September 2009, kino arsenal

Winter adé – Filmische Vorboten der Wende

WOZU ÜBER DIESE LEUE EINEN FILM?, 1980

Im Umfeld zahlreicher Veranstaltungen anlässlich des 20. Jubiläums des Falls der Mauer am 9. November 1989 widmen wir uns mit der Präsentation des Programms "Winter adé – Filmische Vorboten der Wende" Filmen aus Osteuropa und Deutschland, entstanden im letzten Jahrzehnt des Kalten Kriegs, die nicht nur kritische Zeugnisse der Erstarrung überholter, politischer Systeme sind, sondern vielmehr eine Ahnung des kommenden Wandels und Umbruchs vermitteln. Verbindendes Element der Filme ist die große Sensibilität, mit der sie die Befindlichkeit in der jeweiligen Gesellschaft erfassen und ihre Hoffnung auf eine politische Öffnung. Wir freuen uns, zahlreiche Regisseure der in der Reihe vertretenen Filme anlässlich der Aufführung begrüßen zu können. Die Filmreihe wurde von der Kulturstiftung des Bundes und der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen initiiert, von Claus Löser kuratiert und ist zeitgleich im BrotfabrikKino zu sehen. WINTER ADÉ (Helke Misselwitz, DDR 1988, 8.9., zu Gast: Claus Löser, Helke Misselwitz, Rainer Rother) Offen und unverblümt sprechen Frauen unterschiedlichen Alters und gesellschaftlicher Zugehörigkeit von ihren Hoffnungen, Sehnsüchten und Enttäuschungen. Vor dem Hintergrund ost-deutscher Landschaften und Architekturen – der Film begibt sich auf die Reise von Zwickau bis an die Ostsee – entsteht ein unmittelbarer Eindruck des Lebens und der Stimmung in der DDR – ein Jahr vor dem Zusammenbruch.

ÜBERALL IST ES BESSER, WO WIR NICHT SIND (Michael Klier, BRD 1988, 11.9., zu Gast: Michael Klier) Warschau – West-Berlin – New York, Heimatlosigkeit als Normalzustand. Der Lebenstraum des jungen Jerzy aus Warschau ist die Übersiedlung nach New York. Der komplizierte Weg in den "Goldenen Westen" führt zunächst nach West-Berlin, in die Halblegalität. Als er Ewa wiedertrifft, findet er für kurze Zeit aus seiner Resignation hinaus. "Voller schwarzem Humor, poetisch und pragmatisch, von Trauer und einer aberwitzigen Hoffnung gehalten, wie seine Protagonisten." (Heike Kühn)

KROTKI FILM O ZABIJANIU (Ein kurzer Film über das Töten, Krzysztof Kieslowski, Polen 1987, 12.9.) Drei aufeinanderzulaufende Geschichten krei-sen um den 20-jährigen Jacek, der ohne ersichtlichen Grund einen Taxifahrer ermordet, von der Polizei gefasst und zum Tode verurteilt wird. Diese schonungslose, schockierende Studie der Gewalt begründete den Weltruhm des polnischen Regisseurs.

PANELSTORY ANEB JAK SE RODÍ SÍDLISTE (Geschichte der Wände, Vera Chytilová, ČSSR 1979, 13.9.) Splitter aus dem Leben der Bewohner einer im Bau befindlichen Neubausiedlung am Rande von Prag. Als Opa Honda anreist, um die Kinder zu besuchen, die gerade auf die Großbaustelle gezogen sind, wird der Alltag zwischen Betonmischer und Schlammgrube für alle Beteiligten noch schwieriger. Ein Neubaugebiet als urbane Keimzelle. Vorfilm: IOANE CUM E LA CONSTRUCII? (Ion, wie steht es mit dem Bau?, Sabina Pop, Rumänien 1983) Bissig ironisches Porträt einer Gruppe von Bauarbeitern.

WOJNA SWIATÓW. NASTEPNE STULECIE (Krieg der Welten. Nächstes Jahrhundert, Piotr Szulkin, Polen 1981, 15.9.) Kurz vor Verhängung des Kriegsrechts in Polen im Dezember 1981 fertiggestellter Science Fiction um eine Gruppe Marsianer, die auf der Erde landet und der sich die Bevölkerung eilfertig unterwirft. Einzig der berühmte Moderator Idem passt sich nicht an und ist daraufhin zahlreichen Repressalien ausgesetzt. Als deutliche Analogie auf das damalige Polen und den Alltag in einer Diktatur wurde der Film sofort verboten.

A KIS VALENTINÓ (Der kleine Valentino, András Jeles, Ungarn 1979, 16.9.) Surreal-dokumentarisches Spielfilmdebüt, das einen Tag im Leben des 20-jährigen László skizziert. Erst zögerlich, bald sorgloser, letztlich jedoch gleichgültig, gibt er im Laufe des Tages eine größere Summe Geld aus, das er für seine Kooperative zur Bank bringen sollte. Nach ziellosen Streifzügen um und durch Budapest stellt er sich. Ein surrealer Traum, der einer inneren Logik und eigenen Gesetzen folgt.

KUTYA ÉJI DALA (Nachtlied des Hundes, Gábor Bódy, Ungarn 1983, 17.9., zu Gast: Veruschka Baksa-Soós) Eine postmoderne Vivisektion der ungarischen Gesellschaft, überbordend inszeniert. Das polyphone Epos erzählt mehrere Geschichten gleichzeitig, die sich kreuzen und verzweigen, um dann unerwartete Richtungen einzuschlagen. Eine zentrale Gestalt ist ein Pfarrer (gespielt vom Regisseur Gábor Bódy), der nach der Ankunft in seiner neuen Landgemeinde die Mikrostruktur des kleinen Dorfes durcheinanderbringt.

AZ, GRAFINYATA (Ich, die Gräfin, Petar Popzlatev, Bulgarien 1989, 20.9.) Bulgarien 1968: am Rande der Weltfestspiele der Jugend wird Sybilla, "die Gräfin", aufgrund ihres freizügigen Lebensstils verhaftet. Für sie beginnt ein leidvoller Weg durch staatliche Institutionen, in denen sie "umerzogen" werden soll. Überraschend offen demaskiert der Film die Bevormundung der Bevölkerung durch den Staat.

TANCZACY JASTRZAB (Tanzender Habicht, Grzegorz Królikiewicz, Polen 1977, 21.9.) Überraschende Bilder, stakkatoartige Montage und aberwitzige Handlungskonstellationen: ein Film von großer experimenteller Verve, der jedoch immer wieder zum Handlungsverlauf zurückfindet: Um den Preis der totalen Verleugnung seiner Herkunft und Familie kann Bauernsohn Michal in der Stadt studieren und Karriere als Funktionär machen.

JADUP UND BOEL (Rainer Simon, DDR 1981/88, 23.9., zu Gast: Rainer Simon, Erika Richter) Sieben Jahre verboten und erst im Sommer 1988 in wenigen Studiokinos der DDR verschämt gezeigt: Das Porträt einer erstarrten Kleinstadtgesellschaft, die nicht in der Lage ist, mit ihrer Geschichte umzugehen. Genosse Jadup wird durch Zufall mit einem unbewältigten Kapitel seiner Vergangenheit konfrontiert. Sein damaliges Versagen nimmt er nun zum Anlass, die Gegenwart kritisch zu hinterfragen. Ein vielschichtiger Film, mit "surrealen Intervallen, ironischen Marginalien, Doppelbödigem, Verschmitztem". (Fred Gehler)

TSCHUTSCHELO (Die Vogelscheuche, Rolan Bykow, UdSSR 1983, 25.9.) Vor dem Hintergrund einer idyllischen Kleinstadt spielt diese bittere Geschichte vom erzwungenem Erwachsenwerden der jungen Lena, die als "Neue" systematisch von ihren Klassenkameraden gemobbt und Opfer kollektiver Gewalt wird. Dennoch gelingt es ihr, die persönliche Integrität zu wahren.

IGLA (Die Nadel, Raschid Nugmanow, UdSSR 1988, 26.9.) Ein Schlüsselwerk der kasachischen "Neuen Welle" und der erfolgreichste sowjetische Perestroika-Film überhaupt: am ausgetrockneten Ufer des Aralsees und in Alma-Ata kämpft Moro gegen die lokale Drogenmafia. Die Darsteller dieses originellen Zeugnisses der Umwälzungen in der Sowjetunion stammen zum großen Teil aus der sowjetischen Underground-/Rockmusikszene und wurden in der Folge des Films zu nationalen Superstars.

Experimentalfilm-Programm (27.9., zu Gast: Claus Löser, Ramona Koep-pel-Welsh, Thomas Werner) Sieben Kurzfilme geben Einblicke in ge-schlossene totalitäre Systeme, in denen Freiheiten keine Chance haben. Gewalt, Punkmusik und Ironie durchbrechen die absurde Gleichförmigkeit. Wir zeigen: EIN-BLICK (Gerd Conradt, BRD 1986), Z MOJEGO OKNA (Aus meinem Fenster, Józef Robakowski, Polen 1978–2000), TRABANTOMANIA (János Vetö, Ungarn 1982), ZESTOKAJA BOLEZU MUSICIA (Die brutale Krankheit der Männer, Igor und Gleb Alejnikow, UdSSR 1987), LESORUB (Holzfäller, Jewgeni Jufit, UdSSR 1985), SANCTUS, SANCTUS (Thomas Werner, DDR 1988) und KONRAD, SPRACH DIE FRAU MAMA… (Ramona Koeppel-Welsh, DDR 1989).

Das Animationsfilm-Programm (29.9.) vereint international preisgekrönte Filme über individuelles Erleben, das Gleichgewicht, Kommunikationsverlust und vergebliche Ausbruchsversuche. Es laufen: SKAZKA SKAZOK (Die Geschichte der Geschichten, Juri Norstein, UdSSR 1979), MOŽNOSTI DIALOGU (Möglichkeiten des Dialogs, Jan Švankmajer, ČSSR 1982), EINMART (Lutz Dammbeck, DDR 1981), TANGO (Zbigniew Rybczynski, Polen 1981).
Filme der HFF "Konrad Wolf" (30.9., zu Gast: Hannes Schönemann, Thomas Heise) SONNABEND, SONNTAG, MONTAG FRÜH (Hannes Schönemann, 1979) und WOZU ÜBER DIESE LEUE EINEN FILM? (Thomas Heise, 1980). Ein Porträt über Jugendliche in der norddeutschen Provinz und eines über das kleinkriminelle Milieu in Ost-Berlin, beide eingefangen in kühnem cinéma-vérité-Stil.