Gegen Ende des Jahres 2024 wendete ich meine Aufmerksamkeit Videoaufnahmen zu, die ich 2016 während eines Aufenthalts in Chiang Mai gedreht hatte, wo ich Zeit mit Landbäuer*innen verbrachte. Diese Bilder gingen mir über all die Jahre nicht aus dem Kopf. Besonders ein beiläufig gesprochener Satz eines Farmers blieb mir in Erinnerung: „Die Hinlänglichkeit ist unzureichend.“ Aus diesem Material wurde später der Film PHI PATTANA, – der Titel bedeutet Gespenst der Entwicklung. Wenn man lang genug in Thailand lebt, bekommt man den Eindruck, das Land werde von einem Gespenst heimgesucht, das seinen Klammergriff immer genau dann noch fester zieht, wenn seine Bewohner*innen versuchen, einer selbstbestimmten Zukunft näherzukommen. Durch meine Recherche wurde mir langsam klar, dass dieses Gespenst die „Entwicklung“ ist. Ein Schlüsselerlebnis war die Sichtung des Films THAILAND’S ROLE IN THE VIETNAM WAR (1967). Der Film zeigt Entwicklung nicht als Fürsorge oder Hilfe, sondern vielmehr als politische Strategie – genauer als Fortsetzung einer Strategie der Aufstandsbekämpfung mit anderen Mitteln.
Dieses Narrativ hat die thailändische Gesellschaft seit dem Kalten Krieg geprägt, was sich am deutlichsten in der von König Rama IX propagierten Philosophie der „Ökonomie der Hinlänglichkeit“ ausdrückt. Hinlänglichkeit ist kein neutrales Konzept. Sie wurde ein moralischer Code, durch den Gehorsam, Zurückhaltung und nationale Stabilität definiert wurden und der das Landleben bestimmte und regierte. Anstatt Selbstermächtigung zu ermöglichen, wurde bestehende Ungleichheit verwaltet und so der politische Vorstellungshorizont der Menschen eingeengt. Während der politischen Krisen der 2000er-Jahre wurde diese Idee zur Waffe im Kampf gegen politische Gegner*innen. Ein Kampf, der in der Niederschlagung von Protestierenden aus der Landbevölkerung durch das Militär kulminierte, bei denen Demonstrant*innen getötet wurden. Bis heute sind die Schuldigen nicht zur Rechenschaft gezogen worden.1Siehe zu diesem Thema auch den Film NARRATIVE von Anocha Suwichakornpong im diesjährigen Filmprogramm von Forum Expanded.
Die Auseinandersetzung mit den Filmen aus der Zeit des Kalten Kriegs – neben THAILAND’S ROLE IN THE VIETNAM WAR auch der von der Shell Film Unit produzierte UNITED NATIONS MEKONG RIVER PROJECT (1964) – zeigte deutlich, wie Bilder und Narrative solche Gewalt vergessen machen, indem sie Entwicklung als Wohlwollen darstellen, obwohl sie tatsächlich militärischen und ausbeuterischen Mächten dient.
Die Vergangenheit sammelte ihr Gewicht zusammen und drängte mich dazu, diesen Film zu machen.
Im August 2024 löste das vom Militär eingesetzte thailändische Verfassungsgericht eine politische Partei auf, die von der Bevölkerung demokratisch gewählt worden war. Der Grund war hauptsächlich die Haltung der Partei zur Reform des Gesetzes zur Majestätsbeleidigung. Was sich neu anfühlte, war nicht die Politik selbst, sondern das Ausmaß der Hoffnung, die sie umgab: Hoffnung auf Solidarität, auf Wandel, auf eine Zukunft, die von den Menschen selbst geformt wird. Als das Urteil verkündet wurde und die Decke der Meinungsfreiheit ein weiteres Mal niedriger wurde, war es, als habe sich die Zukunft abrupt zusammengezogen. Wieder einmal überkam mich eine vertraute Beklemmung. Die Vergangenheit sammelte ihr Gewicht zusammen und drängte mich dazu, diesen Film zu machen.
Komtouch Napattaloong