Arbeitsprozess
Für mich sind analoge Fotografien Alter Egos des Konzepts der Erinnerung, denn sie sind in der Lage aufzuzeichnen und zu speichern. Gleichzeitig können sie interpretieren, zerfallen, auslöschen und verloren gehen. Die Emulsion muss – als organische Oberfläche – in der Regel nach genau vorgegebenen, präzisen wissenschaftlichen Maßgaben behandelt werden, sei das im Hinblick auf Belichtung, Verweildauer im Entwickler sowie dessen Temperatur, und der Zusammensetzung und Menge der genutzten Chemie. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Fotografie zu dem Zweck eingesetzt wird, zu dem sie – und später die Kinematografie erfunden wurde: Die „Realität“ so zu zeigen, wie sie ist. Wobei vernachlässigt wird, dass jedes Bild zu aller erst eine Repräsentation ist, und einen bestimmten Blickwinkel hat.
Fotochemische Praktiken und Expanded-Cinema-Techniken ermöglichen eine Distanz zu dominanten Narrativen, indem normative, dokumentarische Aspekte von Bildern gekapert werden, um neue, spekulative Spezies zu erschaffen und gespenstische Erinnerungen freizusetzen.
Im Gegensatz dazu lässt sich die Emulsion auch als subjektive, lebende Materie verstehen, als ein Raum, in dem Vorschläge an die Oberfläche gelangen können. Die Emulsion erlaubt es, zu kreieren, abzuschweifen, existierende ebenso wie neue Bilder zu verzerren. Die Verzerrung entsteht durch die Art und Weise in der sie gerahmt und belichtet werden, durch den Entwicklungsprozess und durch die Art der Vorführung. Fotochemische Praktiken und Expanded-Cinema-Techniken ermöglichen eine Distanz zu dominanten Narrativen, indem normative, dokumentarische Aspekte von Bildern gekapert werden, um neue, spekulative Spezies zu erschaffen und gespenstische Erinnerungen freizusetzen.
Laurence Favre