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Sind formal innovative Filme in der Lage, sowohl unsere Vorstellung dessen, was Kino sein kann zu erweitern als auch eine Verbindung mit dem Publikum einzugehen und ihm eine emotionale, eindringliche Erfahrung zu bereiten? Die Reaktionen auf AVANT-DRAG! bestätigten, was ich immer schon vermutet hatte: Es ist nicht nötig, sich zwischen den beiden Optionen zu entscheiden. Überall auf der Welt, von London (Raindance) bis Sarajevo (SFF) und darüber hinaus (AVANT-DRAG! wurde auf mehr als 70 Festivals gezeigt) fanden die Zuschauer*innen einen Zugang zu der Mischung aus Performancekunst, campiger Selbstreflexivität und der absichtsvoll instabilen Bilderwelt des Films – einer Welt, die ihre Direktheit nicht dem Drang zu experimentieren unterordnete. Anders ausgedrückt: Die Zuschauer*innen waren nicht trotz der experimentellen Natur des Films von ihm angetan, sondern in Teilen gerade wegen der spezifischen Formen der Verbindung, die diese ermöglichte. Diese Erfahrung führte mich noch weiter weg von den strikten Kategorien herkömmlicher „Dokumentar-“ oder „Spielfilme“ und hin zu einer durchlässigen, formbaren Art des poetischen Essayfilms.

Sind formal innovative Filme in der Lage, sowohl unsere Vorstellung dessen, was Kino sein kann zu erweitern als auch eine Verbindung mit dem Publikum einzugehen und ihm eine emotionale, eindringliche Erfahrung zu bereiten? 

Mein Denken nimmt seinen Ausgangspunkt in der Haltung, die ich in „QinoGlaz: Manifesto for a Queer (No-)Futurist Cinematic Reality“ formuliert habe, einem Text, der 2022 im Rahmen des Thessaloniki International Film Festival veröffentlich wurde. Dieses Manifest argumentiert, dass kinematographische Bedeutung durch vorsätzliche Fabrikation, Drag, die Geste der Amateur*in und die Kollision von inkompatiblen Materialien entsteht und nicht durch behauptete Transparenz oder Neutralität. Das Manifest kritisiert die Engstirnigkeit des traditionellen „schwulen und lesbischen Kinos“ – das, was Jerry Tartaglia die „braven kleinen Queers, die jene Kultur füttern, die dich auslöschen will“ nennt. Stattdessen schlägt es vor, aufsässige, hybride Formen zu schaffen, die sich zwischen Collage, widerspenstigen Körpern und geisterhaften Zeitlichkeiten hin und her bewegen. Aufbauend auf Denker*innen wie Preciado, Newton und Edelman plädiert das Manifest für queere Kinopraktiken, die Widersprüche befürworten, lineare Handlungen ablehnen, den materiellen Prozess des Filmemachens in den Vordergrund stellen und normative Behauptungen von Klarheit verweigern.

„Essayfilm“, ist in diesem Sinne nichts weiter als ein Name für eine Form des Bewegtbildes, die Denken ermöglicht – in Performance, im Schnitt, in Körpern, in Glitches, in Spiegel und in den Trümmern unserer eigenen queeren Archive. 

Mein derzeitiges Projekt folgt dieser Vorgabe: UCHRONIA ist ein Essayfilm, der von Rimbauds „Une Saison en Enfer (Eine Zeit in der Hölle)" inspiriert ist. Ich nähere mich Rimbaud nicht als biographischem Subjekt, sondern als eine Bühne für formale Intervention. Sein Gedicht nimmt in vielerlei Hinsicht die grundsätzlichen Punkte meines Projekts vorweg: Die Ablehnung eines linearen Narrativs, die Hinwendung zur Vielstimmigkeit, die Nutzung von Desidentifikation als Methode und die Destabilisierung von Gender und historischer Zeit. UCHRONIA nutzt diese Modalitäten des Gedichts und bringt sie mit dem zusammen, was Barbara Hammer als die Notwendigkeit beschreibt, in der Arbeit mit bewegtem Bild „den Traum zu besetzen“. Eine Notwendigkeit, die Mittel der Traumproduktion den industriellen, profitorientierten Spektakelmacher*innen zu entreißen. Der Film ist als eine Serie von Fragmenten strukturiert: inszenierte Tableaus, Spoken-Word-Einsprengsel, ritualisierte Performances und archivarischen Spuren, die gemeinsam reale und imaginierte Momente queerer Geschichte rekonstruieren.

Das verbindende Element zwischen AVANT-DRAG! und UCHRONIA ist nicht das Genre, sondern die Methode – ein Glaube, dass man sich der Realität indirekt durch Verzerrung, Humor, sensorischen Maximalismus und Konfrontation mit Künstlichkeit annähert, ohne so zu tun, als ob das Kino von einer neutralen Position aus spricht. „Essayfilm“, ist in diesem Sinne nichts weiter als ein Name für eine Form des Bewegtbildes, die Denken ermöglicht – in Performance, im Schnitt, in Körpern, in Glitches, in Spiegel und in den Trümmern unserer eigenen queeren Archive. 

Fil Ieropoulos

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