Oktober 2018, kino arsenal

Family Affairs – Filmische Beziehungen zwischen Georgien und dem Arsenal

MSIS KALAKI, 2017

Die Beziehungen zwischen dem Arsenal und dem georgischen Kino sind vielschichtig und gehen weit in die Geschichte unserer Institution zurück. Seit der ersten georgischen Filmwoche 1975 wurden georgische Filme immer wieder in unserem Kinoprogramm und im Forum gezeigt, haben Kopien georgischer Filme Eingang in unseren Verleih und unser Archiv gefunden. Vor einem Jahr präsentierten wir in einer umfangreichen Filmreihe einen Teil dieser Sammlung und konnten zahlreiche Regisseur*innen zu Diskussionen mit dem Publikum begrüßen. Diese Gespräche mit Lana Gogoberidse, Salomé Alexi, Merab Kokotschaschwili, Gela Kandelaki, Otar Iosseliani und Dito Tsintsadze, eine Podiumsdiskussion über georgische Filme in Archiven sowie zwei Essays zur georgischen Filmgeschichte und Zensurgeschichte sind nun in einer gerade erschienenen, dreisprachigen (deutsch, englisch, georgisch) Publikation versammelt. Aus diesem Anlass zeigen wir vom 22.-31.10. weitere Filme aus unserer Sammlung und freuen uns, ein weiteres Mal Otar Iosseliani begrüßen zu können, der uns die digital restaurierten Fassungen all seiner Filme für unseren Verleih zur Verfügung stellt.

NATWRIS CHE (Der Baum der Wünsche, Tengis Abuladse, UdSSR 1977, 22.10., Einführung und Buchpräsentation: Erika und Ulrich Gregor) spinnt einen Reigen surrealistisch anmutender Szenen in einem kleinen Dorf in der Zeit vor der Revolution, in dessen Mittelpunkt die unglückliche Liebesgeschichte eines jungen Paares steht. In Bildern von expressiver Schönheit und mit leichtem Humor erzählt Abuladse von alten Traditionen und neuen Zeiten. Mit dem Tod beginnt und endet der Film, doch triumphiert in ihm das Leben.

IQO SCHASCHWI MGALOBELI (Es war einmal eine Singdrossel, Otar Iosseliani, UdSSR 1970, 23.10., zu Gast: Otar Iosseliani) schildert 36 Stunden aus dem Leben des jungen Musikers Gia, der im Orchester in Tiflis die Pauke schlägt und dafür bekannt ist, erst in letzter Minute zu seinem Einsatz zu erscheinen. Spontane menschliche Kontakte sind ihm wichtiger als seine Arbeit. Gia ist ein unangepasster Träumer, unfähig, ein Verhältnis zur Zeit zu finden, das mit seiner Umgebung harmoniert.

MSIS KALAKI (City of the Sun, Rati Oneli, Georgien 2017, 30.10.)Einst wurden in den Minen Tschiaturas bis zu 50 Prozent des weltweit benötigten Metalls Mangan gefördert. Heute wirkt der westgeorgische Ort wie eine apokalyptische Geisterstadt. MSIS KALAKI porträtiert einige verbliebene Einwohner: Musiklehrer Zurab zerlegt marode Betonbauten, um mit den Eisenträgern ein Zubrot zu verdienen. Archil arbeitet noch im Bergwerk, seine Leidenschaft gilt jedoch einer Laientheatergruppe. Zwei junge Athletinnen trainieren trotz Mangelernährung stoisch für die nächsten Olympischen Spiele.In seinem Dokumentarfilm gibt Regisseur Rati Oneli faszinierende Einblicke in einen Lebensraum, dessen düstere Industrieruinen gewaltig und kulissenhaft zugleich wirken.

DEDUNA (Leuchtkäferchen, David Dschanelidse, UdSSR 1987, 31.10.) ist „einer der am wenigsten bekannten, aber schönsten georgischen Filme, die bescheidene, poetisch verdichtete Chronik eines Dorflebens, gesehen aus der Perspektive eines zehnjährigen Mädchens.“ (Ulrich Gregor) Es passiert nicht viel in diesem Film – der Weg in die Schule, die Arbeit mit den Tieren, der Besuch eines Waisenjungen – und doch ist die Essenz eines ganzen Lebens darin enthalten.

SCHEREKILEBI (Sonderlinge, Eldar Schengelaia, UdSSR 1974, 31.10.) Zwei Sonderlinge, die ihrer Unangepasstheit wegen im Gefängnis gelandet sind, bauen eine wunderliche Flugmaschine, um der als grau empfundenen Realität zu entfliehen. Eine bizarre, bissige Komödie um zwei Außenseiter an einem unbestimmten Ort zu einer unbestimmten Zeit, ein Plädoyer für die Kraft von Träumen und gleichzeitig versteckte Kritik am System.