Januar 2007, kino arsenal

Les filmeurs - Dokumentarfilme aus Frankreich

RÉCRÉATIONS, 1993

Jean-Michel Frodon: Eine "Dokumentarfilmreihe" der "Cahiers du cinéma" zu präsentieren, beinhaltet ein Paradox. Aber es handelt sich um ein Paradox, das uns gefällt. Paradox ist es deshalb, weil die "Cahiers du cinéma" seit ihrer Entstehung die Trennung zwischen Dokumentarfilm und Fiktion angefochten haben. André Bazin, Jean-Luc Godard, Jean-Louis Comolli, Serge Daney, um nur diese großen Namen zu nennen, haben immer auf der dokumentarischen Natur jeder Fiktion und dem fiktionalen Gehalt jedes Dokumentarfilms beharrt. Dokumentarfilm und Fiktion sind die beiden Pole, die das gesamte kinematografische Feld magnetisch zusammenhalten. Diese Feststellung wurde vor allem in letzter Zeit bedeutsam, in Zusammenhang mit den unzähligen Fragestellungen, die sich aus den "Zwischenkategorien" wie dem Essayfilm, dem gefilmten Tagebuch, dem Recherchefilm ergeben. Die neuen digitalen Techniken haben das Problem noch erweitert. – Doch das ist gut so! In letzter Zeit wurde in den "Cahiers du cinéma" viel über die dokumentarische Dimension des zeitgenössischen Kinos nachgedacht und über die Bedeutung der Aufnahmetechnik beim Abbilden von Realität – sei es durch klassische oder neueste digitale Mittel des Kinos. Wir haben darin immer den Beweis einer Vitalität der zeitgenössischen Praktiken gesehen. Heute wie gestern ist es möglich, das gesamte Kino von seinem dokumentarischen "Pol", d.h. ausgehend von den Filmen zu hinterfragen, die am nächsten um diesen Pol kreisen. Wir präsentieren 17 neue Filme (die ältesten sind um die zehn Jahre alt), die von mehreren Generationen von Filmemachern in einer großen Vielfalt von Stilen, Herangehensweisen und Methoden gedreht wurden. Gut die Hälfte der Filmemacher würde die Bezeichnung "Dokumentarfilmer" ablehnen, während andere sie stolz einfordern. Alle 17 sehr unterschiedlichen Filme haben wir in den "Cahiers du cinéma" geschätzt und verteidigt. In manchen agieren die Filmemacher äußerst diskret (z.B. Raymond Depardon oder Nicolas Philibert), andere stehen im Zentrum des Projekts (Alain Cavalier); oder der Film entsteht komplett aus einer Reflexion heraus (wie bei Chantal Akerman), oder aus der Montage bei Olivier Zabat, aus Befragungen bei Creton oder Malek und Soulier, aus dem Interview, das bei Comolli oder – auf eine ganz andere Art – bei Lanzmann zum Verständnis beiträgt, aus der plastischen Herangehensweise bei Florent Marcie, dem Spiel mit Empathie und Distanz bei Ariane Doublet, oder aus dem Blick, der bei Claire Simon dramaturgisch wirkt. Der Film entsteht aus der zugleich intimen wie auch extrovertierten Beobachtung bei Mazuy und Reggiani, aus einem ganz einfachen Abenteuer von Podalydès (Vater und Sohn) oder dem von Robert Kramer wiedergefundenen Weg auf den Spuren einer in der Gegenwart gesehenen Vergangenheit, oder aber aus zeitgenössischer Arbeit, die, erneut ganz unterschiedlich, von zeitgeschichtlichen Dokumenten ausgehend von Hervé Leroux und Henri-François Imbert gezeigt wird: Jedes Dispositiv ist so einzigartig, dass das Etikett "Dokumentarfilm" vielleicht nur ein Vorwand ist, um Filme vorzustellen, die wir beeindruckend finden. Sollte man darüber hinaus noch auf die Fülle der behandelten Themen hinweisen? Zum einen die Geschichte, die aber in der Gegenwart erlebt und gedacht wird, egal ob es sich um den Spanischen Bürgerkrieg (Imbert), um die Shoah (Lanzmann), den Vietnamkrieg (Kramer), den Krieg in Afghanistan (Marcie), in Ex-Jugoslawien (Zabat) oder um das Erbe revolutionärer Kämpfe (Le Roux) handelt; zum anderen große gesellschaftliche Themen, sei es die Justiz (Depardon, Comolli), die Delokalisierung von Firmen (Malek und Soulier), die Situation auf dem Land (Doublet, Creton), Wahnsinn und Psychiatrie (Philibert), der Status von Kultur (Mazuy). Es kann sich hierbei genauso gut um die Entdeckung der Natur handeln (Podalydès) oder das Entdecken der Umwelt aus der Sicht von Kindern (Simon) wie auch um eine Reflexion über den eigenen Platz in der Geschichte und im Raum (Akerman, Cavalier). Wir haben selbstverständlich jeden der Filme um seiner selbst willen gemocht. Sieht man sie zusammen, scheint uns, dass sie, sowohl durch die Art ihrer Inszenierung als auch durch ihre Themen, einen fruchtbaren Kontext herstellen, in dem Reflexionen über die zeitgenössische Beziehung zur Realität und ihrer Repräsentation, zur Geschichte in all ihrer Vielfalt und zu Körpern möglich werden. Die Fragen, die das Kino an das Virtuelle, an die reale Zeit, an den elektronischen Datenstrom stellt, führen, neben der Qualität jedes Films – seiner Schönheit, seiner Emotion, seiner Komik – dazu, dass dieses Programm als Ganzes hofft, etwas zum Verständnis unserer Welt beizutragen. Und genau das gefällt uns. (Jean-Michel Frodon, „"Cahiers du cinéma") Die 17 ausgewählten Filme versammeln neben großen Namen und Filmen berühmter Regisseure auch aktuelle Arbeiten hierzulande bislang unbekannter FilmemacherInnen, die erstmalig in Deutschland zur Aufführung kommen. Wir freuen uns sehr, dass wir – dank der großzügigen Unterstützung des Bureau du cinéma der Französischen Botschaft – zahlreiche Gäste begrüßen dürfen: Alain Cavalier, Chantal Akerman und den Chefredakteur der "Cahiers du cinéma", Jean-Michel Frodon, der am 13. und 14. Januar in das Programm einführen wird.

Zur Eröffnung zeigen wir als Berliner Erstaufführung Alain Cavaliers faszinierenden autobiografischen Film LE FILMEUR (Frankreich 2005). LE FILMEUR versammelt wie ein Video-Tagebuch persönliche Momentaufnahmen und Ereignisse aus zehn Jahren (1994–2005): Alltagsszenen, Gegenstände, Tiere, Familiengeschichten, französische Hotelzimmer, Post-it-Notizen und die Auseinandersetzung mit Krankheit, Tod und den Widrigkeiten des Alters – ohne Pathos und Selbstgefälligkeit. Die sorgfältige Komposition von Eindrücken, Gefühlen und Stimmungen dokumentiert nicht nur den Facettenreichtum des Alltags, sondern lässt ein buntes Mosaik entstehen aus lustigen, düsteren, schönen, schweren, grobkörnigen, nachdenklichen, komischen, berührenden und leuchtenden Bildern. Mit einer kleinen digitalen Kamera filmt Cavalier, wie die Zeit vergeht, den Lauf des Lebens – und schafft, mit einer gehörigen Portion Humor, ein filmisches Universum. (13.1., in Anwesenheit von Alain Cavalier & 17.1.)

Ein persönliches filmisches Tagebuch ist auch Chantal Akermans radikal subjektiver Film LA-BAS (Down There, F/Belgien 2006). Zurückgezogen in einer Wohnung in Tel Aviv denkt sie über ihre Familie, ihre eigene jüdische Identität, ihr Verhältnis zu Israel, Entfremdung, Exil und eine persönliche Krise nach. Durch die Lamellen heruntergelassener Bambus-Rollos beobachtet sie das Geschehen auf den Balkonen der gegenüberliegenden Häuser – der Blick aus dem Fenster, die Geräusche der Stadt und einige Telefonate bleiben der einzige Kontakt zur Außenwelt. Nur selten wagt sie sich aus dem Schutz der vier Wände hinaus an den Strand – und das hat nicht nur mit einem in der Nähe verübten Attentat zu tun. (14.1., in Anwesenheit von Chantal Akerman)

Vom bäuerlichen Leben in der französischen Provinz berichtet Pierre Creton in SECTEUR 545 (F 2005). Creton ist nicht nur als Filmemacher, sondern auch als Kontrolleur für die Landwirtschaftsbehörde tätig. Der geografische "Sektor 545" ist sein Einsatzbereich. Im Laufe seiner täglichen Begegnungen mit den Viehzüchtern des Pays de Caux (Normandie) entstehen persönliche Bekanntschaften, und mit der Zeit wagt er, den Milchbauern Fragen zu stellen. So zum Beispiel: Was ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier? Unerwartete Antworten und erstaunliche Vorkommnisse, verbunden mit dem Blick Cretons, machen für Momente Menschlichkeit erfahrbar. "SECTEUR 545 ist vermutlich ein Selbstporträt, aber von allen, auch von den Kühen." ("Cahiers du cinéma") (15. & 16.1.)

In der gleichen Region, dem Pays de Caux in der Nähe des Ärmelkanals, ist Ariane Doublets Film LES TERRIENS (Down to Earth, F 1999) angesiedelt. Während der totalen Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 wird dieser Landstrich wegen seiner günstigen Lage im Zentrum der betroffenen Zone von zahlreichen Touristen mit lustigen Brillen heimgesucht, die nur in den Himmel schauen und die Anwohner keines Blickes würdigen. Die Filmemacherin war schon einige Wochen vor der Invasion vor Ort, um mit den Dorfbewohnern das seltene Naturereignis zu erwarten und um ihnen zuzuhören: Sie erzählen vom Wetter, dem Wechsel der Jahreszeiten und dem Landleben – ganz wie Poeten des Alltags. (18. & 22.1.)

Ein aufklärerischer Film, auf Basis der Recherchen des Historikers Carlo Ginzburg, der einen Justizirrtum und seine Hintergründe vor Augen führt, ist L'AFFAIRE SOFRI – LE JUGE ET L'HISTORIEN (The Sofri Affair, F 2001) von Jean-Louis Comolli. Im Januar 2000 wurden Adriano Sofri, Giorgio Pietrostefani und Ovidio Bompressi, ehemalige Anführer der linksradikalen Bewegung Lotta Continua wegen des 1972 begangenen Mordes an einem Polizisten erneut zu 22 Jahren Haft verurteilt. Seit 1990 verfolgt die italienische Justiz die drei Männer, obwohl alle Fakten und Zeugenaussagen auf ihre Unschuld hinweisen. Alle, bis auf eine, ebenso fatal wie fragwürdig, von einem "bereuenden" Lotta-Continua-Mitglied, das sie anklagt … (19.1.)

Einen einzigartigen Einblick in die Maschinerie der Justiz gibt auch Raymond Depardon in 10ÈME CHAMBRE – INSTANTS D'AUDIENCE (F 2004). Von Mai bis Juli 2003 erhielten Depardon und sein Team die außergewöhnliche Erlaubnis, bei Anhörungen zu minderen Delikten in einem Pariser Gericht zu filmen. Von Alkohol am Steuer bis zu den Verhaftungen der letzten Nacht reichen die alltäglichen Belange des kleinen, aber sehr belebten Gerichtssaals, der zur Bühne wird für rhetorische Duelle und aufeinander prallende Egos – zwölf Fälle, zwölf Geschichten über ganz gewöhnliche Männer und Frauen, die sich eines Tages auf der falschen Seite des Gesetzes wiederfinden. "Es ist sowohl der Blick der Justiz auf die zu Richtenden, die Blicke der zu Richtenden auf die Welt der Justiz, als auch unser eigener Blick, der hier in Frage gestellt wird." (Cahiers du cinéma) (20.1.)

Mehr für die Menschen als für die Institution an sich (hier die Psychiatrie) interessiert sich auch Nicolas Philibert. LA MOINDRE DES CHOSES (Every Little Thing, F 1996) ist in der psychiatrischen Klinik La Borde gedreht und begleitet die Entstehung einer Theaterinszenierung, die von Patienten und Pflegern gemeinsam erarbeitet wird. Neben den Theaterproben erzählt der Film vom Leben in La Borde: dem alltäglichen Kleinkram, fröhlichen und traurigen Momenten, von Achtung und Respekt, Anstrengungen, Einsamkeit und Glück. Philibert interessieren nicht die Krankheitsbilder, sondern die Menschen und ihr Zusammenleben- und arbeiten. (21. & 26.1.)

Über zwei Monate filmte Claire Simon auf dem Hof eines Kindergartens die Pausenspiele für ihren gleichnamigen Film RÉCRÉATIONS (F 1993). Dass Kinder im Spiel das Leben erproben, ist ein Allgemeinplatz, der auch etwas Wahres hat: Es gibt ein Land, das ist ganz klein. So klein wie eine Theaterbühne. Auch die Bewohner des Landes sind klein. Es gibt zwar Gesetze in diesem Land, doch werden sie immer wieder in Frage gestellt und oft wird deswegen gekämpft. Das Land heißt der Pausenhof und sein Volk sind die Kinder. Für das Ohr der Erwachsenen klingen sie wie fröhlicher Lärm, doch die Spiele der Kinder sind nicht so harmlos, wie sie scheinen. (23. & 29.1.)

Ein Theaterstück zu Pferde – das ist die verrückte Idee des Schauspielers Simon Reggiani, der mit Frau (der Filmemacherin Patricia Mazuy) und Tochter in der Normandie lebt und endlich einmal wieder etwas Unvernünftiges tun will. BASSE-NORMANDIE (Patricia Mazuy, Simon Reggiani, F 2004) beschreibt – gefilmtes Theater, Making-of und Mockumentary zugleich – die Entstehung dieses Werks: eine Adaption von Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, als One-Man-Show vom Sattel eines Pferdes vor Bauern auf einer Landwirtschaftmesse deklamiert, Dressurnummern inklusive. (24. & 27.1.)

Auf Sucharbeiten beruhen die Filme von Henri-François Imbert, so auch NO PASARAN, ALBUM SOUVENIR (F 2003). Als Kind entdeckte Imbert bei seinen Großeltern eine Reihe von Postkarten, die ihm lange rätselhaft blieben und offensichtlich zu einer Serie gehörten. 20 Jahre später geht er den Postkarten auf den Grund: Es sind Bilder republikanischer Flüchtlinge aus dem Spanischen Bürgerkrieg bei ihrer Ankunft in Frankreich im Jahr 1939. Wer sind diese Frauen, Kinder und Männer? Auf der Suche nach den fehlenden Postkarten und bei vielen Nachforschungen, von Argeville-sur-mer bis zum Flüchtlingslager von Sangatte, zeigt NO PASARAN, ALBUM SOUVENIR, wie Vergessen entsteht. Die Suche – in zehn Jahren findet Imbert die vollständige Serie – entfaltet ein politisch-geografisches Panorama, mit einer Wende in die Gegenwart. (25. & 30.1.)

Historisch Vergangenes von der Gegenwart aus zu bearbeiten ist auch das Anliegen von Claude Lanzmann. UN VIVANT QUI PASSE (A Visitor from the Living, F 1997) beruht auf einem Interview, das er 1979 im Zuge der Dreharbeiten zu Shoah mit Maurice Rossel, einem Schweizer Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes, während des Zweiten Weltkriegs geführt hat. Dieser hatte einen positiven Bericht über das Konzentrationslager Theresienstadt geschrieben, das er als "Modellghetto" bezeichnete. Claude Lanzmann filmt die Spuren des Genozids in der Gegenwart, er stützt sich dabei auf die Aussagen von Zeitzeugen und verzichtet auf Archivmaterial. Fragen der Wahrheit, der Sichtbarkeit und der Ignoranz bestimmen den Film, der sich aus der Spannung zwischen der Weigerung, zu sehen und zu hören und dem Ort, der sehen und hören möglich machte, aufbaut. (28. & 31.1.)

Die Filmreihe wird im Februar mit sechs weiteren Filmen (von Hervé Le Roux, Florent Marcie, Bruno Podalydès, Robert Kramer, Sabrina Malek & Arnaud Soulier, Olivier Zabat) fortgesetzt. Das gesamte Programm findet sich in der ausliegenden Broschüre. Ein Teil der Reihe wird bis April in mehreren deutschen Städten zu sehen sein.

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit Jean-Michel Frodon (Cahiers du cinéma) und dem Bureau du cinéma. Dank an Dorothée Basel, Anne Schesch und Julien Lamy.