August 2018, distribution news

"Geschichten vom Kübelkind" (1971)

von Ula Stöckl und Edgar Reitz, mit Kneipenkino-Tour

(1) © Edgar Reitz Filmstiftung

Wir freuen uns sehr, die Geschichten vom Kübelkind in digital restaurierter Fassung neu im Verleih zu haben. Das Kübelkind ist eine anarchisch-ausser-soziale Kunstfigur, die unfreiwillig gegen die verengten gesellschaftlichen Verhältnisse kämpft. Sie erwächst aus einer Plazenta, entsorgt in einer Krankenhausmülltonne. Stets im roten Kleid und mit roten Strümpfen entdeckt sie die Welt um sie herum. Sie lernt neugierig, was von ihr erwartet wird und viel darüber hinaus. Dieses Zuviel und ihr Nachfragen, sprengen den Rahmen des Anerkannten. Sie wird missverstanden, eckt an, wird abgestraft, geschändet, ermordet und ist doch nicht tot zu kriegen. Ihre Geschichten haben alle möglichen Zeiten und spielen in allen möglichen Zeiten. Und egal, was dem Kübelkind widerfährt, ob sie überlebt oder stirbt, ihr Motto bleibt: „Wenn man erst tot ist, wird das Leben wieder schön!“

Kneipenkino Tour:
02.11. Mainz, Filmz - Festivals des deutschen Kinos
29.11. München, IMPORT EXPORT
07.-11.12. Bremen, City 46
15.01.19 Hildesheim, Kulturfabrik Löseke
weitere Termine folgen

Spezial
22.10.18 - 14.2.19 Frankfurt, Pupille Kino in der Uni - vor jedem Termin Auswahl einer Geschichte vom Kübelkind

„Die Geschichten vom Kübelkind sind für unser Land eine cineastische Revolution ... Kübelkind, das ist – ein Wiener Schimpfwort – die Nachgeburt, zum Wegschmeißen, die Nachgeburt auch unserer Zivilisation, die Nachgeburt des Kinos. Stöckl/Reitz lassen ihr Kübelkind (Kristine de Loup) gleich erwachsen sein – körperlich; denn die geistig-seelische Reife fehlt eklatant und wird dem Findling anerzogen. Es sind also, auf einen großen Nenner gebracht, Anpassungsgeschichten, die dem Kübelkind widerfahren. Doch freilich: Ein Kübelkind paßt sich nicht an. Wenn es gelehrig ist, dann ist es allzu gelehrig und dreht den Konventionen einen Strick daraus." Peter W. Jansen, Die Zeit, 23.7.1971

Ula Stöckl und Edgar Reitz drehten die Geschichten vom Kübelkind ausschließlich mit Freund*innen. Heraus kam eine Serie von 22 unterschiedlich langen 16-mm-Kurzfilmen, mit der sie sich radikal außerhalb des Systems Kino positionierten. Der erste Aufführungsort war ein Münchner Kabarett-Theater, welches nach der regulären Vorführung zum „Kneipenkino“ umfunktioniert wurde, wo sich die Gäste einzelne Kübelkind-Folgen anhand einer Menükarte bestellen konnten. 1971 liefen die Geschichten vom Kübelkind im 1. Internationalen Forum des Jungen Films, 2018 hatten sie im Berlinale Forum ihre digitale Wiederaufführung.

Ab 11. Oktober 2018 sind die digital restaurierten Geschichten vom Kübelkind entleihbar - und gehen gleichzeitig auf „Kneipenkino“-Tour. Kneipen, Kunstvereine, Kleinkunst-Bühnen und ungewöhnliche Räume werden zum Vorführort für die anarchischen Geschichten, die voller Wut, Kritik aber vor allem auch Spass und Lust stecken. So spontan wie Stöckl und Reitz damals die Szenarien entwarfen und dann gleich umsetzten, so spontan gestaltet sich die Kneipenkino-Vorführung: Das Publikum bestimmt den Lauf der Geschichten, indem es die einzelnen Episoden von der Speisekarte auswählt, die dann in frei wählbarer Reihenfolge aufgeführt werden. So entsteht durch eine immer neue Zusammensetzung der Geschichten ein einmaliges Filmereignis. 

Homepage Ula Stöckl. Homepage Edgar Reitz

Die Alternative zum „Kübelkind“ sind wir

„Das Kübelkind“ ist eine Kunstfigur: In jeder Geschichte zwingt die Gesellschaft sie, etwas zu lernen. Aber sie, erwachsen vom Augenblick ihrer Geburt an, lernt ungefragt immer noch etwas mehr, als von ihr verlangt wurde. Das von der Gesellschaft nicht gewollte „etwas mehr“ Gelernte aber bringt sie regelmäßig in Lebensgefahr. In jeder Geschichte stirbt Kübelkind. Sie stirbt sich durch alle Kino-Genres. Ihre Geschichten haben alle möglichen Zeiten und spielen in allen möglichen Zeiten. Was ist ein Kübelkind? Am Anfang steht der Witz von der aufgezogenen Nachgeburt. Eine Nachgeburt ist zum Wegwerfen, nicht zum Aufziehen. Und damit fängt Kübelkinds Unrechtssituation an. Kübelkind wächst in einer Mülltonne auf, von Anfang an in einem roten, kleingeblümten Kleid, roten Strümpfen und roten Schuhen. Die Darstellerin des Kübelkindes, Kristine de Loup, trägt diese Kleidung plus einer schwarzen Chinesen-Pagenkopf-Perücke immer. In allen Geschichten. Damit man Kübelkind schon von Weitem erkennt und damit auch optisch schon klar wird: Die kann sich anstrengen wie sie will, sie wird nie so sein wie wir. Es sieht am Anfang so aus, als wäre Kübelkind gern im Kübel. Zumindest kennt sie es nicht anders. Dann kommt einer von uns und sagt, das ginge so nicht. Jeder hätte einen Vater und eine Mutter zu haben, brauche ein schönes Bett in einem hellen Zimmer und viele liebe Leute um sich herum. Kübelkind kennt das leider alles nicht, meint es aber freundlich, wenn sie sich darauf einlässt, ihren Kübel zu verlassen. Es sollte auch nicht gesagt sein, dass es im Kübel am allerschönsten war, und dass man sie deshalb unbedingt hätte drin lassen sollen. Aber die Alternative zum Kübel sind leider wir, und damit wird es für Kübelkind sehr kompliziert. Plötzlich muss sie aufhören, direkten Wünschen nachzugehen. Erziehungs- und Lernprozesse macht sie so lange durch, mit allen Konsequenzen, bis sie mordet, hurt und stiehlt, selbst ermordet wird, in der nächsten Geschichte wiederkommt und anfängt, sich zu rächen. (Edgar Reitz Stiftung)

Die Kübelkind-Speisekarte

1) Alte Männer
Wenn Kübelkind es will, stehen manche Männer ganz schnell in der Unterhose da. 1’06’’
2) Kübelkinds Kindheit
Diese Geschichte sollte man sich auf jeden Fall ansehen! Eine Nachgeburt macht sich selbständig – dann aber kommt die Wohlfahrt. 6’13’’
3) Kübelsyndrom
Etwas über die Fähigkeit unserer Gesellschaft, alles zu verstehen, zu verzeihen und zu vergelten. 10’15’’
4) Des Hauses Schmuck ist Reinlichkeit
Kübelkind unter der Dusche, im Regen und in der Traufe. 4’30’’
5) Katzen haben Flöhe
Kübelkind tut so, als würde es schlafen. Weil es gerne wissen möchte, was dann passieren kann. Aber die Stiefmutter kommt dazwischen. 8’34’’
6) Kübelkind wird glatt und rund
Kübelkind erlebt einen Erziehungsversuch durch einen geistlichen Herrn, der genau weiß, was gut tut. 4’52’’
7) Ein ganz kleines Glück
Kübelkind treibt es mit den Früchten des Feldes. 2’03’’
8) Kübelkind lernt einen Lord kennen und wird aufgehängt
Das stimmt, aber die Rache ist ganz besonders süß. 17’10’’
9) Kübelkind erzählt einer Königin ein Märchen
Eine Geschichte zum Hinhören und Zuschauen. 6’08’’
10) Kübelkind lernt ein Scheißspiel
Kübelkind erfährt am eigenen Arsch, wie zwischen Streicheln und Hauen ein spaßiger Zusammenhang entsteht. 3’31’’
11) Kübelkind lernt nein sagen
Kübelkind feiert eine Hochzeit, aber im entscheidenden Augenblick wird es trotzig, worauf die Waffen sprechen. 16’40’’
12) Murmeltier lernt tanzen
Kübelkind soll für den Jahrmarkt erzogen werden, singt schöne Lieder, beschimpft die Leute und brennt mit der Kasse durch. 18’51’’
13) Alle Macht den Vampiren
Es ist kaum zu glauben, wie viele Vampire es geben könnte. Kübelkind ruft sie zu einer großen Demonstration auf. 2’19’’
14) Freiheit durch Al Capone
Kübelkind redet dauernd von Revolution, aber Al Capone, die Sau, von etwas ganz anderem. 18’36’’
15) Eine Kaufhausdiebin
Nach einem schönen Kaufhausbummel sitzt Kübelkind auf dem Schoß einer Kollegin und macht nur ein bisschen mit. 3’38’’
16) Besonders nette Eltern
Kübelkind muss lernen, dass ein Beischlaf auch dann von Übel ist, wenn er auf dem Klo vollzogen wird. 9’
17) Niedrig gilt das Geld auf dieser Erde
Kübelkind geht auf den Strich und wird dafür ermordet. 15’13’’
18) Geschichten und Finanzierungsvorschläge bitte an der Kasse.
19) Die Hexe soll brennen
Muss Kübelkind auf dem Scheiterhaufen enden? Kommt eine Rettung von oben? 4’15’’
20) Geschichten und Finanzierungsvorschläge bitte an der Kasse.
21) Kübelkind hat einen guten Menschen zum Fressen gern
Liebe geht durch den Magen, aber manchmal verdirbt man sich ihn dabei. 9’35’’
22) Kübelkind ersäuft Kübelkinder
Dazu gibt es schöne Musik, und alles ist sehr poetisch. 4’13’’
23) Geschichten und Finanzierungsvorschläge bitte an der Kinokasse erfragen.
24) Kübelkind reitet für den König
Der größte Film aller Zeiten. Intrigen, alte Gemäuer, quietschende Fußböden, die Königin schläft mit dem falschen Mann, Kübelkind heiratet d’Artagnan und reitet auf einem weißen Pferd, noch mehr
Intrigen, und Kübelkind macht mit. Dafür soll sie am Ende an allem schuld sein. 25’30’’
25) Das Bankkonto im Walde
Kübelkind glaubt an unser Kreditwesen. Muss deshalb aus dem vierten Stock eines Hauses springen und ein trauriges Lied singen. 11’46’’
26) bis 64) Geschichten und Finanzierungsvorschläge bitte an der Kinokasse hinterlegen.

Weitere Texte auf der Seite des Berlinale Forum

Ula Stöckl, *1938 in Ulm, studierte zuerst Sprachen in London und Paris und im Anschluß von 1963 bis 1968 am Institut für Filmgestaltung in Ulm. Sie inszenierte  Theaterstücke und drehte mehr als zwanzig Filme. Sie war Lehrbeauftragte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) und ist Associate Professor an der University of Central Florida (UCF), Orlando.
Filme: 1968: Neun Leben hat die Katze. 1971: Geschichten vom Kübelkind. 1972: Das goldene Ding (Forum 1972, Co-Regie: Alf Brustellin, Nikos Perakis, Edgar Reitz). 1974: Ein ganz perfektes Ehepaar. 1976: Erikas Leidenschaften (Forum 1977). 1984: Der Schlaf der Vernunft (Forum 1984), Jakobs Tauben (Forum 1984). 1991: Das alte Lied (Forum 1992). 2015: Die Widerständigen „also machen wir das weiter ...“ (Co-Regie: Katrin Seybold).

Edgar Reitz, *1932 in Morbach, studierte Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaft in München. Ab 1957 war Reitz als Dramaturg und Kameramann sowie als Regisseur von Industrie- und Dokumentarfilmen tätig. Er zählte zu den Mitgliedern der „Oberhausener Gruppe“ und lehrte am Institut für Filmgestaltung der Hochschule für Gestaltung in Ulm die Fächer Regie und Kameratheorie. Mit seiner Edgar Reitz Filmproduktion realisierte er 1966 seinen ersten Spielfilm Mahlzeiten. In den darauffolgenden Jahren entstanden zahlreiche Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilme. Ab Mitte der 1970er-Jahre verfasste Edgar Reitz außerdem eine Reihe von Publikationen über Filmtheorie und Filmästhetik, aber auch Erzählungen, Essays, Lyrik und literarische Fassungen seiner Filme. 1995 gründete er das Europäische Institut des Kinofilms (EIKK) in Karlsruhe, das er bis 1998 leitete. Seit 1994 ist er Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. International bekannt wurde Reitz mit seiner Heimat-Trilogie, die sich aus 31 abendfüllenden Einzelfilmen zusammensetzt. Filme: 1967: Mahlzeiten. 1969: Cardillac. 1971: Geschichten vom Kübelkind. 1973: Die Reise nach Wien. 1979: Der Schneider von Ulm. 1984: Heimat – eine Deutsche Chronik (11 Teile). 1992: Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend (13 Teile). 2004: Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende (6 Teile). 2013: Die andere Heimat.

Geschichten vom Kübelkind
BRD 1971. 22 Episoden. Gesamtlänge: 220 min. Farbe + Schwarz-Weiss. 1:1.37, Academy 4k-DCP + Daten-Files. Ton: Stereo. Sprache: Deutsch. Untertitel: Englisch. Regie, Buch:Ula Stöckl, Edgar Reitz. Kamera, Produktion:Edgar Reitz. Montage:Jessy von Sternberg. Musik: Ekkehart Kühn. Ton:Guido Reitz. Produktionsfirma: Edgar Reitz Filmproduktion (München). Darsteller*innen: Kristine de Loup (Das Kübelkind), Bruno Bendel (Kreditfachmann), Alf Brustellin (d’Artagnan / ein guter Mensch), Ilse Brustellin (Schwiegermutter), Hans-Heinrich Brustellin (Schwiegervater / Graf Rochefort), Antje Ellermann (Hebamme), Heidewig Fankhänel (Frau Dr. Wohlfahrt), Peter Finkenstaedt (der junge Mönch), Jacques Freers (Lord Winter), Werner Herzog (Hurenmörder) u.v.a.m.

Restaurierung
ARRI MEDIA / REITZ MEDIEN, 2017/2018
mit Unterstützung der FFA, Förderung der Digitalisierung des deutschen Filmerbes