Dezember 2005, kino arsenal

Retrospektive Pier Paolo Pasolini 2. Teil

Medea

Medea, 1969

Im Dezember setzen wir die große Pier-Paolo-Pasolini- Retrospektive mit seinen ab 1968 entstandenen Spiel- und Dokumentarfilmen fort. Zusätzlich präsentieren wir drei Programme mit Interviewfilmen mit und Fernsehreportagen über Pier Paolo Pasolini. In TEOREMA (1968) findet sich eine Mailänder Industriellenfamilie mit einem rätselhaften Gast konfrontiert, der in die häusliche Ordnung einbricht. Sämtliche Familienmitglieder mitsamt der Haushälterin (Laura Betti) gehen eine Liebesbeziehung mit ihm ein, die sie nach seinem Verschwinden verändert und verwirrt zurücklässt. Die Tochter verfällt in eine mystische Starre, der Sohn wendet sich vom Studium ab und einer absurden Kunstrichtung zu, die Mutter gibt sich wahllos jungen Männern hin und der Vater schenkt die Fabrik seinen Arbeitern. Nur die Haushälterin erfährt eine sinnvolle Wandlung: Sie kehrt in ihr Heimatdorf zurück, wo sie Kranke heilt und fortan als Heilige verehrt wird. Das Bürgertum hingegen ist zur Wandlung nicht fähig. (2., 4. & 7.12.) APPUNTI PER UN FILM SULL’INDIA (Notizen für einen Film über Indien, 1967–1968) ist ein Reisetagebuch, die unmittelbare und direkte Schilderung einer Erfahrung mit dem Versuch, eine Möglichkeit zu finden, einen Film nach einer Legende aus der indischen Mythologie zu drehen, und zwar die Geschichte eines Maharadschas, der seinen eigenen Körper den vom Hungertod bedrohten Tigerjungen hingibt. Dazu interviewt Pasolini Personen aus verschiedenen Gesellschaftssschichten.

APPUNTI PER UN FILM SULL’INDIA läuft zusammen mit APPUNTI PER UN’ORESTIADE AFRICANA (Skizzen für eine afrikanische Orestie, Italien 1968–1973), in dem Pier Paolo Pasolini den Versuch unternimmt, Aischylos’ „Orestie“ ins moderne Afrika zu verlegen, da er Parallelen zwischen der antiken Sage und dem Schicksal Afrikas sieht: „Afrika ist am gleichen Wendepunkt seiner Geschichte angelangt wie Argos zur Zeit Orests: am Übergang von einer archaischen Zivilisation zur Demokratie.“ In dem in Tansania und Uganda gedrehten Film alternieren Landschaften, Orte und Aufnahmen möglicher Darsteller mit Diskussionen afrikanischer Studenten in Rom. Pasolinis Kommentar legt seine Arbeitsweise und Gedanken zum Projekt dar.

In LE MURA DI SANA’A (Die Mauern von Sana’a, 1970/74) prangert Pasolini die Zerstörung des historischen Zentrums von Sana’a, der Hauptstadt Jemens, an und zieht Parallelen zu Gegenden in Italien, die ebenfalls durch eine gierige und korrumpierte Bauwirtschaft bedroht sind. (3. & 5.12.)

PORCILE (Der Schweinestall, Italien/Frankreich 1968/69) erzählt in zwei parallel verlaufenden Episoden vom Ausbrechen zweier junger Männer aus gesellschaftlichen Konventionen und ihr makabres Scheitern. Eine archaische und eine moderne Version: In einer wüstenhaften Landschaft begegnet ein als Einsiedler lebender Mann einem Soldaten, tötet und verspeist ihn. Zur Strafe wird er später selbst den Tieren zum Fraß vorgeworfen. In der zweiten Geschichte sucht der Sohn eines deutschen Industriellen den Ausweg aus der Gesellschaft, in dem er erotische Beziehungen zu Schweinen hegt. Sein „Anderssein“ wird zum Anlass für gegenseitige Erpressungen zwischen dem Vater und einem Konkurrenten, einem ehemaligen Naziverbrecher. Während der Junge von den Schweinen gefressen wird, feiern die beiden anderen die Fusion ihres Kapitals.

„Ein Film über Wohlstand und Wohlsein und über ihr Gegenteil, die Askese. Die Väter verhandeln über ihre Fusion, die Kinder leiden an der Gesellschaft und träumen von einer besseren Welt, vom Aufstand. Der Ekel vor dem Konsum führt bei Pasolini direkt zum Kannibalismus.“ (Fritz Göttler) (6. & 9.12.)

Der Dokumentarfilm WIE DE WAARHEID ZEGT, MOET DOOD (Whoever Says the Truth Shall Die, 1981) des niederländischen Regisseurs Philo Bregstein beleuchtet anhand von Interviews, Fernsehaufnahmen und Filmausschnitten Biografie und Werk Pasolinis. Er führt durch seine Kindheit und Jugend und zeigt sein literarisches sowie wie sein filmisches Schaffen und die Diskussionen, die er in der Öffentlichkeit auslöste. Besonderes Augenmerk legt der Film auf die brutale Ermordung Pasolinis, deren Umstände bis heute nicht geklärt sind. (12.12.)

IL DECAMERON (Italien/Frankreich/BRD 1970/71) feiert Lebensfreude und Sinnlichkeit einer ländlichen Bevölkerung, die mit leichtem Schalk und in fröhlicher Anarchie liebt und betrügt, verführt und belügt. Pasolini zeigt Archaik und Vitalität des einfachen Volkes als utopisches Vorbild einer befreiteten Sexualität. „Sieben der hundert Erzählungen aus dem Decameron des Boccaccio hat sich Pasolini ausgewählt, hat sie – auf die ursprüngliche Rahmenhandlung verzichtend – unaufdringlich und gewandt miteinander verbunden, so dass sie ihren Episodencharakter gleichsam verlieren und ein vitales Bild spätmittelalterlichen Lebens ergeben.“ (Volker Baer) Nach IL DECAMERON zeigen wir das Fragment SET DI SANA’A: eine in Sana’a gedrehte und nicht verwendete Szene für die Episode „Alibech“ des Films IL DECAMERON. (15. & 17.12.)

I RACCONTI DI CANTERBURY (Italien 1971/72) ist der zweite Teil von Pasolinis „Trilogie des Lebens“ nach IL DECAMERON und vor IL FIORE DELLE MILLE E UNA NOTTE. Frei nach Geoffreys Chaucers mittelalterlichen Novellen erzählen verschiedene Episoden von Ehebruch, verbotener Männerliebe, fröhlicher Sündigkeit, tölpelhaftem Benehmen und drastischer Gewalt. Pasolini spielt den Dichter Chaucer, der die einzelnen Episoden mit seinem Lachen miteinander verbindet. (20. & 22.12.)

Pasolini erzählt den Stoff von MEDEA (Italien/Frankreich/BRD 1969) aus der Perspektive der Besiegten. Seine Sympathie liegt auf Seiten Medeas (gespielt von Maria Callas), auf Seiten der Barbarin und nicht auf der des Gebildeten. Dennoch geht es ihm in seiner Version der Argonauten-Sage weniger um Medea als um die Dialektik von Barbarei und Zivilisation, von Antike und Moderne, von Zauberei und Aufklärung, von Gefühl und Geist, von Bildern und Wörtern. Er formt die antike Tragödie im Sinne seines eigenen großen Themas um: die Gegensätzlichkeit und Unvereinbarkeit verschiedener Welten. „Bilder von mythischer Kraft, von archaischer, faszinierender Schönheit und Fremdheit – die sonnenüberstrahlte Verschmelzung von Landschaft und Menschen und das Gesicht von Maria Callas.“ (Th. Hesterberg) (23., 26. & 28.12.)

IL FIORE DELLE MILLE E UNA NOTTE (Die schönsten Erzählungen aus 1001 Nacht, Italien 1973/74) versammelt 15 Erzählungen aus den Märchen aus 1001 Nacht. Als äußere Rahmenhandlung dient die Geschichte von Nur-el-Dirs und der schönen Sklavin Zummurrud, die durch einen bösen Europäer getrennt werden. Nur-el-Dir wandert auf der Suche nach ihr durch Landschaften und Geschichten. „Von den drei Filmen der ‚Trilogie des Lebens‘ ist IL FIORE DELLE MILLE E UNA NOTTE der gelungenste. Das verdankt er nicht nur dem fabulierenden Erzähl-rhythmus, dessen konstruktive Dramaturgie, eines aus dem anderen zu entwickeln, die thematisch verwandten Episoden ineinander verwebt, sondern auch der Kongruenz von Landschaft und Personen.“ (Wolfram Schütte) (25. & 30.12.)

In SALO O LE 120 GIORNATE DI SODOMA (Salò oder die 120 Tage von Sodom, Italien/Frankreich 1975) verlegt Pasolini die Geschichte de Sades, in der vier Peiniger jugendliche Mädchen und Jungen in einer Villa ihren sexuellen Perversionen opfern, in die von Mussolini 1943 proklamierte faschistische Republik Salò. „Der Film ist eine von Bitterkeit und Verzweiflung getragene Darstellung unbeschreiblicher menschlicher Korruption, Gemeinheit und Grausamkeit, wie sie in der Geschichte der Kinematografie ohne Beispiel ist. Die Geschehnisse dieses Films, an der Grenze des physisch und psychisch Ertragbaren liegend, sind aber nicht aus einem voyeuristischen Blickwinkel beobachtet; vielmehr erhebt der Film das Voyeuristische als eine Erscheinungsform der Entmenschlichung selbst zum Thema“. (Ulrich Gregor) (27. & 29.12.)

OSTIA (Sergio Citti, Italien 1970) entstand unter künstlerischer Beratung Pasolinis, der auch das Drehbuch zusammen mit seinem langjährigen Mitarbeiter Sergio Citti schrieb. Die kleinkriminellen Brüder Rabbino und Bandiera nehmen ein Mädchen bei sich zu Hause auf. Doch nach einiger Zeit entlädt sich ein Bruderstreit in einer gewalttätigen Handlung. Nicht nur die Ansiedlung der Geschichte im römischen Subproletariat, auch die christlichen und sozialkritischen Untertöne verweisen auf Pasolinis Einfluss. Der Film läuft zusammen mit OSTIA (GB 1986) von Julian Cole mit Derek Jarman als Pasolini. Er rekonstruiert die Ereignisse, die dazu führten, dass Pasolini mit einem jungen Stricher nach Ostia fährt und dort seinen gewaltsamen Tod findet. (21. & 23.12.)

Eine Reihe von kurzen Filmen, Interviews und Fernsehaufnahmen über Pasolini aus den Jahren 1966 bis 1975 zeigen wir in drei Programmen. Im ersten Programm läuft zunächst PIER PAOLO E TOTO (Pietro Pintus, I 1966), der am Set von Uccellacci e uccellini entstand. LE CONFESSIONI DI UN POETA (Fernaldo Di Giammatteo, I 1967) zeigt Pasolinis Mutter Susanna Pasolini und Franco Citti. In UN’ORA CON EZRA POUND (Vanni Ronsisvalle, I 1968) interviewt Pasolini Ezra Pound und liest einige seiner Verse. Weiterhin werden gezeigt: COLLOQUIO – LAVORI IN CORSO (Marco Blaser, I 1968), PASOLINI E MARIA CALLAS SUL SET DI MEDEA (1969), und FILM IN ROM (1966) von Alois Kolb, in dem Pasolini am Set von LA TERRA VISTA DALLA LUNA von Gideon Bachmann interviewt wird. (2.12.)

Mittelpunkt des zweiten Programms ist ein kurzer Ausschnitt aus Volker Kochs Film S.P.Q.R. (BRD 1972) mit einem der schönsten Interviews Pasolinis (Interviewerin ist Carla Aulaulu). Im Anschluss laufen BBC FILM NIGHT – PASOLINI TALKS ABOUT HIS FILMS (GB 1970) und TERZA B: FACCIAMO L’APPELLO (Italien 1971) von Enzo Biagi. (11.12.)

Das letzte Programm umfasst die Kurzfilme PASOLINI: CULTURA E SOCIETA (Carlo di Carlo, I 1967), PASOLINI E IL CINEMA – AL CUORE DELLA REALTA (Francesco Savio, I 1974), PASOLINI E… LA FORMA DELLA CITTA (Paolo Brunatto, I 1974) und 31.10.75 – L’ULTIMA INTERVISTA (Philippe Bouvard, 1975). (13.12.)

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit Cinecittà Holding, Rom, der Associazione „Fondo Pier Paolo Pasolini“, Rom, dem Centro Studi – Archivio Pier Paolo Pasolini, Bologna, und dem Istituto Italiano di Cultura, Berlin. Ein besonderer Dank geht an Klaus Volkmer vom Filmmuseum München.