Juli 2006, kino arsenal

Eine Frage des Formats: DEFA 70

E. Busch & K. Wolf, Dreharbeiten zu GOYA (1970)

Nein, dies ist kein Druckfehler – wir möchten mit der Überschrift DEFA 70 nicht das 70. Jubiläum der DEFA begehen (wenn, dann erst in zehn Jahren), sondern an vier Abenden im August einen Teil der DEFA-Produktion präsentieren, der ausgesprochen selten zu sehen ist: die 70mm-Filme der DEFA. Der Titel unserer Retrospektive ist dem Filmtitel des ersten von der DEFA produzierten 70-mm-Films entlehnt, der 1967 in Leipzig präsentiert wurde: DEFA 70. In diesem halbstündigen Film vermischte der Regisseur und Konrad-Wolf-Kameramann Werner Bergmann Dokumentarisches mit Spielfilmelementen, kombinierte Natur- mit Studioaufnahmen und experimentierte mit Farben und dem 6-Kanal-Ton. Abgesehen von einer überschaubaren Spielhandlung beinhaltete der Film einen Sonnenuntergang am Meer, eine Achterbahnfahrt, eine Autojagd und ein Sinfoniekonzert. Dieser cineastische Test bedeutete für die DEFA den Durchbruch auf dem Gebiet der 70mm-Filmproduktion. Fünf Jahr zuvor, 1962, gab es in der DDR lediglich zwei Abspielstätten für 70mm-Filme (Anfang der 70er Jahre hatte sich diese Zahl verzehnfacht) und die passenden 70mm-Filme mussten aus der UdSSR und den USA importiert werden. Um nicht länger nur auf ausländische Produktionen zurückgreifen zu müssen, entwickelte die DEFA 1964 eigene 70mm-Kameras und 70mm-Negativmaterial. „So stieg die DDR, nur wenige Jahre nach der UdSSR und den USA, zum dritten Staat der Erde auf, in dem die materiell-technische Basis für die 70mm-Technik komplett vorhanden war.“ Was Mitte der 60er als zweifellos technisch herausragender Erfolg gefeiert wurde, erwies sich jedoch rund zehn Jahre später als schlichtweg zu teuer. Nach sieben abendfüllenden Spielfilmen und einigen wenigen Dokumentarfilmen stellte die DEFA die Produktion von 70mm-Filmen Mitte der 70er Jahre aus finanziellen Gründen ein.

In der Blütezeit des 70mm-Films entstand Konrad Wolfs GOYA (1970), ein Projekt, das als eines der ersten für dieses Format vorgesehen war. 1966 waren noch westdeutsche Partner für die Verfilmung des Romans von Lion Feuchtwanger vorgesehen, die Dreharbeiten begannen jedoch erst drei Jahre später mit sowjetischen Co-Produzenten. Kameramann Werner Bergmann hatte durch seinen mittellangen 70mm-Film, DEFA 70, bereits wichtige Erfahrungen im Umgang mit dem neuen Format sammeln können, was die filmische Umsetzung des historischen Stoffes um den spanischen Hofmaler Francisco José de Goya (1746–1828) erleichterte. Wolfs Vision der Entwicklung Goyas vom Günstling der Königin zum politisch denkenden Gesellschaftskritiker ist „der wichtigste und künstlerisch bedeutendste 70mm-Film der DEFA. In GOYA waren Gesichter der Landschaften und der Menschen zu sehen, opulente Feste am spanischen Königshaus, Prozessionen, ein ausuferndes Inquisitionstribunal, aber auch die Kargheit des alltäglichen Lebens armer Zeitgenossen, Albträume und die subtilen Pinselstriche des Meisters auf der Leinwand.“ (Ralf Schenk) (4.8.)
Als einer der letzten 70mm-Filme der DEFA wurde ORPHEUS IN DER UNTERWELT (1974) realisiert. Regisseur Horst Bonnet, Set Designer Alfred Hirschmeier und Kameramann Otto Hanisch gelang ein aufwendiger und farbenreicher Ausstattungsfilm, der der als Vorlage dienenden Offenbachschen Operette in Witz und Schwung in nichts nachstand. Wolfgang Grees in der Rolle des Orpheus rührt die Götter und erhält die Erlaubnis, seine Gemahlin Eurydike aus der Unterwelt zurückzuholen. Bekanntermaßen misslingt das Vorhaben. „Beim Can-Can wurde die 70mm-Kamera wirklich ‚entfesselt‘, die Zuschauer gerieten in einen Sog aus Musik und Bewegung.“ (Ralf Schenk) (9.8.)
Anfang der 70er Jahre entstanden vor allem Science-Fiction-Filme im 70mm-Format, so auch Herrmann Zschoches EOLOMEA (1972). Das Verschwinden von acht Raumschiffen stellt die Weltraumbehörde vor ein Rätsel. Nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass sich die Gesuchten zu einem gefährlichen Unternehmen zusammengefunden haben. Sie wollen mysteriösen Lichterscheinungen auf die Spur kommen, die von einem zwölf Lichtjahre entfernten Sternbild stammen. (24.8.)
Als letzten 70mm-Film dieser Reihe präsentieren wir den Dokumentarfilm DU BIST MIN (1969), der unter der künstlerischen Oberleitung von Annelie und Andrew Thorndike (Co-Regie: Michael Englberger, Hans-Joachim Funk, Manfred Krause) entstand. Andrew Thorndike war einer der vehementesten Verfechter des 70mm-Films in der DDR und trieb den Einsatz der 70mm-Produktions- und Abspieltechnik maßgeblich voran. DU BIST MIN wurde 1969 in Moskau uraufgeführt und beruht auf Tagebuchaufzeichnungen von Annelie Thorndike. Der Film ist eine unumwundene Liebeserklärung an die Heimat, ein flammendes Bekenntnis zur DDR, der – untermauert von eindrucksvollen Landschaftsbildern und spektakulären Flugaufnahmen – zeitgleich mit den Feierlichkeiten um den 20. Jahrestag der DDR in die ostdeutschen Kinos kam. (27.8.)