Von der heiteren Komödie bis zum düsteren Film noir: Die von Ehsan Khoshbakht in Kooperation mit der Cinémathèque suisse und dem BFI National Archive kuratierte Retrospektive des Locarno Film Festival 2025 spannt einen weiten Bogen und eröffnet ein facettenreiches Panorama des Lebens in den Nachkriegsjahren, wie es im britischen Populärkino zum Ausdruck kam. Das Arsenal präsentiert im Juni eine Auswahl von zwölf Filmen, darunter Werke von bekannten Regisseuren wie David Lean, Michael Powell und Carol Reed, wie auch selten gezeigte Entdeckungen, zum Teil in raren 35-mm-Kopien aus britischen Archiven.
Ins Zentrum der Retrospektive stellt Khoshbakht die Frage nach der sich im Kino widerspiegelnden Identität und der Alltagsrealität des Landes nach dem Krieg: die Briten, gesehen durch britische Filme. Great Expectations konzentriert sich auf zeitgenössische Erzählungen – keine Historien-, Fantasy- oder Kriegsfilme –, die ausschließlich in Großbritannien spielen. Auch wenn das Programm keine Kriegsfilme enthält, wirft der Krieg seinen Schatten auf die Motivationen der Figuren und prägt die zerklüfteten Landschaften des städtischen Lebens. Die Filme dieser Zeit zeigen ein Land, das von Trauer und Entwurzelung geprägt ist und von einem langsamen Wiederaufbau vor dem Hintergrund des Niedergangs des britischen Empire. Die Auswahl enthält auch Außenperspektiven, beispielsweise die von Jules Dassin, einer der in Hollywood auf die schwarze Liste gesetzten Regisseure, die in der britischen Filmindustrie Zuflucht fanden. Sein Film NIGHT AND THE CITY ist eines der herausragenden Beispiele des britischen Film noir, ein Genre, das prominent in der Retrospektive vertreten ist. Ein weiterer Fokus gilt der bedeutenden Rolle von Frauen in dieser Periode des britischen Kinos – mit Werken von u.a. Muriel Box und Jill Craigie. Das Programm wird mit zwei Filmen dieser Regisseurinnen eröffnet. (Hans-Joachim Fetzer)
Dank an Ehsan Khoshbakht, Michèle Bavaud (Locarno Film Festival) und Hannah Prouse (BFI).
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