September 2009, kino arsenal

Magical History Tour – Japanische Nouvelle Vague und Zeugnisse der Veränderung in China

NAKED YOUTH, 1960

Japan befand sich in den 60er und 70er Jahren in einer Phase des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umbruchs. Die Japanische Neue Welle brach mit Gewalt aus dem etablierten Kino der Großmeister wie Ozu, Kurosawa und Mizoguchi aus und etablierte eine radikale Ge-genbewegung, die sich in einer neuen Ästhetik und Ideologie versuchte.

"In den 60ern und 70ern versuchten wir das Japanische Kino zu zerstören. Ich begann mit Filmen, die eine offene Revolte gegen die Gesellschaft waren, Filme, die für den Protest gegen die Krankheit dieser Gesellschaft standen." (Nagisa Oshima)

Nagisa Oshimas zweiter Film SEISHUN ZANKOKU MONOGATARI (Naked Youth, Japan 1960, 3. & 4.9.) setzte sich mit seinem harten realis-tischen Stil mit Wucht vom etablierten japanischen Kino ab. Der Film er-zählt von einem jungen Liebespaar, das sein Geld mit kleinen Gaunereien verdient. Die Gefühle sind roh und entladen sich direkt und gewaltsam. Gleichermaßen bewegt ist die Kamera, die das Geschehen oft in radikaler Nähe beobachtet.

KAETTEKITA YOPPARAI (Rückkehr der Trunkenbolde, Nagisa Oshima, Japan 1968, 5. & 6.9.) ist eine politische Komödie über Identitätsverlust. Protagonisten des Films sind drei Studenten, die nach dem Baden im Meer feststellen, dass ihre Kleider mit koreanischen Militäruniformen ver-tauscht wurden. All ihre Bemühungen, sich andere Kleider anzuziehen und sich ihr normales Leben zurückzuerobern, scheitern.

GISHIKI (Zeremonie, Nagisa Oshima, Japan 1971, 7. & 8.9.) erzählt in einer komplexen Rückblendenstruktur und mit beißender Kritik 25 Jahre aus der Geschichte der weit verzweigten Sakurada-Familie. Anhand von Familienfesten, die zu einschneidenden Daten der japanischen Geschichte stattfinden, entfaltet sich ein so kritisches wie pessimistisches Bild der ja-panischen Nachkriegsgeschichte.

Der 9.9. widmet sich vier kurzen Experimentalfilmen des Avantgarderegis-seurs, Autors und Theatermachers Shuji Terayama. "In allen Filmen Terayamas gibt es dieselben wiederkehrenden Bilder und Motive: Uhren, Masken, Fesseln und Bandagen, Zwerge, Freaks, Frauen als sexuelle Raubkatzen, Türen ohne Häuser und Wände, die sich in magische Landschaften öffnen, Artisten, gequälte Unschuldige und halbherzige Orgien. Trotz der unvermeidbaren Anklänge an andere Avantgardisten von Cocteau bis Stan Brakhage ist Terayamas Gegenwelt des Unbewussten unverwechselbar in ihrer Erscheinung." (David Robinson). Die Filme: MEIKYU (Geschichte vom Labyrinth, Japan 1975), SHOKEN-KI (Die Maschine zum Bücherlesen, Japan 1977), MALDOROR NO UTA (Die Gesänge Maldorors, Japan 1977), KESHIGOMU (Der Radiergummi, Japan 1977).

AI NO CORRIDA (Im Reich der Sinne, Nagisa Oshima, Japan/F 1976, 12.9.) ist die Verfilmung eines der berühmtesten Skandale Japans, der sich im Jahre 1936 abspielte. Ein sexuell voneinander besessenes Liebespaar steigert sich in einen Wahn hinein, der darin kulminiert, dass sie den Mann erwürgt und seine Genitalien abschneidet. Oshima konzentriert sich mit formeller Strenge auf die Obsession, den reinen Eros zwischen dem Liebespaar.

Shinsuke Ogawa war einer der einflussreichsten Dokumentarfilmregisseure im Japan der Nachkriegszeit und drehte in den 60ern und 70ern mit seinem Kollektiv "Ogawa Productions" eine Reihe von Filmen über radikale poli-tische Bewegungen. SANRISUKA: DAINITORIDE NO HITOBITO (Narita: Die Bauern der zweiten Festung, Shinsuke Ogawa, Japan 1971, 11.9.) ist einer der acht Sanrisuka-Filme, die die Protestbewegung gegen den Bau des Flughafens von Narita dokumentieren.

Die festlandschinesische Filmgeschichte nach der kommunistischen Machtübernahme ist geprägt von zahlreichen gesellschaftlichen Umwerfungen. Die Kulturrevolution 1966–76 brachte das Filmschaffen fast vollständig zum Erliegen. Nach dem Ende der Kulturrevolution eröffneten sich allmählich Freiräume für eine individuellere Filmproduktion. Die Fünfte Generation von Filmschaffenden erneuerte ab Mitte der 80er Jahre das Kino, indem sie formal und inhaltlich neue Wege beschritt. Die Filme der Sechsten Generation, die ab Ende der 90er Jahre tätig wurde, zeichnen sich durch einen harten Realismus und kompromisslose Kritik vor allem städtischer Lebenswelten aus. Wir schließen mit einigen Dokumentarfilmen, die in den vergangenen zehn Jahren entstanden. Die digitale Technik bescherte jungen Filmemachern ungeahnte Freiheiten und ermöglicht es ihnen seit-her, unabhängig von staatlichen Geldgebern die gewaltigen Umwälzungen der chinesischen Gesellschaft, die Bruchstellen zwischen Kapitalismus und Kommunismus, die Geschichten die im offiziellen China nicht vorkom-men, unabhängig und direkt zu dokumentieren.

XIDO CHEN ZHI CHUN (Frühling in einer kleinen Stadt, Fei Mu, China 1948 | 14.9.) ist ein Schlüsselwerk des chinesischen Films vor der kommnistischen Machtübernahme. In einer sensiblen und vielschichtigen Inszenierung erzählt der Film von einer ménage à trois. In einer kriegszerstörten Kleinstadt kümmert sich eine in ihrem Leben unglückliche Frau klaglos um ihren invaliden Mann. Eines Tages kommt sein alter Freund zu Besuch, der einmal ihr Liebhaber war.

Während der frühen Jahre der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1972 kam die Herstellung von Spielfilmen, bis auf zehn Opernverfilmungen, die in pathetischer Weise von strahlenden Heldengestalten erzählen, völlig zum Stillstand. Im Revolutionsmusical HUNG SIK LEUNG DJE CHING (Das rote Frauenbataillon, China 1970, 15.9.) bilden 1930 auf der Insel Hainan die revolutionären Truppen ein aus Frauen bestehendes Bataillon. Eine junge Dienstmagd schließt sich dem Bataillon an und lernt, ihren bourgeoisen Individualismus abzustreifen, für die Sache des Proletariats einzutreten und so zur wahrhaften Revolutionärin zu werden.

YE SHAN (Wilde Berge, Yan Xueshu, China 1986, 16.9.) beschreibt die Folgen der Reformpolitik für die Bevölkerung in einem abgelegenen Dorf. Während die einen vom Reformfieber gepackt werden, stehen andere den Veränderungen kritisch gegenüber.

HONG GAOLIANG (Rotes Kornfeld, Zhang Yimou, China 1987, 17. & 18.9.) ist ein farbenprächtiges Melodram aus der ländlichen Realität der 20er Jahre mit Gong Li in ihrer ersten Rolle. Der Film machte auch im Westen Furore und gewann bei der Berlinale 1988 den Goldenen Bären.

In HUANG TU DI (Gelbe Erde, Chen Kaige, China 1985, 19. & 21.9.) kommt ein idealistischer Soldat der kommunistischen Armee Ende der 30er Jahre in ein bitterarmes Dorf, um bei Bauern Volkslieder zu sammeln, die in revolutionäre Lieder umgewandelt werden sollen. Er muss jedoch erkennen, dass seine Bemühungen um Veränderungen nutzlos sind und die stille Verzweiflung der Dorfbewohner nicht ändern können.

MIN JING GU SHI (On The Beat, China 1995, 29.9., Einführung: Chris-tine Noll Brinckmann) ist der zweite Teil einer Trilogie der Regisseurin Ning Ying über den Wandel in ihrer Heimatstadt Beijing. Eine schwarze Komödie um einen Fahrradpolizisten, die kleine Beobachtungen aus dem chinesischen Alltag aufgreift.

Jia Zhang-kes Erstling XIAO WU (China 1997, 23. & 24.9.) erzählt von einem jungen Taschendieb, der in der neuen Marktwirtschaft zu einem Verlierer geworden ist und seine Tage trotzig mit Kettenrauchen verbringt.

TIEXI QU
(Tiexi District, Wang Bing, China 2002, 26.9.) ist eine bildge-waltige Langzeitdokumentation von fünf Stunden über den Abwicklungs-prozess eines riesigen Stahlwerks. "Was er da in seinen lähmend langen, dann erstarrenden Einstellungen fixiert – jedes Bild genau beobachtend, dabei von teils irritierender Schönheit, das ist die Ahnung einer Hölle, wo merkwürdig verzerrte Gestalten bei der geringsten Nichtigkeit übereinan-der herfallen, wo die Logik – des Kapitals, der Produktion, des Fortschritts – zusammenbricht." (Olaf Möller)

In BEIHING DE FENG HEN DA (There Is a Strong Wind in Beijing, China 1999 | 25.9.) wendet sich Regisseur Ju An Qi direkt an die Einwoh-ner Beijings und bringt sie mittels einfacher Fragen zum Reden über sich. Dazu läuft <b>HE MIN GONG TIAO WU</b> (Dance With Farm Workers, Wu Wenguang, China 2002, 25.9.), "eine Dokumentation über eine unkonventionelle Performance, an der sowohl mehrere Künstler als auch 30 in Beijing tätige Landarbeiter aus den armen Regionen der Provinz Sichuan mitwirken. Der Proben- und Aufführungsort ist die Werkhalle einer ehemaligen Textilfabrik, die im Zuge der rapiden Modernisierung Beijings jederzeit abgerissen werden kann" (Wu Wenguang).

NIU PI (Oxhide, China 2005, 28.9.) beschreibt die junge Regisseurin Liu Jiayin folgendermaßen: "Eine Familie, drei Personen, 23 Szenen, 23 un-bewegte Einstellungen. Die Schauspieler, die meine Eltern und ihr Kind darstellen, sind im wirklichen Leben meine Eltern und ich. Der Film han-delt von unserem Leben, unserem Zuhause und unseren Schwierigkeiten miteinander."