juni 2019, kino arsenal

Contested Grounds: Filme von Arthur und Corinne Cantrill

Über einen Zeitraum von nunmehr 60 Jahren haben Arthur und Corinne Cantrill einen filmischen Kosmos erschaffen, der in seinem vielgestaltigen experimentellen visuellen und tonalen Reichtum seinesgleichen sucht. Das Spektrum ihrer Arbeiten reicht von Dokumentar- zu Experimentalfilmen, von Multi-Screen-Installationen zu Performances und Sound Art. Von 1971 bis 2000 verantworteten sie selbst Redaktion und Layout der Cantrill Filmnotes, einem internationalen Journal über Experimentalfilm, Video und verwandte Künste. Ihr Werk widmet sich einer Vielzahl von Künstler*innen, sozialen Bewegungen, vor allem aber der australischen Landschaft. Der teils strukturelle Ansatz ihrer Filme weist über sich hinaus, da sie das Sensorische als Teil der filmischen Erfahrung betonen und Wege suchten, dies in ihren Werken aufscheinen und erfahrbar werden zu lassen.

Ihr intensives Interesse an der Beziehung zwischen Landschaft und filmischer Form führte alsbald zu einem tieferen Verständnis der australischen Landschaft als Teil des Erbes und Lebensraums der Indigenen. Diese dezidierte Würdigung setzt die politische Dimension der Filme ins Licht: „Uns liegt an einem fortgesetzten Dialog zwischen Inhalt und Form. Wir sehen in dieser Synthese zwischen Landschaft und Filmform auch eine Möglichkeit, unsere Auffassungen als Bürger*innen zur Erhaltung des Landes, der Wälder, Küsten und der Rechte Indigener zu artikulieren. Wir teilen ohne Einschränkung den Glauben der Indigenen, dass die Landschaft der Schauplatz des spirituellen Lebens des australischen Kontinents ist.“ (Arthur und Corinne Cantrill, 1982)

Das künstlerische Interesse an filmtechnischen Verfahrensweisen und filmtheoretischen wie filmhistorischen Reflexionen führte zur weitgehenden Erforschung der Zwei- und Dreifarbentechnik, und die so entstandenen Werke gehören zum Schönsten, was das Medium Film als sensorischen Erfahrungsraum erschaffen kann. Ihr Werk atmet einen Freigeist, der zugleich betört und nachdenklich stimmt.

Seit 1982 befinden sich Filme der Cantrills im Archiv des Arsenal. Weitere Werke wurden 2018 erworben. Das Arsenal zeigt vom 3.-30. Juni die bislang umfassendste Werkschau in Europa – eine seltene Gelegenheit, das Werk der Cantrills zu entdecken.

juni 2019, kino arsenal

Contested Grounds: Die Filme von Shinsuke Ogawa und der Ogawa Pro

In der Geschichte des Films ist das Kollektiv um den Japaner Shinsuke Ogawa (1936–1992), kurz Ogawa Pro genannt, einzigartig: Über 25 Jahre lang lebten und arbeiteten die Kollektivmitglieder gemeinsam und schufen in der Zeit ein Werk, das seinesgleichen sucht, von politischem Widerstand ebenso erzählt wie von Traditionen in abgelegenen Bergdörfern. Sein erstes wichtiges Betätigungsfeld fand Ogawa, der in den 60er Jahren schon einige Filme über die japanische Studentenbewegung gedreht hatte, in Sanrizuka nahe Tokio, wo die japanische Regierung 1966 den Bau des Narita International Airports plante, für den zahlreiche Bauernfamilien ihr Land aufgeben und umgesiedelt werden sollten. Den darauf folgenden, über mehrere Jahre andauernden Protesten schloss sich ebenso wie viele linke Aktivist*innen das Kollektiv an, das den Kampf in mehreren Filmen begleitete und so politisches und filmisches Engagement ineinander übergehen ließ. Diese alternative Art des Filmemachens setzte sich in der Distribution fort. In ganz Japan organisierten eigens gegründete Komitees Vorführungen der Filme und schufen so ein Unterstützernetz. Nach mehreren Jahren des Zusammenlebens mit den Bäuerinnen und Bauern verschob sich der Fokus der Filmproduktion und entstand der Wunsch nach einer profunderen Auseinandersetzung mit der ländlichen Realität. In der Zähigkeit des bäuerlichen Lebens, der Verwurzelung mit dem Land und -ihrer oft wiederständischen Geschichte sah Ogawa den Ursprung des hartnäckigen Widerstandes, mit dem gegen staatliche Autoritäten gekämpft wurde. Die Ogawa Pro zog in ein Dorf in der Präfektur Yamagata im nördlichen Japan, wo sie sich mit enormer Sorgfalt erst der Landwirtschaft, insbesondere dem Reisanbau, widmeten. Die in Yamagata gedrehten Filme, Dokumente einer im Verschwinden begriffenen Kultur, entstanden erst nach einigen Jahren des gemeinsamen Lebens – eine gleichsam „organische“ Art des Filmemachens, die eine besondere Form der Beziehung zwischen Filmenden und Gefilmten voraussetzt. Diese Arbeitsweise war nicht ohne Widersprüche: Der grenzenlose persönliche Einsatz verunmöglichte nicht nur finanzielle Sicherheiten, und mit der Fokussierung auf die charismatische Persönlichkeit Ogawas blieb den meisten Mitgliedern eine eigene künstlerische Praxis verwehrt.

Wir zeigen vom 4.-30.6. sieben Filme der Ogawa Pro zusammen mit Filmen, die sich mit dem Kollektiv beschäftigen.

juni 2019, kino arsenal

Magical History Tour – Special und Visual Effects

Seit langem sind Special oder Visual Effects kein marginaler Bereich des Films mehr. Aus den frühen Experimenten, Erfindungen und Verfahren ist ein sich ständig perfektionierender Illusionsgenerator geworden. Den zahlreichen Innovationen im SFX-Bereich des analogen Zeitalters folgte knapp 90 Jahre nach Méliès’ ersten „Zauber“-Filmen die digitale Revolution der Branche und eröffnete dem Film die scheinbar grenzenlose Welt der computer generated images (kurz CGIs). Dabei generieren Computer bzw. ihre „analogen“ Vorfahren nicht nur vergangene oder zukünftige Welten mitsamt ihren Bewohnern, sondern auch komplexe Visualisierungen von Gefühls-, Wahrnehmungs- und Gedankenwelten.

Die Magical History Tour im Juni bietet einen Einblick in die vielgestaltige Welt der Special und Visual Effects.

juni 2019, kino arsenal

Mirror – Ein Archivprogramm der Cimatheque in Kairo

juni 2019, kino arsenal

Werkschau Carlos Reygadas

Der mexikanische Filmemacher Carlos Reygadas (*1971) ist seit seinem gefeierten Regiedebüt JAPÓN (2002) ein prominenter Vertreter des wagemutigen internationalen Autorenkinos und bekannt für seine eigensinnige Filmsprache. Seine Werke zeichnen sich durch ihre sog- und rätselhaften Bilderwelten aus, denen eine intellektuelle Beschäftigung mit dem Medium Film und seinen technischen Möglichkeiten wie z.B. dem Bildformat oder der Kameraoptik zugrunde liegt. Er wählt oft schonungslos intime Stoffe, die um essentielle Fragen des Daseins kreisen und zeigt Menschen, die Grenzen überschreiten auf der Suche nach einem Lebenssinn jenseits der modernen Gesellschaft. Reygadas’ spirituelle Erzählhaltung ist inspiriert von seiner Beschäftigung mit dem Werk Andrej Tarkowskijs: Plansequenzen in menschenleerer, oftmals postapokalyptisch wirkender Natur, eine bewegliche Kamera, die die Gedanken ihrer Protagonisten weiterzudenken scheint, und nicht zuletzt der spezifische Einsatz von Musik zeichnen sein Werk aus. Fast immer arbeitet er mit Laiendarsteller*innen, die er, im Bresson’schen Sinne, als Modelle nutzt und sie zu den ungemein körperlichen Trägern seiner Filme formt. Alle seine Filme hatten bei den großen internationalen Festivals in Europa ihre Weltpremiere, wo sie gleichermaßen faszinierten und polarisierten.

Wir freuen uns sehr, Carlos Reygadas zur Vorpremiere seines neuen Films NUESTRO TIEMPO und zur Vorführung von POST TENEBRAS LUX (2012) im Rahmen einer Werkschau vom 21.-30.6. zu Gast zu haben. Zusätzlich findet am 22.6. im Arsenal in Kooperation mit der dffb eine Masterclass statt, moderiert von Nicolas Wackerbarth und für alle Interessierten offen.

kino arsenal: FU-Vorlesungsreihe: Die Filmwissenschaft, das Archiv und die Differenz

17:00 Kino 2


Sweetgrass

18.00: *Sweetgrass Lucien Castaing-Taylor, Ilisa Barbash
USA 2009
35 mm OmU 103 min

Vorlesung von Sabine Nessel: Archiv der anthropologischen Differenz
kino arsenal: Magical History Tour
 – Körper im Film

19:30 Kino 1


Being John Malkovich

Being John Malkovich Spike Jonze
USA 1999 Mit John Cusack, Cameron Diaz, John Malkovich
DCP OF 113 min

kino arsenal: Thomas Mauch, Kameramann und Filmemacher

20:00 Kino 2


Haben Sie Abitur?

Nicht nichts ohne dich

*Haben Sie Abitur? Ula Stöckl BRD
1967 35 mm 17 min
Nicht nichts ohne dich Pia Frankenberg BRD
1986 35 mm 88 min

Zu Gast: Thomas Mauch, Pia Frankenberg