Kino in Klammern: Die Filme von Carmelo Bene

Es ist uns eine ganz besondere Freude, eine einmalige Retrospektive des italienischen Filmemachers Carmelo Bene präsentieren zu können. Bene, im Jahre 2002 verstorben, zählt zu den größten vernachlässigten europäischen Autoren der 60er und 70er Jahre. In Italien und Frankreich als Provokateur eine Legende, kennt ihn darüber hinaus lediglich eine kleine Gruppe Theater-, Theorie- und Filmliebhaber. Dank des brillanten Essays des französischen Philosophen Gilles Deleuze „Ein Manifest weniger“ („Kleine Schriften“, Merve Verlag), wurden Benes Name und seine zahlreichen radikalen Ideen zum Theater international einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Sein filmisches Werk blieb dennoch weitgehend im Dunkeln, woran nicht zuletzt eine komplizierte Rechte- und Kopienlage schuld ist. Doch durch die tatkräftige Unterstützung vieler Personen und die Förderung durch den Hauptstadtkulturfonds wurde es nun möglich, jeden seiner Filme ein Mal im Kino Arsenal aufzuführen.
Carmelo Bene begann seine Karriere als radikaler Darsteller und Regisseur in der experimentellen Theaterszene Roms in den späten fünfziger Jahren. Während der sechziger Jahre machte er sich einen Namen als erklärter Experimentalist, der klassische Figuren aus Literatur und Theater für seine Bühnenproduktionen neu auslegte, so Shakespeare, Majakowski, Kleist u.a. Gilles Deleuze nennt diese Arbeiten keine Interpretationen, sondern Substraktionen aus der Literatur und der Geschichte des Dramas. Pier Paolo Pasolini war einer der ersten, der Carmelo Benes Talent anerkannte, und so besetzt er mit ihm die Rolle des Kreon in seinem Film EDIPO RE (1967). 1968 entschied sich Bene, die Bühne aufzugeben und sich ganz dem Film zu widmen. In den folgenden fünf Jahren drehte er im Alleingang fünf abendfüllende sowie drei Kurzfilme, von denen zwei verschollen sind. 1974 gab er das Kino wieder vollständig auf und richtete seine Konzentration auf Radio und Fernsehen und, noch einmal, auf das Theater. In dieser kurzen Zeit schuf Bene ein filmisches Œuvre von einer solchen audiovisuellen Komplexität, einer solchen Schönheit und gelegentlichen Perversion, dass die „Cahiers du cinéma“ seine Arbeit kürzlich als „eine der radikalsten Entwicklungslinien des modernen Kinos“ beschrieben, während Bene selbst sie frivol als „Kino in Klammern“ bezeichnete. Mal psychedelischer Trip, mal Pop-Art, ist Benes delirierendes, extrem einfallsreiches Kino in mehrfacher Hinsicht ein Produkt seiner Zeit. Wenn wir die Filme heute zeigen, können wir nur hoffen, dass sich zeitgenössisches Publikum und Filmemacher dazu inspirieren lassen, ein wenig die Schönheit des Rausches in ihrer Kunst und in ihrem täglichen Leben zu hegen und zu pflegen.
Carmelo Bene trat nicht nur in seinen eigenen, sondern auch in Filmen einiger wegweisender Regisseure seiner Generation auf (Pasolini, Glauber Rocha), sowie bei bedeutenden italienischen Experimentalfilmern (Mario Schifano, Paulo Brunatto, Franco Bròcani) und an der Seite großer schauspielerischer Talente (Pierre Clémenti, Silvana Mangano und der Warhol-Superstars Viva und Louis Waldon). Ergänzt wird die Reihe „Kino in Klammern“ mit Pier Paolo Pasolinis EDIPO RE (Italien 1967) und Franco Bròcanis Underground-Monsterfilm NECROPOLIS (Italien 1970).
Wir eröffnen die Retrospektive mit Benes visuell wohl eindrucksvollstem und sicherlich perversestem Film SALOME (1972). Auf dem Stück von Oscar Wilde basierend, präsentiert der Film die atemberaubende, nackte Salome (gespielt vom 60er Jahre-Model Donyale Luna), einen wundervoll juwelenbehängten Auftritt von Veruschka und Carmelo Bene selbst als sabbernden, grummelnden Herod, neben seinen üblichen Stars Lydia Mancinelli und Alfiero Vincenti, die den Herodias doppelt besetzen. Der Soundtrack vermischt Elemente von Strauss’ Oper mit Schubert, Brahms, Sibelius, Prokofiev und italienischer Popmusik. Dazu zeigen wir den kurzen Experimentalfilm BIS (1967). Der wegweisende Undergroundfilmemacher Paulo Brunatto dokumentiert darin (wie schon früher in „Un’ora prima di Ameleto, più Pinocchio“) die Theaterarbeit Carmelo Benes. (9.4.)
Carmelo Benes erster Langfilm, der barocke NOSTRA SIGNORA DEI TURCHI (1968), basiert auf seinem leicht autobiografischen gleichnamigen Roman, den er auch schon für die Bühne inszeniert hatte. Für viele sein schillerndstes visuelles Experiment, gewann der Film den Spezialpreis der Jury in Venedig. Bene spielt selbst mehrere Rollen (einen Auftragskiller und sein Opfer, einen Mönch und einen Novizen). Dieser frevelhafte, anti-narrative Film besteht aus mehreren Sequenzen, eine davon thematisiert die Invasion Puglias (Benes Geburtsort) durch die Türkische Armee im 15. Jahrhundert. Bereits sein erster Film zeigt Benes Hang zum überbordenden kinematographischen Bild. (15.4.)
Benes zweiter Film CAPRICCI (1969) erhielt bei seiner Premiere in Cannes sechzehn Minuten lange Ovationen. Bene tritt neben Anne Wiazemsky auf, die bekannt ist für ihre Arbeit mit Bresson, Pasolini und vor allem Jean-Luc Godard. Über letzteren scheint sie sich in einer endlosen Autodemolierungsszene lustig zu machen. Der Film könnte als Benes eigenwillige Reaktion auf die politischen Ereignisse von ’68 gesehen werden. Er bringt einen Maler, einen Dichter und eine Prostiutierte zusammen und streut Ausschnitte aus einem Essay von Roland Barthes ein. (16.4.)
DON GIOVANNI (1971), ein fesselndes Kammerspiel, wurde in Benes Wohnung in Rom gedreht. Bene entnahm die umtriebige Figur des Don Juan aus der Geschichte „Le plus bel amour de Don Juan“ von Jules Barbey d’Aurevilly und machte aus ihm einen Stotterer, der unfähig ist, mit Frauen Kontakt aufzunehmen und stattdessen mit einem jungen Mädchen konfrontiert wird, das religiösem Fanatismus unterworfen ist. Mit dieser gelungenen Kritik an der katholischen Anti-Sex-Hysterie erreicht Bene seinen expressionistischen Höhepunkt mit überbordenden Bildern, dem spärlichen Einsatz von verstärkten Geräuschen, wie z.B. Atemgeräuschen, und wenigen Textfragmenten. (20.4.)
Wenn SALOME Benes psychedelisches Meisterwerk ist, dann ist UN AMLETO DI MENO (Ein Hamlet weniger, 1973) seine tour de force der Pop-Art. Während seiner ganzen Karriere attackierte Bene die Figur des Hamlet und seine „Tragödie des Denkens“ – in Bühnenproduktionen, Fernsehbeiträgen und in diesem Film (übrigens der einzige 35mm-Langfilm). Visuell beeindruckt er ähnlich wie SALOME durch seine Farben. Neben Weiss dominieren in diesem Fall helle Primärfarben. Das Set, in dem UN AMLETO DI MENO spielt, wirkt wie ein Studio, ähnlich wie bei einem Mode-Shooting oder bei Musikvideos. Zuvor zeigen wir Benes Kurzfilm HERMITAGE. Gedreht auf 35 mm, war der Film eine technische Übung für Nostra Signora DEI TURCHI. Er zeigt Bene in einem Zimmer im Hotel Hermitage in Rom in Ausübung verschiedener weltlicher Rituale: An- und ausziehen, sich selbst im Spiegel betrachten, trinken, rauchen, schreiben, schlafen. Abgelenkt wird er von einer Frau, die an seine Tür klopft und ihrer Stimme – er versucht mehrfach, mit ihr Kontakt aufzunehmen. (22.4.)
Pasolinis Bearbeitung des Ödipus-Mythos in EDIPO RE (König Ödipus, Italien 1967) übersetzt die Ödipus-Sage in einen Film darüber, was das Kollektivwesen Mensch in selbstverschuldeter Unmündigkeit gefangen hält. Vor dem Hintergrund einer Provinzstadt in der ersten Nachkriegszeit entfaltet sich die Geschichte desjenigen, der unwissend seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet, bis er schließlich die Wahrheit erfährt. Carmelo Bene glänzt in der Rolle des Kreon neben der beeindruckenden Silvana Mangano als Jocasta sowie Julian Beck vom Living Theatre als Tiresias. (12.4.)
Franco Bròcanis NECROPOLIS (1970) ist ein eigenwilliger italienischer Monsterfilm mit Frankenstein, einem Vampir, Attila, dem Hunnen, dem Teufel und einigen Zombies. Er verbindet auf wunderbare Weise die europäische mit der amerikanischen Underground- und Kunstszene durch die ungewöhnliche Besetzung, die ähnlich faszinierend ist wie die dargestellten Monster. Neben Bene sehen wir Pierre Clémenti, die Warhol-Superstars Viva und Louis Waldon (letzterer als hipper amerikanischer Tourist), Tina Aumont (Tochter von Maria Montez, Leinwandsirene der vierzigerer Jahre) und den Discosongschreiber Paul Jabara (der Donna Summers Klassiker „Last Dance“ schrieb). Der vielschichtige Soundtrack wurde von Gavin Bryars komponiert. (18.4.) (Marc Siegel)
Das Programm „Kino in Klammern: Die Filme von Carmelo Bene“ wurde kuratiert von Marc Siegel, der zu jeder Vorführung eine Einführung halten wird. Die Retrospektive entstand durch die Künstlergruppe CHEAP im Zusammenhang mit ihrer Performance „Eine Nacht Weniger“, die im Januar im HAU 3 aufgeführt wurde. Das Theaterprojekt und das Filmprogramm wären ohne die freundliche Unterstützung durch den Hauptstadtkulturfonds nicht möglich. CHEAP hat in Zusammenarbeit mit den Freunden der Deutschen Kinemathek/Kino Arsenal ein kleines Buch zu Carmelo Bene herausgegeben, das an der Kasse erhältlich ist. Unser Dank für das Zustandekommen dieser Reihe gilt Piero Bellomo, Claudia Tomassini, Daniel Hendrickson, Karola Gramann, Giovanni Spagnoletti, Laura Argento, Cineteca Nazionale Rom, und der Fondazione Carmelo Bene.
„… so begann ich zu rennen wie ein Verrückter, noch halb vom Staub geblendet, hineinstolpernd in die aufgehäuften Blütenblätter …“ (Vita di Carmelo Bene)