Juli 2019, kino arsenal

Pionierinnen des Film Noir –
 Muriel Box, Edith Carlmar, Bodil Ipsen, Ida Lupino, Wendy Toye

AFSPORET, 1942

Die 1940er und 1950er Jahre erlebten weltweit eine Blütezeit weiblichen Filmschaffens, wobei zahlreiche Filmemacherinnen ihre Regiekarriere im Genre des Film Noir begannen. Dieses Programm versammelt 13 Spielfilmarbeiten sowie drei Kurzfilme von fünf Pionierinnen des Film Noir: Muriel Box (Großbritannien), Edith Carlmar (Norwegen), Bodil Ipsen (Dänemark), Ida Lupino (USA) und Wendy Toye (Großbritannien). Die Regeln des Genres bisweilen subtil unterwandernd, schufen diese Filmemacherinnen anhaltend faszinierende Filme, die eine individuelle Handschrift tragen und oftmals ein feministisches Anliegen verfolgen. Neben dem Schwerpunkt auf ihren Film-Noir-Werken enthält das Programm auch ausgewählte Arbeiten aus anderen Genres, allen voran der Komödie, aber auch des Spionage- und Kriegsfilms, die die inszenatorische Bandbreite der Regisseurinnen verdeutlichen. Die Reihe untersucht ein bislang noch weitgehend ungeschriebenes Kapitel des Filmschaffens von Frauen, das einige Rätsel aufgibt: Mit Ausnahme Lupinos (die zwischen 1949 und 1966 Filme realisierte) währten die Regiekarrieren der anderen vier Filmemacherinnen fast genau zehn Jahre, bevor sie abrupt endeten. Auch in archivarischer Hinsicht befindet sich die Erschließung der jeweiligen Œuvres in einem ungenügenden Zustand: Einige (für das Programm relevante) Filme aus den Filmografien Carlmars, Ipsens, Box’ und Toyes sind derzeit nicht einmal in digital aufgearbeiteter Form vorführbar. So wäre etwa Toyes Langfilmdebüt, der Thriller "The Teckman Mystery" (1954), ein zentraler Film für dieses Programm gewesen, von ihm ist aber weltweit keine vorführbare Kopie erhältlich; das Gleiche gilt für Muriel Box’ einzigen Film Noir, "Eyewitness" (1956). Mithin versteht sich die Reihe als Anstoß zur umfassenden Wiederentdeckung dieser Kinopionierinnen.

AFSPORET (Derailed, Bodil Ipsen, Lau Lauritzen Jr., Dänemark 1942, 6.7., Einführung: Gary Vanisian & 31.7.) Bevor sie als Filmemacherin debütierte, war Bodil Ipsen eine der bekanntesten dänischen Schauspielerinnen. In Co-Regie mit dem produktiven Filmemacher Lau Lauritzen Jr. drehte sie – während der deutschen Besatzung des Landes – den ersten Film Noir der dänischen Filmgeschichte: Im Mittelpunkt der düsteren, in nebligen Straßen und bedrängenden Innenräumen spielenden Geschichte steht Esther, eine junge Frau aus gutem Hause, die in einer unglücklichen Ehe gefangen ist. Ihr Vater, ein Arzt, stellt bei ihr eine lebensgefährliche Blutarmut fest. Kurz darauf erleidet Esther einen Gedächtnisverlust und irrt in den nächtlichen Straßen Kopenhagens umher, bis der anziehend-unheimliche Janus Jensen sie in seine Unterweltbande führt. Die herausragende Hauptdarstellerin Illona Wieselmann musste wegen ihrer jüdischen Herkunft kurz nach Fertigstellung des Films nach Schweden flüchten.

THE HITCH-HIKER (Ida Lupino, USA 1953, 7. & 11.7.) „Zwei Freunde nehmen auf ihrem Weg einen Anhalter mit. Dieser entpuppt sich jedoch als Sadist, der von der Polizei gejagt wird und nun mit erzwungener Hilfe der beiden Hobbyfischer zu entkommen versucht. THE HITCH-HIKER ist die wohl bekannteste Regiearbeit von Ida Lupino. Ein so meisterhafter wie harter Film Noir, der im Blick des Killers, der selbst im Schlaf ein Auge offen behält, sein unheimliches Abbild findet. Gleichzeitig jedoch liegt Lupinos Interesse in erster Linie nicht in den reißerischen Aspekten der auf einem wahren Fall beruhenden Geschichte.“ (Hannes Brühwiler)

DØDEN ER ET KJÆRTEGN (Death is a Caress, Edith Carlmar, Norwegen 1949, 8.7. & 1.8.) Die Theaterschauspielerin Edith Carlmar, die einige Jahre lang als Regieassistentin gearbeitet hatte, avancierte mit dem ersten norwegischen Film Noir zugleich zur ersten Filmemacherin ihres Landes. Der Film erzählt von der fatalen Liebe einer verheirateten Frau zu einem wesentlich jüngeren Mann. Edith Carlmar und ihr Ehemann und Produzent Otto Carlmar verfilmten einen gleichnamigen norwegischen Roman, der unverkennbar auf James M. Cains Kriminalroman „The Postman Always Rings Twice“ rekurriert. Der sinnliche, berührende Film sorgte damals wegen seiner Themenwahl und Freizügigkeit für kontroverse Diskussionen, Carlmar erhielt Droh-briefe von erzürnten Sittenwächtern.

STREET CORNER (Muriel Box, Großbritannien 1953, 10.7. & 2.8.) Muriel Box und ihr Ehemann Sydney Box galten als eines der besten Drehbuchteams der 40er Jahre, bevor sich Muriel Box der Regie zuwandte. Mit STREET CORNER, ihrem dritten Spielfilm, drehte sie ein zentrales Werk des britischen Nachkriegskinos, in dem sie in halbdokumentarischer Form von der täglichen Arbeit Londoner Polizistinnen erzählt. In drei fesselnden Episoden singt sie eine Ode an moderne, selbstbewusste Frauen. Eine der Hauptrollen spielt die britische Schauspielerin Peggy Cummins, die drei Jahre zuvor in Gun Crazy von Joseph H. Lewis brilliert hatte, einem Hauptwerk des US-amerikanischen Noirs. Als Vorfilm zeigen wir THE STRANGER LEFT NO CARD (Großbritannien 1952), mit dem die Regiekarriere der seinerzeit berühmten Tänzerin und Choreografin Wendy Toye begann. Zunächst als versponnene Fantasie daherkommend, entwickelt sich der Kurzfilm unversehens zum Thriller und beweist Toyes inszenatorische Begabung sowohl in puncto Groteske wie auch für Suspense.

MORDETS MELODI (The Melody of Murder, Bodil Ipsen, Dänemark 1944, 15.7. & 8.8.) Im Varieté-Milieu von Kopenhagen ereignet sich eine Mordserie: Eine Artistin nach der anderen wird ermordet und kurz vor der Tat erklingt immer wieder die gepfiffene Melodie eines französischen Liedes. Die Polizei verdächtigt eine Sängerin, die gerade dieses Stück bei ihren Auftritten singt. Für ihren zweiten Noir-Film wählte Ipsen im Gegensatz zu AFSPORET einen klassischen Kriminalstoff. Wie alle ihre Filme zeichnet er sich durch seine dichte, packende Inszenierung und die atemberaubend schöne Schwarzweiß-Lichtgestaltung aus. Er belegt auch, wie sehr Ipsen das Genre als Möglichkeit zum Kommentar auf die Zeitgeschichte einzusetzen wusste: Ein zentrales „Instrument“, mit dem die Morde begangen werden, liest sich wie eine Allegorie auf den Zustand ihres Landes unter der deutschen Besatzung.

UNG FRUE FORSVUNNET (Young Woman Missing, Edith Carlmar, Norwegen 1953, 17.7.) Ein Lehrer kehrt von einem Ausflug nach Hause zurück und stellt fest, dass seine Frau Eva seit dem Tag seiner Abreise verschwunden ist. Eine Kriminalkommissarin nimmt die Ermittlungen auf. Bald darauf wird eine Frauenleiche in einem Fluss gefunden. Plötzlich sucht ein mysteriöser Fremder Evas Mann auf. Ruhig und unheilvoll erzählt er ihm Unbekanntes und Ungeahntes von seiner Frau. In der Folge fächert der Film die Geschichte Evas auf, den Strudel ihrer Ängste, (Sehn-)Süchte und Enttäuschungen, die Carlmar in ihrem intensiven dritten Spielfilm sowohl als Krimi wie auch als Gesellschaftskritik, allem voran aber als Bloßstellung patriarchaler Normen und Überheblichkeit inszeniert.

SUBWAY IN THE SKY (Muriel Box, Großbritannien 1959, 19.7., Einführung: Madeleine Bernstorff & 27.7.) Der in West-Berlin stationierte US-amerikanische Militärarzt Baxter Grant wird des Drogenhandels verdächtigt. Daraufhin verlässt er seine Einheit, um seine Unschuld zu beweisen. Von seiner Truppe als Deserteur gesucht, flüchtet er in die Wohnung seiner Frau. Dort trifft er unversehens auf die Nachtklubsängerin Lilli Hoffman und bittet sie um Hilfe. Im Zentrum von Box’ stilvollem, kammerspielartigem Spionagefilm steht Hauptdarstellerin Hildegard Knef (im Vorspann als Hildegarde Neff geführt), die kurz zuvor ihre Schauspielkarriere in den USA beendet hatte und nach Europa zurückgekehrt war. Entsprechend ihrer Rolle hat sie einen Gesangsauftritt im Film – kurz bevor auch im wirklichen Leben ihre erfolgreiche Karriere als Sängerin begann.

OUTRAGE (Ida Lupino, USA 1950, 21.7.) „Lupinos vielleicht wagemutigste Regiearbeit widmet sich einem auch heute im Hollywoodkino noch weitgehend tabuisierten Thema: Die Hauptfigur Ann Walton (die beeindruckende Mala Powers in ihrer ersten großen Rolle) wird früh im Film Opfer einer Vergewaltigung. Der Rest von OUTRAGE ist nicht dem juristischen, sondern dem psychologischen und zwischenmenschlichen Nachhall dieser Gewalttat gewidmet, der existenziellen Verunsicherung einer im Innersten verletzten jungen Frau und einer vorsichtigen, bis zum Schluss brüchigen Rekonvaleszenz.“ (Lukas Foerster)

THE PASSIONATE STRANGER (Muriel Box, Großbritannien 1957, 23.7., Einführung: Regina Holzkamp) Die Schriftstellerin Judith Wynter erschafft in ihren erfolgreichen Groschenromanen verwegene Abenteuer, führt in Wirklichkeit aber ein beschauliches Leben mit ihrem an den Rollstuhl gefesselten Gatten. Als ihr italienischer Chauffeur sich in Judiths neuem Manuskript als feuriger Liebhaber wiedererkennt, der das Herz einer verheirateten Frau erstürmt, beginnt eine Reihe heiterer Turbulenzen. Die verspielte Komödie, einer der innovativsten britischen Filme seiner Zeit, kleidet den fiktionalen Teil in Farbe und die Realität in Schwarzweiß. Als Vorfilm zeigen wir ON THE TWELFTH DAY … (Großbritannien 1955), einen fantasievollen, seinerzeit vielfach bewunderten Kostümfilm von Wendy Toye.

EN HERRE I KJOLE OG HVIDT (A Gentleman in Top Hat and Tails, Bodil Ipsen,  Dänemark 1942, 25.7.) Bodil Ipsen wechselte für ihre erste eigene Regiearbeit nach AFSPORET vom Genre des Film Noir zur satirischen Komödie, wobei auch hier ernste, gesellschaftskritische Untertöne mitschwingen und sich ihre Begabung für die Inszenierung von mysteriösen, ambivalenten Situationen zeigt. Eines Tages taucht ein unbekannter Mann im Frack und mit Zylinder auf dem Rathausplatz einer Stadt auf und will dringend an einem öffentlichen Fernsprecher telefonieren. Damit beginnen zahlreiche unterhaltsame Verwicklungen.

UNG FLUKT (The Wayward Girl, Edith Carlmar, Norwegen 1959, 27.7. & 6.8.) Die 17-jährige Gerd, uneheliche Tochter einer berufstätigen, alleinerziehenden Mutter, ist auf die schiefe Bahn geraten. Nachdem sie aus dem vorübergehenden Polizeigewahrsam entlassen wird, fährt ihr Verehrer Anders, ein Student, gegen den Willen seiner Eltern mit ihr aufs Land. In einer einsamen Waldhütte verbringen die jungen Leute eine kurze unbeschwerte Zeit, bis ein Landstreicher auftaucht. Neben Liv Ullmanns eindringlicher Präsenz (in ihrer ersten Kinohauptrolle) besticht der Film, Carlmars letzte Kinoregiearbeit, vor allem durch die intensive erotische Spannung zwischen den drei Protagonisten und die ausgesprochen Noir-hafte Art, mit der Carlmar die mysteriöse Gestalt des Landstreichers inszeniert.

LÅN MEG DIN KONE (Leih mir deine Frau, Edith Carlmar, Norwegen 1958, 29.7.) In der zweiten Hälfte ihrer Regiekarriere drehte Carlmar überwiegend Komödien, von denen einige noch heute in Norwegen große Beliebtheit genießen. Ihr vorletzter Film LÅN MEG DIN KONE reiht eine herrliche Pointe an die andere, wirft vergnügt und mit feministischem Impetus tradierte Rollenbilder über Bord. Ein Mann leiht einem Freund seine Ehefrau aus, damit der in seiner Firma befördert werden kann. Die Tauschaktion entwickelt indes eine ungewollte Eigendynamik. Als Vorfilm: THE KING’S BREAKFAST (Großbritannien 1963), die letzte Regiearbeit von Wendy Toye, ein zauberhaftes Slapstick-Ballett nach einem Gedicht von A. A. Milne. Im Uraufführungsjahr wurde Toye von der Berlinale zur Präsidentin der Wettbewerbsjury berufen, was ihren Stellenwert im damaligen Filmschaffen verdeutlicht.

DE RØDE ENGE (Red Meadows, Bodil Ipsen, Lau Lauritzen Jr., Dänemark 1945, 30.7.) Der dänische Widerstandskämpfer Michael wartet in einem Gestapo-Gefängnis auf seine Hinrichtung. Er erinnert sich an die Tage vor seiner Festnahme: die Vorbereitung von Aktionen gegen die deutschen Besatzer, das letzte Treffen mit seiner Freundin Ruth und die Suche nach einem Spitzel in den eigenen Reihen. Ipsen und Lauritzen Jr. erzählen die Partisanengeschichte in einer von der Weltsicht des Film Noir durchdrungenen Düsternis, als Spinnennetz aus Misstrauen und Unmenschlichkeit, gegen die ein tapferer Kampf geführt wird. Wenige Monate nach der Befreiung Dänemarks entstanden, gewann DE RØDE ENGE 1946 die Goldene Palme in Cannes und gehört zu den berühmtesten Werken der dänischen Filmgeschichte. (gv)

Mit freundlicher Unterstützung der Königlich Dänischen Botschaft, Berlin.