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CASTING FOR A FILM, IHSAN’S DIARY ist Teil eines größeren Projekts mit dem Titel „Uncertain Times“, an dem ich seit 2017 arbeite. Es umfasst das Spielfilmprojekt JERUSALEM, THE DIARY OF IHSAN TURJMAN sowie die Recherche und Produktion künstlerischer Arbeiten zu der Zeit zwischen dem Ende des Osmanischen Reiches und dem Beginn der französischen und britischen Mandate im Libanon, in Syrien und Palästina (1914–1920). Diese Zeit war von tiefgreifenden geografischen, politischen und sozialen Umbrüchen in der Region geprägt, deren Folgen unser Leben bis heute prägen.

Mich interessieren die verschiedenen Erzählungen dieser Zeit aus persönlicher, subjektiver Sicht. Ich möchte die Spannungen und Ängste, aber auch die Hoffnungen und Erwartungen der damaligen Bevölkerung zum Ausdruck bringen. Das Tagebuch von Ihsan Turjman aus den Jahren 1915 bis 1916 erwies sich als ein besonders eindrucksvolles Dokument einer subjektiven Sichtweise, das meine eigenen Fragen widerspiegelte. Ich las es 2017 und später noch einmal. Über Jahre hinweg wirkte es in mir nach, bis ich beschloss, es zu adaptieren und gemeinsam mit dem palästinensischen Schriftsteller Majd Kayyal das Drehbuch zu entwickeln.

Es ist ein seltenes Zeugnis eines jungen Menschen, der in Zeiten von Konflikt und Unsicherheit seine Ängste, Ideale und Hoffnungen schildert: den täglichen Kampf in seiner Stadt und den Traum von einem friedlichen Leben mit einer Frau, die er platonisch liebt. Ihsan stellt Fragen zur Zukunft Palästinas und zu Vorstellungen von Patriotismus und Identität. Seine progressiven Ansichten zu Frauen und ihrer Befreiung zeugen vom Geist des Wandels dieser Zeit. Dieses außergewöhnliche Dokument wirkt auf erstaunliche Weise zeitgenössisch. Vieles von der damaligen Unsicherheit, den politischen Umwälzungen und der Angst der Bevölkerung ähnelt der Situation heute.

Dass ich wir aus politischen Gründen und aufgrund des anhaltenden Kriegszustands zwischen Libanon und Israel keinen Zugang zu Jerusalem haben, schafft Beschränkungen und Schwierigkeiten, die mich dazu veranlasst haben, alternative Wege zu finden, es darzustellen.

In der Videoinstallation CASTING FOR A FILM, IHSAN’S DIARY wird der Castingprozess, der sonst zur Vorbereitung eines Filmes dient, zum eigentlichen Thema. Inspiriert unter anderem von Mohsen Makhmalbafs Film SALAAM CINEMA reflektiert die Arbeit die Rolle der Schauspieler*innen und den manchmal anachronistischen Prozess des Geschichtenerzählens. Im gesamten Filmprojekt hinterfrage ich in Gesprächen mit den Darsteller*innen die Politik der Repräsentation und Vorstellungen von Authentizität. Der Film verhandelt Themen wie Sehnsucht, Identität und historisches Gedächtnis und lädt dazu ein, über historische Prozesse und Zeitlichkeit nachzudenken, aus denen wir die Gegenwart verstehen und die Zukunft erahnen können.

Jerusalem ist nicht nur ein mythischer Ort mit einer dichten Geschichte und unzähligen Klischees, sondern auch ein Ort, an dem meine Großmutter 1910 geboren wurde und den ich schon immer besuchen wollte. Die Frage, wie Jerusalem dargestellt werden kann, ist daher entscheidend. Dass ich als Regisseurin und auch die Schauspieler*innen aus politischen Gründen und aufgrund des anhaltenden Kriegszustands zwischen Libanon und Israel keinen Zugang zu Jerusalem haben, schafft Beschränkungen und Schwierigkeiten, die mich dazu veranlasst haben, alternative Wege zu finden, es darzustellen. Jerusalem erscheint als animierte Zeichnung, die sich im Laufe des Films entfaltet – ein Bild, zugleich fiktiv und real, basierend auf einer mithilfe von KI erzeugten Darstellung, die aus Prompts der Regisseurin und der Schauspieler*innen hervorging. Eine solche Perspektive verstärkt die Idee eines unerreichbaren, imaginären Ortes.

Das Projekt speist sich aus meiner Praxis als Künstlerin und Filmemacherin, die mit Archivmaterial und Fiktion arbeitet, um über Geschichte, ihre möglichen Erzählweisen und das Verhältnis zwischen individuellen Geschichten und kollektivem Gedächtnis nachzudenken. Konzepte von nicht-linearer Zeit und fragmentierter Geschichte stehen im Mittelpunkt meiner Praxis, in der visuelle Assoziationen und die Nachstellung von Geschichten die Grenzen einzelner Zeitabschnitte überschreiten, unterschiedliche Zeitlichkeiten verbinden und es mir ermöglichen, die aktuelle politische Situation zu reflektieren.

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