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Eine Kamera schwenkt durch das Innere eines Theaters, in dem kein Publikum anwesend ist. Ein Opernsänger (der Peruaner Valeriano Lanchas), begleitet von einem Pianisten, lässt Musik erklingen, die entweder unhörbar oder verzerrt und unvollständig ist. Särge. Politische Parolen inmitten einer Beerdigung. Die Fahnen und Namen linker bewaffneter Gruppen, von denen eine noch heute in Kolumbien aktiv ist. Fragmente seltsamer Gedichte wehen hinein und wieder hinaus. Eine Rückkehr in das leere Theater.

EL LEÓN ist ein Experimentierlabor, eine Baustelle für die Montage von Erinnerung.

Was macht dieses heterogene Bildmaterial miteinander? Welche Kurzschlüsse oder welche Bedeutungsfunken bringt es hervor? EL LEÓN ist ein Experimentierlabor, eine Baustelle für die Montage von Erinnerung. Das Bild ist, in den Worten Harun Farockis, ein Kraftfeld, in dem das Sichtbare zum Unsichtbaren drängt. Eine notwendige doppelte Operation: kritische Assemblage und Demontage.

In den Särgen, die wir sehen – aufgenommen von einer Kameraperson (EL LEÓN ist auch eine Found-Footage-Arbeit) –, liegen die Körper von Alberto Alava, Eduardo Umaña und Jesús Antonio Bejarano, Universitätsprofessoren und progressive Denker, die in den 1980er- und 1990er-Jahren ermordet wurden. Alle drei hatten Verbindungen zur Universidad Nacional Kolumbiens und verkörpern das Ethos einer Universität, die sich der Suche nach einem gerechteren Land sowie der Verteidigung von Frieden und Menschenrechten verschrieben hat. Ein engagiertes Denken, das davon träumte, ein neues Land auf der belebenden Kraft der Ideen aufzubauen.

Eine Legion von Gespenstern durchstreift EL LEÓN: Vielleicht sprechen sie von unseren Toten und unseren Kämpfen, die nicht ruhen werden, bis Gerechtigkeit herrscht.

Die Gedichte, deren Fragmente wir in EL LEÓN hören, stammen von León de Greiff. Seine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Kolumbien entstandene Poesie distanziert sich von jeglichen realistischen, folkloristischen und anklagenden Bestrebungen, neue Welten zu schaffen. Sie existiert nur in der Sprache, die er selbst erfunden hat.

Zu Ehren dieses großen kolumbianischen Dichters wurde das Hauptauditorium der Universidad Nacional nach ihm benannt. 1973 errichtet, wurde es nach langwierigen Restaurierungsarbeiten 2023 wiedereröffnet. Ein Ort, bestimmt für die Kunst, der jedoch immer wieder von Schmerz und Dringlichkeit durchdrungen wurde.

Das Material wird aus seinem ursprünglichen Kontext gelöst – nicht, um es zu neutralisieren, sondern damit es in seiner neuen Zusammenführung eine Revolte der Bedeutung und des Empfindens hervorbringt.

Indem EL LEÓN diese unterschiedlichen, seltsamen, fremden und verfremdeten Materialien zusammenfügt, erschafft der Film ebenfalls eine neue Welt – einen sensiblen und intellektuellen Raum, von dem aus sich andere Wege eröffnen, Geschichte zu fühlen und zu verstehen, nicht nur durch die Rationalität der Diskurse mit ihren – immer notwendigen – Erklärungen und Gewissheiten. Er verarbeitet Archivmaterial und vom Krieg hervorgebrachte Bilder, die keiner historischen oder juristischen Wahrheit untergeordnet sind. Diese Materialien werden verschoben und poetisch wie symbolisch umgearbeitet und nehmen dabei eine Abkürzung, die letztlich doch zu einer Wahrheit führt – vielleicht zu einer weniger umstrittenen, weil sie an gemeinsames Terrain appelliert: an Emotionen und geteilten Schmerz.

(…)

Eine Legion von Gespenstern durchstreift EL LEÓN: Vielleicht sprechen sie von unseren Toten und unseren Kämpfen, die nicht ruhen werden, bis Gerechtigkeit herrscht. „Keine Minute Schweigen, ein Leben lang Kampf!“, hören wir in den Reden. Und wir sehen die wütende Menge, die diese kollektive Forderung aufrechterhält. 

Die eindringliche Kraft dieses Kunstwerks hat viele Wurzeln. Das Material wird aus seinem ursprünglichen Kontext (Dokumentar- oder Nachrichtenaufnahmen, Radioarchive mit der Stimme eines Dichters) gelöst – nicht, um es zu neutralisieren, sondern damit es in seiner neuen Zusammenführung eine Revolte der Bedeutung und des Empfindens hervorbringt.

Die kritische und interpretative Dekonstruktion in EL LEÓN ist möglich und sogar notwendig. Und doch bleibt seine Fremdheit bestehen. In den Worten aus León de Greiffs „Ínsula“, einem der Gedichte, die Teil des klanglichen Magmas des Films sind, ist EL LEÓN: „Schweres, ausweichendes Symbol. / Schweres ausweichendes Symbol, nächtlicher / düsterer Gedanke, im Chaos kreisend.“

Pedro Adrián Zuluaga

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