Januar 2010, kino arsenal

Das Leben als Inszenierung – Die Filme von Daniel Schmid

LA PALOMA, 1974

Kino war für den Schweizer Filmemacher und Opernregisseur Daniel Schmid (1941–2006) der Ausdruck reinster Künstlichkeit. Der leidenschaftliche Geschichtenerzähler interessierte sich seit jeher mehr für die Legenden, die sich durchs Erzählen bilden, als für die dahinter liegende Realität. Imaginäre Orte und die Träume und Illusionen, die dahin führen, spielten eine wichtige Rolle in seinem Filmschaffen.

1941 im bündnerischen Flims Waldhaus geboren, wuchs Daniel Schmid im großelterlichen Hotel Schweizerhof auf. Die Welt des Hotels, in dem Gäste aus aller Welt absteigen, wurde prägend für seine Ästhetik. Die Hotellobby bot sich ihm als Bühne der täglich wiederkehrenden Inszenierung des Hotelpersonals und der Gäste dar, in der sie zu Akteuren ihres eigenen Theaterstücks wurden. Sein Gespür für die Inszenierungen des Lebens verdankte er dem Kosmos Hotel, das ihm als Kind die ganze Welt war. 1992 kehrte er mit HORS SAISON zurück an den Ort seiner Kindheit – eine Reise in die Welt der Erinnerung und Phantasie. In HORS SAISON findet sich alles, was Schmids Schaffen ausmacht: das Spiel zwischen Realität und Illusion, das Abtasten von Grenzräumen, die Reisen durch Zeiten und Welten, das Suchen nach der Wahrheit im Klischee und die vielfach gebrochenen Narrationen.

Nach dem Ende der Schulzeit ging Daniel Schmid nach Berlin, schrieb sich zunächst an der Freien Universität in Geschichte und Publizistik ein und bewarb sich später zusammen mit Rainer Werner Fassbinder, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbinden sollte, an der dffb. Im Gegensatz zu Fassbinder wurde Schmid angenommen. 1970 drehte er seinen ersten mittellangen Film, den labyrinthartig verschachtelten THUT ALLES IM FINSTERN, EUREM HERRN DAS LICHT ZU ERSPAREN. In der Folge bewegte er sich in einem internationalen Umfeld, drehte in der Schweiz, Deutschland und Italien, mit Schauspielern verschiedenster Länder und in Deutsch, Französisch und Italienisch. Zum Schweizerischen Filmschaffen der 70er und 80er Jahre, das sich hauptsächlich einem sozialen Realismus verschrieben hatte, stand er immer quer. Schmid schuf sich seine eigene Welt und scharte Weggefährten wie den Kameramann Renato Berta um sich, mit dem er seit HEUTE NACHT ODER NIE jeden seiner Filme gedreht hat. Die Hinwendung auch zur Oper ab Mitte der 80er Jahre war für Daniel Schmid eine folgerichtige Selbstverständlichkeit – "Oper ist das Künstlichste und Absurdeste, was es gibt".
Im Sommer 2006 starb Daniel Schmid an Krebs. Er arbeitete an zwei Projekten: Portovero und Giulias Verschwinden, für das der Autor Martin Suter zum vierten Mal (nach JENATSCH, HORS SAISON, BERESINA) das Drehbuch verfasste. Giulias Verschwinden wurde 2009 von Christoph Schaub verfilmt und kommt im Februar in die deutschen Kinos.

Dank der großzügigen Unterstützung von Swiss Films gibt es im Arsenal seit langer Zeit wieder die Gelegenheit zur Begegnung mit Daniel Schmids filmischem Werk. Wir eröffnen am 8.1. mit THE WRITTEN FACE und einer Einführung des Filmkritikers und Autors Bert Rebhandl.

Der in Japan gedrehte Film THE WRITTEN FACE (Das geschriebene Gesicht, Japan/CH 1995, 8.1. & 24.1.) ist eine Verbeugung und faszinierende Annäherung an den japanischen Kabuki-Star Tamasaburo Bando in vier ineinander übergreifenden Akten. Der erste Akt stellt den Tanz der betrunkenen Schlange Orochi dar, der zweite ist eine Begegnung mit dem 45-jährigen Tamasaburo Bando, der von seiner Kunst der Verwandlung und von seinen Vorbildern spricht. Nach einer Variation auf das Geisha-Motiv folgt als Abschluss der Tanz Tamasaburo Bandos aus dem Stück Sagimusume, die Geschichte einer Reinkarnation und Metamorphose eines jungen Mädchens in einer verschneiten Winternacht. Schmid tut nichts, um das enigmatische Japan aufzuklären. Seine Hommage an die Schönheit und Fragilität der Kunst ist reines Zuschauen und Zuhören.

SCHATTEN DER ENGEL (CH/BRD 1976, 9. & 24.1.) Fassbinders 1975 geschriebenes Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod entstand in seiner Zeit am Frankfurter Theater am Turm und ist eine Auseinandersetzung um Stadtsanierung und Korruption in der Finanzmetropole. Der Versuch, antisemitische Stereotypen zu analysieren, wurde ihm selbst als Antisemitismus ausgelegt und trat heftige Diskussionen los. Zu Fassbinders Lebzeiten wurde das Stück nie aufgeführt. Daniel Schmid verfilmte das Stück seines Freundes (der selbst an der Seite von Ingrid Caven die Rolle des Zuhälters übernahm) in vorsichtig distanzierter Weise, die die tiefe Faszination für die Verzweiflung, die Trauer und die Angst der Textvorlage verrät. Erzählt wird die Geschichte der Prostituierten Lily, die zu schön ist für die Kunden. Ein Immobilienspekulant, der "reiche Jude", wie er sich selber nennt, gibt ihr den Rat, nicht mehr zu sprechen, und sich für ihr Zuhören und Schweigen bezahlen zu lassen. Beide verzweifeln an den Verhältnissen und der Kälte der Stadt, die sie so gut verstanden haben, dass nur noch der Tod als Lösung realistisch erscheint. "Aber die Angst ist das reinste Gefühl, das Menschen haben. Wenn man den Menschen die Angst nimmt, nimmt man ihnen alles. Dies habe ich in SCHATTEN DER ENGEL thematisiert. Die einzigen Leute, die noch Angst haben, sind der Jude und die Prostituierte. Sie führen noch Dialoge miteinander, während alle anderen nur noch monologisieren." (Daniel Schmid)

IL BACIO DI TOSCA (Der Kuss der Tosca, I/CH 1984, 10. & 23.1.) lebt wie kein anderer Film Schmids von der ungebrochenen Lust und Hingabe zur (Selbst-)Inszenierung. In der Casa Verdi, einem an der Piazza Buonarroti in Mailand gelegenen, von Verdi begründeten Altersheim leben alte Opernsänger und Musiker. Ihre eigene Vergangenheit wird zur Rolle ihres Lebens, wenn etwa auf dem Flur zwei betagte Sänger die Todeskussszene aus Tosca inszenieren und dabei trotz schütterem Haar und Gehstock den Ruhm früherer Tage wieder heraufbeschwören. Daniel Schmid zeigt sie mit großer Zärtlichkeit als die schillernden Kunstfiguren, als die sie sich selber sehen, ihre Selbstdarstellung, ihr Spiel, ihre Fiktion, die für sie nichts weniger als die Realität darstellt.

Mit dem Spielfilm HORS SAISON (Zwischensaison, D/CH/F 1992, 11. & 25.1.) kehrt Daniel Schmid an den Ort seiner Kindheit und ins Zentrum seiner Bilderwelt zurück. Mit seinem Protagonisten Valentin wird er zurückgerufen in das Hotel seiner Eltern, das nun verkauft und abgerissen werden soll. Während er die leeren Gänge, Zimmer und Säle ein letztes Mal in Augenschein nimmt, werden sie belebt von seinen Erinnerungen, füllen sich mit Leben und altem Glanz. Sie verwandeln sich wieder in die Bühne der großen und kleinen Alltagsdramen aus der Welt der Erwachsenen, von der Großmutter, die eine begnadete Erzählerin ist, bis zu den Barmusikern Lilo und Max, die jeden Abend für "Stimmung um jeden Preis" sorgen.

LA PALOMA (CH/F 1974, 13. & 21.1.) Ingrid Caven spielt La Paloma, eine Nachtklubsängerin. Der Graf Isidor macht ihr seit Jahren vergeblich den Hof. Erst als sie ernsthaft an Schwindsucht erkrankt, gibt sie seinen Avancen nach. Er bringt sie in Europas luxuriöseste Sanatorien, wo sie bald wieder gesundet und ihrerseits zwar nicht ihn, aber seine große Liebe zu ihr zu lieben beginnt. Sie willigt ein, ihn zu heiraten. Als ihr Glaube an seine Liebe zu schwinden beginnt, wird sie wieder krank und sinnt auf Rache. Kraft seiner Vorstellungskraft versinkt der Graf zum Schluss in seinen Erinnerungen. LA PALOMA ist ein in reinster Fantasterei schwelgender Film, der die Wirklichkeit zerfallen und die Fiktion in ihrer schönsten Form auftauchen lässt – ein exzessives Melodram.

HEUTE NACHT ODER NIE (CH 1972, 13. & 15.1.) spielt mit der Umkehrung der Rollen von Diener und Herrschaft und wurde gedreht in dem Hotel, in dem Schmid aufgewachsen ist. Bei einer alljährlich von einer reichen Dame veranstalteten Soirée ist es Brauch, dass die Dienerschaft die Rolle der Herrschaft übernimmt und umgekehrt. Schauspieler bieten eine Nummernrevue dar, bei der Stücke von der Sterbeszene der Madame Bovary bis zur Anna-Pavlova-Imitation des Sterbenden Schwans gegeben werden, die die Diener mit stoischen Mienen über sich ergehen lassen. Eine unvorhergesehene Nummer ist schließlich die, in der ein Künstler die Diener zum Aufstand ermuntert – was diese als komödiantische Nummer verstehen. Daniel Schmid kombiniert in seinem opernhaften Film eklektische Elemente wie Hollywood-Zitate und eine Vielfalt von musikalischen Stilen und Versatzstücken populärer faschistischer Kultur, um eine Allegorie auf das Verhältnis zwischen Herren und Dienern zu schaffen. Die Auseinandersetzung mit der Dekadenz findet in der hypnoti-schen und exakt ausgekosteten Langsamkeit eine adäquate filmische Form.

VIOLANTA (CH 1977, 14. & 17.1.) ist eine werktreue und gleichzeitig eigenständige Umsetzung der Novelle Die Richterin (1885) von Conrad Ferdinand Meyer. Freud bezeichnete das Buch in seinen Vorlesungen als Beispiel einer Erzählung, die er nicht als psychologisch, sondern als pathologisch erachtete. Die Richterin Violanta (Lucia Bosé) ist Herrscherin über ein Schweizer Tal. Sie will ihre Tochter Laura verheiraten, deren Halbbruder Silver zu diesem Anlass aus Venedig anreist. Laura und Silver entwickeln eine seltsame Faszination füreinander. Violanta wird währenddessen von Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht. Silvers Vater, der ebenfalls anreist, wird bei der Ankunft von Violanta vergiftet. In der mystischen Bergwelt verschieben sich die Zeiten ineinander, sind Traum, Realität und die Vergangenheit undurchdringbar miteinander verwoben.

JENATSCH (CH/F/BRD 1987, 16. & 26.1.) Die historische Begebenheit um den Bündner Freiheitshelden, Politiker und Pfarrer Jürg Jenatsch aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die vor allem durch die gleichnamige Novelle von Conrad Ferdinand Meyer heute noch bekannt ist, wird von Daniel Schmid in die Gegenwart geholt. Der Journalist Christoph Sprecher ist durch ein Interview mit einem Anthropologen, der die Ausgrabungen am Grab von Jenatsch geleitet hat, fasziniert von der historischen Figur. Er macht sich auf die Reise an die Schauplätze in Graubünden, wo Grenzüberschreitungen zwischen den Zeiten möglich werden und er Begegnungen im 17. Jahrhundert hat. Schmid inszeniert die Geschichte um den historischen Jenatsch und den zeitgenössischen Sprecher als Vexierspiel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Fantasie und Realität.

THUT ALLES IM FINSTERN, EUREM HERRN DAS LICHT ZU ERSPAREN (BRD 1970, 18. & 22.1.), der mittellange Erstlingsfilm Schmids, ist eine dokumentarische Fiktion über Europas letzte Dienerschule. Der Titel ist ein Zitat aus Jonathan Swifts Instruktionen an das Gesinde (Direction To Servants) und erinnert gleichzeitig an den eigentümlichen Schweizer Schriftsteller Robert Walser. Er zeigt einen italienischen Palazzo, in dem eine Dienerschaft sich geschäftig mit einem Toten abmüht, eine Frau, die von ihrer mussolinischen Vergangenheit spricht, ausgeleierte Songs von Elvis Presley, die den Dialog überlagern – der Zuschauer erhält keinerlei Anhaltspunkte für eine Orientierung. Labyrinthisches Kino.

NOTRE DAME DE LA CROISETTE (CH 1981, 18. & 22.1.) Mit unaufdringlichem Humor glossiert Schmid den Ablauf eines großen Filmfestivals, das nach für Außenstehende nicht zu durchschauenden Regeln abläuft. Eine junge Touristin (Bulle Ogier), der der Festivalzirkus völlig fremd ist, bemüht sich verzweifelt um Einlass zu den Filmfestspielen. Als alle ihre Bemühungen um eine Akkreditierung oder eine Eintrittskarte an einem kafkaesk scheinenden Durcheinander scheitern, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich das Geschehen auf dem Fernsehapparat in ihrem Hotelzimmer anzuschauen.

Der von Daniel Schmid eine "Alpenoperette" genannte Spielfilm BERESINA ODER DIE LETZTEN TAGE DER SCHWEIZ (CH/D/A 1999, 20. & 27.1.) ist eine politische Satire um schweizerische Mythen und Korruption der Eliten. Das russische Call-Girl Irina kommt in eine ihr märchenhaft erscheinende Schweiz und hat nur einen Wunsch: die Staatsbürgerschaft dieses wunderbaren Landes zu bekommen und ihre Familie nachkommen zu lassen. Sie gerät in einen Kreis von hochrangigen Mitgliedern der Finanz-, Wirtschafts- und Militärwelt. Die so naive wie im richtigen Moment schlaue Irina löst einen Staatsstreich aus, der sie ans Ziel ihrer Träume bringt. In der gloriosen Schlusssequenz, die den königlichen Untergang der Schweiz besiegelt, hat einmal mehr die Fiktion die Wirklichkeit übertroffen.

HÉCATE (F/CH 1982, 20. & 30.1.) Bern im Jahr 1943. Der junge Diplomat Julien Rochelle erinnert sich an eine beinahe trivial scheinende Liebesgeschichte. Jahre zuvor trifft er in Marokko ein, in einer internationalen Welt aus Gestrandeten eines sich im Verfall befindenden Kolonialismus. Clothilde, die er eines Nachts trifft, entfacht in ihm eine Leidenschaft, in der er sich verliert und die ihn an die Grenzen des Wahns treibt. Clothilde ist von einer gefährlichen Schönheit, eine moderne Hekate, von der segensreiche und zerstörerische Macht ausgeht. Daniel Schmid inszeniert die Schauspielerin Lauren Hutton als eine irritierend erotische wie zutiefst angstvolle Frau, die sich dem Mann trotz körperlicher Hingabe immer mehr zu entziehen scheint
Eine Veranstaltung mit freundlicher Unterstützung von Swiss Films. Dank an Hanna Bruhin (Swiss Films) und die Schweizerische Botschaft.