Oktober 2014, kino arsenal

Retrospektive Pier Paolo Pasolini (II)

TEOREMA, 1968

Im Oktober setzen wir die umfangreiche Retrospektive der Filme von Pier Paolo Pasolini fort und zeigen Werke aus der mittleren und späten Schaffensperiode des Regisseurs, der zu den vielseitigsten, einflussreichsten und radikalsten Künstlern und Intellektuellen des 20. Jahrhunderts gehört. Schwerpunkte des zweiten Teils der Retrospektive sind die Filme Pasolinis, in denen er sich mit archaischen Themen und Kulturen, der griechischen Antike, aber auch mit den Abgründen der bürgerlichen Gesellschaft auseinandersetzt (EDIPO RE, TEOREMA, PORCILE und MEDEA), ferner seine "Trilogie des Lebens" (IL DECAMERON, I RACCONTI DI CANTERBURY und IL FIORE DELLE MILLE E UNA NOTTE) sowie sein letzter kurz vor seinem gewaltsamen Tod entstandener Film SALÒ. Pasolinis erste Filme ACCATTONE und MAMMA ROMA werden im Oktober im Kinosaal des Martin-Gropius-Baus zu sehen sein, wo darüber hinaus auch zahlreiche Wortveranstaltungen, Diskussionen und Studientage die große Pasolini-Ausstellung, "Pasolini Roma", begleiten.

EDIPO RE (Oedipus Rex, I 1967, 2.10.) Mit EDIPO RE beginnt Pasolinis Hinwendung zu den Mythen und Tragödien der Antike. Nach einem autobiografischen Prolog, in dem sich ein Vater im Norditalien der 1920er Jahre anschickt, seinen verhassten kleinen Sohn auszusetzen, verlagert Pasolini seine Adaption der Sophokles-Tragödie in eine ferne Welt des Imaginären, des Archaischen. In einer wüstenartigen Landschaft erfährt der junge König Ödipus (Franco Citti) durch das Orakel von Delphi, dass er seinen Vater umbringen und seine Mutter (Silvana Mangano) ehelichen wird. Im Versuch, der Prophezeiung zu entrinnen, bewahrheitet sie sich. Die wahren Umstände begreifend, nimmt sich Ödipus das Augenlicht. Im Epilog des Films fragt Ödipus im Bologna von heute: "Ist von Anfang an die Zukunft beschlossen? Müssen wir alles hinnehmen?" Die Frage echot das für Pasolini doppelte Thema des Films: "Die völlige Hingabe an den Mythos, andererseits der Kampf gegen ihn."

IL DECAMERON (The Decameron, I/F/BRD 1971, 2. & 15.10.) Basierend auf Boccacios Novellenzyklus fügt Pasolini acht Episoden zum ersten Teil seiner "Trilogie des Lebens". Lustvoll, schalkhaft, anarchisch leben und lieben, verführen und betrügen sich die temperamentvollen Figuren der spätmittelalterlichen Landbevölkerung. Lose verbunden wird der Episodenreigen von einer Rahmenhandlung, in der Pasolini einen Schüler Giottos verkörpert, der mit der Gestaltung eines Freskos in einem Kloster beauftragt wird, dort jedoch realisiert, dass das fertige Werk niemals an seine Vorstellung heranreichen wird. Mit für die Zeit ungewohnter Drastik reklamierte Pasolini das "Recht auf Darstellung von Sexualität" und die Beförderung sexueller Befreiung.

APPUNTI PER UN’ORESTIADE AFRICANA (Notes for an African Oresteia, Italien 1969, 13.10.) Im Stil eines filmischen Notizbuchs unternimmt Pasolini den Versuch, Aischylos' "Orestie" in das moderne Afrika zu verlegen und Parallelen zwischen der antiken Sage und den jungen Demokratien des afrikanischen Kontinents sichtbar zu machen: "Afrika ist am gleichen Wendepunkt seiner Geschichte angelangt wie Argos zur Zeit Orests: am Übergang von einer archaischen Zivilisation zur Demokratie." (PPP) In dem in Tansania und Uganda gedrehten Film alternieren Landschaften, Orte und Probeaufnahmen möglicher Darsteller mit Diskussionen afrikanischer Studenten in Rom, kommentiert von Pasolinis Gedanken zu dem Projekt und Bemerkungen zu seiner Arbeitsweise.

LE MURA DI SANA'A (The Walls of Sana'a, Italien 1973, 13.10.) Der während der Dreharbeiten zu IL FIORE DELLE MILLE E UNA NOTTE entstandene Kurzfilm über die bedrohten, jahrtausendealten historischen Bauten der jemenitischen Hauptstadt Sanaa trägt den Untertitel "Dokumentarfilm in Form eines Appells an die UNESCO". "LE MURA DI SANA'A entstand aus demselben Grundbedürfnis wie die 'Trilogie des Lebens', nämlich gewisse Lebensformen zu bewahren." (PPP)

MEDEA (I/F/BRD 1969, 3.10.) Bizarre Landschaften, aufgenommen in der Osttürkei und den Wüstenstädten Syriens, prähistorische oder folkloristische Masken und Gewänder, afrikanische oder tibetanische Kultmusiken, archaische Riten sind zentrale Elemente in Pasolinis Neubewertung der Medea-Tragödie. Unverkennbar ergreift er polemisch Partei für die Königspriesterin (Maria Callas), die Jason das Goldene Vlies übereignet, mit ihm flieht, zehn Jahre später jedoch als Hexe verbannt wird und, verzweifelt über Jasons Hochzeit mit einer Königstochter, erst ihre Nebenbuhlerin, dann ihre Kinder und schließlich sich selbst umbringt. Bei Pasolini ist Medea nicht länger die "Barbarin", sondern vielmehr Lichtgestalt einer mythischen Welt, die der oberflächlichen, fantasielosen, säkularisierten Welt Jasons gegenübersteht – die antike Tragödie als Kulturkonfrontation.

I RACCONTI DI CANTERBURY (The Canterbury Tales, Italien 1972, 4. & 15.10.) Für den zweiten Teil der "Trilogie des Lebens" entwickelt Pasolini frei nach Geoffrey Chaucers mittelalterlichen Novellen acht Episoden, die von wundersamen Begegnungen, Ehebruch, fröhlicher Sündigkeit, tölpelhaftem Benehmen, drastischer Erotik oder Gewalt handeln. Während die einzelnen Sequenzen des Films zunächst von Geschichten erzählenden, reisenden Pilgern gerahmt werden, übernimmt Pasolini bald das verbindende Element und ist als Dichter Chaucer zu sehen, der die unterschiedlichen Episoden mit seinem Lachen verbindet.

IL FIORE DELLE MILLE E UNA NOTTE (The Arabian Nights, Italien 1974, 4. & 16.10.) Die Lust am Erzählen zieht sich durch die 15 Liebes-lehr-geschichten, die Pasolini aus der orientalischen Sammlung Märchen aus 1001 Nacht destilliert. Auf der Suche nach der schönen Sklavin Zummurrud wird der junge Nur-el-Dir in zahlreiche mysteriöse, groteske oder tragische, aber immer erotische Abenteuer verwickelt. "Von den drei Filmen der 'Trilogie des Lebens' ist IL FIORE DELLE MILLE E UNA NOTTE der gelungenste. Das verdankt er nicht nur dem fabulierenden Erzählrhythmus, dessen konstruktiver Dramaturgie, eines aus dem anderen zu entwickeln, sondern auch der Kongruenz von Landschaft und Personen." (Wolfram Schütte)

PASOLINI PROSSIMO NOSTRO (Pasolini Next to Us, Giuseppe Bertolucci, Italien 2006, 5.10.) Rekonstruktion eines der letzten Interviews mit Pasolini, entstanden am Set von SALÒ. Ein ruhiger, fast heiterer Pasolini lässt sich von Gideon Bachmann und einem kleinen Team bei den Dreharbeiten begleiten. Bachmann initiiert ein Gespräch, das Pasolini in eine ebenso heftige wie erhellende Attacke auf die Gesellschaft transformiert.

SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA (Salò or the 120 Days of Sodom, Italien/Frankreich 1975, 5. & 17.10.) Pasolinis letzter Film basiert auf Marquis de Sades gleichnamigem Roman, in dem vier Peiniger Mädchen und Jungen in einer Villa ihren sexuellen Perversionen opfern. Pasolini verlegt die Handlung der literarischen Vorlage in die von Mussolini 1943 – nach dem Einmarsch der alliierten Truppen in Süditalien – proklamierte faschistische Republik von Salò im Norden Italiens. "Der Film ist eine von Bitterkeit und Verzweiflung getragene Darstellung unbeschreiblicher menschlicher Korruption und Grausamkeit, wie sie in der Geschichte der Kinematografie ohne Beispiel ist. Die Geschehnisse dieses Films, an der Grenze des physisch und psychisch Ertragbaren liegend, sind indes nicht aus einem voyeuristischen Blickwinkel beobachtet; vielmehr erhebt der Film das Voyeuristische als eine Erscheinungsform der Entmenschlichung selbst zum Thema." (Ulrich Gregor)

PORCILE (Pigpen, I 1969, 14.10.) In zwei miteinander verzahnten Episoden – einer archaischen und einer modernen Version – schildert Pasolini das Ausbrechen zweier junger Männer aus gesellschaftlichen Konventionen und ihr makabres Scheitern. Während ein Einsiedler in einer Vulkanlandschaft einen Soldaten tötet, ihn verspeist und zur Strafe den Tieren vorgeworfen wird, führt einen Industriellensohn seine erotische Beziehung zu Schweinen ins Verhängnis, was jedoch die gewinnbringende Fusion des väterlichen Kapitals mit dem eines ehemaligen Konkurrenten zur Folge hat. Eine abgründige Attacke auf die Konsumgesellschaft mittels zweier ihrer letzten Tabus: Kannibalismus und Sodomie.

TEOREMA (Theorem, I 1968, 14.10.) Streng strukturiert beschreibt Pasolini ein Experiment: Ein junger Mann (Terence Stamp) – halb Dämon, halb Engel – taucht plötzlich in der Welt einer Mailänder großbürgerlichen Familie auf. Alle Familienmitglieder verfallen der Anziehungskraft des Unbekannten und gehen aus der Begegnung mit ihm radikal verwandelt hervor: Die Tochter (Anne Wiazemsky) verfällt in eine mystische Starre, die Mutter (Silvana Mangano) gibt sich wahllos jungen Männern hin, der Vater (Massimo Girotti) verliert den Verstand. Einzig das Dienstmädchen (Laura Betti) kann das Erlebte positiv verwandeln: Sie kehrt in ihre Heimat zurück und wird zur Wunderheilerin. Pasolinis pamphletartiges Gedicht in geometrischen Bildern und rhythmischen Montagefolgen löste damals heftige Diskussionen aus. TEOREMA blieb bis zu SALÒ Pasolinis letzte Auseinandersetzung mit der Unveränderbarkeit der bürgerlichen Welt.

Besonders hinweisen möchten wir auf die beiden Vorführungen von Bernardo Bertoluccis Debüt LA COMMARE SECCA (1962), der auf einem Treatment von Pasolini beruht und am 11. & 17.10. im Rahmen der Magical History Tour läuft. (mg)

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Italienischen Kulturinstitut Berlin, Luce Cinecittà, dem Centro Studi – Archivio Pier Paolo Pasolini / Cineteca Bologna, Minerva Pictures und dem Martin-Gropius-Bau.