September 2009, kino arsenal

Retrospektive Agnès Varda

LES PLAGES D'AGNÈS, 2008

Die französische Filmemacherin, Fotografin und Installationskünstlerin Agnès Varda (*1928) ist ein Solitär in der europäischen Filmlandschaft. Mit ihrem 1954 entstandenen Debütfilm LA POINTE COURTE gab sie den Startschuss für die Erneuerung des französischen Films, lange bevor sich die Nouvelle Vague formierte. Seitdem hat sie sich immer wieder neu erfunden und bereichert bis heute mit ihrem Einfallsreichtum, ihrer Neugier und ihrer Courage die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten des Kinos.

Das Arsenal widmet Agnès Varda eine integrale Retrospektive mit all ihren (fast 40) Filmen aus den Jahren 1954 bis 2008: Spielfilme, Dokumentarfilme und Essays, lang und kurz, verspielt und engagiert, persönlich und politisch,mit Laien und mit Stars. Von Anfang an hat Varda die Grenze zwischen den Genre-Kategorien verwischt und mit eigenwilliger, experimentierfreudiger Handschrift neue essayistische Formen und ein Werk zwischen dokumentarischem Realismus und poetischer Fiktion geschaffen.

Wir freuen uns besonders, dass Agnès Varda dank der Unterstützung durch die Französische Botschaft drei Tage im Arsenal zu Gast sein wird. Zur Eröffnung der Retrospektive am 4. September präsentieren wir in ihrer Anwesenheit LES PLAGES D'AGNÈS (F 2008), einen autobiografischen Filmessay über ihr Leben und ihre Arbeit.

Vardas Filme sind einerseits überaus unterschiedlich und vielgestaltig, andererseits aber auch stark aufeinander bezogen. Es gibt mehrere sich ergänzende Doppel-Filme, sozusagen filmische Zwillingspaare. Gemeinsam ist all ihren Filmen die Verbindung von Dokumentarischem und Fiktivem. Sie hat Spielfilme gemacht, die durchsetzt sind mit dokumentarischen Elementen und Dokumentarfilme, die Fiktives enthalten oder wie Fiktion inszeniert sind. Oft sind beide Pole ununterscheidbar – das Hintertreiben der Polarität von Inszenierung und Wirklichkeit ist ein Prinzip ihrer Arbeit. Dass sie ausgebildete Fotografin ist, kann man ihren Filmen ansehen. Auch ihre Liebe zur Malerei findet über Referenzen zu Gemälden Ausdruck in ihren Filmen.

Im Laufe der Jahrzehnte hat Agnès Varda immer wieder neue Erzählstrategien ausprobiert und mit Genrekonventionen experimentiert. Ihren Filmen geht es nicht um Identifikation, sie wahren eine gewisse Distanz, stören die Illusion, zeigen das Gemachte. Viele stellen ihre Künstlichkeit aus, betonen den "Bastelaspekt jeder Fiktion" (Frieda Grafe), das Synthetische, Artifizielle, Stilisierte. Die von Varda entwickelte Methode der Cinécriture ermöglicht das Aufsammeln von Stoffen und Momenten während des Drehs, arbeitet mit Assoziationen und Zufällen zu Lasten der strikten Verfilmung eines Drehbuchs. Die Möglichkeiten der kleinen digitalen Kameras macht Varda sich seit dem Jahr 2000 hierbei offensiv zu Nutze. Und seit 2003 hat sie noch eine weitere Karriere begonnen: als Installationskünstlerin. Unterstützt von ihrer eigenen Produktionsgesellschaft Ciné Tamaris, ausgestattet mit einem großen Herz und viel künstlerischem Eigensinn, sorgt Varda sicherlich auch weiterhin für Überraschungen.

In LES PLAGES D'AGNÈS (Die Strände von Agnès, F 2008, 4.9., Eröffnung in Anwesenheit von Agnès Varda) unternimmt Agnès Varda buchstäblich im Rückwärtsgang eine assoziative Reise durch ihr Leben. Sie lässt sich leiten von ihren Erinnerungen, die so tückisch, unstet und ruhelos sind wie Fliegen. Und von den Stränden, die ihr Leben geprägt haben: die weiten Strände der belgischen Küste ihrer Kindheit, der Hafen der südfranzösischen Stadt Sète, wo sie nach der Flucht aus Brüssel ihre Jugend verbrachte, außerdem Venice Beach in Los Angeles, wo sie mit ihrem Mann Jacques Demy lebte und schließlich die Strände der Atlantik-Insel Noirmoutier, wo Varda mit ihrer Familie bis heute ein zweites Zuhause hat. Varda spielt sich selbst als "kleine Alte", inszeniert sich inmitten von Ausschnitten aus ihren Filmen, Gesprächen mit Weggefährten (z. B. Chris Marker als Katze "Guillaume en Egypte") und ins Bild gesetzten Fantasien. Humorvoll widmet sie sich den Stationen ihres Lebens: ihren Anfängen als Theaterfotografin und Vorreiterin der Nouvelle Vague, ihrem Leben mit Jacques Demy, ihren Reisen nach Kuba, China und in die USA, ihrem feministischen Engagement und ihrer Familie. So entsteht ein sehr persönlicher, ungewöhnlicher, autobiografischer Essay, ein Kaleidoskop ihres Lebens und ihrer Arbeit. Und eine Reflexion darüber, wie man Erinnerungen sichtbar machen kann.

Ihr Debüt LA POINTE COURTE (F 1954, 5.9., in Anwesenheit von Agnès Varda, & 7.9.) drehte Varda auf eigene Faust, mit wenig Geld und ohne jegliche Kino-Erfahrung in einem Fischerdorf bei Sète. An ihrer Seite Schauspieler vom Theater (Philippe Noiret in seiner ersten Filmrolle) und der noch unbekannte Alain Resnais als Cutter. Inspiriert von William Faulkners The Wild Palms ist der Film geprägt durch die Parallelführung von realer und fiktiver Welt: Dokumentarisch bzw. neorealistisch anmutende Szenen aus dem Alltag der Fischer, deren Existenz durch die Verschmutzung des Meeres gefährdet ist, wechseln ab mit der Geschichte eines Paares und dessen Auseinandersetzung mit den veränderten Gefühlen füreinander, in jeweils gleichermaßen genau kadrierten und komponierten Bildern.

Der internationale Durchbruch gelang Varda mit CLÉO DE 5 À 7 (Mittwoch zwischen 5 und 7, F 1961, 5.9., in Anwesenheit von Agnès Varda, & 10.9.), einer Studie über das objektive Vergehen und das subjektive Erleben von Zeit. Cléo, eine Sängerin am Beginn ihrer Karriere, streift rastlos durch Paris, während sie auf den Befund einer Krebs-Untersuchung wartet. Cléos Wartezeit wird in Echtzeit gezeigt, mit im Bild eingeblendeten Zeitangaben. Zwischen Aberglauben und Verzweiflung, zwischen Koketterie und Todesangst sucht sie Zerstreuung beim Gesang, im Hutgeschäft und beim Betrachten einer Stummfilmgroteske mit Jean-Luc Godard und Anna Karina. Den Tod vor Augen wird sie sich ihrer Einsamkeit bewusst.

DOCUMENTEUR (Menschengesichter, F/USA 1981, 6.9., in Anwesenheit von Agnès Varda, & 16.9.) überblendet im Wortspiel des Titels den Dokumentarfilm mit dem Lügner und klärt so vorab den Status des Films als Schein-Dokument. Eine junge Französin sucht nach der Trennung von ihrem Mann für sich und ihr Kind (Mathieu Demy) eine Wohnung in Los Angeles. Ihr innerer Monolog und die Darstellung der Stadt Los Angeles (ohne Palmen, ohne Sonne) unterstreichen ihre Einsamkeit und den Verlust, unter dem sie leidet. Ein Film über die Gefühle einer Frau und eines Kindes. Ein Film über das, was man nicht sagen kann.

MUR MURS (Mauerbilder, F/USA 1980, 16.9.) ist der zu DOCUMENTEUR gehörende sonnigere Los-Angeles-Film. Ein Dokumentarfilm über die Malereien an den Hauswänden von Los Angeles, die flüsternd Zeugnis ablegen von der Geschichte der Stadt, von mexikanischen Einwanderern und Künstlern, die mit den "murals" gegen ihre soziale Ausgrenzung rebellieren und ihre Präsenz behaupten. Varda inszeniert ihren Dokumentarfilm mit allen Mitteln des Spielfilms, so lässt sie zum Beispiel eine Gruppe, die sich wie Schattenboxer bewegt, vor dem Bauch eines riesigen Wals auftreten.

Zu Beginn von Vardas SANS TOIT NI LOI (Vogelfrei, F/GB 1985, 6.9., in Anwesenheit von Agnès Varda, & 11.9.) sieht man schon das Ende: die Leiche einer jungen Frau im Graben, erfroren, irgendwo im winterlichen Südfrankreich. Die Kälte ist so fotografiert, dass man sie greifen kann. Der Film verfolgt die Spuren, die die Landstreicherin Mona hinterlassen hat und versucht, ihr Leben zu rekonstruieren, anhand der Aussagen derer, die ihren Weg kreuzten. Doch ein Porträt von Mona ist unmöglich: Die schroffe Vagabundin hat sich radikal von der Gesellschaft abgewendet, um ein Leben in absoluter Freiheit zu führen, ohne Geld, ohne Dach über dem Kopf, ohne Kompromisse. Sie will keinen Kontakt, spricht kaum, interessiert sich für nichts, will nichts. Sie geht ziellos, bis sie umfällt.

In LE LION VOLATIL (Der Löwe ist los, F 2003, 7. & 9.9.) treffen sich eine angehende Hellseherin und ein junger Mann, der in den Katakomben von Paris arbeitet, täglich auf der Place Denfert-Rochereau im 14. Pariser Bezirk, beobachtet vom bronzenen Löwen von Belfort, der von seinem Sockel aus den Platz überschaut.

In DAGUERRÉOTYPES (Daguerreotypen – Leute aus meiner Straße, F/BRD 1975, 7. & 9.9.) setzt Varda ihren Nachbarn, den Anwohnern der Rue Daguerre im 14. Arrondissement, in der sie selbst seit über 50 Jahren wohnt, ein Denkmal. Die Straße ist nach einem Erfinder der Fotografie benannt. DAGUERRÉOTYPES ist ein Dokument über den Alltag, die Gesten und den Lebensstil der kleinen Leute des Quartiers: Handwerker, Händler, Ladenbesitzer, Bistrowirte.

RÉPONSE DE FEMMES (F 1975, 10. & 14.9.) ist ein filmisches Flugblatt aus der Hoch-Zeit des Feminismus. Eine von vielen möglichen Antworten, den weiblichen Körper betreffend, auf die Frage, was es bedeutet, eine Frau zu sein.
Anhand der unterschiedlichen Biografien von zwei Freundinnen hat Varda mit L'UNE CHANTE L'AUTRE PAS (Die eine singt, die andere nicht, F/Belgien 1976, 10. & 14.9.) einen epischen Film über die Frauenbewegung gemacht. Im Jahr 1962 träumt die 17-jährige Pomme davon, Sängerin zu werden. Die 22-jährige Suzanne ist zum dritten Mal schwanger. Pomme hilft ihr dabei abzutreiben. Zehn Jahre später kämpft Suzanne aktiv für die Familienplanung und Pomme ist Sängerin. 1976 kreuzen sich ihre Wege erneut. Sie haben Simone de Beauvoirs Satz am eigenen Leibe erlebt: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es."

PLAISIR D'AMOUR EN IRAN (F 1976, 10. & 14.9.) zeigt die Tagträu-mereien eines Liebespaares angesichts von sexueller Symbolik in der Ar-chitektur der Königsmoschee in Isfahan. Eine Episode mit Pomme und Ali aus L'UNE CHANTE L'AUTRE PAS.

Drei Filme aus und über Fotos versammelt das von Birgit Kohler eingeführte Kurzfilmprogramm "CinéVardaPhoto": SALUT LES CUBAINS (F/Kuba 1963, 9.9.) ist ein Film aus 1500 Schwarz-Weiß-Fotografien, die Agnès Varda bei einer Reise in Kuba aufgenommen hatte. Eine beschwingt-animierte Fotomontage, eine quirlig-solidarische Verneigung vor der Revolution, rhythmisch, fröhlich, optimistisch: Fidel, Musiker, Milizionäre, Sozialismus und Cha-Cha-Cha.

ULYSSE (F 1982, 9.9.) heißt eine Fotografie von Varda aus dem Jahr 1954. Sie zeigt eine tote Ziege, ein Kind und einen nackten Mann an einem steinigen Strand. Agnès Varda kommt 28 Jahre später auf dieses Foto zurück, macht sich auf die Suche nach den beiden Personen im Bild und reflektiert über die Erinnerung, das Wesen der Fotografie und das Vergehen der Zeit.

YDESSA, LES OURS ET ETC … (F 2004, 9.9.) zeigt eine Ausstellung von 1500 Fotos, die alle eine Gemeinsamkeit besitzen: auf jedem ist ein Teddy-Bär zu sehen – mit Kindern, einer ganzen Familie, nackten Frauen, Sportlern oder Soldaten – zusammengetragen von der Kuratorin und Künstlerin Ydessa Hendeles. Varda befragt Hendeles und zahlreiche Besucher der Ausstellung im Münchner Haus der Kunst.

LE BONHEUR (Das Glück, F 1964, 12. & 21.9.) ist ein Film über das Glück anhand der Geschichte eines zum Glück begabten Mannes, der seine Frau, seine Kinder und die Natur liebt. Als er sich in eine andere Frau verliebt, bedeutet das die Vermehrung seines vollkommenen Glücks. Nachdem seine Ehefrau bei einem Picknick zu Tode kommt, wird ihre Rolle von der Geliebten übernommen. Der Film endet, wie er beginnt: die Kleinfamilie im Grünen (wie in einem Gemälde von Renoir oder Manet), ein Fest der Farben, dazu Musik von Mozart. All das wird ungerührt gezeigt, ohne Wertung, ohne Psychologie und Moral.

Für ihren dokumentarischen Essayfilm LES GLANEURS ET LA GLANEUSE (Die Sammler und die Sammlerin, F 2000, 13.9., Einführung: Birgit Kohler, & 30.9.) filmt Varda erstmalig mit einer kleinen digitalen Kamera. Ausgehend von François Millets berühmtem Gemälde von den Ährenleserinnen geht sie der Tradition des Auflesens von Zurückgelassenem nach. Sie entdeckt Menschen, die von dem leben, was übrig geblieben ist und auf Feldern, Schrottplätzen oder Wochenmärkten die Reste unserer Wegwerfgesellschaft aufsammeln. Varda stellt klug und ironisch Zusammenhänge her und nimmt nicht zuletzt auch sich selbst in den Blick, die Vergänglichkeit, das Alter und die Tätigkeit des Filmemachens, das sie ebenfalls als eine Art des Sammelns begreift.

DEUX ANS APRÈS (Zwei Jahre danach, F 2002, 13.9.) ist ein Nachtrag zu LES GLANEURS ET LA GLANEUSE, der eine immense Flut an Reaktionen (Preise, Briefe, Geschenke) ausgelöst hatte. Dies nahm Varda zum Anlass, einige ProtagonistInnen des ersten Films zwei Jahre später erneut aufzusuchen und neue SammlerInnen kennen zu lernen.

Mit JANE B. PAR AGNÈS V. (Jane B. … wie Birkin, F 1987, 15. & 20.9., Einführung: Dominique Bluher zu Vardas "Installations-Filmen") ist eine assoziative Montage, eine Collage von Fantasien, nachgestellten Gemälden (Tizian, Goya) und Ausschnitten aus Filmen, die Jane Birkin nicht gedreht hat. Ein unablässiges Rollenspiel von Jane Birkin, die im Mittelpunkt der Imaginationen von Varda steht. Nicht zuletzt handelt es sich auch um ein als Porträt getarntes Selbstporträt, in dem Varda Jane Birkin als Modell ihrer Lieblingsthemen inszeniert und sich selbst mit abbildet. Ein Spiel-Film im wahrsten Sinne des Wortes.

KUNG-FU MASTER (Die Zeit mit Julien, F 1987, 15.9.) ist der filmische Zwilling von JANE B. PAR AGNÈS V. – ein Doppel-Spiel mit den Möglichkeiten eines Lebens und den Facetten einer Person. Jane Birkin ist hier eine geschiedene Frau um die 40, die sich in den Schulfreund (Mathieu Demy, Vardas Sohn) ihrer 15-jährigen Tochter (ihre eigene Tochter Charlotte Gainsbourg) verliebt, der besessen ist von Videospielen. Varda nimmt Birkins Fantasie ernst und bewertet die ungewöhnliche Liebes-Konstellation nicht.

BLACK PANTHERS (USA 1968, 18.9.) ist einer der drei Filme Vardas, die in Kalifornien entstanden, wo sie das Jahr 1968 verbrachte. Der Film dokumentiert den Aktivismus der Black Panther Bewegung in Oakland. Varda zeigt unvoreingenommen die Proteste der Black Panthers (mit Eldridge und Kathryn Cleaver sowie Stokely Carmichael) anlässlich der Inhaftierung von Huey Newton und des Prozesses, den man ihm wegen des Mordes an einem Polizisten machte.

Der heitere, bunte Film UNCLE YANCO (USA 1967, 18.9.), Agnès Vardas Porträt ihres Onkels Jean, eines nonkonformistischen Malers, dessen Hausboot in der Bucht von San Francisco ein Treffpunkt der dortigen Hippie- und Künstlerszene ist, gibt einen Eindruck von der kalifornischen Subkultur der 60er Jahre und von Agnès Vardas Humor und Selbstironie.

LIONS LOVE (USA/F 1969, 18.9., Einführung: Birgit Kohler & 28.9.) ist ebenfalls in Los Angeles entstanden. Die Ausgangssituation ist die eines Films im Film. In einer Hollywood-Villa mit Swimming-Pool lebt der Warhol-Superstar Viva in idyllischer ménage à trois mit zwei Darstellern aus dem Musical Hair. Die Avantgarde-Filmemacherin Shirley Clarke will mit den dreien einen Film drehen. Das Unternehmen scheitert jedoch an den Kämpfen mit der Filmindustrie und der Depression der Filmemacherin. Die Ereignisse der äußeren Welt, die Attentate auf Martin Luther King, Robert Kennedy und Andy Warhol, dringen per Fernsehen und Telefon in die Villa. Varda kreuzt hier auf vielfältige Weise Pop mit Politik, Fiktion mit realen Ereignissen.
Wie sich Vardas Affinität zum Surrealismus in der Ästhetik ihrer Filme niederschlägt, untersucht Stefanie Schlüter in ihrer Einführung zum Kurzfilmprogramm "Vardas Surrealismus".

L'OPÉRA-MOUFFE (F 1958, 19.9.), ein strophisch durch Zwischentitel gegliederter Film ohne Worte, zeigt die Pariser Rue Mouffetard aus Sicht einer schwangeren Frau. Varda, selbst schwanger, zeigt in diesem subjektiven Dokumentarfilm den Markt und die Realitäten der Clochards auf der Straße, verwebt ihre Beobachtungen aber mit inszenierten Liebesszenen und den Fantasien einer Schwangeren, die das Mienenspiel von Passanten wie die Formen von Objekten auf ihren Zustand bezieht.

ELSA LA ROSE (F 1965, 19.9.) ist ein Film über das legendäre Künstlerpaar Louis Aragon und Elsa Triolet. Aragon, Begründer des Surrealismus, erzählt bzw. imaginiert die Kindheit und Jugend seiner Frau und Muse, der Russin Elsa Triolet. Alte Fotografien und aktuelle Aufnahmen der beiden, die wilde Zeit in den Cafés von Montparnasse und die nüchternen Kommentare von Elsa: Mythos und Realität begegnen sich, akzentuiert durch Gedichte von Aragon, stark beschleunigt gelesen von Michel Piccoli.

Inspiriert von einer Ausstellung mit dem Titel Le vivant et l'artificiel, die im Hospiz St. Louis in Avignon stattfand, drehte Varda den Essayfilm 7 P., CUIS., S. DE B… À SAISIR (F 1984, 19.9.; Einführung: Stefanie Schlüter & 20.9., Einführung: Dominique Bluher). Der Film erzählt in poetischen und surrealistischen Bildern die bewegte Geschichte eines alten, zum Verkauf stehenden Hauses – so wie Agnès Varda diese imaginiert.

LES CRÉATURES (Die Geschöpfe, F/Schweden 1965, 19. & 23.9.) hat ebenfalls einen Bezug zum Surrealismus: Die Lektüre von Lautréamonts Chants de Maldoror ging dem betont künstlichen Film voraus, der in Cinemascope auf der Insel Noirmoutier gedreht wurde und zwischen Schwarz-Weiß und Farbe changiert. Erzählt wird vom Leben eines Paars und der Entstehung eines Romans. Die Frau ist schwanger und kann seit einem von ihrem Mann verschuldeten Autounfall nicht mehr sprechen. Der Mann ist Schriftsteller, kann sogar mit Tieren sprechen und geht mit einem Roman schwanger. Bei Spaziergängen entdeckt er seine Protagonisten und macht sie zu seinen Kreaturen.

Drei Auftragsarbeiten in touristischer Mission kombiniert das Kurzfilmprogramm "Touristische Ausflüge":

Ô SAISONS, Ô CHÂTEAUX (F 1957, 20.9.) ist ein filmischer Spaziergang entlang der Schlösser am Ufer der Loire, mit Off-Kommentar, flotter Musik, Gärtnern, Parkwächtern und Gedichten aus dem 16. Jahrhundert. Außerdem nutzt der Film überraschend die Loire-Schlösser als Location für Modefotografie.

LES DITES CARIATIDES (F 1984, 20.9.) widmet sich erhobenen Hauptes und unterlegt mit Gedichten von Baudelaire den Karyatiden im Stadtbild von Paris: Frauen aus Stein, die als Säulen auf ihren Häuptern oder Händen Gesimse, Balkone und Dächer von Belle-Epoque-Gebäuden tragen – und dies trotz der großen Belastung anmutig, leicht und unerschütterlich.

Für DU CÔTÉ DE LA CÔTE (F 1958, 20.9.) unternimmt Varda eine Reise entlang von Frankreichs berühmtestem Stück Mittelmeerküste zwischen Nizza und Saint-Tropez. Es entsteht ein ironisch-amüsiert-amüsanter Report à la Varda in prächtigen Farben, in dem sie die Mythologien der Côte d'Azur entschlüsselt.

JACQUOT DE NANTES (F 1991, 22. & 25.9., Einführung: Hans-Joachim Fetzer) ist eine Liebeserklärung Vardas an ihren sterbenden Mann, den Filmemacher Jacques Demy sowie eine Chronik seiner Kindheit und Jugend in Nantes (1939–49) anhand von Erinnerungen. Eine glückliche Kindheit in Vaters Autowerkstatt, mit Kasperletheater, Gesang, einer frühen Passion fürs Kino und autodidaktischen Filmversuchen weden in Szene gesetzt. Anrührende Bilder des von der Krankheit gezeichneten Demy sprechen zärtlich von Abschied und Vergänglichkeit.

Mit QUELQUES VEUVES DE NOIRMOUTIER (Die Witwen von Noirmoutier, F 2006, 22.9.), einer filmischen Bearbeitung des Materials, das für die gleichnamige Installation gedreht wurde, widmet Agnès Varda den Witwen der Atlantik-Insel Noirmoutier, auf der sie mit Jacques Demy und ihrer Familie viel Zeit verbracht hat, einen Film: Gespräche mit Witwen, die erzählen, wie sie mit dem Verlust leben, über Trauer, Erinnerungen und gemischte Gefühle. Sich selbst porträtiert Varda als schweigende Witwe.

L'UNIVERS DE JACQUES DEMY (Die Welt ist ein Chanson – Das Universum des Jacques Demy, F/B/E 1995, 24.9.) ist eine weitere Trauerarbeit von Agnès Varda und Hommage an das Kino ihres 1990 verstorbenen Mannes. Mit Filmausschnitten und anhand der Erzählungen von Schauspielern, Freunden und Mitarbeitern (Catherine Deneuve, Harrison Ford, Jeanne Moreau, Michel Piccoli, Anouk Aimée u.v.a.) rekonstruiert sie das märchenhafte, bunte, musikalische und melancholische Universum des Filmemachers Jacques Demy.

In LES DEMOISELLES ONT EU 25 ANS (Die Demoiselles sind 25 Jahre alt geworden, F 1992, 27.9.) kehrt Varda 25 Jahre nach den Dreharbeiten zu Demys musikalischem Märchen LES DEMOISELLES DE ROCHEFORT – den wir im Anschluss an diesen Film zeigen – anlässlich einer Jubiläumsveranstaltung nach Rochefort zurück. Dort trifft sie Catherine Deneuve, Jacques Perrin sowie ehemalige Kinderdarsteller. Sie kombiniert das während der Feierlichkeiten aufgenommene Material mit Aufnahmen, die während der Dreharbeiten im Jahre 1966 entstanden waren.

LES DEMOISELLES DE ROCHEFORT (Die Mädchen von Rochefort, Jacques Demy, F 1967, 27.9.) ist der Höhepunkt der Demyschen Comédie musicale. Die Geschichte der musikalischen Zwillingsschwestern (Catherine Deneuve und ihre ältere Schwester Françoise Dorléac), denen bei ihrer Suche nach dem idealen Mann die Ankunft einer Truppe von Schaustellern in Rochefort-sur-Mer gerade recht kommt, ist eine Hymne an die Freude, ein fröhlicher Reigen in kräftigen Pastelltönen. Die ganze Stadt gerät in Bewegung, alles wird zum Tanz.

T'AS DE BEAUX ESCALIERS … TU SAIS (F 1986, 29.9.) ist eine Hommage an die Cinémathèque Française anlässlich ihres 50. Geburtstags. Mit LES CENT ET UNE NUITS (101 Nacht – Die Träume des M. Cinema, F/GB 1995, 29.9.) drehte Varda eine spielerische Hommage an das Kino. Michel Piccoli ist Monsieur Cinéma, fast 100-jährig lebt er in einem Schloss und engagiert eine Filmstudentin, die ihm die Zeit mit cinéphilen Gesprächen vertreibt. Zahlreiche Stars machen ihm ihre Aufwartung: Catherine Deneuve, Robert de Niro, Gérard Depardieu und viele andere tragen dazu bei, den Lebensmut des alten Mannes zu stärken.

Auf einem Monitor im Foyer sind für die Dauer der Retrospektive 14 Mini-Filme der von Agnès Varda verantworteten Fernseh-Serie UNE MINUTE POUR UNE IMAGE (F 1983) zu sehen, in denen sie eine Fotografie kommentiert.
Ein Veranstaltung mit freundlicher Unterstützung der Botschaft von Frankreich.