märz 2019, kino arsenal

Youssef Chahine Again and Forever – 
Eine Retrospektive

Das Werk des ägyptischen Filmemachers Youssef Chahine (1926–2008) ist eines der großen Reichtümer des Weltkinos. Es besticht durch seine künstlerische Virtuosität und seine inspirierende Vielfalt: Chahine („Jo“ mit Spitznamen) begann seine Regiekarriere während der goldenen Ära des ägyptischen Kinos in den 50er Jahren mit Musicals, Komödien, Abenteuerfilmen und Melodramen, bevor es ihm mit dem in neorealistischer Façon inszenierten BAB AL-HADID (Cairo Station, 1958) gelang, die Traditionen und das Temperament der ägyptischen Kinematografie mit den aktuellsten Errungenschaften der zeitgenössischen europäischen Filmkunst zu verbinden. Zum Starregisseur des Landes aufgestiegen, wurde er bald zum bevorzugten Filmemacher für (historische) Großproduktionen, hatte aber eine zu persönliche und kompromisslose Vision vom Kino, um sich dauerhaft instrumentalisieren zu lassen. Nach Schwierigkeiten mit der Zensur und einem zeitweiligen Exil im Libanon gründete er Anfang der 70er Jahre seine eigene Produktionsfirma, Misr International, mit der er seine zunehmend politischer und wagemutiger werdenden Projekte realisieren konnte. In den späten 70er Jahren setzte seine autobiografische Phase ein, in der er sich verspielt, berührend und mit beeindruckender Durchdringung historischer Zusammenhänge mit seinem eigenen Werdegang und der Geschichte seiner Heimat auseinandersetzte, verpflichtet dem „Aufweichen der Gegensätze durch ihr Multiplizieren“ (Viola Shafik).

Obwohl er in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens als einer der international bekanntesten und anerkanntesten Filmemacher galt, geriet sein Frühwerk zusehends in Vergessenheit, bedingt durch das Fehlen einer ausgereiften Archivstruktur in Ägypten und dem daraus folgenden Mangel an spielbaren Kopien. Marianne und Gabriel Khoury, die seit Ende der 80er Jahre die Filme ihres Onkels produzierten und bis heute seine inzwischen als Misr International Films (MIF) firmierende Produktionsfirma leiten, haben sich vor einigen Jahren der Wiedersichtbarmachung von Chahines Filmografie verschrieben. Zusammen mit zahlreichen internationalen Partnern wie etwa der Cinémathèque française wurde auf Grundlage des verstreut vorhandenen (Negativ-)Filmmaterials das „Restoration Project“ begonnen. Seit vergangenem Herbst sind nun 20 Spielfilme Chahines (von insgesamt 37 realisierten Langfilmen) aus dem Zeitraum von 1950 bis 1999 digital zugänglich und vorführbar. Das Arsenal nimmt diese erfreuliche Entwicklung zum Anlass, um erstmals seit 30 Jahren eine umfassende Retrospektive der Filme Youssef Chahines zu organisieren, die insgesamt 20 Werke präsentiert, 19 Langfilme und einen bedeutenden Kurzfilm, AL KAHERA MENAWARA BE AHLAHA (Cairo As Seen by Chahine, 1991). Zwölf Filme laufen dabei im analogen Originalformat, sechs davon sind seit kurzem Teil des Filmarchivs des Arsenal. Die Filmauswahl wurde gemeinsam mit Alia Ayman getroffen, Mitbegründerin und Hauptkuratorin im Zawya, einem Arthouse-Kino in Kairo, das 2014 von MIF gegründet wurde. Wir freuen uns, zur Eröffnung dieser Retrospektive neben ihr auch Marianne und Gabriel Khoury in Berlin begrüßen zu können.

märz 2019, kino arsenal

Magical History Tour: 
Musik, Töne & Geräusche – Sound im Kino

Die Klangwelt der Tonspuren verbunden mit einer Einladung zum Hinhören steht im Mittelpunkt der Magical History Tour. Ob On-screen- oder Off-screen-Töne, diegetisch oder nicht, ob komplexe Audio-Arrangements, Überwältigungs-Sound oder atemlose Stille: Die Tonspur – bestehend aus Sprache, Musik und Geräuschen – ist integraler Bestandteil der Filmerfahrung. Sie produziert Atmosphäre oder Irritation, greift den Bildern vor oder widerspricht ihnen, verstärkt oder erdrückt. Seit Mitte der 70er Jahre ermöglichen zahlreiche tontechnische Inno-vationen das Gestalten hochkomplexer Klang-architekturen. Doch auch jenseits der großen Produktionen entstehen und entstanden vielschichtige, souveräne Tonspuren, die unsere Aufmerksamkeit verdienen und wichtige Fragen zum Verhältnis von Bild und Ton aufwerfen.

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Ian White – Cinema as a Live Art / Becoming Object

Der Kurator und Künstler Ian White (1971–2013) hat zwischen 2009 und 2012 in Auseinandersetzung mit dem Filmarchiv des Arsenal zwei Filmprogramme kuratiert, Performances aufgeführt und zahlreiche Kollaborationen mit Künstler*innen ins Leben gerufen. Das Kino und die Theaterbühne wurden von ihm als Möglichkeitsräume und politische Orte verhandelt, an denen das Verhältnis von Live-Event und Bewegtbild, Produktion und Performance, Immaterialität und Objekthaftigkeit stets neu erkundet werden kann.