Juni 2010, kino arsenal

Gefährliches Kino?

FLAMING CREATURES, 1963

"Filme im Konflikt mit Gesetz, Geld und Gesellschaft", lautet das diesjährige Thema des Kolloquiums der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen. Restriktive Maßnahmen wie Zensur und Altersbeschränkungen begleiten den Film seit seiner Geburtsstunde und belegen sein – tatsächliches oder vermutetes – Gefahrenpotenzial. Beispiele aus mehr als 100 Jahren Filmgeschichte geben Aufschluss über Wandelbarkeit und Kontinuität von Zensurentscheidungen mit ihren nicht zu unterschätzenden Auswirkungen auf Filmgeschichtsschreibung sowie Produktions- und Distributionspraktiken. Strafrechtliche Verbote, Jugendschutzgesetze und Zugangsbeschränkungen erweisen sich bis heute häufig genug als juristischer Ausdruck gesellschaftlicher Tabus. So legen die stets erneut aufflammenden Diskussionen darüber, was mit welchen Mitteln zu welchem Zweck dargestellt werden darf, vor allem die sich wandelnden Normen einer Gesellschaft offen. Umgekehrt ist die visuelle Provokation und Tabuverletzung ein wesentlicher Bestandteil filmischer Produktion und stellt für bestimmte Genres geradezu eine Existenzbedingung dar. Welche Funktion erfüllen diese Filme, die sich am Rande des Erlaubten und Erträglichen bewegen, und wie finden sie ihr Publikum? Wie gehen Archive mit den unliebsamen Beständen fragwürdiger und umstrittener Filme um? Wie kann der Herausforderung begegnet werden, die das Internet als neues Verbreitungsmedium von strafrechtlich und urheberrechtlich problematischen Bewegtbildern darstellt? Filmwissenschaftler, Archivare, Festivalkuratoren und Juristen werden an zwei Tagen diese und weitere Fragen zu verbotenen, beschnittenen und skandalisierten Filmen erörtern. Am ersten Kolloquiumstag werden in einem Gang durch die Geschichte Zensurpraktiken vor 1930 untersucht, die filmische Untergrundbewegung aus dem Spanien unter Diktator Franco vorgestellt, sowie das Selbstverständnis der Archive und die Rolle der FSK bei der Bewertung von Filmen thematisiert. Der zweite Tag widmet sich dann den Themen der Gegenwart, wie der Indizierung von Horror- und Gewaltfilmen, der Darstellung von Sexualität, Zensur in autoritären und multireligiösen Staaten wie Nigeria und nicht zuletzt dem Internet und seinen globalen Netzwerken.

Begleitend zum Kolloquium werden an sechs Abenden mit einführendem Vortrag Filme gezeigt, die der Zensur zum Opfer fielen oder das Thema Zensur und Tabu aufgreifen. Längst zu Filmklassikern erhobene Zensurfälle wie BRONENOSEZ POTEMKIN (Panzerkreuzer Potemkin, Sergej Eisenstein, UdSSR 1925, 9.6., Einführung: Anna Bohn) oder KUHLE WAMPE (Slatan Dudow, D 1932, 13.6., Einführung: Jeanpaul Goergen) werden ebenso gezeigt, wie Experimentalfilme von Jack Smith, Guy Maddin, Shelly Silver und Hellmuth Costard, die experimentell und nicht selten ironisch Tabus brechen (12.6., moderiert von Stefanie Schulte Strathaus).

Ein Highlight ist gewiss das Programm mit Untergrund-Filmen aus der Franco-Ära (11.6., mit Einführung), die erstmalig in Deutschland zu sehen sind und eine bislang unbekannte, vitale Filmkultur in Europa ins Blickfeld rücken. Die ausgewählten Filme sind Teil einer umfassenden Retrospektive, die die spanische Kulturinitiative pragda im Herbst in Berlin vorstellen wird (weitere Informationen unter www.pragda.com).

Das mehrfach zensierte Tonfilmexperiment DAS LIED VOM LEBEN (Alexis Granowsky, D 1931, 10.6., Einführung: Jessica Morhard) und der nur als Fragment erhaltene und kürzlich restaurierte Film DIE SUFFRAGETTE mit Asta Nielsen (Urban Gad, D 1913, 8.6., Einführung: Annette Groschke, am Klavier Eunice Martins) runden das Programm ab.

Am Abend des 11.6. findet die elfte Verleihung des Kinopreises des Kinematheksverbundes statt. Mit dem Preis werden jährlich Kommunale Kinos für herausragende Programme ausgezeichnet und ihr Engagement für eine anspruchsvolle und vielfältige Kinokultur in Deutschland gewürdigt. (Anke Hahn)

Ausführliche Informationen zu Kolloquium und Kinopreis unter: www.deutsche-kinemathek.de