Direkt zum Seiteninhalt springen

YURUGU – INVISIBLE LINES entstand aus einer Praxis der Fürsorge.

Ich begann diesen Film allein, doch im Laufe des Prozesses wurde mir klar, dass das eigentliche Thema von YURUGU – die Gewalt der Trennung, Fragmentierung und Zerstückelung, die durch die koloniale Moderne hervorgerufen wurde – nicht aus einer einzigen Perspektive gehalten oder erzählt werden kann. Allein weiterzumachen hätte der Ethik des Films widersprochen.
Laurent Van Lancker in dieses Projekt einzuladen, war ein Akt der gemeinsamen Orientierung, nicht eine Zusammenarbeit im herkömmlichen Sinne. Es war eine bewusste Entscheidung, eine Kultur des Teilens als Praxis des Gleichgewichts, der Gegenseitigkeit und des lebendigen Wissens zu verkörpern. Diese Geschichte verlangte danach, von einem Ort aus erzählt zu werden, an dem sich Perspektiven kreuzen, irritieren und einander zuhören. Die Zusammenarbeit mit Laurent öffnete einen heiligen Raum des Austauschs, der es dem Film ermöglichte, durch Vielfältigkeit zu atmen, statt durch Autorschaft oder andere Besitzansprüche. Der Prozess selbst wurde zu einer Praxis des Sammelns: gefilmte Bilder, überlassene Aufnahmen, koloniale Archive, gehackte Bilder und virale Videos – jedes mit seiner eigenen Kraft, Geschichte und Verantwortung.

Kolonialismus und Kapitalismus haben nicht nur Ressourcen extrahiert, sie haben Beziehungen zerschnitten.

Ich stamme aus der Kivu-Region im Kongo und so habe ich die brutale Trennung – der Menschen vom Land, der Menschen von der Erinnerung, von Menschen und Nicht-Menschen – hautnah und wiederholt miterlebt. Kolonialismus und Kapitalismus haben nicht nur Ressourcen extrahiert, sie haben Beziehungen zerschnitten. Unsichtbare Linien wurden gezogen, die einst Welten zusammenhielten. YURUGU versucht nicht, diese Linien im restaurativen oder nostalgischen Sinne zu reparieren, sondern sie wieder zurückzubringen – buchstäblich das, was auseinandergerissen wurde, wieder zusammenzuführen. 

Kino ist für mich kein Mittel der Repräsentation, sondern ein ritueller Raum. Ein Ort, an dem Erinnern als kollektiver, verkörperter Akt aktiviert werden kann. Durch Ahnenökologie und die Ritualisierung des Teilens – von Nahrung, Arbeit, Geschichten und Gesten – kompostiert und zersetzt dieser Film den kolonialen Blick. Desorientierung, Textur, Träume und sensorische Brüche sind keine ästhetischen Entscheidungen um der Abstraktion willen, sondern Strategien der Verweigerung. Sie fordern das Publikum auf, langsamer zu werden, zu verlernen und zu fühlen, statt nur zu konsumieren.

YURUGU folgt der Logik des Ejo-Lobi-Kinos – einer Erzählform, in der Vergangenheit und Zukunft ineinander übergehen, in der Zeit eher kultiviert als beherrscht wird. Diese Arbeit ist eine Einladung: sich mit dem auseinanderzusetzen, was zerlegt wurde, dem zuzuhören, was unter dem Bruch fortbesteht, und sich das Kino als eine lebendige Praxis der Beziehung, der Fürsorge und der Erinnerung vorzustellen.

Petna Ndaliko Katondolo

Petna lud mich ein, an dem Projekt teilzunehmen, nachdem wir lange über das Konzept des Ejo-Lobi-Kinos und mein Interesse an emanzipatorischen, subversiven narrativen Strukturen im Kino gesprochen hatten.

Träume sind ein Weg, um zeitliche Begrenzungen zu überwinden und Vergangenheit und Zukunft ebenso zu verbinden wie Menschen und Nicht-Menschen.

YURUGU wurde zu einem fruchtbaren Terrain, um Ästhetik und narrative Formen durch gemeinsames Bearbeiten und geteilte Filmpraktiken neu zu kalibrieren. Träume sind ein Weg, um zeitliche Begrenzungen zu überwinden und Vergangenheit und Zukunft ebenso zu verbinden wie Menschen und Nicht-Menschen. Auch die mit Wärmebildkameras erzeugten Bilder setzen wir so ein – sie verwischen die Linien zwischen Spezies, indem sie ihre Erscheinungen angleichen.

YURUGU ist ein Film, der neu erforscht. Neu erforscht, um Resonanz zu erzeugen, zu alternieren, zu emanzipieren, zu subvertieren, neu zu kalibrieren, zu spüren. Sensorische, synästhetische, haptische Modalitäten. Die Beziehung zwischen Formen und Inhalten, Intentionen und Strukturen, Erzählungen und Wissen, Politik und Poetik, Bildern und Vorstellungen. Wahrnehmungen neu codieren. Jenseits von Textualität, Linearität, Hierarchie, Patriarchat, Kausalität, Konflikten und Höhepunkten. Formen des Wissens durch narrative Struktur – als Epistemologie.

YURUGU ist poethisches Kino. „Poethisch“ verbindet Poetik und Ethik und beschreibt kreative Praktiken, die gleichzeitig ästhetisch und ethisch sind – wo die Art und Weise, wie etwas ausgedrückt wird, untrennbar mit dem verbunden ist, was es in der Welt bewirkt.

Laurent Van Lancker

Zurück zum Film

Gefördert durch: