mai 2018, kino arsenal

Retrospektive Pietro Germi

Pietro Germi (1914–1974) war eine der herausragenden Persönlichkeiten des italienischen Films der 40er bis 70er Jahre. Der in Genua geborene Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor zählte neben Visconti, De Sica und Rossellini zu den Neorealisten der ersten Stunde. Germis Regiearbeiten stellen – ähnlich denen von Antonio Pietrangeli – ein Bindeglied zwischen dem Neorealismus und der Commedia all’ italiana dar, „die nicht etwa deren Verrat, sondern vielmehr ihre volkstümlich satirische Fortsetzung ist.“ (Gerhard Midding) Internationale Anerkennung und Bekanntheit erlangte Germi durch seinen dritten Film IN NOME DELLA LEGGE (1949), ein Meilenstein des Mafiafilms, gleichzeitig eine Reverenz an John Ford und Sizilien, wo Germi insgesamt fünf Filme drehte. IL CAMMINO DELLA SPERANZA (1950) sowie IL FERROVIERE (1956) und die Literaturverfilmung UN MALEDETTO IMBROGLIO (1959), in denen Germi auch als Hauptdarsteller agierte, etablierten ihn als bedeutenden Autor des italienischen Kinos. 1961 folgte der oscarprämierte Welterfolg DIVORZIO ALL’ITALIANA als Auftakt einer Reihe sozialkritischer Komödien über italienische Sitten, Bräuche und Gesetze, die gegen die Diskriminierung der Frau und die Doppelmoral des Bürgertums polemisierten. Charakteristisch für Germis Filme sind die genaue Beobachtung des italie-nischen Lebens, seine Begeisterung für die Ausdruckskraft von Gesichtern und das humanistische Weltbild des Regisseurs – für Otar Iosseliani „einer der edelmütigsten Filmemacher, die je existiert haben“. Bei aller Bitternis in der Darstellung der sozialen Lebensumstände der Menschen sind es vor allem Filme, „in denen die Beschwernis des Lebens aufgehoben wird in einer reichen Tiefe des Gefühls, einer wärmenden Reife des Herzens.“ (Martin Schlappner)

Wir präsentieren in Kooperation mit dem Italienischen Kulturinstitut elf Filme Pietro Germis aus den Jahren 1948 bis 1972. Die Retrospektive wird durch vier Einführungen sowie einen Vortrag von Mario Sesti (19.5.) begleitet.

mai 2018, kino arsenal

Archive außer sich: Italien ’68

In den Jahren zwischen 1968 und 1977 häuften sich nicht nur die Aktionen der Neuen Linken auf den Straßen Italiens, es entstanden auch neue Formen filmischer Massenkommunikation. Arbeitskämpfe und Polizeigewalt fanden ihren Weg in die Filme der Neuen Linken, feministische Gruppen lenkten den Blick auf Lebensrealitäten von Frauen. Stärker als in anderen Ländern wirkte in Italien die Antipsychiatriebewegung, die letztlich die Abschaffung geschlossener psychiatrischer Kliniken erreichte. Die Filme der italienischen Neuen Linken waren ein Laboratorium filmischer Formen. Kern des Programms, das Cecilia Valenti und Fabian Tietke zusammengestellt haben, bilden Kopien aus dem Archiv des Arsenals, flankiert von zusätzlichen Werken aus dem Aamod (Archivio audiovisivo del movimento operaio e democratico) und der Cineteca Nazionale, die mit Gästen und Einführungen in einem umfassenden Kontext präsentiert werden.

mai 2018, kino arsenal

The Past in the Present – Neue Filme aus Algerien

In Algerien hat sich in den letzten Jahren eine junge Generation von Filmemacher*innen formiert, die sich in ihren Arbeiten auf vielfältige Weise mit der aktuellen Situation im Land befassen – und dabei zugleich Bezug nehmen auf seine Vergangenheit. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Geschichte Algeriens – wie dem historischen und kulturellen Erbe der Kolonialzeit, dem Unabhängigkeitskrieg (1954–62) und der „dunklen Dekade“ (1991–2001) – ist angesichts zahlreicher gesellschaftlicher Tabus keine Selbstverständlichkeit. Vor allem über den blutigen Terror der 90er Jahre, als der Krieg zwischen islamistischen Gruppen und dem Militär 200.000 Tote forderte, herrscht in Algerien weitgehend Schweigen.

Vor diesem Hintergrund präsentiert das Arsenal sieben Filme aus den Jahren 2013 bis 2017, die die Nachwirkungen der Vergangenheit in der Gegenwart sondieren. Sie bieten Einblick in eine über verschiedene Generationen und Schichten hinweg traumatisierte Gesellschaft und zeigen ein Land im Stillstand. Die Last des Unausgesprochenen, die Narben der Geschichte und das Ausmaß der Not der jungen Generation werden in allen Filmen des Programms deutlich, ob dokumentarisch, essayistisch oder fiktional angelegt. Die Konturen des heutigen Algerien zeichnen sich in der Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart ab.

Das junge algerische Kino hat etwas in Bewegung gebracht: Zum einen mit seinen Filmen, die international viel Beachtung finden und mit Preisen ausgezeichnet werden, zum anderen, weil sich die Filmemacher für die Wiederbelebung der Kinokultur in Algier einsetzen, indem sie Ciné-Clubs aufbauen und bespielen, in einer Stadt, in der es kaum noch Kinosäle gibt. Wir freuen uns sehr, dass dank der Unterstützung durch das Goethe-Institut Algier und das Leibniz-Zentrum Moderner Orient drei Filmemacher*innen aus Algerien im Arsenal zu Gast sein können: Narimane Mari, Djamel Kerkar und Karim Moussaoui werden ihre Filme mit dem Publikum diskutieren. Außerdem findet am 6. Mai ein Podiumsgespräch statt, das sich mit den Bedingungen des Filmemachens und der Situation der unabhängigen Kinokultur in Algerien beschäftigt.