Monangambeee!

Wenn Filme sich versammeln

von Stefanie Schulte Strathaus

Monangambeee, Sarah Maldoror, Forum 1971

Monangambeee! ist ein Ausruf, mit dem Aktivist*innen der antikolonialen Befreiungskämpfe in Angola Dorfversammlungen einberufen haben. Monangambeee ist auch ein Kurzfilm von Sarah Maldoror, der die portugiesische Ignoranz gegenüber der angolanischen Kultur und die Erniedrigung durch Kolonialmächte thematisiert, sowie ein Film über Solidarität und Widerstand. Die Geschichte basiert auf einer Novelle von José „Luandino“ Vieira über einen politischen Gefangenen, der sich ein „complet“, ein angolanisches Gericht, von seiner Frau wünscht und in Verdacht gerät, trotz seiner Gefangenschaft ein „complet“, einen Anzug zu verlangen.

Im Infoblatt des 1. Internationalen Forums des Jungen Films heißt es: „Eine der Besonderheiten dieses Kurzfilms ist die Tatsache, dass er von der C.O.N.C.P. (Konferenz der nationalistischen Organisationen der portugiesischen Kolonien) produziert wurde. Zum ersten Male tritt eine politische Organisation als Filmproduzent auf: man will dieses Werk durch Vermittlung der Kooperative Slon kommerziell auswerten, d.h. an das Fernsehen und die Filmkunsttheater in aller Welt verkaufen.“

So verblieb auch eine Kopie des Films nach seiner Aufführung im Forum 1971 in der Sammlung des Arsenal, damals noch Freunde der Deutschen Kinemathek. Trotz einer Unschärfe auf der rechten Bildseite aufgrund eines Kopierfehlers wurde sie im deutschsprachigen Raum verliehen. Bei der Digitalisierung im Jahr 2017 diente sie als Ausgangsmaterial, da bis dato kein anderes Material mehr verfügbar war.

Monangambeee erntete seinerzeit auch Kritik: Er sei ein Frauenfilm, da er für einen politischen Film zu poetisch sei. Ein anderer Film trug diesen Vorwurf offensiv im Titel: The Woman’s Film von Louise Alaimo, Judy Smith und Ellen Sorrin (USA 1970) ist ein vom San Francisco Newsreel Kollektiv produziertes Porträt amerikanischer Arbeiterinnen und Hausfrauen: ein Film über Doppelbelastungen und Unterdrückung, über den strukturellen Zusammenhang von Rassismus, Sexismus und Klassendiskriminierung sowie über die Energie des Kollektivs.

The Woman’s Film ist einer der Filme, die bereits ab dem ersten Forumsjahr deutsch untertitelt wurden. Die dafür hergestellten Kopien verblieben im Arsenal, um sie nach dem Festival weiter vorführen und verleihen zu können. Die ohnehin schon bemerkenswerte Nachhaltigkeit dieser Maßnahme erwies sich Jahrzehnte später als noch vorausschauender: zahlreiche Filme aus allen Teilen der Welt haben nur dadurch überlebt. Die heutigen Unikate geben dem Arsenal neue Aufgaben, auf die ich später noch zu sprechen komme.

Die Filme des 1967 in New York gegründete Newsreel Kollektivs, das sich Produktion und Verleih politisch engagierter Filme zur Aufgabe machte, werden bis heute gepflegt und vertrieben. So war es möglich, für das Jubiläumsprogramm eine neue 16-mm-Kopie von The Woman’s Film herstellen zu lassen, da die eigene untertitelte Kopie ein Problem aufwies: Das gemeinsame Plakatmotiv von Forum und Forum Expanded zeigt in diesem Jahr eine Szene, in der eine weiße Frau spricht, im Untertitel heißt es „Ich trat in Streik!“. Tatsächlich spricht sie an dieser Stelle davon, dass man nur in der Gruppe gehört wird, nicht als Einzelperson. Die eigentliche Stelle, in der der Satz fällt, kommt etwas später. Eine Schwarze Frau spricht ihn, doch sie sagt „We went on Strike“. Das Ich und das Wir werden neu miteinander verwoben (in dem Film Eine Prämie für Irene von Helke Sander, der im gleichen Programm lief, heißt es in einem Protestlied: „Irene ist viele“). Im ersten Jahr noch mit beschränkten Mitteln ausgestattet und ohne Erfahrung in der Technik der Untertitelung schrieben sich zuweilen Übersetzungsfehler ein, die neue Bedeutungsebenen hervorbrachten, die in diesem Fall durch die Asynchronität der Untertitel noch zusätzlich verschoben wurden.

On vous parle de Paris: Maspero, les mots ont un sens, Chris Marker, Forum 1971

Dazu passend der Titel eines Films von Chris Marker: On vous parle de Paris: Maspero, les mots ont un sens („Die Worte haben einen Sinn“), der ebenfalls im Programm von 1971 zu sehen war und nun in neu restaurierter Fassung läuft. Der Film porträtiert den Buchhändler und Verleger François Maspero, der in den 1960er und 70er Jahren Bücher zu politischen Themen, insbeson-dere zu den antikolonialen Befreiungskämpfen in Afrika herausgab. Produziert wurde der Film vom Kollektiv ISKRA, hervorgegangen aus dem von Chris Marker ins Leben gerufenen Kollektiv Slon, das auch Monangambeee produziert hatte. Die Wichtigkeit der internationalen Verbreitung zeigte sich in der Herstellung verschiedener Sprachfassungen. Eine deutsch übersprochene Fassung verblieb im Verleih und damit im Archiv des Arsenal.

Jahrzehntelang lag sie dort im Regal, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Mes voisins, einem halblangen Film des 2019 verstorbenen Regisseurs Med Hondo, der auch teilweise in seinem über dreistündigen Film Les bicots-nègres, vos voisins (1974) enthalten ist. Der Kurzfilm war nicht nur im Programm des ersten Forums zu sehen, sondern verblieb als persönliches Geschenk des Regisseurs an Ulrich Gregor im Archiv: Med Hondo sah im Umfeld der Institution, deren Kino auch noch „Arsenal“ (also: Waffenlager) hieß, einen Ort, an dem politischer Widerstand in Form des sogenannten „Anderen Kinos“ leben konnte. Für die Kopie von Mes voisins hieß das auch Überleben, und so konnte sie restauriert werden.

Macht das „Counter Cinema“ ein Archiv, in dem es sich versammelt, zum „Counter Archive“?

Auch Experimentalfilme wie Mare’s Tail von David Larcher (GB 1970) sowie mehr als 30 andere Filme aus dem ersten Forumsjahr verblieben im Haus („mare’s tail“ bedeutet übrigens Tannenwedel und bezeichnet eine äußerst anpassungsfähige Pflanzenart, die sowohl als Unterwasser- als auch als Landpflanze und in allen Übergangsformen dazwischen auftreten kann). Hinzukamen weitere Avantgardefilme, Filme aus Zensurländern, die Schutz suchten, andere Sammlungsbestände wie die Privatsammlung Vollmann oder die Bestände der Sowjetarmee, die nach dem Mauerfall Eingang ins Archiv fanden. Ein solches Archiv kann per se keines sein, das Ordnungskriterien unterliegt, es ist kein nationales Archiv, es bildet kein Genre ab und keine historische Epoche. Es entzieht sich jedem Versuch einer Deutung. Es ist ein wiederständiges Archiv. Ein Archiv des Widerstands.

The Woman's Film, Louise Alaimo, Judy Smith, Ellen Sorrin, Bild aus der deutsch untertitelten Kopie, die nach dem Forum im Arsenal verblieb

Der Begriff des „kulturellen Erbes“ ist zu einem kulturpolitischen Leitbegriff geworden. Im Filmbereich erfüllt die Kategorie eine Schlüsselfunktion bei der Verteilung von Ressourcen für die Archivierung, Bewahrung und Präsentation. Im Vordergrund steht dabei eine engere Bestimmung des Konzepts, die kulturelles Erbe als nationales Erbe versteht und Filmkulturpolitik so auf den Rahmen des Nationalstaates bezieht. „Heritage“, so der Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger in einem Beitrag zur Archivarbeit des Arsenal, „hat sich mithin als eine der Leitkategorien einer Wissensordnung der Filmkultur etabliert, die für die Wahrnehmung, die Einordnung und das Nachleben künstlerischer Arbeiten, aber auch ephemerer Filmgattungen und Archivmaterialien weitereichende Konsequenzen hat“.

Aufgrund ihrer Transnationalität entzieht sich die Sammlung des Arsenal der Zuordnung zu einem bestimmten Strang eines nationalen Kulturerbes. Doch eignet sie sich umso mehr als Laboratorium für die Überprüfung und kritische Reflexion der Kategorie des filmischen Erbes und des Umgangs damit. Begriffe wie „Länderschwerpunkt“, „Weltkino“ oder „Filmland“ haben in der Geschichte des Forums eine große Rolle gespielt, die sich im Archiv abbildet. Auch sie werfen Fragen auf: Welche Verantwortung hat das Arsenal als westliche und öffentlich geförderte Institution über die Jahre hinweg durch eine solche programmatische Ausrichtung auf sich genommen? Wer hat diese Begriffe erfunden und vor welche Aufgaben stellen sie uns in der Gegenwart? Anders als es das Konzept des nationalen Kulturerbes vorsieht, kann eine Digitalisierung dadurch motiviert sein, einen Film, der aufgrund der deutsch untertitelten Kopie nur im Arsenal überlebt hat, in sein Ursprungsland zurück zu bringen. In einem solchen Fall kann die Institution, die die Digitalisierung vornimmt, auch keine Rechte daran beanspruchen. Archivarbeit ist weit mehr als eine Beschäftigung mit dem Material. Archivarbeit ist politische Praxis.

Es sind längst nicht mehr nur Filmhistoriker*innen, sondern auch Wissenschaftler*innen anderer geisteswissenschaftlicher Fächer sowie unabhängige Kurator*innen, Film- und Kunstschaffende, die Archive aufspüren und im Rahmen ihrer Projekte versuchen, sichtbar zu machen, was dort bislang verborgen war. Es bilden sich Netzwerke und Plattformen. Universitäten richten neue Studiengänge ein, so jüngst in Nigeria, wo die University of Jos und die Nigerian Film Corporation in Kooperation mit dem Masterprogramm „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“ an der Goethe Universität Frankfurt, dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, dem Arsenal und der Lagos Film Society einen praxisorientierten Archiv-Masterstudiengang anbieten.

In Indonesien, in Uruguay, in Ägypten, im Sudan, in Guinea-Bissau, in Nigeria, in Angola werden Filmkopien und ganze Sammlungen aufgespürt, übrigens immer wieder von jungen Film- und Kinoschaffenden, die nach verlorenem Material suchen oder bei der Gründung neuer oder der Reaktivierung alter Kinoräume oder Kopierwerke darauf stoßen. Dabei kommen allein bei den Projekten, in die das Arsenal eingebunden ist, zahlreiche Querverbindungen zum Vorschein: Wer hat zum Beispiel gewusst, dass die ägyptische Dokumentarfilmerin Atteyat Al Abnoudy mit der gleichen Kamerafrau gearbeitet hat wie Helke Sander in Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers? Was hat ein ägyptischer Archivar in seinen Bericht geschrieben, als er 1966 nach Ost-Berlin geschickt wurde, um zu lernen, wie man ein Filmarchiv betreibt? Kam der Kopierfehler in Monangambeee dadurch zustande, dass die Kopie eilig außer Landes gebracht werden musste?

Monangambeee! – Ein Ausruf, mit dem eine Versammlung einberufen wird. Die Filme haben sich bereits versammelt. Nun braucht es diejenigen, die sich mit ihren Fragen, ihrem Wissen und ihrem Forschungsinteresse dazugesellen. Sie nehmen nicht weg, sondern fügen hinzu. Seine Nutzer*innen machen aus dem Archiv eine Produktionsstätte.

Counter Archives setzen die Archivlandschaft in Bewegung. Sie rufen nach Gegenentwürfen, nach neuen, zeitgemäßen Konstellationen. Wie die Filme, die sie beherbergen, entwickeln sie eine neue Sprache, neues Wissen und neue kulturelle, gesellschaftliche und politische Handlungsräume und -möglichkeiten – die wir derzeit dringend benötigen.

Stefanie Schulte Strathaus ist Mitglied des Vorstands des Arsenal – Institut für Film und Videokunst, welches jährlich das Berlinale Forum und Forum Expanded ausrichtet. Ganzjährig widmet sie sich hauptsächlich der Archivarbeit des Arsenal.

Seit seiner Gründung hat das Arsenal rund 10.000 Filme in seinem Archiv versammelt, darunter zahlreiche Filme aus dem Forum.

Archive außer sich“ ist ein 2020 zu Ende gehendes Projekt des Arsenal – Institut für Film und Videokunst, das sich als langfristig angelegte kollaborative Serie von Forschungs-, Veranstal-tungs- und Ausstellungsprojekten mit dem filmkulturellen Erbe und seinen Archiven befasst.

Teilnehmende Institutionen sind die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, die Film Feld Forschung gGmbH, das Harun Farocki Institut, SAVVY Contemporary, die Filmproduktion pong GmbH und der Masterstudiengang „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“ der Goethe-Universität Frankfurt.

„Archive außer sich“ findet im Rahmen des Kooperationsverbunds Haus der Kulturen der Welt (HKW), Pina Bausch Foundation und Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD) statt und ist Teil des BKM-geförderten HKW-Projekts „Das Neue Alphabet“.