November 2018, distribution news

"Klassenverhältnisse" (BRD/F 1983)

von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub

Basierend auf Kafkas Romanfragment „Der Verschollene“ erzählt der Film von Karl Rossmann, der im frühen 20. Jahrhundert in die USA auswandert und versucht, dort in der „Neuen Welt“ Fuß zu fassen. Doch scheitert er wie alle Helden Kafkas an der Undurchschaubarkeit eines Systems. Wir freuen uns sehr, die digital restaurierte Fassung als DCP neu im Verleih zu haben.

"Das Amerika des Romans ist alles andere als Amerika. Das Amerika des Films ist, mal von der Freiheitsstatue am Anfang abgesehen, durchweg Hamburg. Die Elbbrücken, eine Klinkersiedlung in Eimsbüttel, der Hafen. Noch die Bilder an den Wänden, noch die Nummern an den Hotelzimmern (aufgeklebte Metallfolie), noch die Kneipen sind so deutsch - deutscher geht's nicht. Kafkas Amerika war der Traum eines Autors, der nie in Amerika war, der nie Amerika beschreiben wollte, sondern nur die größtmögliche Fremde. Straubs Film beschreibt ein befremdliches Deutschland, dessen Uhren irgendwann, kurz nach der Währungsreform wahrscheinlich, stehengeblieben sind. Es ist ein Traumland, eine Alptraumwelt, der Wirklichkeit ebenso nahe und entrückt wie Kafkas Roman." Hellmuth Karasek, Der Spiegel, 27.02.1984

"Von einer schneidenden Klarheit und klirrenden Schönheit sind die schwarz-weißen Bilder der Kameraleute Caroline Champetier, William Lubtchansky und Christophe Pollock. Dem Spiel des Lichts und des Dunkels zwischen Vorder- und Hintergrund, auf Haar und Gesicht und Körper der Figuren kann man beim Ansehen verfallen. Ungerührt nehmen die Einstellungen den Raum in den Blick. Es ist kein auf die Figuren zentrierter, ihnen fluide folgender Spiel-, sondern ein harter kantiger Bildraum, der Rossmann beengt und aus dessen Rahmen er gelegentlich fällt. Vollends isoliert ihn der Schnitt. Selten teilt Rossmann mit einer anderen Figur das Bild. Erst im Schnitt kommen die miteinander Sprechenden, Rossmann - allein im Bild - und sein oft zur Gruppe formiertes Gegenüber zusammen. Oder eben gerade nicht. Die Begriffe Schuss und Gegenschuss sind hier für einmal beinahe wörtlich zu nehmen. Am berückendsten aber am Film ist die neutönende Musik der Gesten und der Sprache, die Straub und Huillet den Körpern und Worten ihrer Darsteller abringen. In einer Dokumentation, die Harun Farocki bei den Proben gedreht hat, kann man sehen, wie dieses Sichbewegen und Sprechen als Sprechbewegung geübt wird. Straub und Huillet lassen die Sprechenden nicht dem Sinn der Worte folgen, sie lassen sie die Sätze zu Teilen zerstückeln, und sie schaffen der Sprache im Bild so einen eigenen Raum. Sehr angemessen ist das der Sprache Kafkas, die niemals ein Instrument derer ist, die sie sprechen, eher das Henkersseil, das sich ihnen mit rabiater Zärtlichkeit Wort für Wort um den Hals legt. Zu Klassen-, Sprach- und Einstellungsverhältnissen also haben Straub und Huillet Kafkas Roman von einem, der eine Stellung sucht und seine Haltung verliert, geformt und dem Kino so seinen eigenen Kafka geschenkt." Ekkehard Knörer, taz.de

„Überwältigend, und überwältigend schön: die lange letzte Einstellung des ungewöhnlichen, sehenswürdigen und – genau so wichtig – hörenswürdigen Filmes 'Klassenverhältnisse'.“ Rolf Michaelis, Die Zeit (21.09.1984)

Die digitale Restaurierung entstand in Zusammenarbeit von BELVA Film und Archive außer sich. Archive außer sich ist ein Projekt des Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. in Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt. Gefördert im Rahmen von Das Neue Alphabet durch die BKM auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

KLASSENVERHÄLTNISSE
BRD / Frankreich 1983. DCP. 127 Minuten. Sprache: Deutsch. Verfügbare Untertitel: Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch. Nach dem Romanfragment "Der Verschollene" von Franz Kafka. Regie: Jean-Marie Straub, Danièle Huillet. Kamera: William Lubtchansky, Caroline Champetier, Christophe Pollock. Ton: Louis Hochet, Georges Vaglio, Manfred Blank. Produktion: Janus Film und Fernsehen. Mit Christian Heinisch, Reinald Schnell, Mario Adorf, Harun Farocki, Manfred Blank, Barton Byg, Alf Bold u.a. Premiere: 21. Februar 1984, Internationales Filmfestspiele Berlin