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In dem Dokumentarfilm begleitet Pepa Lubojacki ihren alkoholabhängigen, obdachlosen Bruder David sowie weitere Familienmitglieder und untersucht die Wurzeln generationenübergreifender Suchterkrankungen. In einer collageartigen Form aus Langzeitbeobachtung, Texten, Synthie-Klängen und KI-animierten Kindheitsfotografien entsteht ein persönlicher Film über Erinnerung, Verantwortung und die Möglichkeit von Veränderung.

Pepa Lubojacki (they/she) lebt in Prag, schreibt Drehbücher und dreht Dokumentarfilme. Lubojackis Arbeit behandelt Themen wie Geschlechterbinärität und Stereotypen, Sucht und generationsübergreifende Traumata.

Jury-Begründung für den Caligari-Filmpreis 2026 an IF PIGEONS TURNED TO GOLD

„Der Film, den wir als Preisträger für den Caligari-Preis 2026 ausgewählt haben, haben wir recht früh in unserem Sichtungsmarathon gesehen und er wollte uns seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Das liegt an seinem Thema, aber auch an seinen filmischen Methoden.

‚Memory is an unreliable storyteller‘, heißt es an einer Stelle. Die Erinnerung, sie ist immer noch unzuverlässig, obwohl das Archiv unserer persönlichen Aufzeichnungen – Fotos, Videos, Audios, Texte, von uns oder anderen aufgezeichnet – unendlich wächst, zunehmend auch in Form von Materialien, die nicht mehr abbildhaften Charakter haben.

Erinnerung und Archiv bleiben zwei verschiedene Dinge. Umso mehr, wenn man Fotos von Menschen Dinge sagen lassen kann, die sie selbst vielleicht nie gesagt hätten. Die Verwendung von KI in diesem Film ist ausgiebig, aber immer verfremdet und immer als solche erkennbar. Die audiovisuellen Brüche, vielleicht auch das ethisch Falsche des In-den-Mund-Legens werden nie durch Hochglanz verdeckt. Die Reflexionsfigur dafür ist eine quietschende Taube. Ein Filter – vielleicht auch eine Maske –, der allen Naturalismus in sein Gegenteil verkehrt.

Die Aneignung des Familienarchivs durch KI ist zweifellos fragwürdig. Gleichzeitig erhebt der Film niemals den absoluten Anspruch, sich ethisch unantastbar zu verhalten, und das ist ihm hoch anzurechnen. Die offensichtlich entfremdeten Fotos und Stimmen stehen tatsächlichem dokumentarischem Material gegenüber und betonen somit diese übergriffige Verfremdung der intimen und fast schon heilig ungetrübten Kindheitsbilder.

Die Videoaufnahmen zeigen ihren Bruder in verletzlichen Situationen, die Regisseurin stellt sich selbst die Frage, inwieweit ein Suchterkrankter überhaupt Zustimmung geben kann. Sie ist hin- und hergerissen zwischen Entmündigung und Ermächtigung, dem Impuls, den Bruder zu schützen und dem Wunsch, ihm Handlungsmacht zuzugestehen. Dabei steht das reale Material dem nicht-realen gegenüber, sie fordern sich gegenseitig heraus. Selbst wenn KI-generierte Stimmen scheinbar faktische Statements geben, motiviert die ‚uncanny‘ Ästhetik die Zweifel an ihrer Richtigkeit. Zu ihrer eigenen Unzuverlässigkeit bekennt sich Pepa mehrmals.

IF PIGEONS TURNED TO GOLD ist ein an sich selbst und seinen Narrationen zweifelnder Film voller Irritationsmomente. Thema sind Süchte, eigene und die von anderen, und ihre Überwindbarkeit und strukturelle Bedingtheit. Im Vordergrund steht die Sucht nach Substanzen, aber darunter liegt die Sucht nach der Kontrolle über die Erzählung des Filmes und seiner Stimmen sowie über das Suchtverhalten des Bruders. Dieses Spannungsverhältnis wird explizit thematisiert.

Durch brutale Direktheit versucht sie, die eigene Scham zu überwinden. Die poppige, aus YouTube-Formaten entwickelte Form steht im starken Kontrast zu den intimen Bekenntnissen. Gleichermaßen zugänglich und schwer verdaulich ist der reflektierende Prozess des Films.

Der Caligari-Preis des Jahres 2026 wird an IF PIGEONS TURNED TO GOLD verliehen.“

Über den Caligari-Preis

Der Film feierte seine Weltpremiere am 13. Februar 2026 im Zoo Palast 2 in Berlin. 

Der Caligari-Preis würdigt seit 1986 einen stilistisch wie thematisch innovativen Film aus dem Programm des Berlinale Forum. Er hebt damit die besondere Bedeutung dieser Sektion der Internationalen Filmfestspiele Berlin für die kulturelle Kinoarbeit in Deutschland hervor. Der Preis wird von dem Bundesverband kommunale Filmarbeit und den Kommunalen Kinos in Kooperation mit filmfriend, dem Streamingportal der Bibliotheken und dem Electronic Delivery Dienstleister Gofilex vergeben. Den Großteil des Preisgeldes spenden die Kommunalen Kinos.

Die Auszeichnung ist mit 4.000 Euro dotiert, wobei die Preisträgerin die Hälfte des Betrages erhält, während die andere Hälfte dem Verleih zugutekommt, um die Kinoauswertung nach dem Festival deutschlandweit zu unterstützen. Die Caligari-Jury 2026 setzte sich zusammen aus Jonas Helmerichs (Kino im Sprengel Hannover), Marlene Hofmann (Filmhaus Nürnberg, Filmverleih Grandfilm) und Moritz Mutter (Leiter der Digitalen Angebote des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB)).

⟫ Interview mit der Regisseurin Pepa Lubojacki: „Breaking the Cycle“

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