30 Jahre Basis-Film Verleih

Die Entstehungsgeschichte des Basis-Film Verleihs in Berlin ist eng verknüpft mit den gesellschaftlichen Veränderungen um und nach 1968 und der Relegation von 18 Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb), darunter Harun Farocki und Christian Ziewer. Eine daraufhin gegründete Filmgruppe setzte sich zum Ziel, für und mit Arbeitern im Neubaugebiet Märkisches Viertel „Basisfilme“ zu produzieren, die ihre Lebensbedingungen widerspiegeln sollten. Was programmatisch mit dem ersten Film LIEBE MUTTER, MIR GEHT ES GUT begann, für dessen Produktion und Vertrieb Basis-Film gegründet wurde, fand seine Fortsetzung im „Berliner Arbeiterfilm“, dessen Zielsetzung im ersten Verleihkatalog von 1975 formuliert ist: „Der Basis-Film Verleih (…) versucht Filme zusammenzutragen und zu verbreiten, die 1. die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Lohnabhängigen beschreiben und 2. sich im sozialen Kampf auf Seiten der Lohnabhängigen engagieren.“ Neben Filmen über die Arbeitswelt kamen Filme ins Programm, die die Situation von Frauen problematisierten, sich mit der Stadt Berlin befassten, Krieg und Politik analysierten, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust suchten und in neuerer Zeit Filme über die Wende und die Realität in den neuen Bundesländern. Dazu kommt ein engagiertes Kinder- und Jugendfilmprogramm. Basis-Film hat sich immer auch für den deutschen Autorenfilm eingesetzt und nach der Wende Filme von jungen ostdeutschen Regisseuren in sein Programm aufgenommen (z.B. Andreas Kleinert, Andreas Voigt). Die Geschichte der Basis-Filme ist auch eine Geschichte der relevanten Diskussionen und Themen, die Deutschland in den letzten Jahrzehnten bewegten.
Bei Basis-Film wurden und werden Filme als künstlerischer Beitrag in gesellschaftlichen Diskursen verstanden. Insgesamt elf Filme wurden von Basis-Film produziert, die Verleiharbeit nimmt jedoch einen weit größeren Stellenwert ein. Die kulturelle Verleiharbeit richtet sich zum einen an herkömmliche (Programm-)Kinos, aber auch an nichtgewerbliche Spielstätten wie Gewerkschaftshäuser und Jugendclubs. In einer Broschüre von 1990 heißt es: „Aufgabe der nichtgewerblichen Filmarbeit ist es, Zuschauer zu qualifizieren, qualifizierte Filme zu sehen.“ Auch durch personelle Kontinuität konnte Basis-Film seinen Maximen treu bleiben und steht immer noch für ein engagiertes, politisches Kino: Clara Burckner ist seit 1974 Geschäftsführerin.
Die proletarische Wirklichkeit zeigen wollte LIEBE MUTTER, MIR GEHT ES GUT (Christian Ziewer, BRD 1971), der als erster, programmatischer Film von Basis-Film produziert und verliehen wurde und sich an den kommunistischen Film der Weimarer Republik wie Kuhle Wampe anlehnte. An der Person des Arbeiters Alfred Schefczyk wird der Kampf gegen Mieterhöhung im Arbeiterwohnheim und gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen gezeigt, aber auch die Wut und Angst der Arbeiter, ihre Resignation und die Schwierigkeiten der Solidarität. Ziewer verstand den Film als Teil der politischen Diskussion und als Hilfe für Arbeiter in ähnlichen Situationen. „Nützliche Filme sind solche, die uns helfen, unsere Lebensbedingungen zu ändern. Und zwar so, dass Unterdrückung abgebaut und Mündigkeit möglich wird.“ (Christian Ziewer) (5.12.)
TEXAS KABUL (D 2004) ist ein Dokumentarfilm von Helga Reidemeister, in dem sie nach dem Schock des 11. September vier Frauen in verschiedenen Ländern aufsucht, die sich alle dem Kampf gegen Krieg und Menschenrechtsverletzungen verschrieben haben. In Indien besuchte sie die Schriftstellerin und Polit-Aktivistin Arundhati Roy. Stascha Zajovic aus Belgrad gründete während der Milosevic-Diktatur die Gruppe „Frauen in Schwarz“ und wurde dafür von der Polizei verfolgt. Jamila Mujahed aus Kabul war früher Nachrichtensprecherin im Fernsehen und ist nun Herausgeberin des Frauenmagazins „Malalai“. In Texas engagiert sich die frühere Jura-Professorin und Politikerin Sissy Farenthold, die durch den Vietnam-Krieg politisiert wurde, für die Menschenrechte und analysiert die Interessen von Militär, Industrie und Politik am Krieg. (7.12.)
BERLINER STADTBAHNBILDER (BRD 1981) entstand aus der Faszination des Regisseurs Alfred Behrens für die Berliner S-Bahn, die nach dem Mauerbau mit dem Niedergang und dem Verfall zu kämpfen hatte. Der Film besteht aus einer Montage von Bildern und Geräuschen und führt durch verlassene Bahnhöfe und eine unwirkliche Stadtlandschaft von Wannsee nach Friedrichstrasse, von Frohnau nach Lichtenrade. Die Kamera zeigt Standbilder und Fahrtaufnahmen, Blicke aus dem Abteilfenster auf verlassene Industrielandschaften, efeuüberwucherte, stillgelegte Linien, Bahnhöfe, in denen die Zeit stillzustehen scheint. (9.12.)
DIE KINDER AUS NR. 67 (Usch Barhelmeß-Weller, Werner Meyer, BRD 1980) ist die Geschichte der Jungen Erwin und Paul und ist 1932/33 im Hinterhof des Mietshauses Nr. 67 in Berlin angesiedelt. Das Leben der Kinder des Hauses spielt sich zwischen dem Spiel mit ihrer Kinderbande und den finanziellen Sorgen ihrer Familien ab, die aber durch die Solidarität der Kinder gemildert werden können. Ein Jahr später geht ein Riss durch die Kinderbande. Ein Teil der Kinder ist der HJ und dem BDM beigetreten, die Freundschaft zwischen Paul und Erwin zerbricht. Das Buch zum Film basiert auf der gleichnamigen Romanserie von Lisa Tetzner. (11.& 12.12.)
ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN (BRD 1971–77) von Harun Farocki ist „ein Geschichtsfilm über die Schwierigkeiten, aus der Geschichte zu lernen.“ Er rekonstruiert die technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen nach 1918 und das Verhältnis von Ökonomie und Politik. Am Beispiel des Energieverbundes der Schwerindustrie wird die wirtschaftslogische Koalition des deutschen Großkapitals mit Hitler deutlich gemacht. Ein Traum-Bild, das symbolisch ist für die Schwierigkeiten der Arbeiter, über Geschichte zu bestimmen anstatt sie zu erleiden: der Vogel, der seine Eier ausbrüten will, aber aus Hunger gezwungen ist, sie zu fressen – der Zwang der alltäglichen Reproduktion. (12.12.)
KONZERT IM FREIEN (Jürgen Böttcher, D 2001) basiert auf Filmmaterial, das der Regisseur 1981–86 im Auftrag der Defa drehte. Es ging um ein ehrgeiziges Projekt der DDR-Führung, ein Marx-Engels-Denkmal zwischen Marienkirche und Rotem Rathaus, mit dem ein Künstlerkollektiv beauftragt wurde. Nach Beendigung der Dreharbeiten verlor die Defa das Interesse am Material, so dass das Filmmaterial nicht weiter bearbeitet wurde. Böttchers 2001 fertig gestellter Film ist eine Art Nachwort und Meditation über vergangene Utopien, der mit neu gefilmtem Material kontrastiert und durch zwei Jazzmusiker, die vor dem Forum musizieren, strukturiert wird. (16.12.)
In ANNAS SOMMER (Jeanine Meerapfel, D/Griechenland/Spanien 2001) verbringt Anna den Sommer im geerbten Ferienhaus auf einer griechischen Insel. Dort begegnet sie der Vergangenheit in Gestalt von Geistern ihrer toten Verwandten: ihrem Vater und ihren Großeltern, griechischen Juden, die im Krieg nach England geflohen sind, ihrer Mutter, einer Spanierin, und ihrem deutschen Mann Max, der vor einem Jahr verstorben ist. Gleichzeitig lebt sie den Alltag auf der Insel, kocht, schwimmt im Meer, trifft sich mit der Freundin aus Kindertagen und einem jungen Mann. (17.12.)
HUNGERJAHRE (Jutta Brückner, BRD 1979) erzählt vom Deutschland im Jahre 1953, in dem lähmende Erstarrung und kollektive Verdrängung von der Jagd nach Wohlstand und Konsum zugedeckt werden. Die 13jährige Ursula ist das einzige Kind ihrer kleinbürgerlichen Eltern, lebt mit den Lügen des Vaters und der Sexualfeindlichkeit der Mutter. Die Beziehung zu ihrer Mutter ist geprägt von gegenseitiger Abhängigkeit und schwankt zwischen Liebe und Ablehnung. Die Lebensangst der Mutter holt die Tochter ein, die nicht weiß, wie sie erwachsen werden soll in dieser Welt. (18.12.)
NEUN LEBEN HAT DIE KATZE (Ula Stöckl, BRD 1968) ist ein Film über die Freundschaft zweier Frauen, ihre Träume und Wünsche, ihre Vorstellungen zur Veränderung ihrer Situation und die Schwierigkeiten, diese zu verwirklichen. Wie sollen die neu gewonnenen Freiheiten genutzt, wie ein selbstbestimmtes Leben geführt werden? Das Porträt der verschiedenen Frauenfiguren ist bewusst fragmentarisch und episodisch gehalten. Ula Stöckl: „Nie hatten Frauen soviel Möglichkeiten, ihr Leben so einzurichten, wie sie es wollen. Aber jetzt müssen sie überhaupt erst lernen, dass sie etwas wollen können.“ (21.12.)
Zu allen Vorführungen sind die jeweiligen Filmemacherinnen und Filmemacher zum Gespräch mit Clara Burckner zu Gast. Die Filmreihe wird im Januar fortgesetzt.
Eine Filmreihe in Zusammenarbeit mit der Basis-Filmverleih-Ausstellung des Filmmuseums Berlin. Fortsetzung im Januar.