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Reconnaissance (dt.: Erkundung, Nomen)
„Vorläufige Erkundung oder Vermessung“, insbesondere eines Territoriums oder feindlicher Stellungen für militärische Zwecke, belegt seit 1810 und mit den Napoleonischen Kriegen assoziiert. Vom französischen reconnaissance „Vermessungsvorgang; Erkennung, vom Altfranzösischen reconoissance „Erkennung, Anerkennung.“

Recce
Militärjargon aus dem Zweiten Weltkrieg (1941), Kurzform von reconnaissance, seit 1943 als Verb verwendet. Früherer Jargon im Ersten Weltkrieg recco (1917). Gesprochen „rekkie“. Bezeichnet eine vorbereitende Inspektion zur Sammlung von Informationen und Bewertung von Bedingungen; in der Filmproduktion und projektbasierten Kontexten ein Besuch der Drehorte vor dem eigentlichen Dreh um Licht, Ton, Zugang und Logistik zu bewerten. Vergleiche recon.

Reckless (dt. rücksichtslos, Adjektiv)
Aus dem Mittelenglischen recheles, aus dem Altenglischen receleas „rücksichtslos, achtlos“, wörtlich „not recking (of consequences)“, von rece, recce „beachten, sich kümmern/scheren“, von reccan „sich kümmern“ + -less. Stammverwandt mit dem Deutschen ruchlos und dem Niederländischen roekeloos. 

Ein Recce.

Vor einigen Monaten gab ich „Uganda Location Manager“ in das Suchfenster meines Internetbrowsers ein. Ich klickte auf den ersten Link, der erschien. Ich schrieb einem lokalen Location-Manager, der Probeaufnahmen an potentiellen Drehorten für geplante Filme anbot. Ich war (und bin immer noch) in der Vorbereitung eines abendfüllenden Films und versuchte zu verstehen, wo und wie ich diesen drehen könnte. Nachdem wir uns über die grundlegenden Rahmenbedingungen verständigt hatten, fügte ich hinzu, dass das Thema meines geplanten Dokumentarfilms eine geheime Expedition ist, die 1903 vom Britischen Kolonialbüro in den Hochebenen Ugandas und Kenias durchgeführt wurde, um die Eignung des Gebiets für die Schaffung eines jüdischen Staates zu eruieren. 

Ich kopierte die folgende Beschreibung in meine Mail:

„Im Jahr 1904, angesichts eines immer stärker werdenden Antisemitismus und zahlreicher Pogrome in Europa, unterstützen führende europäische jüdische Persönlichkeiten eine Expedition nach Ostafrika, die eine mögliche jüdische Siedlung in den Hochebenen Ugandas evaluieren sollte. Die Mission wurde diskret von den britischen Kolonialadministratoren unterstützt, die das Gebiet als „karg, spärlich besiedelt und verfügbar“ bezeichneten. Das kolonisierte Ostafrika wurde als leere imperiale Leinwand verstanden, auf die eine Lösung der sogenannten „Judenfrage“ projiziert werden konnte. Während viele zionistische Wortführer an Palästina festhielten, sahen andere Uganda als eine Notlösung und als Weg, innerhalb einer imperialen Ordnung politische Legitimität zu erlangen. Um von den europäischen Staaten akzeptiert zu werden, so glaubte die jüdische Führungsriege, mussten auch sie selbst eine Kolonialmacht werden. Und das wurden sie. 

Das kolonisierte Ostafrika wurde als leere imperiale Leinwand verstanden, auf die eine Lösung der sogenannten „Judenfrage“ projiziert werden konnte.

Ein Mann wurde mit der Bewertung von Terrain, Klima, landwirtschaftlichem Potential und Infrastruktur der Region beauftragt. Er dokumentierte das Land mit Karten, Tagebucheinträgen und Fotografien und entwickelte Vorstellungen von Mount Elgon als einem zukünftigen Zentrum jüdischen Lebens. Doch irgendetwas ereignete sich während dieser Expedition, dass seine Vision durchkreuzte. Er schwor, nie wieder an diesen Ort zurückzukehren. Sein Report lenkte die Aufmerksamkeit der Zionisten auf eine andere Geographie auf der expandierenden Karte des Britischen Imperiums – Palästina.“

Kamau, der ugandische Location-Manager, fragte mich, wo genau ich zu filmen hoffte. Er schlug vor, zu den Locations zu fahren und eine Standard-Rolle von 15 Minuten Länge an verschiedenen Drehorten aufzunehmen. Ich würde den Zusammenschnitt dann als Drehort-Test zugesandt bekommen. Für diese Unternehmung brauche er Landkarten, erklärte er mir. Ich hatte tatsächlich verschiedene Karten der Region, die ich erst wenige Wochen zuvor im Britischen Nationalarchiv gefunden hatte, wo sie mit den Akten des Kolonialbüros verwahrt werden. Sie wurden unter der Leitung von Joseph Chamberlain angefertigt und zeigten das Territorium, das im Rahmen des „Uganda-Plans“ vorgeschlagen wurde, wie das Vorhaben später genannt wurde. In Chamberlains Worten sollte der Plan zwei drängende Probleme des Britischen Imperiums gleichzeitig lösen. Das erste Problem war der Wunsch, Ostafrika einerseits zu sichern und andererseits Weißer zu machen, indem Europäer*innen dazu ermutigt wurden, sich in den neu kolonisierten Territorien anzusiedeln. Das zweite bestand in dem Wunsch, sich der als zunehmende Last empfundenen jüdischen Immigranten im Londoner East End zu entledigen. In der rassistischen Logik des Kolonialbüros, wurden Jüd*innen als „weiß, aber nicht völlig weiß“ verstanden. Dieser uneindeutige Status machte sie, in den Augen des Imperiums, zur geeigneten ersten Welle von Siedlern in Uganda und Kenya und zu den bestmöglichen Vermittler*innen zwischen der europäischen Behörde und dem afrikanischen Land.

Wir tauschten Emails über die Gewalt der Abstraktion aus, die ein Land als leer erscheinen lässt; und über die systematische Auslöschung von Menschen und Kulturen, die diese Regionen bereits seit langem bewohnten bevor sie als imperiale Besitztümer kartographiert wurden. 

„Wieso zum Teufel hat man den Jüd*innen überhaupt dieses Land angeboten?“, fragte mich Kamau in seiner nächsten Email. Als jüdischer Filmemacher fragte ich mich dasselbe. Ausgehend von den historischen Landkarten begann der Location-Manager mir mit Google-Maps-Pins zu zeigen, wo der geplante jüdische Staat realisiert worden wäre, wäre der Vorschlag durchgeführt worden. Das „Neue Gelobte Land“, wie die Kolonialbehörde es nannte, sollte auf Mount Elgon entstehen, an der Grenze zwischen Kenia und Uganda. Kamau zoomte in die digitale Karte. Das Land erschien auf meinem Bildschirm als Patchwork verschiedener Grüntöne. Heute, erklärte er mir, ist die Gegend ein Naturschutzgebiet, was bedeutet, dass eine spezielle staatliche Genehmigung nötig wäre, um dort zu filmen. Zunächst besprachen wir technische Belange, doch allmählich traten größere und kompliziertere Probleme in den Vordergrund. Wir begannen, Land- und Steuerrecht zu diskutieren – beides von grundlegender Wichtigkeit für Dreharbeiten. In Teilen gab es her Überschneidungen mit kolonialen Landrechtsregularien. Wir tauschten Emails über die Gewalt der Abstraktion aus, die ein Land als leer erscheinen lässt; und über die systematische Auslöschung von Menschen und Kulturen, die diese Regionen bereits seit langem bewohnten bevor sie als imperiale Besitztümer kartographiert wurden. Wir kamen nicht bis an den Punkt, den wir beide als eng verbunden als mit der Geschichte der Expedition betrachteten: Die Landgesetze, die 50 Jahre später zum Aufstand der Mau Mau führen würde, die systemische Gewalt gegen die Kikuyu, Masseninternierungen, Zwangsarbeit, Folter, Aushungern und außergerichtliche Hinrichtungen. Als unser Austausch endete und der Location-Test für meinen nächsten Film abgeschlossen war, stand für mich fest, dass ich nicht dort drehen würde. Heute zum Mount Elgon zurückzukehren würde nur reproduzieren, was ich versuchte zu enthüllen und ungeschehen zu machen.

Fotografien von Nachum Wilbush, 1904

Trotzdem waren Kamau und ich uns einig, dass die 15-minütige Recce, die aus diesem langen Gespräch hervorgegangen war, etwas Essentielles eingefangen hatte. In seiner kurzen Form kondensierte sie das Begehren und die Widersprüche, die wir mit Hilfe der Landschaft einfangen wollten. Die Recce – das ist der gängige Begriff in der Filmindustrie – verkörpert die intimste Auseinandersetzung von Film mit Land und sein fortwährendes Bestreben, Fiktion auf die Konturen der Realität zu projizieren. Auf gespenstische Weise verlängert diese Recce den bereits abgeschlossenen Akt der Erkundung, den die ursprüngliche Expedition betrieb. Eine Erkundung, die in diesem Fall auch die kreative Produktion eines ausländischen Films vorbereitete, egal um welchen spezifischen Film es sich handeln mag. 

Die Recce enthüllte, wie eng der Zusammenhang zwischen filmischen Praktiken und der Geschichte kolonialer Vorstellungen ist, in denen Land durch Projektionen lesbar und wertvoll gemacht wird. 

Die Recce markiert den Moment, in dem ein Ort zum Platzhalter für ein Anderswo gemacht wird und eine Fiktion in sich aufnehmen muss, die nicht seine eigene ist. Ein Übergangsverfahren: Noch kein Film, aber auch nicht nur eine Vorbereitung. Die Recce ist ein spekulativer Akt, indem sowohl Produktion als auch Auslöschung angelegt sind. Sie inszeniert eine Probe nicht nur für das Filmemachen, sondern auch für eine territoriale Rekonfiguration, durch die Land für die Aneignung verfügbar wird und ebenso für Übersetzung, Extraktion und Besetzung. Die Recce enthüllte, wie eng der Zusammenhang zwischen filmischen Praktiken und der Geschichte kolonialer Vorstellungen ist, in denen Land durch Projektionen lesbar und wertvoll gemacht wird. Plötzlich sah ich mich in dieser Zwischenform mit den Überschneidungen zwischen meinem eigenen Begehren, eine Expedition zu starten und nach Drehorten für meinen Film zu suchen und der historischen jüdische Expedition Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach einer Heimat konfrontiert. In beiden Fällen wird und wurde das Terrain im Hinblick auf seine Kapazität evaluiert, eine externe Narration zu beherbergen und eine geplante Zukunft zu ermöglichen.

Welche Kräfte sind am Werk, wenn ein Ort als Anderswo imaginiert wird?

In THE RECCE erscheinen Kino und Staatlichkeit als Zwillingsformen des Fabulierens. Beide basieren auf Abstraktion, Selektion und Auslöschung. Die Recce wird zum Bindegewebe zwischen diesen Räumen und zeigt wie (neo)koloniale Formen der Rahmung vom Kino geerbt, produziert und reproduziert werden. Durch den Fokus auf die Drehortsuche– sowohl auf die historische als auch auf die zeitgenössische – warf der Film plötzlich Fragen zur Ethik der Projektion auf. Welche Kräfte sind am Werk, wenn ein Ort als Anderswo imaginiert wird? Und was trägt das Kino zum langen Nachleben kolonialer Sichtweisen bei, die immer noch die Vorstellungen von Land, Wert und Begehren beeinflussen?

Ich schnitt das Material zu einem 15-minütigen Film zusammen, was exakt der Länge des ursprünglichen Tests entsprach und der herkömmlichen Länger einer Recce. Den Film sendete ich Kamau zu. „Vielleicht habe ich nicht völlig versagt“, schrieb ich ihm. „Was denkst Du? Ist das hier ein Film?“ „Ja“, antwortete er. „Ich mag den Film! Vielleicht besteht überhaupt kein Grund, hierher zu kommen und zu filmen :). Vielleicht ist das, was es ist … eine Recce“. Schlussendlich zeigt der Film, indem er die Form eines Location-Testdrehs annimmt, den zweigestalten Versuch – einen Film zu machen und eine Heimat zu suchen – als auf verschiedene Arten zum Scheitern verurteilt. Eher eine Probe, als eine Premiere. Genau wie Uganda es für Palästina war.

Daniel Mann

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