dezember 2021, kino arsenal

Unheimliche Tiefen – 
Filme von Dario Argento und David Lynch

Grauen und Schönheit, dunkle Abgründe und farbschillernde Räume, zerstörerische Gewalt und sinnliche Bilderfindungen: In den Filmwelten von Dario Argento (*1940) und David Lynch (*1946) sind diese Gegensätze unentrinnbar miteinander verbunden. Die Werke beider Regisseure erforschen unergründliche Bereiche der menschlichen Psyche, finden eindringliche, allgemeingültige, teils verstörende, teils berührende Bilder für individuelle Traumata, Obsessionen und seelische Ausnahmezustände.

Nach einer Karriere als Drehbuchautor, u.a. für C’era una volta il West von Sergio Leone, debütierte Argento mit 30 Jahren als Regisseur. Seine ersten Werke waren stilbildend, dachten das Genre des als Giallo bezeichneten Kriminalfilms neu als avantgardistische Form. Immer mehr übersinnliche, mythologische Elemente flossen in seine inszenatorisch opulenter werdende Filme ein. Ihre expliziten, choreografierten Gewaltszenen sind ein rituelles, in der Malerei und in Alpträumen verwurzeltes Element, das an Urängste und die Todesfurcht eines jeden Menschen rührt. Bis heute beeinflusst die einzigartige Gestaltung seiner Filme wie PROFONDO ROSSO und SUSPIRIA (nicht nur) das Genrekino. David Lynch wiederum war Maler, bevor er den Film für sich entdeckte. Sein erster Langfilm ERASERHEAD (ebenfalls mit Anfang 30 veröffentlicht) ist ein Meilenstein des fantastisch-surrealen Kinos. Im Laufe seiner Karriere entwickelte Lynch eine unverwechselbare Filmsprache, die scheinbar heile Oberflächen jäh in erschreckend deformierte, absurd-bizarre Zerrspiegel verwandelt. Im Gegensatz zu Argento ist er in der Filmwissenschaft seit Langem als auteur anerkannt und sein Werk Gegenstand zahlreicher Studien.

Argento wie auch Lynch nutzen die Ausdrucksmöglichkeiten des Films – Farbe, Licht, Kamerabewegungen, Musik, Schnitt –, um Werke zu kreieren, die erst in ihrem analogen Originalformat und in einer Kinosituation ihre umfassende Qualität offenbaren. Das von Gary Vanisian kuratierte Programm stellt ausgewählte Filme beider Künstler in einen Dialog. Zehn seiner Werke versammelnd, ist es die bislang umfassendste Werkschau Dario Argentos in Deutschland.

dezember 2021, kino arsenal

Ozu in Farbe
 – Das Spätwerk von Yasujiro Ozu

Es sind die ruhigen, durchkomponierten Stillleben in nuanciertem Schwarzweiß, die vielen in den Sinn kommen, wenn es um die Filme von Yasujiro Ozu (1903–1963) geht, einem der berühmtesten japanischen Regisseure. Andere führen die berührenden, allgemeingültigen Themen seiner Filme an, die Ozu mal still und präzise, mal mit Ironie oder Humor auffächert: Generationskonflikte, eine sich wandelnde Welt, Abschied, Trauer, Einsamkeit. Bei den Spezifika des Ozu’schen Œuvres geht es selten – und das zu Unrecht – um das Element der Farbe, der er sich erst spät und zögernd zuwandte. Der Blick auf Ozus sechs Farbfilme und damit auf den letzten Abschnitt seines Schaffens zeigt indes die wichtige Erweiterung seines Instrumentariums um ein Stilmittel, mit dem er nicht nur Geschehen und Stimmungen unterstreicht und kommentiert, sondern uns nicht zuletzt vor Augen führt, dass auch Melancholie eine Farbe hat.