März 2019, distribution news

"La Casa Lobo" (Das Wolfshaus)

von Cristóbal León und Joaquín Cociña, Kinostart: 4. April begleitet von der Caligari Filmpreistour

Ein kurzer Propagandafilm nimmt die Zuschauenden mit in die Gemeinschafft frommer Deutscher im Süden von Chile. Ihr Motto „Helfen macht glücklich“ dringt aus jedem der stimmungsvollen Archivbilder und umso bemühter ist der Erzähler, die negativen Gerüchte, die sich um seine Kolonie ranken, zu zerstreuen. Wenn auch nicht explizit, der Verweis auf die 1961 von Paul Schäfer gegründete Sekte Colonia Dignidad ist offensichtlich. Während der Pinochet-Diktatur war die Colonia Dignidad an Kindesentführungen, Missbrauch, Folter und Morden beteiligt. Die folgende, kunstvolle Stop-Motion-Animation ergründet die Traumata, die die Sekte hinterlassen hat. In Form einer albtraumhaften Parabel erzählt LA CASA LOBO von Maria, die sich aus Furcht vor einer ungerechten Strafe aus der Kolonie in ein verlassenes Haus im Wald flüchtet. Bedroht vom Wolf, der unablässig draußen herumstreift, versucht sie, hier mit ihren Schweinen ein neues Leben aufzubauen.

Trailer

Caligari Filmpreis -  Begründung der Juror*innen
"Ein Projekt ins Unbekannte ist immer ein Wagnis und erfordert Mut. Damit verbundene Emotionen bewegen, lassen Träume aufleben und Traumata verarbeiten. Beständigkeit eröffnet immerwährende detailreiche Metamorphosen. Vergänglichkeit vollzieht sich auch im vermeintlichen Innehalten. Abstraktionsebenen beflügeln ein anderes Sehen historischer und politscher Ereignisse. Wiegenlieder, wie „Schlaf, Kindlein, schlaf“, regen zum zusätzlichen Nachsinnen an. Faszination ausgelöst durch eine Abwechslung mit kastilisch- und deutschsprachigen Erzählsträngen, einer (Ver-)mischung von Märchen und 10.000enden voneinzelnen Einstellungen in atemberaubendem Stopptrick mit diversen Materialien entwickelt eine Sogwirkung für den Blick in: LA CASA LOBO.

Die Obsessionen Chiles - die Regisseure über ihren Film
LA CASA LOBO wurde aus einer Idee heraus geboren, die wir in verschiedenen Kurzfilmen praktiziert haben, indem wir uns als Regisseure Rollenspiele ausdachten. Wenn wir Filme machen, schlüpfen wir am liebsten in die Haut eines anderen. Für uns ist das eine Form des Nachdenkens darüber, wie Vorstellungen von Identität entstehen. In LA CASA LOBO waren wir inspiriert von dem Fall der Colonia Dignidad, einer von der Außenwelt abgeschottet lebenden Sekte, die 1961 von Deutschen im Süden von Chile gegründet wurde. Sie war berüchtigt wegen der Schreckensherrschaft ihres Anführers Paul Schaefer und wegen dessen enger Zusammenarbeit mit dem Pinochet-Regime. Wir stellten uns vor, Filmproduzenten in dieser Kolonie zu sein. Was wäre geschehen, wenn Paul Schaefer, der Anführer dieser Sekte, eine Art Walt Disney gewesen wäre? Was für eine Geschichte hätte er erzählt? Für uns sind unsere Filme Rituale, Beschwörungen, Zauberformeln. LA CASA LOBO stellen wir uns als eine Beschwörung vor, in der ein Bewusstsein versucht, ein anderes zu unterdrücken; als eine Projektion sämtlicher Obsessionen der Sekte und vermutlich auch Chiles: Gehorsam, Glaube, Rasse und die Beziehung zur Außenwelt.  Als wir gemeinsam an unseren ersten Kurzfilmen arbeiteten, wussten wir nicht, ob wir einen Kurzfilm drehten oder eine Videoarbeit schufen, ob eine Arbeit entstand, die eher von der Handlung vorangetrieben wurde oder die formal abstrakt war. Wir wollten einfach audiovisuelle Arbeiten herstellen, bei denen das Organische, das Material und das Gewagte den Kern der Geschichte ausmachen.
Wir wollten mit LA CASA LOBO einen Film machen, der permanent auseinanderfällt und sich dann selbst wieder zusammensetzt. Wir mögen das Organische, Zufällige, Flüchtige, das sich ständig Entwickelnde im Gegensatz zum Präzisen, Kontrollierten und Definierten. Wir versuchen uns vorzustellen, dass alles Material ist und deshalb transformiert, montiert und durcheinandergebracht werden kann; nicht nur die Objekte, die Umgebung, die Körper, sondern auch die Ästhetik und die Geschichte.  Mit LA CASA LOBO haben wir einen Film realisiert, dessen einzelne Elemente –Schönheit, Angst, Chaos und die eigentliche Geschichte – sich im permanenten Zustand der Veränderung befinden. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau, die sich in einem Haus versteckt, zugleich aber handelt diese Geschichte von einer physischen und geistigen Welt, die auseinanderfällt, sich selbst zerstört und immer wieder erneuert. LA CASA LOBO ist ein Tier im Zustand unablässiger Mutation. Der Film bewegt sich auf dieselbe Art und Weise, wie das Haus es tut: Er verliert seine Richtung und erzählt schließlich die Geschichte jener neuen, unbekannten Straße.

"So phantasmagorisch die Handlung und die Bilder auch wirken – der Film ist eine beklemmende Fabel, in der die Traumatisierung von Kindern gezeigt wird, die Opfer ­sexualisierter Gewalt wurden. In Chile lief der Film im vergangenen Jahr in vielen Kinos und wurde viel diskutiert. ... Die Idee zu dem Film hatte León während eines Aufenthalts in Deutschland. »Schon vorher«, erzählt Joaquín Cociña, »hatten wir Themen zur Diktatur behandelt. Wir hatten Interesse daran, die Konzentration des Bösen an isolierten Orten zu erörtern – und das, in Verbindung mit der chilenischen Vorliebe für die deutsche Kultur, hat uns zum Thema Colonia Dignidad geführt.« jungle.world/index.php

„In einer alptraumhaften Horror-Fabelwelt als stop motion inszeniert, zeichnet das folgende Märchen vom Mädchen Maria, das mit zwei Gefährten aus der Colonia in eine Waldhütte flieht, ein beängstigendes Psychogramm der autoritären deutschen Sekte. Wahrhaft fantastisch ist in dieser grandiosen Politparabel die Animation, die sich weniger „bewegt“, als vielmehr fortlaufend mutiert, sich zerfasert und wieder aufbaut.“ Barbara Kronsfoth, www.viennale.at

Interview mit den Regisseuren auf www.goethe.de

Berlinale Forum 2018

Auszeichnungen (Auswahl):
Caligari Filmpreis, Berlinale Forum
Best Animated Feature Film, FicMonterry (Mexico)
Best Latin American Film, Quito Latin American Film Festival (Ecuador)
GNCR Prize Special Mention, FidMarseille (Frankreich)

Cristóbal León, *1980 in Santiago (Chile), studierte Design und Kunst an der Pontificia Universidad Católica de Chile in Santiago sowie Kunst und Medien an der Universität der Künste in Berlin. Von 2009 bis 2011 nahm er am Künstlerprogramm des Künstlerinstituts De Ateliers in Amsterdam teil. Joaquín Cociña , *1980 in Conceptión (Chile), studierte Design und Kunst an der Pontificia Universidad Católica de Chile in Santiago. 2007 gründete sie zusammen mit Niles Atallah in Santiago die Produktionsfirma Diluvio. LA CASA LOBO ist ihr erster abendfüllender Film.

Gemeinsame Filme: 2011: El Templo (14 Min.), El Arca (16 Min.). 2012: La Bruja y el amante (20 Min.). 2018: La casa lobo.

LA CASA LOBO (Das Wolfshaus)
Chile 2018. Länge: 75 min. DCP. Spanisch, Deutsch. OmdU. Regie & Kamera:Cristóbal León, Joaquín Cociña. Buch:Cristóbal León, Joaqín Cociña, Alejandra Moffat. Sound Design:Claudio Vargas. Produktion:Catalina Vergara, Niles Atallah. Produktionsfirmen:Diluvio (Santiago, Chile), Globo Rojo Films (Santiago, Chile).