Mai 2009, kino arsenal

Sehnsuchtswelten - Das Kino von Werner Schroeter

NUIT DE CHIEN, 2008

Seit vier Jahrzehnten ist er eine singuläre Erscheinung in der deutschen Filmlandschaft: Werner Schroeter, dessen Werk wir mit einem Querschnitt von 13 Filmen durch all seine Schaffensperioden würdigen. Zur Kunst kommt Werner Schroeter früh. Als Jugendlicher entdeckt er Maria Callas, deren zeitauflösende Intensität er später in seinen Filmen zu beschwören sucht. Er beginnt in den späten 60er Jahren mit experimentellen Super-8-Filmen, nachdem er nur wenige Wochen lang an der Münchner Filmhochschule studiert hat. 1967 reist er zum Experimentalfilmfestival ins belgische Knokke, das ihm wichtige Impulse und die Vorstellung einer von allen Zwängen freien Ästhetik verschafft. Sein erster langer Film EIKA KATAPPA bringt ihm 1969 den Josef-von-Sternberg-Preis beim Internationalen Filmfestival Mannheim und bahnt ihm den Weg zu seiner künftigen Laufbahn.

Schroeter ist ein Filmemacher aus Leidenschaft. Seine radikale Gegenposition zum Konventionellen erlaubt es ihm, auf der Leinwand eine imaginäre Welt zu schaffen, die neue Wahrnehmungs- und Erfahrungsräume eröffnet. Mit opernhafter Theatralität und exzessiver Fülle der Ausdrucksmittel bringt Schroeter ausufernde Visionen seiner zentralen Motive auf die Leinwand: die großen, die totalen Gefühle, das Leben, die Liebe und den Tod. Ein existenzielles Filmemachen, das die Kunst als Notwendigkeit des Lebens sieht.

Über 30 Filme hat Schroeter im Verlauf seines Lebens gedreht, dazu seit den 70ern Theaterstücke und Opern inszeniert. Und er ist weiterhin hoch produktiv: Sein letzter Film NUIT DE CHIEN feierte letztes Jahr in Venedig Premiere, wo Schroeter auch den Preis der Jury für sein Lebenswerk bekam.

Wir beginnen unsere Reihe mit POUSSIÈRES D'AMOUR (Abfallprodukte der Liebe, D/F/GB 1996, 15.5., in Anwesenheit von Werner Schroeter, & 30.5.) In der Abbaye de Royaumont unweit von Paris hat Schroeter für jeweils ein, zwei Tage seine liebsten Sängerinnen und Sänger eingeladen, große Meister ihres Faches, sie Arien singen lassen und sie befragt über das Leben, die Liebe, den Tod und die Musik. Eine Inszenierung der Kunst und des Lebens, die ohne Leidenschaft und Hingabe nicht zu denken sind. "Der Titel des Films basiert auf der sehr persönlichen Überzeugung, dass alles, was wir mit der Stimme ausdrücken, das Produkt unserer Suche nach einer größeren Annäherung mit dem Anderen, nach Liebe und sämtlichen denkbaren Liebesfähigkeiten ist." (Werner Schroeter)

NEURASIA (BRD 1968, 16. & 24.5.) ist ein Stummfilm mit Musik mit Carla Aulaulu und Magdalena Montezuma in den Hauptrollen. "NEURASIA ist ein Paradies der rasenden Gebärden. Ein Lunapark der Gefühle. In schwarz-grauer Bühnen-Bildfläche stellen sich unendlich wiederholbare Partikel musikalischer und melodramatischer Exaltation, extrem retardierte Gebärden von Anbetung, Liebe, Verzweiflung, Religion, Wahnsinn und Tod dar." (Sebastian Feldmann)

Der Film läuft zusammen mit dem halbstündigen ARGILA (BRD 1968, 16. & 24.5.), dessen Prinzipien Wiederholung, Doppelung und Spiegelung sind. Es ist eine Doppelprojektion in schwarz-weiß und Farbe, die mit einem Liebes- und Eifersuchtsgeschehen beginnt (links in schwarz-weiß) und Carla Aulaulu, die zu einem Lied Playback singt (rechts in Farbe). Kaum ist das Lied zu Ende, ist die vorher links gezeigte Szene in Farbe in der rechten Bildhälfte zu sehen. Ein Assoziationsraum tut sich auf: Musik von Caterina Valente und Verdi, Sätze von Lautréamont, das Durchdeklinieren von verschiedenen Personenkonstellationen, Farbe und schwarz-weiß, Ton- und Stummfilm.

EIKA KATAPPA (BRD 1969, 21. & 29.5.) ist ein theatralischer Ausbruch, ein Überschwang an Bildern, Tönen, Schauplätzen, Stimmungen und Stilen. Eine Collage, die sich Bildern und Mythen aus Religion und Oper bedient, den Nibelungen-Mythos auf italienisches Opern-Pathos treffen lässt, das Erhabene neben das Alltägliche stellt und so tut, als ob es keinen Unterschied zwischen den beiden gibt, kurz, ein karnevalistischer Reigen.
"Es ist eine Sammlung assoziativer Bilder und Töne aus meiner Lebenswelt. Es ist eine Art freies Kompendium, ein dramaturgisches Konzept gab es erst im Schnitt. Ganz wichtig für mich war die Auseinandersetzung mit meinen beiden Hauptdarstellerinnen Magdalena Montezuma und Carla Aulaulu." (Werner Schroeter)

Ein in den USA gedrehtes Melodram (das ursprüngliche Projekt und Zweck der Reise in die USA war ein Film über Marilyn Monroe) folgt mit WILLOW SPRINGS (BRD 1972, 18. & 20.5.). Drei Frauen (Magdalena Montezuma, Christine Kaufmann, Ila von Hasperg) leben in der kalifornischen Wüste in staubiger und schäbiger Abgeschiedenheit. Jedem Mann, der in das verlassene Nest kommt, wird aufgelauert, um ihn zu töten. Jeder Eindringling, der diese Einsamkeit zerstören könnte, wird mit dem Tod bestraft. "Die (äußere) Realität ist Ausgangspunkt irrealer Reisen auf der Emotionsvertikalen. Text macht Sinn, wenn er als Geste erfahrbar wird." (Dietrich Kuhlbrodt)

REGNO DI NAPOLI (Neapolitanische Geschwister, I/BRD 1978, 23.5.) erzählt in "16 charakteristischen Sequenzen" die Geschichte einer Familie in einem armen Viertel von Neapel. Von 1943 bis 1972 werden die Lebensläufe vor allem der zwei Geschwister Massimo und Vittoria geschildert und mit Zeitereignissen und dokumentarischem Bildmaterial kontrastiert. Die Quintessenz der drei Jahrzehnte umspannenden Familiengeschichte: Trotz Machtwechsel ändert sich nichts an der Armut des neapolitanischen Proletariats. Der erste Film Schroeters, der einer narrativen Chronologie folgt, ist stilistisch vom italienischen Neorealismus beeinflusst, doch es ist ein Realismus, den Schroeter mit der ihm eigenen Bildpoesie angereichert hat. "Die Realität erscheint bei Schroeter oft in grotesker Zuspitzung, in allegorischer oder poetischer Ausschmückung. Insofern steht auch dieser Film in der Tradition früherer Filme des Regisseurs; auf der anderen Seite spricht aus REGNO DI NAPOLI die Liebe zu den unmittelbaren Aspekten neapolitanischer Realität: für reale Dekors, für den Gestus des Alltags, für den Dialekt, für den Ausdruckswert von Gesichtern ‚aus dem Volk‘." (Ulrich Gregor)

PALERMO ODER WOLFSBURG (CH/BRD 1980, 17. & 28.5.) Der junge arbeitslose Sizilianer Nicola verlässt seinen Heimatort, um in naiver Hoffnung in Wolfsburg Arbeit und Glück zu suchen. Der Kontrast ist schon im Titel abzulesen: das warme, zärtliche Palermo und das kalte, düstere Wolfsburg, dessen Mangel an Licht und Menschlichkeit Nicola zum Schweigen bringt. Er lernt eine junge Frau kennen, die ihn verletzt, worauf er sich grausam rächt und einen Mord begeht. In der Gerichtsverhandlung, die sich zur Groteske steigert, verwischen sich die Grenzen zwischen Traum und Realität. Nicolas Schweigen vor Gericht erzählt von der Unvereinbarkeit der Kulturen. PALERMO ODER WOLFSBURG gewann 1980 den Goldenen Bären der Berlinale.

DIE GENERALPROBE (BRD 1980, 25. & 27.5.) ist ein sehr persönlich gefärbter dokumentarischer Bericht vom Theaterfestival in Nancy. Künstler wie Pina Bausch, Pat Olesko und Kazuo Ohno werden in ihrem Schaffen gezeigt, in das sich Schroeter voller Leidenschaft hineinbegibt. "Schroeter sucht die Gemeinsamkeit der fremden und mit den eigenen Nummern heraus, und er erklärt seine Liebe. Das ist wörtlich zu verstehen. Das Je t'aime gibt dem Film die repetitive Struktur. Die Liebeserklärung gilt dem Clochard, dem alten Mann, dem schönen jungen Marokkaner Mostefa Djadjam und der starken Persönlichkeit Catherine Brasier. Pina Bauschs Tanz gibt dem Rückzug in die Dimension der Innenwelt die expressive Antwort: Liebe und Wahrheit versprechen Rettung, für jeden Tag." (Dietrich Kuhlbrodt)

"WEISSE REISE (Schweiz 1980, 27. & 31.5.) verfilmt das Skript "Die Matrosen dieser Welt", das er im Juni 1972 in der Zeitschrift "Filmkritik" veröffentlicht hatte. Das Budget von 70.000 Schweizer Franken erlaubt eine Drehzeit von sieben Tagen – in der Schweiz. Motiv ist ein Privathaus. Das Land wird nicht verlassen, soviel auch von fremden Ländern und Meeren die Rede ist. Die Reise ist auf der Heimbühne zu fixieren. Den Titel gibt eine Eisenbahnfahrt. Schroeter hielt auf der Fahrt nach Zürich die Kamera aus dem Fenster und filmte den sehr weißen Schnee, der auf die sehr dunkle Landschaft fiel. Die autobiographische Schneespur folgt den Spuren des Matrosenliebespaars. Die Gleise nach Zürich gehen gleichsam in die weiße, schaumige, lange Kielspur des Schiffes über, das die Liebenden in dunkle Weiten führt: in den Liebestod. Aus Biographischem, Dokumentarischem, Kino-, Lese- und Theatererfahrung reichert sich der Film an. Er bewegt sich auf tausend Plateaus: Er fährt wie ein wahnsinniger Fahrstuhl auf der Senkrechten gleichzeitig nach oben und unten. Neben Hölderlins "Aber silbern an reinen Tagen" werden die Rock- und Pop-Texte "At the time you'll get this letter" und "Should I tell him" zitiert. Zu hören ist die Stimme von Bulle Ogier. Sie spricht alle Personen des Films, halb ironisch, halb ernsthaft, im Tonfall eines vertraulichen Bekenntnisses." (Dietrich Kuhlbrodt)

DER ROSENKÖNIG (BRD/Portugal/F/NL 1986, 22. & 24.5.) Auf einem einsamen portugiesischen Landgut widmen sich Anna (Magdalena Montezuma in ihrem letzten Film kurz vor ihrem Tod) und ihr 20 jähriger Sohn Albert der Rosenzucht. Allmählich verfallen sie einer tödlichen Obsession, der Rosenveredelung. Alberts fanatische Suche nach der idealen Rose verschmilzt mit der Liebe zu einem jungen Dieb, der sich ihm willig hingibt, bis zum letzten Akt, dem Lustmord, in dem dem begehrten Körper Zuchttriebe eingepflanzt werden.

"Euphorie und Maßlosigkeit sprengen in Schroeters Film auch die Grenzen der bürgerlichen Ästhetik. In die Welt der Musik (der Oper) und in die Welt der Bilder, der Gesten und des Lichts (der Kamera) tritt Archaisches, Gewalttätiges, Triviales und Mythisches. Die Sehnsucht als seelische Bewegung: für Schroeter genügt sie sich nicht selbst, und er teilt das lebhafte Gefühl des Ungenügens an der Welt mit dem erotischen und religiösen Menschen zugleich." (Dietrich Kuhlbrodt)

MALINA (D/Österreich 1991, 16. & 25.5.) Eine namenlose Schriftstellerin, die mit einem Mann namens Malina zusammenlebt, wird durch die Begegnung mit einem jungen Ungarn in einen emotionalen Strudel gerissen. Sie stürzt sich in eine maßlose, absolute, leidenschaftliche Liebe, an der sie schließlich zugrunde geht. "Weil es uns nur gemeinsam geben kann oder gar nicht", löst sich die von Isabelle Huppert gespielte Frau allmählich auf, wird Gefangene ihrer (Alp-)Träume und ihrer Wohnung, in der Manuskripte und Briefe in Flammen gesetzt werden. Das nach dem gleichnamigen Roman von Ingeborg Bachmann adaptierte Drehbuch von Elfriede Jelinek inszeniert Schroeter mit der Radikalität der Gefühle und des Leidens.

In DEUX (F/D/Portugal 2002, 18. & 30.5.) arbeitete Schroeter zum dritten Mal nach POUSSIÈRES D'AMOUR und MALINA mit Isabelle Huppert zusammen. Sie verkörpert in einer Doppelrolle die adoptierten Zwillingsschwestern Magdalena und Maria, die getrennt voneinander aufwachsen und nichts von der Existenz der anderen wissen. Während Maria noch bei ihren Eltern lebt und in einer Kunstgalerie arbeitet, lässt Magdalena sich durch das nächtliche Marseille treiben. Die "surrealistische Autobiografie" kondensiert in ihrer höchst fragmentarischen Form das stilistische und thematische Universum Werner Schroeters.

NUIT DE CHIEN (Diese Nacht, F/D/Portugal 2008, 20. & 31.5.) ist die nachttrunkene, düster-apokalyptische Vision einer Todesgesellschaft. Nach einer Erzählung des uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti erzählt der in Porto ausschließlich bei Nacht gedrehte Film von der unmöglichen Flucht aus einer fiktiven Folterdiktatur. "Es kommt nicht oft vor, dass ein neuer Film wie ein unbekannter Klassiker wirkt. Wie ein Werk, das es immer schon gegeben haben müsste und das uns sein Fehlen doch erst im Augenblick seines Erscheinens bewusst macht. Und die Sehnsucht nach einem verlorenen Kino, die Werner Schroe ters meisterhafter neuer Film NUIT DE CHIEN weckt, ist noch lange nicht gestillt, wenn sich der Vorhang wieder geschlossen hat." (Daniel Kothenschulte)

Eine Reihe von Gesprächen und Einführungen begleitet die Filme: Wolfgang Theis, Kurator des Schwulen Museums, spricht über WILLOW SPRINGS (17.5.), Ralph Eue über MALINA (16.5.), Dietrich Kuhlbrodt ist am 22.5. im Gespräch mit Werner Schroeter, und am 29.5. werden Ulrike Ottinger und Gertrud Koch mit Werner Schroeter über seine Arbeit und den Film EIKA KATAPPA diskutieren.

Mit Dank an Monika Keppler und Frieder Schlaich.