Nicolas Philibert, Dokumentarist

Den Filmen des 1951 geborenen französischen Dokumentarfilmers Nicolas Philibert ist der offene, vorurteilslose Blick gemeinsam, mit dem er ihm fremde Welten erkundet. Den Orten und Menschen seiner Filme nähert er sich stets ohne Thesen, vorgefaßte Meinungen oder aus Büchern erworbenem Wissen, sondern mit der Offenheit und Neugierde eines aufmerksamen Beobachters. Folgerichtig enthalten seine Filme keine Kommentare oder Schlußfolgerungen, sondern laden zu eigenen Betrachtungsweisen ein. Er geht stark von den Orten aus, an denen er dreht, und entwickelt darauf aufbauend seine Geschichten. Durch genaues Hinsehen führt er die Zuschauer behutsam in andere Arten von Wahrnehmung und vermittelt dadurch ganz neue Erfahrungen. In jedem seiner Filme untersucht er einen Mikrokosmos, eine Welt für sich, blickt hinter die Kulissen und erschließt Orte und Aktivitäten, die den Blicken der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleiben: die Entstehung eines Theaterstückes, die Arbeit in einem Museum, das Lernen in der Schulklasse, eine fremde Sprache. Gleichzeitig handeln seine Filme vom Zusammenleben und vom gemeinsamen Arbeiten und Erschaffen. Durch die geduldige Beobachtung schafft er liebevolle Porträts, die im besten Sinne subjektiv sind, und läßt seinen Protagonisten Raum, sich selbst zu präsentieren.
„Ich bereite nichts vor. Je weniger ich weiß, um so besser wird das Resultat. Sobald man beginnt, sich an Ideen zu klammern, geht alles den Bach runter. Mit fixen Vorstellungen treibt man jedem Film die Seele aus. Ich arbeite intuitiv und bin für Anregungen und Änderungen offen, lasse mich von meinen Gefühlen und meiner Subjektivität leiten.“ (Nicolas Philibert)
Am 16.1. kommt Philiberts jüngster Film Etre et Avoir (Sein und Haben), der gerade mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde, in die deutschen Kinos. Wir nehmen den Start zum Anlaß, uns einen langgehegten Wunsch zu erfüllen: eine Retrospektive der Filme von Nicolas Philibert. Wir beginnen mit ETRE ET AVOIR (2002), der aufmerksamen und warmherzigen Beschreibung einer kleinen Dorfschule im französischen Zentralmassiv, in der die Kinder aller Stufen von der Vorschule bis zur 5. Klasse gemeinsam in einem Schulzimmer unterrichtet werden. Der Lehrer Georges Lopez, seit 20 Jahren an dieser Schule, übt seinen Beruf mit Leib und Seele aus und kümmert sich um seine 13 kleinen Schützlinge weit über den Schulstoff hinaus. Schule ist hier nicht nur eine Lernanstalt, in der Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht wird, sondern auch ein Lebensraum. Wir sehen die Kinder beim Lernen, bei ihren Erfolgen und Enttäuschungen, beim schwierigen Weg des Erwachsenwerdens, bei den kleinen Geschichten, die sich Tag für Tag im Klassenzimmer abspielen. „Für mich ist es ein sehr offener Film, der Raum für Interpretationen läßt, vor allem, was die eigenen Kindheitserinnerungen angeht.“ (N. P.) (16.1., in Anwesenheit des Regisseurs) B
LA MOINDRE DES CHOSES (Every Little Thing, 1996) ist in der psychiatrischen Klinik La Borde gedreht und beobachtet die Entstehung einer Theaterinszenierung, die von den Patienten und Pflegern gemeinsam erarbeitet wird. Neben den Theaterproben erzählt der Film vom Leben in La Borde: das Zusammenleben, die alltäglichen Kleinigkeiten, die fröhlichen und traurigen Momente, Achtung und Respekt, die man sich gegenseitig entgegenbringt. Philibert interessiert sich nicht für die Krankheitsbilder, sondern für die Menschen, die hinter diesen Schubladen stecken, und für ihr ganz normales Zusammenleben- und arbeiten. (17. & 26.1.)
UN ANIMAL, DES ANIMAUX (1994) begibt sich ins Naturkundemuseum von Paris. Die 25 Jahre lang geschlossene „Galerie de Zoologie“ soll wieder eröffnet werden. Also wird in den Labors und Ateliers fleißig gearbeitet, denn die ausgestopften Tiere, hervorgeholt aus Schränken, Schachteln, Schubladen, Vitrinen und Kartons, müssen wieder für die Besucher hergerichtet werden. Felle werden retuschiert, Federn wieder angeklebt, Farben aufgefrischt, bevor die Tiere den Gang in die Ausstellungsräume antreten können und diese sich langsam mit „Leben“ erfüllen. Staunend registriert die Kamera die verschiedenartigsten Lebewesen, die die Sammlungswut früherer Forscher und Abenteuerreisender nach Frankreich gebracht hat, und gibt sich ganz der Magie dieses Ortes hin. (18. & 31.1.)
LE PAYS DES SOURDS (Im Land der Stille, 1992) nähert sich der Gehörlosigkeit nicht als einem Defizit oder einer Behinderung, sondern entdeckt im Gegenteil eine eigene, reiche Sprache und Kultur. Philibert zeigt den Nuancenreichtum und die Ausdruckskraft der Gebärdensprache und macht die choreographische Schönheit der Gebärden sichtbar. Wir Hörenden lernen hinzusehen und entdecken eine Kommunikationsform voller Intensität, eine expressive Sprache, die den ganzen Körper mit einbezieht. Mit Witz und Leidenschaft berichten Gehörlose von ihrer Kommunikation und ihrer Welt, präsentieren selbstbewußt ihr Leben, erzählen aber auch von der Einsamkeit in der Welt der Hörenden. (19.1.)
Was geschieht in einem Museum außerhalb der Öffnungszeiten? Hinter den Kulissen von LA VILLE LOUVRE (1990) verstecken sich Arbeitswelten, die normalerweise den Blicken der Öffentlichkeit entzogen sind. Unaufdringlich und mit großer Ruhe nähert sich die Kamera den Restauratoren und Technikern bei der Arbeit, sieht ihnen bei der Beschäftigung mit den Kunstwerken zu, bringt ihre Arbeit ans Licht, ohne die die Schätze vergangener Jahrhunderte dem Verfall anheimfallen würden. „Ich habe die Leute des Louvre gefilmt, wie man ein Ballett filmen würde.“ (Nicolas Philibert) (21. & 29.1.)
In QUI SAIT? (Wer weiß es?, 1998) erarbeiten die Schauspielschüler des Théâtre National de Strasbourg ein Bühnenprojekt, dessen Thema – oder Vorwand – die Stadt Straßburg selber ist. Während einer langen Nacht wird diskutiert und improvisiert, werden Ideen erörtert und ausprobiert. In der Arbeit in der Gruppe nehmen ungeordnete Ideen langsam feste Formen an. Zahlreiche Fragen tauchen auf: Wie macht man Theater ohne Text und Figuren? Wie vermittelt man seine Beziehung zu einer Stadt? Wie wird aus Ideen von fünfzehn Individuen ein gemeinsames Stück? Am Ende der Nacht hat sich nichts verändert – oder doch? (23. & 24.1.)
Mit freundlicher Unterstützung des Bureau du Cinéma.