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Das Berlinale Forum schärft den Blick für Filme von gesellschaftlicher Relevanz und als ästhetische Form der Reflexion. Filme von Menschen, die ihre Wirkung auf unser Zusammenleben, unsere Kämpfe, unser Versöhnen, unsere Geschichte/n, die Erfahrbarkeit von Gemeinsamkeit, Schönheit und Solidarität und die Gestaltung unserer sozialen, kulturellen, ökologischen und politischen Gegenwart wie Zukunft ernst nehmen. Mit 32 Filmen im Hauptprogramm und einem Forum Special, das auch der Auseinandersetzung mit kritischem Filmemachen im Zeitalter Künstlicher Intelligenz nicht ausweicht, sorgt das 56. Forum vielfach für Gelegenheit, den Status quo des Kinos in all seinen Facetten zu erkunden.

„Einen Zugang zur Welt über das Kino zu finden — und zurück zu Filmkorn, Pixel, Foto, Kamerablick, Tonspur, Archivbild und nun immer stärker auch hin zu virtuellen und KI-generierten Bildern“, kommentiert Forumsleiterin Barbara Wurm, „beschäftigt unabhängige Filmemacher*innen genauso wie jene, die stärker im System etabliert sind, im Autor*innen- und Genrekino, im Spiel- und Dokumentarfilm. Das Spannende an diesem Jahrgang — vermutlich der politischste seit langem! — ist, wie unterschiedlich die filmischen Formen sind, mit denen all die konkreten Themen gesetzt werden, die so weh tun: bestehender Kolonialismus und die strukturelle Unterdrückung indigener Bevölkerungen, Gewalt gegen Frauen, Korruptionssysteme, soziale Missstände. Dagegen stehen Selbsterkundungen und, wie schon letztes Jahr, bewusste Wahlverwandtschaften.“

Sechs Debütfilme aus Brasilien, Kolumbien, China, Indien, Japan und Deutschland

Unter den 15 Spielfilmen im Hauptprogramm sind sechs stilistisch überzeugende Debüts aus Brasilien, Kolumbien, China, Indien und Japan sowie aus Deutschland, von Koxi, die Jelinek-Adaption LIEBHABERINNEN. Frauenpower in großartigen zweiten Filmen gibt es von Ralitza Petrova, LUST, und Banu Sıvacı, HEAR THE YELLOW. Insgesamt bleibt das Forum auch im fiktionalen Bereich politisch. Der neueste Streich des indonesischen Genrestars Joko Anwar GHOST IN THE CELL oder Chung Il-youngs MY NAME zeugen davon ebenso wie das japanische Debüt ANYMART — Supermarkt-Horror samt Sozialkritik.

Haile Gerimas lang erwarteter BLACK LIONS – ROMAN WOLVES webt aus Archivmaterial und Zeitzeugnissen eine knapp zehnstündige filmische Abrechnung mit Geschichte und Mythen des italienischen Kolonialismus in Äthiopien, die zugleich Würdigung des Widerstands ist. Gerimas Film wird flankiert von einer ganzen Reihe bedeutsamer Dokumentarfilme. Dazu gehören Madhusree Duttas FLYING TIGERS, Sofia Bordenaves den Rassismus gegen die Mapuche in Patagonien zerlegenden FOREST UP IN THE MOUNTAIN, Rania Rafeis Tripoli-Porträt und Anat Evens eindrücklicher, reflexiver Essayfilm EFFONDREMENT (COLLAPSE) über die Trauer nach dem 7. Oktober, den Krieg in Gaza und über Fragen von Kausalität und Verantwortung. Erstmals im Forum wird Rithy Panh erwartet, mit einer herausragenden Beobachtung der indigenen Bunong in Kambodscha, den Clash lokaler und globaler Ökonomien analysierend.

Zur Reflexion deutscher Befindlichkeit trägt neben EINAR SCHLEEF — ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN auch Marie Wilkes SZENARIO über die größte militärische Modellstadt Europas bei, und zeigt die Bundeswehr zwischen Umgang mit der Vergangenheit, Kriegssimulation und ungewisser Zukunft. Volker Koepp begegnet in CHRONOS Menschen aus den Regionen östlich der Weichsel wieder, die er seit 1972 mehrfach für zahlreiche seiner Filme aufgesucht hat. Auf das eigene Werk zurückblickend entsteht eine Langzeitstudie, die die politischen Umstürze kulminierend in Russlands Krieg gegen die Ukraine seismografisch skizziert — ein fundamentaler Europafilm. Transatlantisch steht Koepps epischem Werk James Bennings EIGHT BRIDGES gegenüber, ausgehend von der lakonischen Beobachtung, es sei „Zeit, Brücken zu betrachten“.

Hybride und experimentelle Formen im Forum

Wie stets bietet das Forum auch eine Plattform für hybride und experimentelle Formen, darunter das schwedische Kleinod DOGGERLAND, den „Zen Retreat“ -Debütfilm der Performerin Nao Yoshigai MASAYUME, Ted Fendts 16mm-Perle AUSLANDSREISE, den urkomischen Frauenfilm EVERYTHING ELSE IS NOISE, die knallige Hommage JOY BOY an den Komponisten Julius Eastman oder den neuseeländisch-nigerianischen Film CROCODILE von Pietra Brettkelly mit dem und über das Künstlerkollektiv The Critics. Kollektiv Filme machen lautet die Devise, hin zur konkreten Gemeinschaft, zur solidarischen Gesellschaft, zu den Wahlverwandten: Kevin Contento etwa mit THE MOTHS & THE FLAME — einem Porträt Schwarzer Jungväter in seiner Nachbarschaft — sowie warm und erhellend: Nurith Avivs PRÉNOMS (Given Names).

Auf der Arsenal-Website werden in den kommenden Wochen Bonustexte zu den Filmen und Interviews mit allen im Programm vertretenen Regisseur*innen veröffentlicht.

Alle Filme des Forum Hauptprogramms auf Berlinale.de
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