Dezember 2015, kino arsenal

Neues französisches Kino: Axelle Ropert und Serge Bozon

TIP TOP, 2013

Axelle Ropert und Serge Bozon, Jahrgang 1972, sind zentrale Figuren des neuen französischen Kinos. Beide machen Filme, schreiben über Filme und spielen in Filmen. Axelle Ropert ist darüber hinaus auch die Drehbuchautorin der Filme von Serge Bozon. Ihre Filmkritiken sind erschienen bei Trafic, Cahiers du cinéma, Cinema Scope, Vertigo (Bozon) sowie bei Les Inrockuptibles (Ropert), von besonderer Bedeutung als Arbeits- und Gruppenzusammenhang ist jedoch für beide die langjährige Tätigkeit für die Zeitschrift La Lettre du cinéma (1998 bis 2005). Aus dieser Zeit stammt die Nähe zu Filmemachern wie Jean-Charles Fitoussi, Pierre Léon, Jean-Paul Civeyrac, Jean-Claude Biette, Marie-Claude Treilhou und Paul Vecchiali. Auch wenn sich die Handschrift der von Bozon und Ropert eigenständig verantworteten Filme im Detail durchaus unterscheidet, zeugen sie jeweils von künstlerischem Eigensinn und einer umfassenden Kenntnis der Filmgeschichte. Sie teilen eine Vorliebe für Humor und musikalische Interventionen, den anti-naturalistischen Zugang und eine Lust am Text, die sich in präzise geschriebenen Dialogen und novellistischem Storytelling zeigt. Oft geht es um Gruppen, Cliquen oder Familien, um Abschiede oder Brüche. Es eint sie außerdem die Bezugnahme auf das klassische amerikanische Kino und auf Eric Rohmer.

Wir freuen uns, im Rahmen der 15. Französischen Filmwoche drei Filme von Serge Bozon und zwei Filme von Axelle Ropert präsentieren zu können, zum Teil erstmalig in Berlin. Dank der Unterstützung durch das Institut français Deutschland werden beide zu Gast im Arsenal sein. Neben zahlreichen Diskussionen mit dem Publikum findet am 13.12. in der Reihe "Revolver Live" ein von Marcus Seibert moderiertes Werkstattgespräch mit Axelle Ropert statt.

TIP TOP (Serge Bozon, F/Belgien/Luxemburg 2013, 10.12., in Anwesenheit von Serge Bozon & 14.12.) Als in Villeneuve bei Lille ein Polizeispitzel ermordet aufgefunden wird, vermutet man einen Maulwurf in den eigenen Reihen. Zwei Polizistinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bekommen den Auftrag, intern zu ermitteln, wer den Informanten verraten hat. Die herrische Esther (Isabelle Huppert) und die schüchterne Sally (Sandrine Kiberlain) werden misstrauisch beäugt von den Kollegen vor Ort, die bald herausfinden, dass auch die beiden Ermittlerinnen etwas zu verbergen haben: Sally ist eine leidenschaftliche Voyeurin und Esther lässt sich gerne von ihrem Ehemann, einem Geiger, beim Sex verprügeln – das aus einer Wunde im Gesicht von ihrer Nasenspitze tropfende Blut fängt sie genüsslich mit der Zungenspitze auf. Während der Kriminalfall weitere Tote zeitigt, bleibt die Aufklärung ungewiss. Eine dezidiert im heutigen Frankreich (im Milieu arabischer Einwanderer) angesiedelte, atemberaubend bizarre Verschränkung von Kriminalfilm und Komödie, die beide Genres dekonstruiert, mit dem Look eines B-Movies, exzentrischen Figuren, schroffem Humor, TV-Aufnahmen von Unruhen in Algerien und viel Slapstick.

LA FRANCE (Serge Bozon, F 2007, 11.12., in Anwesenheit von Serge Bozon & 15.12.) Es ist das Jahr 1917, im Ersten Weltkrieg. Camille (Sylvie Testud) wartet auf ein Lebenszeichen ihres Mannes von der Front. Als sie einen lapidaren Abschiedsbrief erhält, will sie sich nicht damit abfinden und macht sich auf die Suche nach ihm. Als Junge verkleidet, stößt sie im Wald auf einen Trupp Soldaten und schließt sich diesem an, ohne dass die Männer ihre wahre Identität bemerken. Bald zeigt sich, dass sie ein Geheimnis haben: Es sind Deserteure. Sie ziehen durch die Landschaft, eine Art Totenreich, bei Tag und bei Nacht. Es werden keine Schlachten geschlagen, man sieht die Soldaten im Dunkeln auf einem Floß im Wasser treiben oder beim Rasten, während im Hintergrund Gewehrfeuer zu hören ist. Ihre graublauen Uniformen werden mitunter vom Schwarz der Nacht verschluckt. Ab und zu holen sie selbstgebastelte Musikinstrumente hervor und beginnen zu singen, live, im Wald, ein sehnsuchtsvolles Lied von einem blinden Mädchen im Stil des Sixties-Pop. Der von Walsh, Fuller und Barnet inspirierte Kriegsfilm wird dann zum Musical und eine Brücke von 1917 nach 1967 nach 2007 entsteht.

MODS (Serge Bozon, F 2002, 12.12., in Anwesenheit von Axelle Ropert und Serge Bozon) Zwei Soldaten (Serge Bozon, Guillaume Verdier) treffen auf dem Campus einer Universität ein. Es ist eine fremde Welt für sie, deren Regeln sie weder kennen noch verstehen. Sie wollen ihrem Bruder Edouard helfen, der nicht mehr sprechen mag, und die Ursachen für seine merkwürdige Krankheit herausfinden. Ihre Begegnungen mit der energischen Verwalterin (Axelle Ropert), einer stets lesenden Studentin, einer Professorin für Ökonomie, einem schläfrigen Arzt und vier Mods mit Pilzkopf, die sich betont lässig in Pose werfen, sind arrangiert als eine Abfolge von Situa-tionen, eine Serie wiederholter Begegnungen und immergleicher Sätze – mit einer spielerischen Mechanik, die nicht durch Erklärungen gefährdet wird. Vom Vergnügen am anti-naturalistischen Zugang zeugen auch gymnastische Tanznummern auf Treppen, zwischen Büschen und auf Schreibtischen – zu Garage-Rock-Songs aus den 60er Jahren. Eigentümliche Dialoge, Musik, Tanz, Uniformen, Pyjamas, Briefe, Pfiffe, die Geografie der Cité universitaire in Paris und ein Hauch von Rivette fügen sich zu einem komisch-schwermütigen Film.

TIREZ LA LANGUE, MADEMOISELLE (Miss and the Doctors, Axelle Ropert, F 2013, 12.12., in Anwesenheit von Axelle Ropert & 15.12.) Die beiden Brüder Boris (Cédric Kahn) und Dimitri (Laurent Stocker) betreiben gemeinsam eine Arztpraxis im 13. Arrondissement, dem chinesischen Viertel von Paris, und widmen sich rund um die Uhr ihren Patienten. Die Sprechstunden halten sie gemeinsam ab, sie erzählen sich alles und selbst ihre Wohnungen liegen in Sichtweite des anderen. Die symbiotische Beziehung der zwei Junggesellen um die 40 verändert sich jedoch, als sich beide in dieselbe Frau verlieben: Judith (Louise Bourgoin), alleinerziehende Mutter einer Tochter mit Diabetes und nachts als Bardame tätig. Sie ist völlig überfordert von der Situation, zumal dann auch noch der Vater ihrer Tochter wieder auftaucht. Eine Liebesdreiecksgeschichte um ein Brüderpaar nimmt ihren Lauf, die Konturen eines Melodrams zeichnen sich ab, herzzerreißende stehen neben komischen Momenten, ein roter Mantel erinnert an das Technicolor der 50er Jahre, wie überhaupt das klassische amerikanische Kino grüßen lässt. Kein Disput, die Tonlage bleibt sanft, leise und melancholisch – hang on to a dream.

LA FAMILLE WOLBERG (The Wolberg Family, Axelle Ropert, F 2009, 13.12., in Anwesenheit von Axelle Ropert & 14.12.) Simon Wolberg (François Damiens) ist ein hyperaktiver Provinz-Bürgermeister, ein liebender Ehemann, überbeschützender Vater, scherzender Sohn, bekennender Northern-Soul-Fan und jüdischer Herkunft. Bohemiens und Blonde kann er nicht leiden. Er bringt es fertig, vor verdutzten Schulkindern eine Rede über eine amerikanische Sängerin zu halten oder sich bei einem Hausbesuch im Wahlkampf ins Privatleben eines Bürgers seiner kleinen Stadt einzumischen. Zu Hause hat er Sex am Nachmittag mit seiner Frau, ironische Wortgefechte mit seiner temperamentvollen Teenagertochter und herzt den schüchternen Sohn. Seine umwerfende Energie paart sich mit einer gewissen Melancholie. Als kurz vor dem 18. Geburtstag seiner Tochter deren Onkel (Serge Bozon) zu Besuch kommt, treten Risse, Geheimnisse und Auflösungstendenzen im Familiengefüge zu Tage. Doch Simon Wolberg gibt nicht auf. Er ist besessen von der Mission, seine Familie zusammenzuhalten. Ein ergreifender Film über die Liebe und über Abschiede, höchst präzise erzählt, mit Witz und viel Soulmusik aus den 60er Jahren. Let me down easy. (bik)

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Französischen Filmwoche Berlin und dem Büro für Film und Medien des Institut français Deutschland.