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Mit zwei Referenzprogrammen auf unserer Streamingplattform arsenal 3 nehmen wir Bezug auf einige der Kinoprogrammschwerpunkte im Juli und August.

Ausgehend vom von Marina Carvalho kuratierten Programm „Brazilien Mythscapes“ präsentieren wir vom 1. Juli bis 31. August eine umfassende Werkschau des Künstlerduos Distruktur (Melissa Dullius und Gustavo Jahn). Melissa Dullius, geboren 1981 in Porto Alegre, und Gustavo Jahn, geboren 1980 in Florianópolis, zogen 2006 von Südbrasilien nach Berlin, wo sie ihre gemeinsame Arbeit als Distruktur begannen. Sie sind Gründungsmitglieder von LaborBerlin e.V., einem unabhängigen Analogfilmkollektiv.

Distruktur loten in ihren Filmen die ästhetischen Möglichkeiten des analogen Films aus. Ihr Werk überschreitet die Grenzen zwischen Kunst und Film, Experiment und Erzählung, Stand- und Bewegtbild. Im Zusammenspiel von Film, Fotografie und performativen Elementen voller Farbintensivität entfalten sich assoziationsreiche Erzählungen, die zwischen Dokument und surrealem Gestus changieren und so den Filmen eine rätselhafte Dimension einschreiben. Neben acht Kurzfilmen aus den Jahren 2006 bis 2021 werden die beiden Langfilme MUITO ROMÂNTICO (Brasilien/D 2016) und ORÁCULO (Brasilien 2021) zu sehen sein.

ÉTERNAU (Brasilien 2006) eröffnet mit einem Orakel: „Das Leben ist ein Abenteuer“. Ein wilder Reigen überstilisierter Figuren aus Mythen, Märchen, Weltgeschehen und Gossip erschafft einen überbordenden Bilderrausch zwischen Traumsequenz und Kunstwerk. Atmosphärisch dicht löst der Film selbst ein, was das Orakel prophezeit hat. Das Leben ist ein Abenteuer, man muss nur genau hinsehen.

In TRIANGULUM (Ägypten/Deutschland/Brasilien 2008) trifft eine Dreier-Truppe auf ihr Schicksal in Gestalt einer jungen Frau. Sie finden sich in einer Metropole im Osten wieder, ohne zu wissen, wohin sie gehen oder was sie tun sollen. Zufällige Zeichen bringen jeden der Drei auf eine andere Reise. Als Schauplatz wählten Distruktur die Stadt Kairo, ein Ort, der für sie die spirituelle und physische Welt auf besondere Weise verbindet. Sie greifen Bilder des romantisierten Orients auf, ohne ihre Erzählung zeitlich oder geografisch klar zu verorten.

CAT EFFEKT (Russland/Deutschland/Brasilien 2011) erweist sich als enigmatisches Werk, das zwischen Abstraktion und Trance schwebt. Eine Frau geht allein durch die Straßen Moskaus, steigt aus Metrozügen aus und wieder ein und durchquert Unterführungen auf ihrem Weg zu einem Treffen, das die Vorführung eines Films über eine Katze beinhaltet.

Über den Titel nimmt DON’T LOOK BACK /LABIRINTO (Deutschland 2012) Bezug auf den antiken Mythos des Orpheus, der seine Geliebte Eurydike von den Toten befreien will und sich beim Aufstieg aus der Unterwelt nicht nach ihr umschauen darf. Wechselnde Gestalten entfernen sich langsam in die Tiefe des Bildes, bildliche Assoziationen zu Tod und Fegefeuer schreiben sich in das Verschwinden ein. Die Erzählung wirkt Raum und Zeit enthoben. Sie wird zum filmischen Äquivalent des Mythos und schafft ein Bild für den schmalen Grat zwischen Leben und Tod.

Es herrscht Winter, als ein Reisender zu Fuß eine altertümliche Landschaft durchquert. Zwischen Sanddünen und Schneelandschaft tauchen Symbole auf und lösen sich wieder auf. An diesem Ort ist eine andere Präsenz, der Reisende begegnet jemandem, doch dieser Jemand scheint sein Doppelgänger zu sein. IN THE TRAVELER’S HEART (Litauen/Deutschland/Brasilien 2013) wurde im Rahmen eines Artist-in-Residence-Programms in der Nida Art Colony in Litauen produziert. Das 16mm-Negativ wurde parallel zum Dreh in einem temporären Labor in der Kolonie entwickelt – ein vollständig von Hand gemachter Film.

In A MÁQUINA DO TEMPO / TIME MACHINE (Brasilien 2014) unternimmt ein junger Mann eine Reise in seine Vergangenheit. Er kehrt in sein Elternhaus zurück, erzählt uns Szenen aus seiner Kindheit und denkt über das Verhältnis zu seinen Eltern nach. Es bleibt unklar, ob der Film Erinnerung, Traum oder Zeitreise ist.

Melissas und Gustavos Abenteuer beginnt in MUITO ROMÂNTICO (Brasilien/Deutschland 2016) inmitten des Atlantischen Ozeans, an Bord eines roten Containerschiffs. Das Schiff bringt sie von Brasilien nach Berlin, eine Stadt in ständiger Bewegung, in der das Alte unablässig durch Neues ersetzt wird. Das Paar findet ein Zuhause und verwandelt es ins Zentrum ihres persönlichen Universums. Während die Zeit vergeht und die Jahreszeiten wechseln, verwischt die Grenze zwischen Leben und Kino zusehends, und ihre Wohnung entwickelt sich zu einer Bühne, auf der Freunde zum Spielen ihrer eigenen Rollen eingeladen werden und Realität und Fiktion zusammenfallen. Bis sich eines Tages ein kosmisches Portal in ihrer Wohnung öffnet, das Verbindungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herstellt.
Melissa Dullius und Gustavo Jahn schöpfen aus Autobiografischem und Fantastischem und knüpfen ihre Berliner Erfahrungen zu einem farbenprächtigen Gewebe aus Erinnerungen, Begegnungen und Träumen. Das Duo entwirft das Filmemachen als persönliches wie auch kollektives Unterfangen und sich selbst als Wanderer auf einer Reise durch Raum und Zeit.

Ein hintergründiges Spiel zwischen Realität und Fiktion, die unsere Rezeption von Bildern hinterfragt, entsteht in EL MERAYA (Ägypten/Deutschland/Brasilien 2018). Die Bilder von Kairo, aus denen EL MERAYA besteht, entfalten ihre Anziehungskraft zunächst, indem sie Zutritt zu einer fremden Stadt gewähren. Dann wird eine Konstruktion offenbar, die Szenen erwecken den Anschein, als seien sie inszeniert, Teil der Umsetzung eines Drehbuchs, die Menschen darin wirken wie Filmfiguren. Tatsächlich sind es jedoch echte Szenen, lediglich ihre Anordnung durch die Filmemacher erweckt den Anschein eines konstruierten filmischen Geschehens.

Den fließenden unmerklichen Übergängen zwischen Bewegung und Innehalten, Träumen und Wachen widmet sich LEVANTADODO CHÂO (Brasilien/Deutschland 2020): „Dann wacht er auf mit dem Gefühl, aus einem Traum erwacht zu sein, und denkt, dass er schläft … Später wacht er auf, merkt, dass es schon dunkel ist, und fühlt sich sehr schläfrig.“ LEVANTADO DO CHÂO erhielt eine lobende Erwähnung von der Jury des deutschen Online-Wettbewerbs der Kurzfilmtage Oberhausen 2021: "In einer Situation, in der wir alle gezwungen sind, zu Flaneuren zu werden, ist die Schönheit dieses somnambulen Spaziergangs, der auf analogem Material gedreht wurde, tröstlich jenseits von Zeit und Zwängen. (...) Spielerisch, aufrichtig und sinnlich laden die Regisseure in ihren bewundernswerten persönlichen Kosmos voller Musik und Freiheit ein."

ORÁCULO (Brasilien 2021), der aktuelle Langfilm von Distruktur, folgt den Bewegungen dreier Figuren auf der intensiven Suche nach dem Sinn des Lebens. Diverse Schauplätze am Meer entfalten sich in ihrer Schönheit und weben sich ein in das Bild dreier Figuren in unterschiedlichen Lebenssituation: ein Mann ist in einem Kreislauf von Leben und Tod gefangen, ein zweiter besucht einen Ort an dem eine unumkehrbare Veränderung stattgefunden hat, und eine junge Frau beginnt ihr Leben als Künstlerin. Ein kontemplatives Werk, das uns dazu einlädt, über universelle Themen wie Familie, Anfang und Ende, Schmerz und Trauma nachzudenken.

"Das Orakel ist eine Methode: es ist die Stimme der Frage und der Antwort" (distruktur).

Als Fußnote zur Werkschau, die auf die Ausstellung „Das dritte Leben der Agnès Varda“ (9.6. -20.7.) im silent green Bezug nimmt, präsentieren wir noch bis zum 31. Juli Vardas letzte Arbeit: VARDA PAR AGNÈS (Varda by Agnès, F 2018). Wie bei einer Lecture illustriert Varda assoziativ künstlerische Visionen und Ideen mit Ausschnitten aus ihrem Schaffen. Ihre lebendigen und klugen Lektionen unterteilt sie dabei in zwei Abschnitte: In ihren Ausführungen zur „analogen Zeit“ von 1954 bis 2000 steht die Regisseurin im Vordergrund. Im zweiten Teil befasst sich Agnès Varda mit den Jahren von 2000 bis 2018 und zeigt, wie sie die digitale Technik nutzt, um in ihrer ganz eigenen Art auf die Welt zu blicken.

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