Mai 2010, kino arsenal

Archiv möglicher Zukunft (II)

COOPERATIVE, 2008

Die Erinnerung an die eigene koloniale Vergangenheit ist in Deutschland nur schwach ausgeprägt, die gängige Form der Archivierung ist die Verdrängung. Wie lässt sich dagegen ein Archiv schaffen, das aktiv erinnert, auch an die Geschichte des Widerstands und mit dem auch eine mögliche Zukunft gedacht werden kann? Kino spielt hierbei eine besondere Rolle: als kollektives Gedächtnis, als Ort der Vermittlung und der Aktualisierung von Geschichte in der Gegenwart. Kino und Kolonialismus sind auch historisch miteinander verbunden, insbesondere in Deutschland war das Kino Ort für Kolonialfantasien. Kino ist aber immer auch widerspenstig. Welches Kino entsteht wo, wie wird es gemacht und wie wird es gesehen? Was heißt hier Zentrum, und was Peripherie?

Brigitta Kuster und Moise Merlin Mabouna arbeiten seit 2002 gemeinsam an einem filmischen Rechercheprojekt in verschiedenen "Kapiteln". Sie zeichnen Landschaften der Gegenwart und der Erinnerung, die zwischen Schauplätzen in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Kamerun und der Schweiz oszillieren und entwickeln Ansätze einer transkontinentalen Geschichtserzählung (2006–1892 = 114 ANS/JAHRE, D/Kamerun 2006, À TRAVERS L'ENCOCHE D'UN VOYAGE DANS LA BIBLIOTHÈQUE COLONIALE. NOTES PITTORESQUES, D 2009). Der Titel von Raphaël Griseys Video COOPERATIVE (F 2008) bezieht sich zum einen auf die 1976 in Mali gegründete agrikulturelle Kooperative Somankidi Coura, zum anderen auf die Zusammenarbeit mit Bouba Touré, Fotograf, ehemaliger Filmvorführer und einer der Gründer der Kooperative. Das Video 58 RUE TROUSSEAU, PARIS FRANCE (F 2008) drehte Touré in seiner Pariser Wohnung. Die Wände sind voller Fotografien, Poster und persönlicher Erinnerungen, die verbunden sind mit zahlreichen politischen Kämpfen der letzten 50 Jahre. (7.5.)

Im selben Zeitraum, in dem der kolonisierte Maghreb als Filmdekor erschlossen wurde, begann der Filmemacher, -techniker und Produzent Mohamed Osfour (1927–2005), abseits der vorgezeichneten Wege Stummfilme zu realisieren, deren Aufführungen er live mit Ton untermalte. Die erste Fassung von IBN AL GHABA/L'ENFANT DE LA JUNGLE (Marokko 1941–43) stellte er als 14-Jähriger fertig. Die Tarzan-Geschichte wird darin mit all ihren kolonialen Attributen wie Tropenhelm, Marterpfahl und Len-denschurz verkörpert. In AMOK L'INVINCIBLE (Marokko 1954) kreuzen sich Goldgräbermythen mit kolonialer Tropenmelancholie, Indianerfantasien mit afrikabezogenen Primitivismen und bereiten eine Art "dritten Raum", der das Genre des Abenteuerfilms überraschend öffnet. Osfour selbst ist Hauptdarsteller in der Rolle Amoks, des Unbesiegbaren. Wir sind dem Centre Cinématographique Marocain (CCM) zu besonderem Dank verpflichtet.

Einen vergleichbar passionierten Filmemacher heutiger Zeit porträtiert Nejib Belkhadi in VHS KAHLOUCHA (Tunesien 2006). Moncef Kahloucha bezieht seine gesamte Nachbarschaft in Sousse in seine Filmprojekte ein. Die fertigen VHS-Bänder kommen wiederum ins Gepäck der Migrationsrouten und so wird nicht nur erfinderische Hingabe zum Kino gezeigt, sondern nebenbei auch der Findigkeit der Bewegungen der Migration Tribut gezollt. (9.5.)
Mit Dank an das Festival Theaterformen Braunschweig 2010, in dessen Rahmen die umfassendere Filmreihe "Archiv möglicher Zukunft" entstanden ist, die dort vom 21.4.–26.5. gezeigt wird. (Nanna Heidenreich)

Achtung: Aufgrund von Versandschwierigkeiten müssen die Filme Ibn al Ghaba/L'enfant de la jungle und Amok l'invicible auf den 15.5, 18.15 Uhr verschoben werden.