juli 2018, kino arsenal

Edit Film Culture!

Vom 5.-22.7. finden im silent green Kulturquartier und im Arsenal das Festival und die Ausstellung Edit Film Culture! statt, die in unterschiedlichen Veranstaltungsformaten mit internationalen Expert*innen und Künstler*innen Fragen nach den heutigen Bedingungen von Filmkulturen und deren gesellschaftlicher Relevanz stellen. Die Zeitschrift Film Culture, 1955 in New York von Jonas und Adolfas Mekas ins Leben gerufen, galt als Plattform für den Dialog zwischen Filmschaffenden und Publikum, Theorie und Praxis, Film und Kunst. Bis 1996 erschienen 79 Ausgaben. Veröffentlicht wurden Interviews, historische Texte, Manifeste, Filmanalysen, Künstler*innentexte, Poesie, fotografische Essays und Berichte über die Entstehung unabhängiger Strukturen für Filmproduktion, Distribution und Vorführung.

 

Das Filmprogramm legt einen Schwerpunkt auf die Wechselbeziehungen zwischen New York und Berlin. Einer, der darin sehr involviert war, war der Arsenal-Mitarbeiter Alf Bold, der 1993 an den Folgen von AIDS starb. In den frühen 70er Jahren erkannte er einen besonderen Handlungsbedarf in der Vermittlung und Stärkung des Experimentalfilms. 1978 widmete das Arsenal den Anthology Film Archives ein Programm: Es sei das „erste Filmmuseum, das sich ausschließlich dem Film als Kunst widmet.“

juli 2018, kino arsenal

Retrospektive Andrej Tarkowskij

Tarkowskij im Sommer – seit 30 Jahren ist das eine lieb gewordene Tradition für uns und unser Publikum. Wir zeigen im Juli und August die sieben langen Filme und den mittellangen Diplomfilm des russischen Regisseurs Andrej Tarkowskij (1932–1986), von dessen monumentalem Werk eine anhaltende Faszination ausgeht.

juli 2018, kino arsenal

„To risk everything to express it all“ – John Cassavetes

John Cassavetes (1929–1989) gilt mit seinem kompromisslosen Werk als einer der Begründer des unabhängigen amerikanischen Filmschaffens und setzte Maßstäbe in seiner konsequenten Ablehnung künstlerischer Zwänge. In einem 1956 für arbeitslose Schauspieler gegründeten Workshop entwickelte Cassavetes seine Ideen vom Filmemachen als Gruppenarbeit. Daraus entstand in Improvisation und mit kleinstem Budget SHADOWS, der ihm die Türen nach Hollywood öffnete. Der Versuch, seine Arbeitsweise und ästhetischen Vorstellungen im Studiosystem durchzusetzen, geriet jedoch zur Enttäuschung. In der Folge gründete Cassavetes seine eigene Produktionsfirma und situierte sich konsequent außerhalb des Studiosystems Hollywoods. Die Arbeit in engen und kontinuierlichen Gruppenzusammenhängen wurde zum zentralen Aspekt von Cassavetes’ Schaffen, der bevorzugt mit einem festen Ensemble von Schauspieler*innen arbeitete – neben Gena Rowlands, mit der er seit 1954 verheiratet war, vor allem Peter Falk, Ben Gazzara und Seymour Cassel. Von ihrem vollen physischen Einsatz und der vorbehaltlosen Öffnung gegenüber ganz persönlichen Ängsten, Sehnsüchten und Unsicherheiten lebt sein Kino der Intensität und des schonungslosen Sezierens von Gefühlen. So unkalkulierbar, schwer fassbar und erratisch wie diese sind auch seine Geschichten; Exzess und Eruption stehen anstelle von vorhersehbaren narrativen Mustern. An der Produktion schöner Bilder nicht interessiert, widersetzen sich seine Filme konventionellen Sehgewohnheiten, sind ganz um die Menschen herum gebaut, auf ihre Gesichter und Körper fokussiert. Das Geld für seine Filme verdiente Cassavetes oft als Schauspieler in Filmen anderer Regisseure. Auch dabei ging er oft an Grenzen und lotete menschliche Extremzustände aus, spielte häufig Bösewichte, brillierte aber auch in leiseren Rollen.

Wir zeigen sämtliche Filme Cassavetes’ in 35-mm-Kopien mit deutschen Untertiteln und zusätzlich eine Auswahl seiner Arbeiten als Schauspieler.

juli 2018, kino arsenal

Magical History Tour: Flanierendes Kino, Flaneure im Film

Edgar Allan Poe beschrieb ihn als Mann in der Menge, von der Großstadt absorbiert. Charles Baudelaire feierte seine Fähigkeit, im urbanen Raum gleichzeitig Anonymität zu wahren und Individualist sein zu können. Walter Benjamin befreite ihn in seinen Schriften von der vielzitierten Schildkröte, von der Attitüde und Pose und prägte die „zentrale Figur der Moderne“, den hochsensiblen Stadt-Entzifferer, der durch die Straßen streift, mal von ihr angezogen, mal abgestoßen seine städtische Umgebung betrachtet und seinerseits von seiner Umgebung betrachtet wird: den Flaneur. Das für die Literatur der letzten zwei Jahrhunderte so essentielle Begriffstrio – Flaneur, Flanerie und Flanieren – findet seit den 20er Jahren auch in der Filmgeschichte ein Echo unterschiedlicher Ausprägung. Die Magical History Tour präsentiert im Juli Stadtwandler der ersten Stunde und ihre Nachfolger (vor und hinter der Kamera), öffnet den Begriff für das weibliche Pendant, die Flaneuse, versammelt flanierende dokumentarische und essayistische Arbeiten – mäandernde Gänge durch Stadträume, entschleunigte Wahrnehmungen und Eroberungen urbaner Strukturen, Erkundungen von Straßen und den sie bevölkernden Massen, Reflexionen über die Bedingungen moderner Existenz.

juli 2018, kino arsenal

Werkschau Lucrecia Martel

Die argentinische Filmemacherin Lucrecia Martel (*1966) gilt im zeitgenössischen Weltkino als außergewöhnliche Stilistin. Mit genuin filmischen Mitteln erzählt sie von familiären oder anderen Beziehungsgeflechten und nimmt dabei individuelle und gesellschaftliche Auflösungs- und Verfallserscheinungen in den Blick, stets unter Einbeziehung der Asymmetrie zwischen privilegierten und indigenen Menschen. Der Plot ist minimal, die Narration ohne Exposition – umso komplexer ist die für ihre Filme charakteristische Ästhetik: der vielschichtige Einsatz von Ton, Geräuschen und Sound-Design, der eine sinnlich spürbare Erfahrung ermöglicht, die ungewöhnliche Kadrierung, die angeschnittene Bilder produziert und keinen Blick auf das Ganze zulässt, der Umgang mit dem Raum im Off, die Arbeit mit Unschärfen und Bildkompositionen, bei denen sich nicht sagen lässt, was zentral und was nebensächlich ist.

Die vier Spielfilme von Lucrecia Martel aus den Jahren 2001–2017 hatten alle bei den großen internationalen Festivals in Berlin, Cannes und Venedig ihre Weltpremiere. Nach den ersten drei Filmen, die um Mädchen und Frauen im Argentinien der Gegenwart kreisen und in Martels Heimatprovinz Salta im Norden des Landes angesiedelt sind, hat sie mit dem lange erwarteten und hoch gelobten historischen Epos ZAMA (2017) neues Terrain betreten. Wir freuen uns sehr, Lucrecia Martel zur Vorpremiere von ZAMA und zur Berliner Erstaufführung von LA MUJER SIN CABEZA (2008) im Rahmen einer Werkschau im Arsenal zu Gast zu haben.