Dezember 2020, kino arsenal

arsenal 3 im Dezember

Still aus dem Film OF DUST AND RUBIES

OF DUST AND RUBIES

Im Dezember setzt Archive außer sich sein Programm auf arsenal 3 mit Filmen des sudanesischen Filmemachers, Malers und Dichters Hussein Shariffe (1934–2005) fort, die um Podiumsdiskussionen, die online auf der Website des Birkbeck Institute for the Moving Image zu sehen sind, ergänzt werden. Außerdem werden vier Filme gezeigt, die als Fußnote zur Hommage an die Schauspielerin Marina Vlady im Kino Arsenal gedacht waren. Die eigentlich für Dezember geplante Filmreihe wird im nächsten Jahr nachgeholt.

OF DUST AND RUBIES: Hussein Shariffe zwischen London, Kairo und Khartum: Filme und Diskussionen

Das Programm geht aus von dem letzten, unvollendeten Film des sudanesischen Filmemachers, Malers und Dichters Hussein Shariffe (1934–2005): OF DUST AND RUBIES. Im August 2018 fand sich im Rahmen von Archive außer sich eine Gruppe von fünf Personen für einen Workshop zusammen – unter ihnen Shariffes Tochter Eiman Hussein sowie sein Hauptdarsteller Talal Afifi –, um zu diskutieren, wie das Werk des Ausnahmefilmemachers der Welt präsentiert werden kann. Die Sichtung des Materials barg viele Überraschungen und warf Fragen auf, die nicht leicht zu beantworten waren. Das Ergebnis war eine performative Panelveranstaltung im Rahmen des 14. Forum Expanded, die wiederum gefilmt wurde. Aus diesem Material stellte Tamer El Said einen Film her: OF DUST AND RUBIES, A FILM ON SUSPENSION. Dieser, sowie drei Filme von Hussein Shariffe – einer davon zusammen mit Atteyat Al Abnoudy realisiert – sind im Dezember auf arsenal 3 zu sehen.
Drei Podiumsdiskussionen, die online auf der Website des Birkbeck Institute for the Moving Image zu sehen sind, vertiefen am 18. und 19. Dezember die Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk von Hussein Shariffe.

Im Jahr 2000 begann Hussein Shariffe mit der Arbeit an seinem letzten Film. OF DUST AND RUBIES unternimmt eine filmische Interpretation ausgewählter sudanesischer Exilpoesie. Shariffe filmte an verschiedenen Orten in Ägypten, wo er aufgrund seiner Haltung zum sudanesischen Regime seit mehr als einem Jahrzehnt im politischen Exil lebte. Gedreht wurde auf 35-mm-Film in zehn ausgewählten Regionen, darunter Kairo, die Fayyum-Wüste, Assuan, Sinai, Alexandria, die Libysche Wüste, die Gärten von al-Qantir und die Daschur-Wüste. Der plötzliche Tod Shariffes im Januar 2005 setzte seiner Arbeit ein abruptes Ende. OF DUST AND RUBIES blieb unvollendet.

Programm

THE DISLOCATION OF AMBER, Hussein Shariffe, Sudan 1975, arabische OF, 32’
Der Film zeigt die Stadt Sawakin, eine ehemals florierende Hafenstadt im Sudan. Heute liegt sie in Trümmern. Shariffe machte Gebrauch von Symbolen – Skorpionen, Muscheln und Kamelkarawanen –, um das Gefühl vollkommener Verlassenheit zu betonen. Begleitet werden die Bilder durch Gedichte, die von dem sudanesischen Sänger Abdel-Aziz Dawoud gesungen werden.
„Heute sind nur noch schwache Spuren ihres alten Wohlstands zu erkennen … eine getrübte Reflexion in einem zerbrochenen Spiegel; leere Augen mit den Sternen in einem anderen Haus, Lachen in einem anderen Raum.“ (Hussein Shariffe, 1974)

TIGERS ARE BETTER LOOKING, Hussein Shariffe, GB 1979, engl. OF, 20’
TIGERS ARE BETTER LOOKING ist eine Adaption einer Kurzgeschichte von Jean Rhys, in der Shariffe mittels poetischer Abstraktionen ein Gefühl des Exils und der Sehnsucht nach der Heimat darstellt. Der Film stellt das Heimatland, den Sudan, dem Exilland, Großbritannien, gegenüber und zeigt die große Diskrepanz zwischen Nord und Süd.

DIARY IN EXILE, Hussein Shariffe, Atteyat Al Abnoudy, Sudan 1993, OmE, 52’
Der Dokumentarfilm stellt mittels einer Kombination von Ton, Bild, Farbe und Zeugenaussagen die Zeit nach dem fundamentalistischen Militärputsch im Sudan 1989 historisch dar. Eine große Zahl von Sudanes*innen wanderte aus ihrem Land in alle Teile der Welt aus. Die überwiegende Mehrheit der Emigrant*innen ging nach Ägypten, wo der Film gedreht wurde. Er bewegt sich zwischen verschiedenen Schichten der sudanesischen Gemeinschaften dort und wirft durch persönliche Zeugnisse ein Licht auf die einfachen Lebensverhältnisse. Alle liefern Teile der Saga, alle haben in Ägypten Zuflucht gefunden. Alle träumen davon, eines Tages in den Sudan zurückzukehren.

Verfügbar ab dem 12. Dezember:
OF DUST AND RUBIES, A FILM ON SUSPENSION, Tamer El Said, Deutschland 2020, engl. OF
Eine öffentliche Podiumsdiskussion über den unvollendeten Film OF DUST AND RUBIES, das letzte Werk des sudanesischen Filmemachers, Malers und Dichters Hussein Sharrife, der 2005 verstarb, bevor er mit dem Schnitt des Films beginnen konnte. Anhand von Ausschnitten aus dem Filmmaterial stellen fünf Diskussionsteilnehmer*innen, darunter Sharrifes Tochter und einer seiner engen Mitarbeiter, verschiedene Gedanken und Fragen vor.

Talks
Begleitend zum Filmprogramm auf arsenal 3 finden unter dem Titel „Hussein Shariffe (1934–2005): Exile and homecoming between London, Cairo and Khartoum“ am Birkbeck Institute for the Moving Image eine Reihe von Online-Podiumsdiskussionen statt. Sie untersuchen die globalen Verbindungen von Shariffes Werk zu transnationalen Modernismen und zur jüngeren britischen Geschichte, die von Migration, Exil, kolonialer Gewalt und Exilheimkehr geprägt ist.

Fr 18.12. 18–19:30 Uhr
„Home and away in London: TIGERS ARE BETTER LOOKING“
Die Adaption einer Kurzgeschichte der kreolischen Modernistin Jean Rhys, die Shariffe während seiner Zeit an der National Film School in London drehte, rückt den Rassismus als Thematik in den Vordergrund. Auf den Spuren von Shariffes Reisen zwischen Khartum und London, wo er zunächst an der Slade School of Fine Art und später an der National Film School studierte, untersucht das Panel die Affinitäten und Dissonanzen, die der Film zwischen Shariffes Erfahrungen im Sudan und seinen Begegnungen mit der britischen Avantgarde und dem Experimentalfilm enthüllt.
Mit Eiman Hussein (Psychotherapeutin und Tochter von Hussein Shariffe), Liz Bruchet (University College London), Ming Tiampo (Carleton University), Clive Nwonka (Dozent für Film und Literatur, University of York), Anna Snaith (Professorin für Literatur des 20. Jahrhunderts, King's College London). Moderiert von Erica Carter (King's College London / German Screen Studies Network).

Sa 19.12. 14–15 Uhr
„The city as metaphor: THE DISLOCATION OF AMBER“

Die Hafenstadt Sawakin liegt auf einer kleinen Insel an der Küste des Roten Meeres, 800 km östlich von Khartum und nach Osten in Richtung Jeddah und Mekka ausgerichtet. Die verfallenen Korallen- und Steingebäude der Stadt erzählen Geschichten von Jahrhunderten des Handels und kosmopolitischer Reisen, aber auch von der Widerstandsfähigkeit gegenüber religiösen Konflikten, imperialer Eroberung und kolonialer Gewalt. Shariffe selbst bezeichnete den Film als „Collage historischer Ereignisse“; eine Mitarbeiterin an dem Film, die feministische Anthropologin, Dichterin und Performerin Sondra Hale, nennt ihn „eine Metapher für eine durch den Kolonialismus dezimierte Gesellschaft“. Heute ist Sondra Hale Professorin für Anthropologie und Gender Studies an der University of California, Los Angeles, und nimmt neben dem Oxforder Sozialanthropologen, Mitbegründer des Sudanese Programme und Freund von Hussein Shariffe, Professor Ahmad Al-Shahi, an diesem Panel teil. Moderation: Erica Carter.

Sa 19.12. 16–17 Uhr
„A film on suspension: OF DUST AND RUBIES“

Im August 2018 veranstaltete Archive außer sich einen zweitägigen Workshop zu Shariffes OF DUST AND RUBIES. Im Anschluss daran stellten die fünf Teilnehmer*innen (Eiman Hussein, Talal Afifi, Tamer El Said, Stefanie Schulte Strathaus und Haytham El Wardany) ihre Erfahrungen mit dem Filmmaterial auf dem Symposium Think Film im Februar 2019 der Öffentlichkeit vor. Als Ergebnis der Podiumsdiskussion realisierte Tamer El Said einen Film. In der Diskussion am 18. Dezember nimmt er Teil, um weitere mögliche zukünftige Leben von OF DUST AND RUBIES zu besprechen. Zudem sind Stefanie Schulte Strathaus, Talal Afifi (Filmkurator, Produzent, Leiter und Koordinator der Sudan Film Factory und der Hauptdarsteller in OF DUST AND RUBIES) und Shariffes Tochter, Eiman Hussein, eingeladen. Moderation: Erica Carter.

Alle Panels finden auf Englisch statt und können nach vorheriger Anmeldung hier kostenlos besucht werden.

Das Programm ist eine Zusammenarbeit zwischen Archive außer sich, dem CIRCE-Projekt des German Screen Studies Network, dem Birkbeck Institute for the Moving Image und dem Forschungsprojekt „Violence Elsewhere“ (UCL/University of York).

Marina Vlady

Vier Filme, zwei davon aus dem Archiv des Arsenals, lassen verschiedene Aspekte der Karriere und Persönlichkeit der französisch-russischen Schauspielerin Marina Vlady (*1938) anklingen – die in der ihr gewidmeten umfassenden Hommage, die coronabedingt auf 2021 verschoben werden musste, deutlicher konturiert werden.

Programm

NAINE (A Woman), Eléonore de Montesquiou, Russische Föderation 2009, OmE, 15'  
KINOZAL, Eléonore de Montesquiou, Deutschland/Russische Föderation 2010, OmE, 22'

Die beiden Filme von Eléonore de Montesquiou beschäftigen sich mit Erinnerungen an die Sowjetunion: Die titelgebende ältere Frau Naine erzählt aus ihrem Leben in der estnischen UdSSR und von ihrem Selbstverständnis als Feministin, während KINOZAL mittels Archivaufnahmen Einblicke in ein Moskauer Krugorama-Kino gibt. 1959 gebaut, zeigte es Filme, die mit elf Synchronkameras gedreht wurden, und dem Publikum in 360° eine optimistische, schöne Sowjetunion vorführten.

GLI APPUNTI DI ANNA AZZORI / UNO SPECCHIO CHE VIAGGIA NEL TEMPO (The Notes of Anna Azzori / A Mirror that Travels through Time) Constanze Ruhm, Österreich/Deutschland/Frankreich 2020, OmE, 72'
Marina Vlady setzt sich bis heute für die feministische Bewegung ein. Einer der bemerkenswertesten neueren Filme zu diesem Thema ist von Constanze Ruhm. Ihr Filmessay umkreist den Film Anna von Alberto Grifi und Massimo Sarchielli aus dem Jahr 1975 und dessen Protagonistin Anna Azzori, eine Drifterin, die Geld und Hilfe brauchte. Das Leitmotiv von Ruhms Arbeit bildet die Frage nach dem Platz und den Kämpfen von Frauen in einer Welt, die damals voller Diskriminierungen steckte, wie es heute noch der Fall ist.

SI J’AVAIS QUATRE DROMADAIRES (Wenn ich vier Dromedare hätte), Chris Marker, Frankreich 1966, OmE, 51'
Einer von Marina Vladys engsten Freunden war der Filmemacher Chris Marker, wie sie ein leidenschaftlicher Weltreisender, Erforscher der Kulturen und Menschen. Über Jahrzehnte kaum zu sehen, versammelt der Film mehr als 800 Fotografien, die Marker bei seinen Reisen durch die ganze Welt gemacht hatte. Im Off diskutieren ein vermeintlicher Amateurfotograf und seine zwei Freunde auf geistreiche, aphoristische Art diese Aufnahmen, unter anderem von einem Tiermarkt in Moskau und Kriegswaisen in Korea, und untersuchen sie auf Analogien und Differenzen zwischen den Kontinenten.

Die Nutzung von arsenal 3 kostet 11€ pro Monat. Weitere Informationen und Anmeldung hier