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Die Struktur des Films

Die Kamera wurde nach Osten ausgerichtet, um jeden Morgen den Sonnenaufgang aufzeichnen zu können. Die erste Belichtung wurde am 6. April 2023 um 5:30 Uhr morgens durchgeführt. Die Belichtungszeit betrug 8 Sekunden pro Einzelbild. Die Belichtungszeit wurde graduell von Einzelbild zu Einzelbild verlängert. Wir erreichen 9 Sekunden, dann 10 und so weiter... Nach Sonnenuntergang war das Ende der ersten Filmrolle erreicht und die Belichtungszeit betrug bereits 21 Sekunden. Die Belichtungszeiten wurden über die gesamte Dauer der Dreharbeiten gesteigert: Die erste Filmrolle nahm den ersten Tag auf, die zweite die folgende Nacht und den folgenden Tag, die dritte machte bereits Aufnahmen der nächsten zwei Tage und Nächte, etc. …

Der Film beginnt im Frühling, was die Sonne langsam in der Mitte des Bildes aufgehen lässt. Alle Nächte entfalten sich ruhig vor unseren Augen. Wir sehen ein ganzes Jahr ohne Unterbrechungen. Das Wetter verändert sich, Wolkenformationen bewegen sich rasch über unsere Köpfe hinweg, wechseln abrupt die Richtung. Die Spiegelung des Himmels in der Oberfläche des Sees verstärkt unsere Wahrnehmung der Himmelsbewegungen. Die Zeit vergeht zunehmend schneller und die Wechsel von Nacht und Tag werden rhythmisch und kontrastieren sich. Alle Töne, die wir hören, unterstützen jede Bewegung. Der Tag-und-Nacht-Rhythmus hört nicht auf, sich zu beschleunigen und wird über den Verlauf des Films immer intensiver. Auch am 1. Dezember 2023, nachdem bereits 19 Filmminuten durchgehend über acht Monate hinweg belichtet worden waren, wurden die Belichtungszeiten noch immer stetig länger und länger. Der Film ging nun in eine neue Phase, in der jedes Einzelbild für 24 Stunden oder 86.400 Sekunden belichtet wurde. In der Projektion sehen wir die Zeit also 10.000 Mal schneller vergehen als zu Beginn des Films.

Diese 17 Sekunden zeigen die Veränderung des Pfads der Sonne: Von der rechten Seite des Bildes im Winter durch die Bildmitte im Frühjahr nach Links, wo sie im Sommer aufgeht. 

Die Struktur des Films erreicht ein Plateau: Die Kamera machte weiter Tag und Nacht Aufnahmen, je 24 Stunden pro Einzelbild. Nach 423 Tagen, am 27. Januar 2025, wurde die Kamera abgeschaltet. Diese letzte, über 423 Tage gedrehte Sequenz dauert im Film 423 Bilder oder nur 17 Sekunden in unserer Echtzeit. Diese 17 Sekunden zeigen die Veränderung des Pfads der Sonne: Von der rechten Seite des Bildes im Winter durch die Bildmitte im Frühjahr nach Links, wo sie im Sommer aufgeht. Hier kehrt sie um und bewegt sich zurück durch den Herbst in der Bildmitte zurück nach Links, in den Winter. Dieser Kreislauf ließe sich natürlich unendlich fortsetzen – FOREVER…FOREVER

Drehort und Kamerastation

Der Drehort wurde sorgsam ausgewählt: Eine Landschaft, die von menschlicher Intervention geformt ist, mit einem Wasserkraftwerk in der Bildmitte. Die Kamerastation wurde mit Blick nach Osten installiert, sodass die Sonne zur Sonnenwende genau hinter dem Kraftwerk aufgehen würde. Die Staumauer des Kraftwerks ist von der Seeseite her zu sehen, aus der Richtung, aus der der Fluss Kamp in den Ottenstein-Stausee einfließt. Die Allwetter-Kamerastation wurde eigens am Ufer des Sees installiert und beherbergte die Kamera zwei Jahre lang. Sie schützte die Kamera während des Betriebs vor Regen und Wind, Gewittern und sogar vor einer Überschwemmung.

Ein neues Filmformat: VistaRama65

Um den gesamten Kreislauf eines Jahres aufnehmen zu können, benötigt man eine stationäre Kamera und kann auf zwei Arten vorgehen: Digital oder analog. Eine digitale Kamera würde Millionen von Bildern aufzeichnen, die in der Postproduktion miteinander überblendet werden müssen. Ein digitaler Sensor produziert bei Langzeitbelichtungen visuelles Rauschen und die nötigen Intervalle zwischen den Bildern wären deutlich länger als die Belichtungszeiträume, was zum Verlust visueller Bewegungsinformation führt. 

Die Filmgeschichte bietet eine große Anzahl unglaublicher Filmformate und Bildseitenverhältnisse, doch eines fehlte bisher: Sphärisches Breitbild auf horizontalem 65mm-Film. 

Eine photochemische Emulsion kann über Stunden belichtet werden, ohne das visuelles Rauschen entsteht. Mit dem richtigen Filter kann die Blende so lange geöffnet bleiben wie wir wollen und fängt alle Photonen ein, die über einen langen Zeitraum auf die Linse treffen. Die einzigen Pausen, die nötig sind, sind jene kurzen Augenblicke, in denen der Film im Gehäuse zum nächsten Kader weitertransportiert wird. Langzeitbelichtungen erzeugen Unschärfe in den Bereichen des Bildkaders, in denen Bewegung aufgezeichnet wird. Bewegungsunschärfe ist ein Grundpfeiler der flüssigen Wahrnehmung schneller Bewegungen in Filmbildern. Die Filmgeschichte bietet eine große Anzahl unglaublicher Filmformate und Bildseitenverhältnisse, doch eines fehlte bisher: Sphärisches Breitbild auf horizontalem 65mm-Film. 

Johann Lurf

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