Juni 2010, kino arsenal

Magical History Tour: Musik, Töne & Geräusche – Sound im Kino

DREAMS, 1990

In Ergänzung zur Magical History Tour im März dieses Jahres zum Thema "Stimme, Sprache, Sprechen im Film" beschäftigen wir uns in diesem Monat erneut mit der wenig beachteten Tonspur des Films und ihrer suggestiven Kraft. Ob On-screen- oder Off-screen-Töne, diegetisch oder nicht, ob komplexe Audio-Arrangements, Überwältigungs-Sound oder atemlose Stille: Die Tonspur – bestehend aus Sprache, Musik und Geräuschen – ist integraler Bestandteil der Filmerfahrung. Sie produziert Atmosphäre oder Irritation, greift den Bildern vor oder widerspricht ihnen, verstärkt oder erdrückt. Sie schafft eine Welt, einen Klangraum, in den der Zuschauer, je nach Tonsystem und Audio-Ausstattung des Kinos eintauchen kann. Seit Mitte der 70er Jahre ermöglichen zahlreiche tontechnische, von der Musikindustrie übernommene Innovationen das Gestalten hochkomplexer Klangarchitekturen, an denen Sound Designer, Sound Editoren, Geräuschemacher und Tonmischmeister monatelang arbeiten. Doch auch jenseits der großen Produktionen und Budgets, jenseits von Mehrkanalton, Surround Sound und Dolby Stereo entstehen und entstanden vielschichtige, souveräne Tonspuren, die unsere Aufmerksamkeit verdienen und wichtige Fragen zum Verhältnis von Bild und Ton aufwerfen.

WAVELENGTH (Michael Snow, USA 1967, 1.6., mit Einführung & 6.6.) & SO IS THIS (Michael Snow, Kanada 1982, 1. & 6.6.) Die beiden halblangen Filme des kanadischen Filmemachers, Künstlers und Komponisten Snow – Meilensteine des amerikanischen Avantgardefilms – reflektieren, markieren und verwischen die Grenzen zwischen Bild und Ton. Während in WAVELENGTH ein ansteigender und lauter werdender Sinuston (sowie andere Geräusche) mit einem Zoom auf die Fensterwand einer Wohnung verschränkt werden, was gleichermaßen hypnotisierend wie irritierend wirkt, arbeitet Snow in SO IS THIS mit der imaginierten Zuschauer-Stimme, indem er in einen schriftlichen Dialog mit dem Publikum tritt. Ein Stummfilm, bei dem die tonlose "Stimme" des Regisseurs, in Form auf der Leinwand zu lesender Worte, mit der inneren Stimme des jeweiligen Zuschauers verschmilzt. Zeitlich versetzt zur Aufführung der beiden Filme in Kino 1 wird am 1.6. im Arsenal 2 die Toncollage HEARING AID von Michael Snow zu hören sein; seine akustische Arbeit wird von Ariane Beyn eingeführt.

THERE WILL BE BLOOD
(Paul Thomas Anderson, USA 2007, 2. & 5.6.) Quälende Geräusche, die vom zermürbenden Ringen der Menschen mit der Natur um deren Bodenschätze zeugen, ziehen sich wie ein roter Faden durch dieses Epos vom Aufstieg und Fall eines Ölmagnaten. Minutenlang kommt der Film ohne Dialoge aus. Was in und zwischen den Menschen bzw. zwischen Mensch und Natur verhandelt wird, evoziert meisterhaft der Soundtrack des Radiohead-Frontmanns Jonny Greenwood sowie die Kompositionen des estnischen Komponisten Arvo Pärt.

DOUBLE TIDE
(Sharon Lockhart, USA 2009, 2. & 3.6.) Das schmatzende Geräusch des Wattenschlicks, das Vögelzwitschern und das Nebelhorn in der Bucht von Maine wurden für die Künstlerin und Filmemacherin Lockhart zur Inspirationsquelle des Films. Für den Zuschauer werden sie zu wichtigen Koordinaten eines aufregend-schönen Klangraums, einer im Gegensatz zu den Bildern verlässlichen, sensorischen Orientierungshilfe.

CASABLANCA
(Michael Curtiz, USA 1942, 3. & 4.6.) Die katalytische Kraft der Musik beschwört Ingrid Bergman, wenn sie mit den Worten "Play it, Sam. Sing it! I will hum it for you!" den Pianisten und Sänger Dooley Wilson auffordert, "As Time Goes By" zu spielen. Als er später das musikalische Leitmotiv des Films erneut anspielt, bricht ein Strom der unterdrückten Erinnerungen und Gefühle los. Komponist Max Steiner kreierte für die Konflikte und Auseinandersetzungen des Flüchtlings-Melodrams um einen verbitterten Barinhaber (Humphrey Bogart), eine pflichtbewusste Ehefrau (Ingrid Bergman) und ihren gegen die Nazis kämpfenden Mann (Paul Heinreid) eine kongeniale musikalische Ebene.

KING KONG
(Merian C. Cooper, Ernest B. Schoedsack, USA 1933, 10. & 11.6.) Der Sound Designer und Autor Dirk Schaefer hat den für die Sound Effekte in diesem frühen Monster-/Ton-Film verantwortlichen Murray Spivack als einen der "ersten Sound Designer" der Filmgeschichte bezeichnet. Seine auf unkonventionellste Weise entstandenen Toneffekte und die Kompositionen Max Steiners, denen sie in einer frühen Form des Mixens zugespielt wurden, erweisen sich bei genauem Hinhören als essentielle Informationen, ohne die das Bildgeschehen für das Publikum z. T. unverständlich bliebe.

BRAND UPON THE BRAIN!
(Guy Maddin, Kanada 2006, 12. & 13.6.) Einer der Höhepunkte des Forums der Berlinale 2007 war die Live-Vertonung von Maddins "Stummfilm" BRAND UPON THE BRAIN!. Unter der Leitung des Regisseurs und des Komponisten Jason Staczek schufen das 30-Mann-Orchester, der Knabenchor, die Kinoerzählerin Isabella Rossellini und vier Geräuschemacher eine Klangebene, die sich auf die Tradition der Stummfilmbegleitung in den 10er und 20er Jahren bezog und sie aus einer heutigen Perspektive neu definierte. Zur Vorführung kommt eine mittlerweile entstandene mit Ton kombinierte Kopie.

APOCALYPSE NOW – REDUX
(Francis Ford Coppola, USA 1979/2001, 15. & 18.6.) Eineinhalb Jahre arbeiteten Dutzende Toningenieure, Sound Designer und Cutter an einer Tonspur, die schließlich aus bis zu 200 Spuren in einem acht Monate dauernden Prozess zusammengesetzt wurde. Vor allem in der 2001 bearbeiteten, 50 Minuten längeren Fassung von Coppolas Vietnam-Drama entfaltet sich ein fulminantes, eigenständiges Klangmonument.

REAR WINDOW
(Alfred Hitchcock, USA 1954, 17. & 19.6.) Der deutsche Verleihtitel DAS FENSTER ZUM HOF ist einer der wenigen Glücksgriffe der deutschen Synchronbranche. Er verweist auf einen zentralen Ton-Ort des Films: den Hof. Hier trifft eine Vielzahl von Geräuschen und Stimmen aufeinander, die das Leben in den (auf den Hof führenden) Wohnungen hörbar machen. Nur eine Wohnung bleibt tonlos – die des Mörders Thorwald.

THE BIRDS
(Alfred Hitchcock, USA 1963, 21. & 25.6.) Unheilverkündende Geräusche, deren Quelle das Filmbild nicht oder erst verzögert freigibt – ein klassischer Kunstgriff bei Hitchcock. So auch bei THE BIRDS: Der kollektive Schrei der Vögel, das Hämmern der Schnäbel gegen das Haus, in dem sich die Brenners vor dem Angriff der Tiere verbarrikadiert haben, das Geräusch der schlagenden Flügel wird hörbar, aber nicht sichtbar. Ein Angriff des Tons.

DREAMS
(Akira Kurosawa, Japan/USA 1990, 24. & 26.6.) Die acht Episoden des Films kreisen um Kurosawas Kindheitserinnerungen, seine Ängste und Hoffnungen, denen er wenige, dafür umso stärker akzentuierte Töne zuordnet. Deutlich treten sie vor einem Hintergrund der umfassenden Stille hervor und setzen sich voneinander ab. Eine meisterhafte Reduktion und Konzentration auf das klanglich Wesentliche in einem überbordenden Farb- und Kompositionsspektrum.

PICKPOCKET
(Robert Bresson, F 1959, 27. & 29.6.) Nachdrücklich und sinnfällig übertönt das Geräusch der Schritte auf den Straßen von Paris die Gespräche der Passanten, bis diese nicht mehr zu hören sind – ein wiederkehrendes Motiv der kargen Klangwelt, in der der junge, virtuose Taschendieb Michel sich bewegt. Die Bilder des Balletts der Hände entfalten hier eine Suggestivkraft, die sonst nur der Musik zugeschrieben wird.

RAGING BULL
(Martin Scorsese, USA 1979, 28. & 30.6.) Das Krachen der Fäuste, das schwere Atmen der Boxer, das Blitzlichtgewitter der Fotokameras – die Boxkämpfe, die der Boxweltmeister LaMotta absolviert, sind Schlüsselszenen des Films, dessen verunsichernde Tonspur in der Zu-sammenarbeit zwischen Scorsese und seinem Sound Designer Frank Warner entstand und die Zuschauer wie zuvor kaum ein anderer Film affizierte.