oktober 2019, kino arsenal

Spring on the Korean Peninsula: Koreanisches Kino 1934–1962

1919 kam die erste koreanische Filmproduktion – Uirijeuk gutu (The Righteous Revenge, Kim Do-san) – in die koreanischen Kinos. Anlässlich dieses 100. Geburtstags nimmt das vorliegende Programm, kuratiert von Sulgi Lie und Ansgar Vogt, eine weitgehend unbekannte erste Periode der koreanischen Filmgeschichte in den Blick. Präsentiert werden elf Filme, die im Zeitraum von 1934 bis 1962 – also noch vor der endgültigen Konsolidierung der südkoreanischen Filmindustrie in den frühen 60er Jahren – auf der koreanischen Halbinsel realisiert wurden. Unter der japanischen Kolonialherrschaft (1910–1945) entstanden in Korea nur wenige Filme. Im Koreakrieg (1950–1953) wurden zudem weite Teile der koreanischen Filmgeschichte zerstört. Was vom frühen koreanischen Filmerbe erhalten und zugänglich ist, beeindruckt durch ein vielfältiges Genre-Spektrum zwischen Melodramen, Coming-of-Age-Geschichten, Kriegsfilmen, Komödien und Film Noirs. Verbindendes Element der Filme des Programms sind die oftmals eigenständigen Frauenfiguren, die gegen gesellschaftliche Repressionen aller Art versuchen, ihre Autonomie zu behaupten.

oktober 2019, kino arsenal

Werkschau Lynne Ramsay

Die schottische Filmemacherin Lynne Ramsay (*1969) hat sich mit ihrem kompromisslosen Werk im künstlerisch avancierten Gegenwartskino einen Namen gemacht. Ihre Filme setzen sich mit den Abgründen in Kindheit und Jugend, dysfunktionalen Familienstrukturen und traumatischen Erlebnissen auseinander. Sie sind vor allem am Innenleben der Figuren interessiert, verzichten jedoch auf klassische Psychologisierung. Ganz gleich ob im proletarischen Milieu Schottlands, einer US-amerikanischen Mittelschicht-Vorstadt oder der New Yorker Unterwelt angesiedelt, stets geht es um Schuld, Verlust oder Abschied und die prägende Beziehung von Eltern und Kindern. Der Zugriff auf die literarischen Vorlagen ist eigenwillig, die Erzählweise elliptisch, die Bilder sind oft fragmentiert. Die sozialrealistische Grundierung der Filme gibt stets auch lyrischen und magischen Momenten Raum. Besonders markant ist außerdem der Einsatz von Musik, die ebenfalls über die dargestellten sozialen Realitäten hinausweist.

Die Werkschau im Arsenal versammelt Lynne Ramsays Lang- und Kurzfilme aus den Jahren 1996–2017. Alle vier Spielfilme feierten ihre Weltpremiere beim Festival in Cannes und wurden vielfach mit Preisen ausgezeichnet, in den Hauptrollen finden sich so außergewöhnliche Schauspieler*innen wie Samantha Morton, Tilda Swinton, Joaquin Phoenix und John C. Reilly. Leider musste Lynne Ramsay ihren Besuch in Berlin aus persönlichen Gründen absagen.

oktober 2019, kino arsenal

Es war einmal Beirut – Hommage Jocelyne Saab

„Jocelyne Saab hat ihre gesamte künstlerische Karriere in den Dienst Benachteiligter gestellt – von Vertriebenen bis hin zu exilierten Kämpfern, im Kriegszustand befindlichen Städten und einer Vierten Welt ohne Stimme. Ihr Werk gründet auf geschichtlicher Gewalt und einem Bewusstsein für die Taten und Bilder, die nötig sind, um diese Gewalt zu dokumentieren, zu reflektieren und ihr entgegenzuwirken.“ (Nicole Brenez) Die libanesische Künstlerin Jocelyne Saab ist eine zentrale Figur des arabischen Kinos. Saab, 1948 in Beirut geboren und Anfang dieses Jahres in Paris verstorben, war in den 70er Jahren eine der ersten und wenigen Filmemacherinnen des Nahen Ostens. Sie begann ihre Tätigkeit als Journalistin und Kriegsreporterin, u.a. für das französische Fernsehen, und arbeitete in fast allen damaligen Krisenherden des Nahen Ostens und Nordafrikas. Saabs essayistische Porträts ihrer Heimatstadt Beirut während des Libanesischen Bürgerkrieges gelten als herausragende Werke des arabischen Kinos und des cinéma engagé. Ab 1985 war sie auch als Spielfilmregisseurin und später noch als bildende Künstlerin erfolgreich. Saab strebte in ihrem Filmschaffen immer nach einem utopischen Moment: „Früher war mein Land ein wunderschöner Garten – Gärten gibt es hier heute keine mehr. Ich habe versucht, die Kultur, die wir früher hatten, wiederzubeleben. Darin besteht meine Ablehnung der Realität. Und aus diesem Grund fordere ich die Menschen auf, zu träumen.“

Anlässlich des Erwerbs von dreien ihrer Spielfilme als 35-mm-Filmkopien widmet ihr das Arsenal eine Hommage, welche die Hauptwerke ihrer Filmografie umfasst.

oktober 2019, kino arsenal

Filme von Wolfgang Höpfner und Peter Goedel

1974 trafen sie sich in Köln. Beide hatte sie Germanistik studiert; Peter Goedel war übers Theater zum Fernsehen gekommen. Wolfgang Höpfner und Thomas Lichte hatten aus Hannover ein Skript mitgebracht, und dank des technischen Know-hows von Peter Goedel entstand GRUSELKRIMIS IN DER HAUPTSCHULE. Alle drei machten zwei Jahre später den Spielfilm WAS ELTERN FORDERN UND KINDER LEISTEN. Danach trennten sich ihre Wege. Peter Goedel wurde als Film- und TV-Regisseur ein Essayist und poetisch Forschender obersten Ranges; Wolfgang Höpfner begann ein Studium an der DFFB. Schon lag der „Deutsche Herbst“ in der Luft; der Prozess gegen Roland Otto und Karl Heinz Roth führte den Filmstudenten Höpfner nach Köln, wo er mit Norbert Weyer zusammen das Material für die beiden Filme zum politischen Untergrund drehte: ZWEI PROTOKOLLE und VOR 4 JAHREN – VOR 2 JAHREN (1977–79). 1983 entstand sein Abschlussfilm: DER EWIGE TAG. Mit ihm hat Wolfgang Höpfner, um mit Godard zu sprechen, „die Zentralregion betreten“: Er erfindet die „Passerelle“, aus dem architektonischen wird ein filmischer Raum, in dem sich musikalische und literarische Welten eröffnen.

Peter Goedels Filme haben dieselbe große Affinität zur Musik und zur Literatur. In seinem weitgespannten Œeuvre, das zwischen Essay, Dokument und Spielfilm changiert, finden wir die besondere Art des Denkens und Fühlens zu Zeiten der alten BRD aufbewahrt, im lebendigen Augenblick: Der Astrophysiker in RÜCKKEHR ZU DEN STERNEN teilt nicht nur sein Wissen mit, sondern er bringt auch Neues hervor durch die Eigentümlichkeit seines konzentrierten Sprechens; und in den stillen Räumen von Rudis neuer Behausung (HINTER DEN ELBBRÜCKEN) wird die Weite des offenen Meeres spürbar.