januar 2019, kino arsenal

A 37 90 89: Lutz Mommartz

Lutz Mommartz (geboren 1934) gilt als einer der wichtigsten Vertreter des experimentellen Films in Deutschland. 1967 drehte er seine ersten 16-mm-Filme, darunter SELBSTSCHÜSSE (1967), der im gleichen Jahr auf dem Experimentalfilmfestival in Knokke-le-Zoute in Belgien prämiert wurde. Die Werke von Mommartz zeichnen sich aus durch eine intensive Auseinandersetzung mit der Theorie des Kinos sowie Ansätzen zu dessen Erweiterung. In SELBSTSCHÜSSE agiert Mommartz als Regisseur, Kameramann und Darsteller zugleich und wirft die Kamera wiederholt über sich in die Luft; das Filmen selbst wird zur Handlung. EISENBAHN (1967) zeigt die immer gleiche, aus einem fahrenden Zug heraus gefilmte Sequenz und spielt mit der Zeitwahrnehmung der Zuschauer*innen. In FINGER (1967) werden in einfachen Nahaufnahmen sinnliche Berührungen und damit einhergehende Assoziationen inszeniert, während Mommartz in OBEN/UNTEN (1967) mit Zeitlupen-Einstellungen, Bildteilungen und Kameradrehungen zahlreiche filmische Mittel vorführt. Alle vier Frühwerke sowie die kurz darauf entstandenen Arbeiten WEG ZUM NACHBARN (1968), ÜBERFORDERT (1969) und 400 M IFF (1969) wurden im November 1969 im Projektraum A 37 90 89 in Antwerpen präsentiert. Die Geschichte des alternativen Kunstorts sowie die dort entwickelte kuratorische Praxis, Kunstproduktion und -vermittlung ist derzeit Gegenstand der Ausstellung A 37 90 89 – Die Erfindung der Neo-Avantgarde im Neuen Berliner Kunstverein. Neben einer Kooperation mit dem zeitgenössischen Projektraum after the butcher umfasst das Projekt ein in Zusammenarbeit mit dem Arsenal realisiertes Filmprogramm und diskursive Veranstaltungen sowie Zeitzeugengespräche. (mr) (17.1.)

januar 2019, kino arsenal

Unknown Pleasures #10
 – American Independent Film Fest

Unknown Pleasures zeigt US-amerikanische Independent-Filme, die in Deutschland kaum im Kino zu sehen sind. Die Filme, die zum zehnjährigen Jubiläum ausgewählt wurden, zieht es immer wieder an die Peripherie, weg von den urbanen Zentren in die ländliche USA. Hier sind gesellschaftspolitische Diskussionen der vergangenen Jahre deutlich wahrnehmbar. Die Filme zeigen ein Land, in dem politische und wirtschaftliche Gefälle zunehmen, und das sich selbst immer stärker durch seine Gegensätze charakterisiert. Frederick Wisemans MONROVIA, INDIANA erzählt von einem dieser Gegensätze. Es ist ein ruhiges Porträt einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA, in der das Leben stark durch die Landwirtschaft bestimmt wird. Wiseman hört den Bewohnern genau zu, wie sie über das Wachstum der Stadt sprechen, über Feuerhydranten oder über Gott. Eindrücklich führt der Film vor Augen, wie wichtig die ländliche USA für das Selbstverständnis des gesamten Landes ist – und wie gerne dies vergessen wird.

Dass das Leben in der Stadt nicht immer freiwillig aufgegeben wird, zeigen gleich mehrere Filme, wie etwa Paul Schraders FIRST REFORMED oder THE MISEDUCATION OF CAMERON POST von Desiree Akhavan. Während Schrader uns einen zweifelnden Priester einer winzigen Gemeinde zeigt, der mit der Welt ringt und sich dabei immer mehr von ihr entfernt, folgt Akhavan einer Teenagerin in ein abgelegenes erzkatholisches Erziehungslager, wo ihre Homosexualität „geheilt“ werden soll.

Ein besonderer Höhepunkt des Programms ist die Deutschlandpremiere von A BREAD FACTORY von Patrick Wang in Anwesenheit des Regisseurs. Ausgehend vom Kampf um ein alternatives Kulturzentrum, folgt Wang in gleich zwei Filmen verschiedenen Figuren und stellt die Frage, was eine Gemeinschaft ausmacht. A BREAD FACTORY ist ein singuläres Ereignis, eine ausufernde Komödie, die durch ihre Ambition, ihren Humanismus und ihr Gefühl für die alltäglichen Momente, und wie diese uns prägen, begeistert.

Es gibt viele Filme, die den Grenzraum zwischen Mexiko und den USA thematisieren, einer der schönsten ist LONE STAR von John Sayles aus dem Jahr 1996. Wie Wang erzählt auch Sayles immer von Gemeinschaften und selten gelingt ihm dies so eindrücklich wie in LONE STAR. Hier schickt er seine Figuren durch die komplexe Geschichte der Region, wo sie auf gut gehütete Familiengeheimnisse stoßen.

Geradezu ortlos wirkt im Gegensatz dazu THE PAIN OF OTHERS von Penny Lane. Ausgehend von zahlreichen YouTube-Videos, in denen Frauen von einer seltsamen Krankheit sprechen, zeigt uns die Filmemacherin Menschen, die sich von der Medizin (aber auch der Gesellschaft) im Stich gelassen fühlen und im matten Licht der Computerbildschirme ein Refugium für sich entdeckt haben. THE PAIN OF OTHERS ist ein geisterhafter Film und das radikalste Werk des Programms.

januar 2019, kino arsenal

Magical History Tour
 – Rauminszenierungen

Zwischen Orientierungshilfe und Irritationsmoment – die Magical History Tour lädt ein zu einer Reise durch bedeutungsvolle, montierte, erzählende und gesellschaftliche Räume. Jeder Film findet in einem definierten Raum statt, dessen Konstruktion von entscheidender Bedeutung für die Wirkung auf den Zuschauer ist. Mit verschieden angelegten Räumen lassen sich nicht nur verschiedene Stilrichtungen (Naturalismus oder Künstlichkeit) markieren, auch Stimmungen und Gefühle (Weite oder Enge) können dadurch filmisch umgesetzt werden. Wir zeigen Filme, in denen Räumen eine spezielle Rolle entweder als Handlungsträger oder als Ausdruck einer Gefühlslage der Protagonisten zukommt.

januar 2019, kino arsenal

Der Sonne nach – 
Retrospektive Michail Kalik

Ein kleiner Junge, der einen Tag lang verzaubert der Sonne nachläuft; zwei Liebende, die eine Nacht lang ernüchtert nach einem Unterschlupf für ihre Liebe suchen; ein weites, träges Meer, an dessen Ufern vier Jugendliche die letzten unbeschwerten Tage ihres Lebens verbringen. Diese Ideen bilden die Grundlage für drei Filme, die ob ihrer Originalität, Modernität, der Menschlichkeit ihrer Gefühle und ihrer genuin persönlichen Filmsprache zu den künstlerischen Höhepunkten des Tauwetterkinos und der sowjetischen Filmgeschichte überhaupt gehören. Ihr Schöpfer, der sowjetisch-jüdische Filmemacher Michail Kalik, gehört zur gleichen Generation wie Andrej Tarkowskij und Sergej Paradschanow, galt neben ihnen und dem zuletzt in zahlreichen Retrospektiven gewürdigten Marlen Chuzijew Anfang der 60er Jahre international als eines der großen Talente des Sowjet-Kinos.

Kalik wurde 1927 als Sohn eines bekannten Theaterkünstlers in Moskau geboren. Als einer der ersten jüdischen Studenten überhaupt wurde Kalik Anfang der 50er Jahre an der staatlichen Filmhochschule WGIK aufgenommen. Kurz nach Beginn des Studiums, auf dem Höhepunkt von Stalins antijüdischer Politik, wurde er verhaftet und verbrachte mehrere Jahre in einem Gulag. Nach Stalins Tod kam er frei, konnte sein Studium wieder aufnehmen und drehte seine ersten Filme in der moldawischen SSR. Zu seinem engsten künstlerischen Partner wurde der Komponist Mikael Tariwerdijew, der für seine innovativen und experimentierfreudigen, aber zugleich eingängigen Filmmusiken noch heute berühmt ist. Als die Tauwetterperiode und ihr künstlerischer Freiraum endeten sowie neue antisemitische Repressalien in der Folge des Sechstagekrieges 1967 in der Sowjetunion einsetzten, emigrierte Kalik mitsamt seiner Familie 1971 nach Israel, wo er sich Moshe (die hebräische Form des Namens Moses) nennen ließ. In der UdSSR war es fortan verboten, über ihn zu schreiben, sein Name wurde sogar aus der Nennung der WGIK-Absolventen gestrichen. Zwischen 1971 bis zu seinem Tod 2017 drehte er nur drei weitere Filme, erlebte in seinen letzten Lebensjahren aber noch die Wiederaufführung seiner Werke in Russland. Unsere Retrospektive, welche die Gesamtheit seiner Kinoarbeiten in Filmkopien aus dem Gosfilmofond und der Jerusalem Cinematheque zusammenführt, präsentiert das Werk eines großen Filmkünstlers, dessen Wiederentdeckung überfällig ist.

januar 2019, kino arsenal

Hommage Catherine Binet

Das filmische Universum von Catherine Binet (1944–2006) ist erfüllt von verzauberten Schauplätzen, rätselhaften und schillernden Gestalten, wirkt wie ein surreales Puppenhaus voller nachlässig versteckter Erinnerungen an Kindheit und Träume. Binet, die im Laufe ihrer Karriere nur eine Handvoll Filme realisieren konnte, galt in Frankreich als nahezu vergessen, bis die Schauspielerin und Autorin Marina Vlady sie mit ihrem 2013 erschienenen Buch „C’était Catherine Binet“ wieder in Erinnerung brachte.

Marina Vlady wird an den beiden Tagen der Hommage zu Gast im Arsenal sein und über das Leben und Werk ihrer engen Freundin Binet sprechen. Am 12. Januar wird sie vor Beginn des Films einige ausgewählte Kapitel aus ihrem Buch in französischer Sprache lesen. Die deutsche Übersetzung liest im Anschluss die Schauspielerin Franziska Junge.