März 2014, kino arsenal

Werkschau Peter Liechti

VATERS GARTEN – DIE LIEBE MEINER ELTERN, 2013

Peter Liechti (*1951) ist ein Solitär im Schweizer Filmschaffen – ein radikaler Querkopf, experimentierfreudiger Grenzgänger und gänzlich unabhängiger Geist. Seit 30 Jahren hat er als Regisseur, Autor, Kameramann und Produzent an die 20 Filme gemacht, die sich formal zwischen Dokumentar-, Essay-, Experimental-, Kunst-, Musik- und Spielfilm bewegen und sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. All seine Filme – die frühen Experimente auf Super 8, die zahlreichen Arbeiten mit dem Aktionskünstler Roman Signer, die Musik- und Reisefilme und die autobiografischen Werke – zeugen jedoch davon, dass für Liechtis Kino-Poetik andere Künste und deren Verfahren von grundlegender Bedeutung sind: Neue Musik und Jazz, Bildende Kunst sowie Literatur, Poesie, Texte, Sprache. Seine filmischen Essays entstehen im Spannungsfeld von vielschichtigen Bildern, dem gesprochenen und geschriebenen Wort sowie Musik und Geräuschen – als gleichberechtigte Elemente. Die Erzählhaltung Liechtis ist stets persönlich, sein Blick einer, der die Welt nicht von vornherein schon versteht. Ein zentrales Motiv ist das Unterwegs-Sein. Ob in Afrika oder der Ostschweiz, im Gebirge oder am See – seine Gedanken-Gänge und seine ganz eigene Art der Wahrnehmung sind immer präsent. Häufig erlaubt er sich Abschweifungen und eröffnet unerwartete Assoziationsräume. Anschauung und Reflexion gehen Hand in Hand, wie auch Ernst und Humor, Ironie und Empathie, kritische Selbstbefragung und sarkastische Schweizer Heimatkunde. Liechtis Interesse am Experiment, die Infragestellung von gewohnten Mustern und seine stete Suche nach neuen Ausdrucksformen haben einen großen Formenreichtum des filmischen Erzählens hervorgebracht. Das Arsenal präsentiert eine umfassende Werkschau von Liechtis vielgestaltigem Œuvre, mit sieben langen und sechs kürzeren Filmen aus den Jahren 1985 bis 2013. Darunter sind sowohl international vielfach ausgezeichnete als auch weniger bekannte Arbeiten, die es hierzulande erst noch zu entdecken gilt. Wir freuen uns ganz besonders, dass Peter Liechti am Eröffnungswochenende persönlich zu Gast sein und mit dem Publikum diskutieren wird.

HANS IM GLÜCK – DREI VERSUCHE, DAS RAUCHEN AUFZUGEBEN (Schweiz 2003, 14.3., in Anwesenheit von Peter Liechti & 23.3.) Auf drei Fußmärschen von Zürich, seinem Wohnort, nach St. Gallen, wo er aufgewachsen ist, versucht Peter Liechti, seine Nikotinsucht loszuwerden. Obwohl er das Wandern eigentlich nie ausstehen konnte, schweizert er nun vor sich hin, am Bodensee entlang und über den Alpstein. Immer allein und zu Fuß, nur mit Kamera und Notizblock als Begleiter. Auszüge aus dem Reisetagebuch werden vom Ich-Erzähler eingesprochen, mal missmutig, mal geradezu zärtlich. Das strikte Rauchverbot hat exzessives Denken zur Folge, und der Entzug öffnet Augen und Ohren. Liechtis Selbstversuch führt nicht nur zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, sondern auch mit seiner Schweizer Heimat. Ein wunderbar offener und komischer Reisefilm, der immer wieder um grundsätzliche Fragestellungen zu Leben und Tod kreist.

AUSFLUG INS GEBIRG (Schweiz 1986, 14.3., in Anwesenheit von Peter Liechti & 21.3.) Ein Berggipfel-Rap auf der Tonspur: "Motten, Stollen, Tote Alpe, Eisengülle, Metzgertobel, Nonnenalp und Ritzenspitzen. Schmalzberg und Saustein. Höllritzeralp und Kackenköpfe …" Da macht einer einen Ausflug in die österreichischen Alpen, wandert umher und schimpft, über die "Sauhänge", das trübe Wetter, die monotone Landschaft. Ein Bergkoller, ein Überdruss am Genießenmüssen der Natur, ein Anti-Heimatfilm-Impuls und schlechte Laune, da hilft auch die Himbeertorte nicht. "Der Berg macht blöd." Die rauen Super-8- und Videobilder konterkarieren die üblichen alpinen Hochglanz-Aufnahmen, das grimmig-witzige Selbstgespräch aus dem Off wächst sich aus zur Zivilisationskritik und zur Reflexion über das Filmemachen selbst.

SIGNERS KOFFER – UNTERWEGS MIT ROMAN SIGNER (Schweiz 1996, 15.3., in Anwesenheit von Peter Liechti & 25.3.) Der Schweizer Ak-tionskünstler Roman Signer schießt Bänder über den Stromboli, um zu sehen, wie sie der Hitze trotzen. Er hantiert mit Zündschnur und Rakete. Er katapultiert Hocker synchron aus Hotelfenstern und geht mit Heulern an den Stiefeln über Strände. Er lässt sein Schnarchen per Lautsprecher aus dem Zelt heraus übertragen. Explosionen, Kollisionen – die Kunst von Roman Signer spielt mit den vier Elementen, nutzt Gravitation, Thermodynamik und Pyrotechnik. Peter Liechti begleitet Signer quer durch Europa, von den Schweizer Alpen nach Polen, von Stromboli nach Island und nach Bitterfeld. Ein Seiltanz zwischen Schalk und Melancholie. Lokale Musikkapellen signalisieren die Ortswechsel; scheu sagt Signer manchmal, was ihn bewegt. Kein Künstlerporträt, sondern die gemeinsame Arbeit von zwei Komplizen – Sprengmeistern der Kunst.

VATERS GARTEN – DIE LIEBE MEINER ELTERN (Schweiz 2013, 15.3., in Anwesenheit von Peter Liechti & 30.3.) Peter Liechtis betagte Eltern sind von Grund auf verschieden, haben entgegengesetzte Ansichten und Interessen und sind seit über 60 Jahren verheiratet. Neben den bisweilen zwischen Slapstick und Wahnsinn changierenden Gesprächen und Alltagsbeobachtungen in der kleinbürgerlichen Enge der elterlichen Wohnung etabliert Liechti als zweiten Schauplatz ein Kaspertheater. Auf dessen Bühne treten Vater und Mutter in nachinszenierten Szenen als Hasenfiguren auf. Der Sohn darf in Gestalt einer Puppe aufbrausend reagieren. Als Kommentar fungieren außerdem wilde Sound-Effekte und Musik. Ein sehr persönlicher Film, der über das Private hinaus auf das Lebensgefühl und Selbstverständnis einer aussterbenden Generation hinweist. Unsentimental, aber voller Empathie.

DAS SUMMEN DER INSEKTEN – BERICHT EINER MUMIE (Schweiz 2009, 16. & 26.3.) Nach einer literarischen Vorlage des japanischen Autors Masahiko Shimada, die auf einer wahren Begebenheit beruht, erzählt dieser filmische Essay die Chronik eines freiwilligen Sterbens. Ein Mann geht in den Wald, um zu verhungern. Auf der Tonspur sind Tagebuchaufzeichnungen zu hören, die sein langsames Ableben akribisch protokollieren und beschreiben, was er erlebt, sieht und empfindet. Eine Plastikplane im Wald wird zur Projektionsfläche für innere Bilder, diffuse Erinnerungen und die Halluzinationen des Sterbenden, der selbst nie zu sehen ist. Im Verbund mit dem Soundtrack aus Geräuschen und Musik entsteht aus der assoziativen Bild- und Tonmontage ein hypnotischer Sog, der die Bewusstseinsströme eines Sterbenden sichtbar zu machen versucht. Eine Meditation über Natur, Leben und Tod.

SENKRECHT/WAAGRECHT (Schweiz 1985, 18. & 24.3.) Wie weit kann ein Mensch waagrecht auf einen gefrorenen Teich hinauslaufen, bis er senkrecht einbricht? Der Aktionskünstler Roman Signer macht in Liechtis experimentellem Super-8-Film die Probe aufs Exempel. Später lässt er einen Hocker von der Brücke fallen. Signers Aktionen verstehen sich als Skulpturen in Raum und Zeit. Die Koordinaten: Senkrecht und Waagrecht.

THÉÂTRE DE L'ESPÉRANCE (Schweiz 1987, 18., 24. & 28.3.) Dieser kurze Essayfilm reflektiert die Inszenierung eines politischen Großereignisses und Medienspektakels: das Gipfeltreffen von Reagan und Gorbatschow zum Thema Abrüstung in Genf im Jahr 1985. Eine Montage aus eigenen, vor Ort gedrehten Super-8-Aufnahmen und von Liechti bearbeiteten TV-Bildern des Ereignisses sowie wiederkehrenden Szenen einer Koffer-Aktion von Roman Signer. Dazu Musik von Elvis Presley und Sun Ra.

KICK THAT HABIT (Schweiz 1989, 18. & 24.3.) Ein "Tonfilm" mit den Schweizer Musikern Norbert Möslang und Andy Guhl, die aus Abfall-Elektronik neuartige Töne recyclen – und alles andere als ein konventionelles Musikerporträt. Aufnahmen von Proben im Atelier und von Konzerten werden kombiniert mit Bildern einer winterlichen Bahnfahrt, von einem Ausflug zum Bodensee und in die Berge sowie visuellen Assoziationen, die einer eigenen poetischen Logik folgen und den Rhythmus des Films prägen. Ein Wechsel von Noise-Music und Stille, Geschwindigkeit und Ruhe, ein unaufhörlicher Bild- und Sound-Strom, keine Gespräche. Statt die avantgardistische Tonkunst nur zu dokumentieren, lässt Liechti sie mit seinen Bildwelten kommunizieren. Die gelungene Synthese einer visuellen und einer akustischen Ausdrucksform.

NAMIBIA CROSSINGS – SPIRITS AND LIMITS (Schweiz 2004, 18. & 22.3.) Zwölf Musiker und Sängerinnen aus Namibia, Simbabwe, Angola, der Schweiz und Russland bilden das multina-tionale Ensemble "Hambana Sound Company", das Liechti auf einer Konzertreise durch Namibia begleitet. Bilder großartiger Landschaften, Alltagsbeobachtungen und Musikszenen wechseln einander ab. Das Projekt der Musiker, "back to the roots" unter Mitwirkung lokaler Künstler eine Art Klangporträt von Afrika zu kreieren, erweist sich als problematisch. Zu tief sind die Spuren der Kolonisation und die Meinungsverschiedenheiten im Hinblick auf die Fusion von afrikanischen mit westlichen Sounds, als dass kulturelle Differenzen sich auf musikalischem Wege austragen ließen. Liechtis Roadmovie befragt über Montage und Off-Kommentar die eigene Haltung gegenüber dem Kontinent.

HARDCORE CHAMBERMUSIC – EIN CLUB FÜR 30 TAGE (Schweiz 2006, 19. & 27.3.) Hardcore Kammermusik – was sich nach einem Widerspruch in sich anhört, praktiziert die renommierte Schweizer Formation Koch-Schütz-Studer auf Saxofon, Cello und Schlagzeug seit mehr als zwei Jahrzehnten. 2005 veranstaltete das Trio in einem eigens für diese Aktion gebauten Zürcher Club einen Musik-Marathon: 30 Tage improvisierte es jeden Abend zur gleichen Zeit zwei Sets à je 40 Minuten. Verdichtet auf 70 Minuten zeigt Liechti die Musiker meist in Großaufnahmen, ihre Mimik und Gestik und vor allem ihre Kunst des frei improvisierten (Zusammen-)Spiels. Aus dem Wechsel von Musik, kurzen Statements des Trios und Blicken in den Saal entsteht ein faszinierender Eindruck vom Prozess des Entstehens von Musik.

MARTHAS GARTEN (Schweiz 1997, 20. & 29.3.) Karl Winter lebt zurückgezogen in seiner Wohnung. Er liebt die häusliche Ordnung und die stillen Stunden im Café. Eines Abends trifft er auf dem Weg nach Hause eine Frau, die sich über eine Leiche beugt und von der er sogleich fasziniert ist – Martha. Damit beginnt eine Liebesgeschichte von fataler Dynamik, die Karl aus der gewohnten Bahn wirft. Mit der Liebe ist auch das Unheimliche in sein Leben getreten, er verliert den Boden unter den Füßen und schließlich den Verstand. Dicht unter der Oberfläche stumpfsinniger Bürgerlichkeit schlummert der Wahnsinn. Liechtis bislang einziger Spielfilm ist ein Winterfilm in Schwarzweiß, mit Traumbildern, verschiedenen Realitätsebenen und der inneren Stimme des Helden aus dem Off, düster, abgründig, kafkaesk – eine Mischung aus Wahn und Witz.

GRIMSEL – EIN AUGENSCHEIN (Schweiz 1990, 21. & 28.3.) Der geplante Ausbau des Wasserkraftwerks Grimsel-West inklusive eines gigantischen neuen Staudamms in den Berner Alpen ist umstritten. Soll der Mensch eine künstliche Natur schaffen, wenn dafür die echte Natur zerstört werden muss? Peter Liechti widmet sich der Landschaft und ihren Bewohnern und versucht, das Unbehagen gegenüber einer solchen Nutzung zu erkunden. Gespräche mit den Einheimischen, faszinierende Aufnahmen der Bergwelt und kaum weniger beeindruckende Bilder von Strommasten und Betonmauern alternieren. Kein militanter Agitprop, sondern eine komplexe Reflexion von Naturerlebnis und Auswüchsen von Zivilisation bzw. Technik.

TAUWETTER (Schweiz 1987, 25.3.) Schnee und Eiszapfen schmelzen. Bunte, mit Wasser gefüllte Plastikeimer gleiten an den Bügeln eines Skilifts einen Hang im Appenzell hinauf und hinab. Plötzlich gerät die sanfte Bewegung in heftiges Schwingen und Schüsse peitschen durch die Luft. Der Aktionskünstler Roman Signer war da, mit scharfer Munition. Und das Wasser fließt. (bik)

 

Zwei im Vexer Verlag St. Gallen erschienene Bücher von Peter Liechti Lauftext – ab 1985 (2010) und Klartext – Fragen an meine Eltern (2013) sind an der Kinokasse erhältlich.

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit SWISS FILMS und freundlicher Unterstützung der Schweizerischen Botschaft.