleichzeitig noch einen differenzierten industriellen Prozeß aufrechterhalten. In Wirklichkeit produziert dieser industrielle Prozeß soviel gesellschaftlichen Reichtum, soviele Auswege, soviel Widerspruchsgeist, daß der Versuch einer totalen Beherrschung zur Explosion führt. Das schließt nicht aus, daß die Beherrschung immer wieder versucht wird. Die Gegenreaktion der konkreten, lebendigen Interessen ist Opposition. Diese wird bewaffnet niedergeschlagen. Die Antwort ist bewaffnete Gegenwart, d.h. Bürgerkrieg. Die Unterdrückung von Interessen auf industriellem Niveau bringt Bürgerkrieg. Da das System dabei Freund und Feind nicht wirklich unterscheiden kann, macht es sich auch Teile von sich selbst zum Gegner. In diesem Zwangszusammenhang gibt es keinen Außenfeind, den man einfach nur besiegen muß. Sondern die menschliche Gesellschaft kämpft gegen ihr eigenes Bild.

Bei Ihrem Film geht es weniger um eine Geschichte, als um Situationen?

Ein Klettergerät auf einem Kinderspielplatz hat auch keine Handlung, sondern ist eine Gelegenheit für körperliche Arbeit. Man könnte den Film so benutzen, daß die Phantasie sich in ihm bewegen, die eigene Erfahrung sich in den Situationen wiedererkennen kann. Und zwar beim Science-fiction-Film unbelastet von den Grenzen, die die Realität unserer Phantasie zwingend setzt. Deshalb appelliert der Film nicht an den Zuschauer, Partei zu ergreifen, sich zu entscheiden, ein moralisches Urteil abzugeben (alles das kann er ja als Zuschauer eigentlich gar nicht), sondern er soll mit Hilfe des Films seine eigenen Erfahrungen reicher machen.

(Infoblatt Nr. 12, 1. Internationales Forum des jungen Films, Berlin 1971)

Produktionsfirma Kairos Film (München, Deutschland). Regie, Buch Alexander Kluge. Kamera Thomas Mauch, Alfred Tichawsky. Montage Maximiliane Mainka, Beate Mainka-Jellinghaus. Ton Bernd Hoeltz. Mit Vinzenz Sterr (Raumschiffer), Maria Sterr (Raumschifferin), Sigi Graue (Clark Douglas, Raumpilot), Silvia Forsthofer (Frl. Silvie Szeliga, Douglas' Freundin), Frau Fürst (Chefin der Joint Galactical Transports), Herr Reents (Prokurist dieser Firma), Hajo von Zündt (Leiter der Bodenstation der J.G.T.), Hark Bohm (Oberst von Schaacke), Horst Sachtleben (Stabsoffizier der Raummarine), Hannelore Hoger (Polizeiinspektorin), Bernd Hoeltz (Gefängnisbeamter).

Filme

1966: Abschied von Gestern. 1967: Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos. 1970: Der große Verhau / The Big Mess. 1972: Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte. 1973: Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. 1974: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod / In Danger and Deep Distress, the Middle Way Spells Certain Death (Co-Regie Edgar Reitz). 1976: Der starke Ferdinand. 1978: Deutschland im Herbst (Epsiodenfilm, Regie meherer Episoden). 1979: Die Patriotin. 1980: Der Kandidat / The Candidate (Co-Regie Volker Schlöndorff, Stefan Aust und Alexander von Eschwege). 1983: Krieg und Frieden / War and Peace (Co-Regie Stefan Aust, Axel Engstfeld und Volker Schlöndorff), Die Macht der Gefühle. 1985: Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. 1986: Vermischte Nachrichten / Odds and Ends (Co-Regie Beate Mainka-Jellinghaus). 1993: Veränderung ist das Salz des Vergnügens. 2002: Der gefrorene Blitz. 2012: Mensch 2.0 – Die Evolution in unserer Hand. 2018: Happy Lamento. 2020: Orphea.

Foto: © Kairos Film München