juli 2020, kino arsenal

Black Light

Die Retrospektive Black Light des Locarno Film Festival, kuratiert von Greg de Cuir Jr., die im März abgebrochen werden musste, wird mit einer Auswahl von 13 Filmen fortgesetzt. Black Light basiert auf der von Greg de Cuir Jr. kuratierten Retrospektive des internationalen Schwarzen Films, die beim letztjährigen Filmfestival von Locarno präsentiert wurde. Das Arsenal zeigt eine stark auf das US-amerikanische Kino fokussierte Auswahl, die den Bogen von den 20er bis zu den 90er Jahren spannt. Diese kann die enorme Vielfalt der cineastischen Auseinandersetzung mit dem Schwarzsein nur ansatzweise darstellen, sie ist als Vorschlag zu verstehen, der zwangläufig unabgeschlossen bleiben muss. Inwiefern lassen sich die in sehr unterschiedlichen Kontexten entstandenen Filme unter einer Überschrift zusammenfassen? Nicht um die „schlichte Repräsentationsvorstellung von einem schwarzen Körper hinter oder vor der Kamera“ (de Cuir) geht es, sondern um gemeinsame Formen von Erfahrungen und geteilter Geschichte, die Rassismus, Selbstermächtigung und Fragen der Repräsentation umfassen. Greg de Cuir Jr.: „Es gab ein paar grundsätzliche Prinzipien, denen ich gefolgt bin. Zum einen wollte ich eine internationale Auswahl treffen und gleichzeitig sollte die Reihe einen historischen Überblick verschaffen. Ich wusste, dass ich Afrika außen vor lassen wollte. Afrika ist ein Thema, das eine eigenständige Retrospektive verdient. Es verdient einen genauen Blick und einen eigenen speziellen, klugen und wohlüberlegten Ansatz. Stattdessen wollte ich mich auf die Nachkommen konzentrieren, die gezwungen waren, durch die Welt zu reisen, um zu überleben, und ihren eigenen Platz, ihre eigenen Wurzeln zu finden. Ich wusste auch, dass ich den Fokus konkret auf das 20. Jahrhundert richten wollte. Es sollte eine echte Retro sein, die zurückblickt und zurückdenkt, die sich damit befasst, wie wir dort hingekommen sind, wo wir heute stehen, und damit, was uns die Vergangenheit über unsere Gegenwart und vielleicht sogar unsere Zukunft verrät. Und was noch ganz wichtig ist: Die Reihe sollte eine Collage von verschiedenen Stilen, Genres, politischen und ästhetischen Herangehensweisen offenbaren. Ich wollte, dass die unterschiedlichen Werke miteinander in Beziehung treten und gleichzeitig Kontraste setzen, dass sie einen Dialog bilden.“

juli 2020, kino arsenal

Forum 50

Das Berlinale Forum und Forum Expanded präsentierten zum 50. Jubiläum des Forums die Filme, die im Gründungsjahr gezeigt wurden. 21 Programme liefen während des diesjährigen Festivals, 22 weitere sollten im März im Arsenal präsentiert werden. Forum 50 wird im Juli und August mit einer Auswahl von fünf Filmen fortgesetzt. Das Programm im Arsenal versammelt politisch engagierte Dokumentarfilme, innovative Spielfilme sowie historische Wiederaufführungen.

 

Als Ulrich und Erika Gregor sowie ihre Mitstreiter*innen das Internationale Forum des Jungen Films gründeten, hatten sie einen klaren Blick für die vielen radikalen Neuerungen im Kino, für die bewegte gesellschaftspolitische Lage und für die Notwendigkeit, Filmgeschichte lebendig zu halten. Filme, die in Ländern entstanden, die bis dato auf der Weltkarte des Kinos nicht verzeichnet waren, erlebten hier ebenso ihre Premiere wie formale Experimente und nicht-narrative Filme. Von Anfang an gab es keine Unterscheidung zwischen Dokumentar- und Spielfilmen, standen ältere und wiederentdeckte Werke neben politisch engagierten Filmen. Bereits bekannte Klassiker verwiesen auf gesellschaftliche Utopien und filmische Traditionslinien. Zwischen künstlerischer Innovation und politischer Agitation bewegten sich große Teile des ersten Forum-Programms. Viele verstanden sich als „Gegeninformation“ zu den vorherrschenden Medien, etwa die Filme über die Bürgerrechtsbewegung und den Protest gegen den Vietnamkrieg in den USA. In der filmischen Auseinandersetzung mit (Neo-)Kolonialismus und Ausbeutungsverhältnissen in südamerikanischen und afrikanischen Ländern wurde die Kamera zum Mittel des Klassenkampfes. Die gezeigten Filme sind teilweise aus der eigenen Sammlung des Arsenals, gehörte es doch zur Politik, die eigens für das Festival deutsch untertitelten Kopien in den Verleih zu übernehmen und sie einem breiten Publikum auch außerhalb des Festivalkontextes zugänglich zu machen.

juni 2020, kino arsenal

Online Tickets

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juni 2020, kino arsenal

arsenal 3 – week 13 & 14

How to reappear*: arsenal 3 geht in seiner bisherigen Form in die letzte Runde!

Am 13. März mussten wir unsere Kinosäle am Potsdamer Platz schließen. Bereits eine Woche später konnten wir unser virtuelles Kino arsenal 3 der Öffentlichkeit vorstellen. Seither haben wir sieben Programme mit jeweils rund 20 Filmen aus unserer Sammlung sowie das Latitude-Festival des Goethe-Instituts präsentiert.

Filmemacher*innen, deren Werke von arsenal distribution vertreten werden, haben uns ihre Filme für die Online-Präsentation zur Verfügung gestellt und in ausgiebigen jitsi-Gesprächen mit dem Publikum diskutiert. Durch die gesammelten Spenden können wir ihnen nun Lizenzgebühren auszahlen – noch bis zum 30.6. gibt es die Möglichkeit, die Spendenkasse zu füllen!

Die rege Teilnahme und der große Zuspruch haben uns durch die letzten Monate getragen und dafür möchten wir uns ganz herzlich bedanken. Auch für den ungeheuren Lernprozess, den wir gerade durchlaufen! Wir haben das Kino schon immer als etwas begriffen, das sich mit jedem Programm neu erfindet. Zudem haben wir jetzt noch einmal sehr deutlich erfahren, welch großen Anteil die Idee kollaborativer Arbeit daran hat. Das impliziert in erster Linie die Filmemacher*innen und Künstler*innen sowie das Publikum, aber auch Produktionsfirmen, Verleiher, Partnerinstitutionen und die Medien. Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle der Filmgalerie 451, die einige Titel zur Verfügung gestellt hat, sowie dem silent green Kulturquartier und dem Haus der Kulturen Welt für arsenal 4 bzw. arsenal 5. Mit dem Ausstellungsraum im silent green und dem Freiluftkino im Haus der Kulturen der Welt wird deutlich, wie das Kino als gesellschaftliche und kulturelle Praxis in Bewegung sein kann.

Statt der Filmgespräche zu arsenal 3, die jeweils am Ende eines Programms stattgefunden haben, möchten wir zum Abschluss zu einem großen gemeinsamen Wrap-Up einladen: Besuchen Sie uns am 30. Juni auf jitsi und teilen Sie Ihre Erfahrungen mit arsenal 3. Wir möchten wissen, ob und wie sich Ihre Idee vom Kino in den letzten Wochen und Monaten verändert hat, was Ihnen an unseren Programmen gefallen oder missfallen hat, und wie es aus Ihrer und Eurer Sicht weitergehen könnte.

Denn weitergehen wird es: Ab 1. Juli werden wir schrittweise arsenal 1 und 2 wieder öffnen. arsenal 3 bleibt bestehen, muss sich dann aber neu erfinden. Derzeit arbeiten wir an der Frage, in welchem Verhältnis unser virtueller Kinosaal zu den analogen Kinosälen stehen kann. In jedem Fall werden wir das Programm künftig nicht mehr auf Spendenbasis anbieten können, wollen jedoch die Bezahlschwelle so niedrig wie möglich halten!

Zum Programm der Wochen 13 & 14: Selten wurde der eigene (und verletzliche) Körper so deutlich im Verhältnis zum Kino wahrgenommen wie in den letzten Monaten. Durch An- oder Abwesenheit, allein oder im Kollektiv. So widmen wir uns im letzten Programm genau diesem Thema. Inspiriert wurde es durch ein kleines Buch mit dem Titel How to disappear, das erstmals 2013 in der von Maha Maamoun und Ala Younis herausgegebenen Reihe Kayfa ta (How to …) erschienen ist. Dem darin enthaltenen Text des Autors Haytham El-Wardany liegt die Erfahrung des unsichtbaren Hörers zugrunde: Zu sehen ist meist nur, wer spricht.

Das trifft nicht nur auf Videokonferenzen zu. Das Publikum im arsenal 3 war für uns nicht sichtbar. Es war da und gleichzeitig nicht da. Wie ein Geist, eine Erinnerung aus der Vergangenheit oder eine Stimme aus der Zukunft.

2010 haben Ayreen Anastas und Rene Gabri erstmals einen Film im Rahmen von Forum Expanded gezeigt, der während der Vorführung im arsenal 1 live im arsenal 2 gedreht und geschnitten wurde (The Meaning of Everything). Nach der Vorführung erschien das Künstler*innenpaar nicht zum Filmgespräch. Das Publikum hat nie erfahren, dass es einem performativen Akt der Produktion beigewohnt hat. 2018 kam ein zweiter Film auf die gleiche Art zur Aufführung: AN UNTIMELY FILM FOR EVERYONE AND NO ONE. Diesmal erschienen Ayreen und Rene anschließend zum Filmgespräch, ohne jedoch zu offenbaren, dass der Film unmittelbar davor im Nebenraum entstanden war. Erst 2020, nach der Vorführung von BORN OF THE ***. ON ZARATHUSTRA’S GOING UNDER FROM CAIRO TO ORAN, wurde die besondere Produktionsweise enthüllt, gefolgt von einer weiteren Aufführung im silent green, bei der Produktion und Schnitt sichtbar über den Köpfen der Zuschauer*innen in der Galerie der Kuppelhalle stattfanden, während der Film gleichzeitig auf der Leinwand zur Aufführung kam.

Mit der zweiteiligen Vorführung von AN UNTIMELY FILM FOR EVERYONE AND NO ONE (in der auch der Philosoph Jean-Luc Nancy zu sehen ist) im arsenal 3 holen wir einen der so entstandenen Filme aus der Welt des Ephemeren und präsentieren ihn einem nicht sichtbaren Publikum. Dazu zeigen wir die ersten 5 Teile ihres neuen Films CONTAGIOUS NEW YORK, den Ayreen Anastas und Rene Gabri derzeit am Rande von Manhattan produzieren. Begegnen können sich Zuschauer*innen und Künstler*innen dann aber doch in einem Filmgespräch auf jitsi.

Darüber hinaus zeigen wir ein Programm, in dem ein queerer Performer durch seine Filmbilder spricht (ESCAPE FROM THE RENTED ISLAND: THE LOST PARADISE OF JACK SMITH), eine unsichtbare Selbstmörderin Schattenreiche der Welt bereist (SUICIDE), Filmfiguren nicht sterben können (CRASH SITE: MY NEVER ENDING BURIAL PLOT), Stimmen längst verstorbener Gefangener auf Schellackplatten zu hören sind (HALFMOON FILES) oder Widerstand gegen den Kolonialismus hinter den Bildern und in den Tönen erscheint (LA ZERDA ET LES CHANTS DE L’OUBLI). „Und für jene, die an Unsichtbarkeit leiden, wird die Kamera zur Waffe werden“, wird Elias Sanbar in der Ankündigung zu OFF FRAME AKA REVOLUTION UNTIL VICTORY zitiert.

Abwesende sprechen durch Bilder, Töne, Objekte und Körper und manifestieren so ihre Anwesenheit. Es können Geister sein oder Projektionen. Es können jene sein, die zum Verstummen gebracht wurden, durch politische Macht, durch Krankheit und Tod, durch Trennung. Sie sind da und gleichzeitig nicht da. Und zum Abschluss, der zugleich ein Neuanfang ist, zeigen wir dem Publikum POR PRIMERA VEZ von Santiago Álvarez.