Oktober 2018, kino arsenal

King of New York – Werkschau Abel Ferrara

MS .45, 1981

Abel Ferrara ist ein Überlebenskünstler. Ein Künstler, der überlebt, ein Überlebender, der Kunst macht, der manchmal sein Überleben zur Kunst macht. Er hat eine Jugend in der Bronx überlebt, eine streng katholische Erziehung, später endlose Alkohol- und Drogeneskapaden. Auch als Filmemacher hat er überlebt. Und zwar, weil er sich im Verlauf seiner Karriere gleich mehrfach neu erfinden konnte: Begonnen hat er seine Karriere in den 70er Jahren buchstäblich in der Gosse, mit dreckigen Exploitation- und Pornofilmen, die in den finstersten Winkeln seiner damals noch keineswegs gentrifizierten Heimatstadt New York entstanden. In den 80er Jahren arbeitet er sich in den Mainstream hinein, nur um dann in den 90er Jahren zu einem der zentralen Vertreter des neuen amerikanischen Independent-Kinos zu avancieren. Heute entstehen die meisten seiner Filme in Europa. Aber im Grunde spielt es gar keine Rolle, wer Ferraras Filme produziert, in welchem Genre er arbeitet, ob er viel Geld und einen gewaltigen Studioapparat zur Verfügung hat oder die Filme mit ein paar Kumpels und praktisch aus eigener Tasche verwirklicht. Er geht jedes Projekt mit derselben überschäumenden Energie an. Alles, was wirklich zählt in seinem Kino, ist der höchstpersönliche Affekt. In ihrem Buch über Ferrara beschreibt die französische Filmwissenschaftlerin Nicole Brenez dies folgendermaßen: „Ferrara braucht die Menschenmasse, die Straße und menschlichen Umgang. Seine Kritik verwendet nicht die Waffen der Objektivität; sie antwortet auf das Reale wie ein Seufzer auf einen Kuss antwortet oder ein Schrei auf einen Hieb.“ Das Arsenal zeigt vom 5.-29.10. zwölf Langfilme des Ausnahmeregisseurs, aus allen Phasen seines Schaffens. Die Auswahl kuratierte Lukas Foerster.

BAD LIEUTENANT (Abel Ferrara, USA 1992, 5.10., Einführung: Michael Kienzl & 19.10.) Ferraras obsessivster Film basiert auf einem Drehbuch von Zoë Lund, die auch in einer Nebenrolle zu sehen ist. Im Zentrum steht ein namenloser Polizist (Harvey Keitel), der bereits zu Beginn rettungslos in einem Strudel aus Drogen, Schulden und sexuellen Obsessionen verfangen ist. Endgültig jeden Halt verliert er, als er auf eine Nonne trifft, die Opfer einer Vergewaltigung wurde; nicht die Tat selbst bringt ihn zur Weißglut, sondern die Tatsache, dass die Frau den Tätern vergibt. BAD LIEUTENANT ist so etwas wie die katholische Antwort auf Taxi Driver: eine barocke Großstadtodyssee, die bis heute nichts von ihrer düsteren Wucht eingebüßt hat. Im Jahr 2018 regelrecht prophetisch wirkt die letzte Einstellung vor dem Trump Plaza Hotel: „It all happens here“.

KING OF NEW YORK (Abel Ferrara, Italien/USA 1990, 6. & 10.10.) Die 90er Jahre, seine produktivste Dekade, beginnt Ferrara mit einem ultimativen New-York-Film, einem perfekt durchgestylten Gangsterfilm, dessen eruptive Gewaltszenen direkt den Tiefen der bläulich schimmernden Straßenschluchten zu entspringen scheinen. Christopher Walken spielt den Gangsterboss Frank White, der, eben aus dem Gefängnis entlassen, seine Geschäfte wieder aufnimmt. Verfolgt von rivalisierenden Gangs und der kaum weniger amoralisch agierenden Polizei rollt White in einer schwarzen Limousine durch New York, sein maskenhaftes Gesicht von den Lichtern der Stadt illuminiert; dazu auf der Tonspur zum ersten Mal die Raps von Schooly D, mit dem Ferrara in der Folgezeit noch mehrmals zusammenarbeitet.

MS .45 (Die Frau mit der 45er Magnum, Abel Ferrara, USA 1981, 6. & 18.10.) Zoë Lund, zum Zeitpunkt des Drehs erst 17 Jahre alt, spielt Thana, eine stumme Näherin, die, nachdem sie zu Filmbeginn Opfer zweier Vergewaltigungen wird, zu einer Art Rachegöttin mutiert und den New Yorker Garment District heimsucht. Ihr Feldzug gegen männliche Übeltäter aller Art wächst sich langsam aber sicher zu einem veritablen Amoklauf aus, der spätestens im Finale, wenn Thana ein Nonnenkostüm anlegt, regelrecht psychedelische Dimensionen annimmt. So ungefiltert wie hier knallen die katholischen Obsessionen, die Ferrara mit seinem langjährigen Drehbuchautor Nicholas St. John teilt, in späteren Filmen nur noch selten auf die Leinwand. MS .45 ist ein Klassiker des Exploitation-Kinos, mit einer langen, komplizierten Zensurgeschichte; wir zeigen sowohl die leicht gekürzte internationale Releasefassung, als auch eine etwas längere deutsch synchronisierte Version.

WELCOME TO NEW YORK (Abel Ferrara, USA/F 2014, 8. & 21.10.) Das Thema ist den Schlagzeilen der Boulevardpresse entnommen, in der Hauptrolle legt einer der größten Stars seiner Generation eine denkwürdige, exhibitionistische Selbstentblößung hin und die Premiere findet, nachdem die Festivalauswahlkommission den Film ablehnt, in einem Zelt am Strand von Cannes statt: Kein Zweifel, mit WELCOME TO NEW YORK kehrt Ferrara noch einmal zur wilden Punk-Attitüde seines Frühwerks zurück. Im Kern ist seine Verfilmung der Affäre um den französischen Politiker und ehemaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn (verkörpert, im vollen Sinn des Wortes, von Gérard Depardieu), freilich keineswegs spekulatives Gossipkino, sondern eine nachdenkliche Studie über Narzissmus und Selbstschutzmechanismen.

THE FUNERAL (Abel Ferrara, USA 1996, 11. & 16.10.) Ein Bruder der Tempio-Familie ist unmittelbar vor Filmbeginn gestorben, zwei andere, Ray (Christopher Walken) und Chez (Chris Penn), beides brutale Gangster, schwören, den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Rachefeldzug gewinnt bald eine überraschende, selbstzerstörerische Eigendynamik. Noch einmal ein Gangsterfilm als Höllenmaschine, mit Starbesetzung (in Nebenrollen zu sehen: Benicio del Toro, Vincent Gallo, Isabella Rossellini) und einer zunächst vergleichsweise geradlinigen Handlung, die sich freilich nicht in Richtung Zukunft, sondern in Richtung Vergangenheit, in Richtung Melodram und Selbstbefragung bewegt.

THE ADDICTION (Abel Ferrara, USA 1995, 11.10.) Die Studentin Kathleen Konklin (Lili Taylor) wird von einer mysteriösen Fremden (Annabella Sciorra) verfolgt und gebissen. Anschließend beginnt sie, selbst Appetit auf Blut zu entwickeln. THE ADDICTION ist ein Vampirfilm wie kein anderer: keine blutrünstige Monsterjagd, sondern eine introspektive Seeleninvestigation, gefilmt in atmosphärischem Schwarz-Weiß. Nicht die Angst vor den Untoten steht im Mittelpunkt, sondern die philosophische Gemeinschaft der Vampire: verlorene Seelen, die den Tod herbeisehnen, aber im Überleben wieder und wieder mit den eigenen moralischen Abgründen konfrontiert werden. „Ferraras Universum beruht auf einem gewissermaßen erloschen-katholischen Existenzialismus, für den das Menschsein nicht zu trennen ist von einer persönlichen Beziehung zum Bösen – wir sind alle süchtig.“ (Marjorie Baumgarten)

THE DRILLER KILLER (Abel Ferrara, USA 1979, 12. & 20.10.) Ein Low-Budget-Exploitationfilm, gedreht auf körnigem 16-mm-Material, gleichzeitig ein wertvolles Dokument des Mitternachts-Kultkinos der 70er Jahre und eine Art Mission Statement des Filmemachers Ferrara: Es geht um Schuld und Vergebung, um den Reiz des Bösen und vor allem um das Verhältnis von Leben und Kunst. Der Regisseur übernimmt selbst die Hauptrolle: Reno Miller ist ein psychotischer Maler, der in einem kleinen Apartment am Union Square (Ferraras eigener Wohnung) lebt und in eine gleichermaßen künstlerische wie finanzielle Krise gerät. Eines Nachts kommt er auf die Idee, mithilfe einer Bohrmaschine Jagd auf Obdachlose zu machen. „This film should be played loud“, verkündet eine Texttafel zu Beginn.

NEW ROSE HOTEL (Abel Ferrara, USA 1998, 13.10.)Christopher Walken und Willem Dafoe, die beiden quintessentiellen Ferrara-Schauspieler, verkörpern die Kopfgeldjäger Fox und X. Im Verlauf ihrer Versuche, ein Computergenie zur Strecke zu bringen, lernen sie Sandii (Asia Argento) kennen, was eine Serie unheilvoller Ereignisse in Gang setzt. NEW ROSE HOTEL, gleichzeitig der abstrakteste und der sinnlichste Film des Regisseurs, ist der perfekte Abschluss für Ferraras goldene Neunziger: Die auf einer Kurzgeschichte des Cyberpunk-Autoren William Gibson beruhende Erzählung transformiert sich zunächst in ein metaphysisches Kräfteverhältnis, in eine „trianguläre Geometrie der Kraft“ (Tag Gallagher), und löst sich anschließend komplett auf in einem hypnotischen Sog von Traum- und Erinnerungsbildern, Spiegelungen und Projektionen.

GO GO TALES (Abel Ferrara, USA/Italien 2007, 13. & 17.10.)Nach einigen problembehafteten Projekten gelingt Ferrara 2007 mit GO GO TALES einer seiner schönsten, erstaunlichsten Filme: eine warmherzige, geradezu nostalgische Komödie fast ohne Handlung, die komplett in einem Stripclub namens „Ray Ruby’s Paradise“ spielt. Der hoch verschuldete Ray Ruby (Willem Dafoe) selbst versucht, die Pleite abzuwenden; aber sogar ein Lottogewinn hilft ihm nicht weiter, weil das Gewinnerlos nicht aufzufinden ist. „Die eigentliche libidinöse Energie hat, wie so oft bei Ferrara, nichts mit dem verruchten Inhalt zu tun, sondern mit den Kraftfeldern und Intensitäten, die vom Setdesign, der Lichtsetzung und vor allem der Kamerabewegung hervorgebracht werden.“ (Steven Shaviro)

PASOLINI (Abel Ferrara, F/Italien/Belgien 2014, 14. & 18.10.) In seinem jüngsten langen Spielfilm widmet sich Ferrara dem Leben Pier Paolo Pasolinis. Die rudimentäre Handlung spielt im Jahr 1975: Der inzwischen über 50-jährige Dichter und Regisseur (gespielt von einem interessant ermatteten Willem Dafoe) bereitet in Rom, umgeben von seiner Familie, einen neuen Film vor und beginnt gleichzeitig eine Beziehung mit einem deutlich jüngeren Mann. Die konkreten Umstände der Ermordung Pasolinis interessieren Ferrara nicht; stattdessen kombiniert er Alltagsbeobachtungen, Szenen aus Pasolinis Filmen und Auszüge aus dessen literarischem Werk zu einer dichten Collage. Leben, Kunst und Tod sind, wie stets bei Ferrara, letztlich ununterscheidbar.

SNAKE EYES (Abel Ferrara, USA/Italien 1993, 15. & 20.10.) Dieser allzu oft übersehene Film (der auch unter dem späteren Alternativtitel Dangerous Game firmiert) ist ein Schlüsselwerk in Ferraras Schaffen – weil er den Punkt markiert, in dem Ferraras Kino reflexiv wird, über sich selbst nachzudenken beginnt. Eine Art Komplementärfilm zu BAD LIEUTENANT: wieder eine hochpersönliche Reflexion über Schuld, Sucht und Erlösung, die sich diesmal aber nicht ins Chaos der Großstadt hinein entgrenzt, sondern als intimes Kammerspiel durchexerziert wird. Und Harvey Keitel kommt auch hier die Hauptrolle zu. Er spielt den Regisseur Eddie Israel, der einen Film über eine Ehekrise dreht und gleichzeitig selbst eine durchlebt. Die weibliche Hauptrolle übernimmt eine eindrucksvoll aufspielende Madonna – einer von vielen Casting-Coups, die die Filmografie Ferraras aufweist.

BODY SNATCHERS (Abel Ferrara, USA 1993, 19. & 29.10.) Was KING OF NEW YORK für den Gangsterfilm ist, ist BODY SNATCHERS für das Science-Fiction-Kino: die nihilistische Bilanzierung und Finalisierung eines Genres, dem in Ferraras Bearbeitung alle positiven Bezüge auf Heroismus und Handlungsmacht ausgetrieben werden. Die dritte Verfilmung der Geschichte von den körperfressenden Aliens, die eine amerikanische Kleinstadt infiltrieren, indem sie nach und nach alle Bewohner „übernehmen“, konzentriert sich weniger als die Vorgänger auf satirische Aspekte. Stattdessen geht es um die schicksalhafte Verstrickung individueller und gesellschaftlicher Gewalt. „BODY SNATCHERS ist Ferraras düsterster, vielleicht auch härtester Film, ein Film, der die Intimität der Familie mit der Kälte des militärischen Apparats konfrontiert.“ (Hannes Brühwiler) (lf)