Juli 2021, kino arsenal

Übers Lernen – Wie sich die Gesellschaft ihre Subjekte baut

EN RACHÂCHANT, 1982

„Warum willst du nicht zur Schule gehen?“ wird der kleine Ernesto in Danièle Huillets und Jean-Marie Straubs kurzem EN RACHÂCHANT gefragt. „Sie bringen mir dort Sachen bei, die ich nicht kenne“, ist seine Antwort. Die Eltern und der Lehrer vorne am Katheder sind ratlos. Ernesto weiß aber genau, wie er trotzdem erwachsen werden und durchs Leben kommen wird. Wie es denn anders gehen könnte mit dem Lernen, der Schule, den Universitäten, den Bedingungen, unter denen das alles stattfindet, ist die Frage im Zentrum der Ausstellung „Bildungsschock“ im Haus der Kulturen der Welt (noch bis zum 11.7.), die eine Phase der Umwälzung und Neuausrichtung auf diesem Feld während der 60er und 70er Jahre beschreibt. Das Filmprogramm vom 6. bis 14.7. im Arsenal stellt dieselbe Frage und ist eine Erweiterung der Ausstellung, es handelt von den Bewohner*innen dieser alten und dann der neuen Räume, von den Konflikten und Geschichten, die sich in ihnen abspielen. Heute haben sich die Gesellschaften, besonders in Europa, verändert, sind zu Migrationsgesellschaften geworden. Die Schulen haben eine zentrale Aufgabe dazubekommen: Es geht um viel mehr als nur um die Vermittlung von Wissen, sie sind der Ort geworden, an dem sich entscheidet, ob aus Kindern glückliche Erwachsene werden können, wie die Gesellschaft der nahen Zukunft gestaltet wird, ob sie gelingt – oder scheitert.

LA PYRAMIDE HUMAINE (Die menschliche Pyramide, Jean Rouch, F/Elfenbeinküste 1961, 6.7., Einführung: Elena Meilicke) Jean Rouch lässt Schüler*innen am Lycée Français in Abidjan eine Situation (nach)spielen, in der ein neu hinzugekommenes Mädchen aus Frankreich das bisherige Gefüge der Klasse durcheinanderbringt und die Schwierigkeiten der Beziehungen zwischen den einheimischen und den französischen Jugendlichen deutlich werden lässt. Die Ebenen des Fiktionalen und des Dokumentarischen gehen ein Spiel ein, werden von den Akteur*innen reflektiert und in dieses Spiel mischt sich auch der Regisseur Jean Rouch immer wieder ein. Zusammen mit EN RACHÂCHANT (Danièle Huillet, Jean-Marie Straub, F 1982).

KARLA (Herrmann Zschoche, DDR 1965, 8.7., Einführung: Matthias Dell) Eine junge, enthusiastische Lehrerin (Jutta Hoffmann) tritt ihre erste Stelle an einem klassischen Gymnasium in der Provinz an und übernimmt eine „schwierige“ Abiturklasse. Die sozialistische deutsche Republik in diesem Sommer kann einem beinahe verzaubert vorkommen, die zarte Hoffnung auf Veränderung und die Möglichkeit dazu scheint in der Luft zu liegen. Aber das 11. Plenum des ZK der SED beschloss eine radikale Kehrtwende der Kulturpolitik. Von den 14 Filmen der Jahresproduktion der DEFA wurden zwölf verboten und landeten im Keller, KARLA war einer von ihnen.

ICH BIN EIN ELEFANT, MADAME (Peter Zadek, BRD 1969, 7.7., Einführung: Claudia Lenssen) „Einer der ersten großen Kinosoundtracks zu Straßenkampf und Studentenrevolte. Bei der späteren Theaterikone Zadek verschmolz Rebellion mit Agitprop, Cinétract, Provo-Comedy und grellen Godard-Spasseken zum Anarchofeuerwerk schlechthin. Schüler Rull, gleichermaßen angepisst von den verkappten Nazilehrern wie von den Pseudorevoluzzern in seinem Gymnasium, löst mit einem Swastika-Graffiti eine große Klassenkampfrandale aus.“ (Paul Poet)

IF … (Lindsay Anderson, GB 1968, 7.7.) über eine Revolte an einem englischen Internat zeigt den Veränderungsdruck im autoritär erstarrten -britischen Schulsystem auf – und kommt zu drastischen Lösungen, wenn die rebellierenden Schüler im Keller ein Arsenal mit Waffen finden. „Jedes Bild brennt mit einer Wut, die sich nur befriedigen lässt durch die Vorstellung eines apokalyptischen Umsturzes all dessen, was der britischen Mittelschicht wichtig ist.“ (Jamie Russel)

PASSE TON BAC D’ABORD (Mach erst mal Abitur, Maurice Pialat, F 1978, 9.7., Einführung: Rainer Knepperges) handelt von Jugendlichen in der nordfranzösischen Provinz, die sich auf ihre Abiturprüfung vorbereiten – oder auch nicht vorbereiten, denn nur wenige wissen, wie es nach der Überschreitung der Schwelle zum Erwachsenenleben weitergehen soll. Der Film begleitet sie beim Herumhängen und ihren überschaubaren Konflikten: mit den Eltern, über Liebe und Sex und den richtigen Musikgeschmack. Eines der großen Geheimnisse Pialats, schreibt Glenn Kenny, ist, wie der direkte Blick auf das Banale einen so rätselhaften und reichen Schatz an Erkenntnissen hervorrufen kann.

UN FILM DRAMATIQUE (A Dramatic Film, Eric Baudelaire, F 2019, 9.7.) macht nach PASSE TON BAC D’ABORD einen Sprung um 40 Jahre nach vorne – und stellt sich die grundlegende Frage: Um was geht es eigentlich? Baudelaire gab einer Gruppe von Schüler*innen Videokameras in die Hand und die Aufgabe, über den Zeitraum von vier Jahren einen Film über sich selbst zu machen. „Wie die Kinder ins Filmen kommen, kommen sie auch langsam ins Denken. Dass ein Film auch sich selbst in elementaren Begriffen derart treffend hinterfragen kann, kommt selten vor.“ (Olga Baruk)

PLEMYA (The Tribe, Myroslav Slaboshpytskiy, Ukraine 2014, 10.7., Einführung: Bert Rebhandl) Eine Schule in der postsowjetischen Ukraine als Ort des Abgrunds: Der Teenager Sergej kommt in ein Internat für Gehörlose und muss sich dort in einer Welt der nächtlichen Raubzüge und Zwangsprostitution bewähren. Kein Wort wird gesprochen in diesem Film, was nicht der einzige Grund für seine gewaltige immersive Kraft ist.

ELEPHANT (Gus Van Sant, USA 2003, 11.7., Einführung: Christina Vagt) Die somnambul schwebende Kamera folgt den Schüler*innen durch lange Flure in lichtdurchflutete Räume und über offene Campus-Landschaften, begleitet von subtilen Soundscapes von Hildegard Westerkamp. Immersion auch hier. Die Ideen der Schulreformer und Architekten der 70er scheinen alle umgesetzt, bedrohlich wird die Szenerie alleine dadurch, dass wir wissen, dass der Film an das Columbine-Massaker von 1999 angelehnt ist. Und dass wir nach Hinweisen suchen. Sehr bewusst verweigert Gus Van Sant jede schlüssige Erklärung.

AT BERKELEY (Frederick Wiseman, USA 2013, 12.7.) Wenn ELEPHANT die Oberflächen erkundet, so taucht Frederick Wiseman mikroskopisch tief in die Räume und Strukturen einer US-amerikanischen Elite-Uni ein. Wisemans Methode, die Zuschauer*innen unvermittelt in Situationen hineinzuwerfen, nicht selten auch in die komplexen Entscheidungsprozesse der Verwaltung (wenn es beispielsweise um Studiengebühren oder um die Benachteiligung schwarzer Studierender bei der Zusammensetzung der Fachgruppen geht) und sie nicht dramatisch aufzuarbeiten oder abzukürzen, fordert die Schaulust, Intelligenz und auch die Geduld heraus.

SWAGGER (Olivier Babinet, F 2016, 13.7.) Als „Wunderwerk eines Films“ beschreibt „Les Inrockuptibles“ Babinets Film über die Jugendlichen in Aulnay-sous-Bois in der Banlieue von Paris. Sie sind alles andere als die Opfer der Biografien ihrer Eltern und der Topografie ihres Wohnortes. Sie sprechen in die Kamera und erzählen – aber nicht nur – und ob das überhaupt noch als ein Dokumentarfilm zu bezeichnen ist, ist die Frage. Immer wieder bricht er aus ins Fiktionale, verleiht seinen Protagonist*innen einen beträchtlichen Glam – aber auch das ist vielleicht der falsche Begriff. „Swagger“ bezeichnet eine selbstbewusste Lässigkeit.

PREMIÈRES SOLITUDES (Claire Simon, F 2018, 13.7., Einführung: Esther Buss) Begonnen als dokumentarische Recherche für einen kurzen Spielfilm, entwickelte sich aus den Dreharbeiten ein intimes Porträt einer Schulklasse aus einem Pariser Vorort. „Simon konzentriert sich auf die Flure, Treppenhäuser, Bänke und Dächer, die an einem französischen Gymnasium zu Schauplätzen der philosophischen Gespräche zwischen Jugendlichen werden. Sie sprechen über Geldsorgen, Krankheiten, Einsamkeit, die Scheidung der Eltern. Werden wir es besser machen als unsere Eltern? (Anne Küper)

HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE (Maria Speth, D 2021, 14.7., zu Gast: Maria Speth) Stadtallendorf in Hessen, Industriestandort. Eine Schulklasse mit Kindern, die sich nicht ganz sicher sind, ob sie hier hingehören. Sie sind zwar hier geboren, aber sich in Deutschland beheimatet zu fühlen, fällt ihnen schwer. Und Herr Bachmann, ein Lehrer, der nie Lehrer sein wollte – und schon bald nicht mehr ist. Gegenwart, eine Utopie auch. Cinéma vérité allemand. (lb)

Die Filmreihe wurde kuratiert von Ludger Blanke. In Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt. Gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.