April 2020, kino arsenal

arsenal 3 – week 7 & 8

Viele haben in den letzten Wochen ihren Arbeitsplatz verloren, andere sind davon bedroht oder in Kurzarbeit und für die allermeisten hat sich die Arbeit und damit ihr Leben durch die Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Corona-Virus fundamental verändert. Für uns ein Anlass, das Programm für die Wochen 7 & 8, das am 1. Mai beginnt, der Arbeit zu widmen.
Arbeit und Arbeitskampf sind Themen, die schon seit vielen Jahrzehnten die Programme von Forum, Forum Expanded und Arsenal durchziehen. Entsprechend groß ist die Zahl passender Filme in unserer Sammlung. Gleichzeitig zeigt sich jedoch auch, wie viele Filme der Filmgeschichte nur analog vorliegen und deshalb für arsenal 3, unser Online-Kino, nicht in Frage kommen.
Dennoch konnten wir zwei Klassiker zum Thema mit aufnehmen: LA REPRISE DU TRAVAIL AUX USINES WONDER (Die Wiederaufnahme der Arbeit in der Fabrik Wonder, États Généraux du Cinéma, 1968) und FÜR FRAUEN - 1. KAPITEL (1972) von Cristina Perincioli sowie die erst kürzlich digitalisierten Filme des ersten feministischen Filmkollektivs in Indien (Yugantar) aus den 1980er Jahren und AMY! von Laura Mulvey (1980) über eine Fliegerin. Die insgesamt 21 Programme strecken sich über die 1960er, 1970er und 1980er Jahre, und dann wieder über die nuller und zehner Jahre (die 1990er Jahre sind in der Sammlung weniger vertreten, ein für die Geschichte des Arsenal sehr bedeutender Film war in dieser Zeit zum Beispiel eine französische Koproduktion aus dem Niger, "Contes et comptes de la cour" von Éliane de Latour, der jedoch nur in einer 35-mm-Kopie vorliegt). Sie führen uns in die allerjüngste Geschichte (EIN PROLETARISCHES WINTERMÄRCHEN von Julian Radlmaier, EINE FLEXIBLE FRAU von Tatjana Turanskyj oder OUT ON THE STREET von Jasmina Metwaly und Philip Rizk) und imaginieren eine Zukunft, die vor dem Hintergrund der Corona-Erfahrung neue Relevanz erhält (THE MACHINISTS’ LAMENT von Jen Liu und LABOUR POWER PLANT von Robert Schlicht und Romana Schmalisch).
Diese und alle nachfolgend aufgeführten Filme können wir nur im arsenal 3 zeigen, weil uns Filmemacher*innen, Künstler*innen und Produzent*innen die Produkte ihrer Arbeit dafür zur Verfügung stellen. Das Arsenal hat durch die Schließung von arsenal 1 + 2, aber auch aller anderen Kinos, die sonst Filme von uns ausleihen, mit erheblichen Einnahmeverlusten zu kämpfen. Dennoch möchten wir den Filmemacher*innen und Künstler*innen, die die derzeitige Krise besonders hart trifft, Lizenzen bezahlen und gleichzeitig das kostenlose Angebot für alle Zuschauer*innen aufrecht erhalten. Deshalb bitten wir alle, denen es möglich ist, weiterhin um Spenden. Die Arbeit der Institution können Sie außerdem durch Fördermitgliedschaften unterstützen. Denn wie schon erwähnt, Kino ist vor allem eins: ein kollaboratives Projekt.

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LA REPRISE DU TRAVAIL AUX USINES WONDER (États Généraux du Cinéma, Frankreich 1968, OmE, 10 min) Am 10. Juni 1968 filmten Studenten der Pariser Filmhochschule IDHEC diese zehnminütige Szene vor den Wonder-Werken in Saint-Ouen. Nach einem dreiwöchigen Streik mit Werksbesetzung sollte an diesem Tag die Arbeit wiederaufgenommen werden. Vor dem Werk kommt es zu heftigen Diskussionen zwischen einer jungen Arbeiterin und Stellvertretern der französischen Gewerkschaft CGT. Die Arbeiterin weigert sich verzweifelt, den Streik zu beenden und wieder zur Arbeit zu gehen, da die Arbeitsbedingungen und die Löhne nach wie vor miserabel sind. Die Gewerkschafter reden auf sie ein und versuchen, die geringen Zugeständnisse des Unternehmers an die Streikenden als Sieg darzustellen.

FÜR FRAUEN – 1. KAPITEL (For Women – Chapter 1, Cristina Perincioli, BRD 1971, OmE, 27 min) Gleiches Geld für gleiche Arbeit! Die vier weiblichen Angestellten eines Westberliner Supermarktes treten in den Streik, um die gleiche Entlohnung durchzusetzen, die ihr männlicher Kollege erhält. Ton Steine Scherben singen dazu: „Alles verändert sich, wenn du es veränderst, doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist.“ Mit Laien besetzt, erfüllt der Film die Forderung nach der Solidarität, die er propagiert: „Dieser Film wurde von Verkäuferinnen und Hausfrauen gemacht. Sie haben sich die Geschichte selbst ausgedacht und gespielt. Die Filmstudentinnen haben ihnen dabei geholfen.“ (Berlinale Archiv 2019)

Yugantar, Indiens erstes feministisches Filmkollektiv, wurde 1980 von Abha Bhaiya, Navroze Contractor, Deepa Dhanraj und Meera Rao gegründet. In einer Zeit radikaler politischer Umbrüche schuf Yugantar gemeinsam mit bereits existierenden oder sich formierenden Frauengruppen vier wegweisende Filme, von denen zwei hier im Programm sind.
IDHI KATHA MATRAMENA (Is This Just a Story?, Yugantar, Indien 1983, OmE, 25 min) Der „Hit“ unter den Filmen Yugantars wird dieser kurze und improvisierte Spielfilm oft liebevoll genannt. Auf dem Höhepunkt der aktiven autonomen Frauenbewegung Indiens tat sich Yugantar – mit dem Ziel, die Diskussion und politische Praxis rund um häusliche Gewalt zu erweitern – mit dem feministischen Aktivismuskollektiv Stree Shakhti Sanghatana zusammen. Nach einem intensiven Austausch über die eigenen vielschichtigen Erfahrungen mit häuslicher Gewalt verfassten die Mitglieder beider Kollektive ein Skript, das Themen wie Vereinsamung und Depression in den Vordergrund stellte. Sie entwickelten eine komplexe weibliche Figur, die beginnt, ihre Situation in Worte zu fassen und dabei Rückhalt in einer Frauenfreundschaft findet. Entgegen der festgefügten Filmrollen für weibliche Charaktere, wie sie in indischen Spielfilmen damals üblich waren, öffnet IDHI KATHA MATRAMENA die Figur der Frau als Opfer und Subjekt radikal. Der Film wurde vielfach gezeigt und unter feministischen Aktivist*innen diskutiert; seine eindringliche Botschaft erreichte unterschiedliche Zuschauer*innen. Das Vermögen des Films, Menschen mit unterschiedlichem Erfahrungshintergrund anzusprechen, erscheint heute ebenso stark wie damals. (Nicole Wolf)

TAMBAKU CHAAKILA OOB ALI (Tobacco Embers, Yugantar, Indien 1982, OmE, 25 min) Dieser Film dokumentiert eine der größten Arbeiter*innenbewegungen der damaligen Zeit – eine Initialzündung zur Bildung von Gewerkschaften in ganz Indien. Im Geiste der Mobilisierung linker Arbeiter*innen und der Frauenbewegung verbrachte das Yugantar-Kollektiv vier Monate mit Arbeiterinnen einer Tabakfabrik in Nipani, ließ sich von den ausbeuterischen Arbeitsbedingungen erzählen und diskutierte Strategien der gewerkschaftlichen Organisation. Die bis dahin undokumentierten Zustände im Inneren der Fabriken wurden zudem gefilmt. Das Team überließ es den Arbeiterinnen, was, wann und wie dokumentiert werden sollte und entwickelte auf Grundlage ihrer Erzählungen ein loses Skript. Yugantars Bekenntnis zur Komplexität politischer Freundschaft und Solidarität resultierte in einer damals wegweisenden Art des kollaborativen Filmemachens mit groß angelegten Re-Enactments und einem Voice-Over als vielstimmiges Zeugnis. Zum ersten Mal waren Frauen der indischen Arbeiter*innenklasse auf der Leinwand zu sehen, wie sie ihre Stimme gegen die Herrschenden erhoben. Ein kraftvolles Beispiel des feministischen Dritten Kinos. (Nicole Wolf)

AMY! (Laura Mulvey, Peter Wollen, GB 1980, OmU, 33 min) ist eine Verbeugung vor Amy Johnson, der Luftfahrtpionierin. Weit davon entfernt, ein konventionelles Biopic zu sein, nutzt der Film die Fliegerin als symbolische Figur. Ihre Reise steht für das Wechseln zwischen weiblichen und männlichen Welten, das Frauen, die um öffentliche Anerkennung kämpfen, abverlangt wird. (Eleanor Burke)

EIN PROLETARISCHES WINTERMÄRCHEN (A Proletarian Winter’s Tale, Julian Radlmaier, D 2014, OmE, 63 min) Drei junge Georgier*innen müssen im Auftrag eines Gebäudereinigungsunternehmens ein Berliner Schloss putzen, in dem am Abend die Sammlung zeitgenössischer Kunst eines deutschen Rüstungsunternehmens präsentiert werden soll. Bei diesem Anlass sind sie unerwünscht und werden in eine Dachkammer verbannt. Unten jedoch lockt ein köstliches Buffet – warum sich nicht einfach über dieses ungerechte Ausgangsverbot hinwegsetzen, die räumlichen Demarkationslinien der Klassengesellschaft übertreten? Und überhaupt, begann die Französische Revolution nicht auch mit einem Stück Torte? Die drei versuchen, eine Antwort auf die Fragen zu finden, ob sich Klassenverhältnisse überwinden lassen – wo doch alle überlieferten Geschichten dagegen sprechen. Ein proletarisches Wintermärchen. (DFFB)

EINE FLEXIBLE FRAU (The Drifter, Tatjana Turanskyj, D 2010, OmE, 97 min) Greta, 40, Architektin, Mutter eines zwölfjährigen Sohns, getrennt lebend, verliert ihren Job. Sie beginnt in einem Callcenter zu arbeiten, wird aber schon bald wieder gekündigt. Sie versucht mit aller Kraft, sich nicht unterkriegen zu lassen, fängt an zu trinken und treibt durch die Stadt – zwischen Anpassungsdruck und Widerspruchsgeist. A Woman Under The Influence – in Berlin zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Im sogenannten neuen Berlin, von den Brachen hin zu den Townhäusern. Im globalisierten, flexiblen Kapitalismus. Im Post-Feminismus. Mit dem jeweils dazugehörigen Vokabular: Theorie-Bruchstücke, Floskeln, Modeworte, Zitate. Eine Frau mit einer Vision, vom urbanen Raum, von sich, von ihrem Beruf, von ihrem Leben mit ihrem Kind. Doch die Verhältnisse sind nicht so. Kämpferisch, hysterisch, eigensinnig, wie in Trance, widerspenstig, hemmungslos, überschwänglich und todtraurig. Situationen, Begegnungen, Performances. Mehr Trip als Plot. Momentaufnahmen einer zeitgenössischen, brüchigen weiblichen (Arbeits-)Biografie. EINE FLEXIBLE FRAU als allseitig reduzierte Persönlichkeit. (Birgit Kohler)

BARRA FEL SHARE‘ (Out on the Street, Jasmina Metwaly, Philip Rizk, Ägypten 2015, OmE, 71 min) Ein Film über eine Gruppe von Arbeitern in Kairo, die an einem Schauspiel-Workshop teilnehmen. Während der Proben kommen Themen wie Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz, Polizeiwillkür und Brutalität, Korruption und Ausbeutung durch kapitalistische Arbeitgeber auf. Die Workshopteilnehmer tauchen in ihre Rollen ein und entwickeln dabei ein Stück, das sich mit ihrer Alltagsrealität befasst. Die hybride filmische Herangehensweise möchte eine kollektive Vorstellungswelt schaffen, die Workshopteilnehmer und Zuschauer*innen in ihrer Kritik an sozialer Ungerechtigkeit miteinander vereint.

THE MACHINIST’S LAMENT (Jen Liu, USA 2014, OmE, 18 min) Wenn Ökonomen und Politiker davon sprechen, die Industrieproduktion nach Amerika zurückzubringen, durchdringt Traumlogik die Diskussion: Alles wird wieder gut – Gesellschaft, Wirtschaft, Familie – wenn nur die Fabriken zurückkämen. THE MACHINIST’S LAMENT spekuliert über diesen Wunsch und untersucht gleichzeitig eine seiner Kehrseiten: die Entfremdung der Arbeiter*innen. Das Video imaginiert eine nicht näher definierte Zukunft, die von Fabrikarbeiter*innen bevölkert ist. Entfremdung wird hier durch das Anziehen der Schweißermaske ins Bild gesetzt – eine Trennung zwischen Darsteller*in und Zuschauer*in, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dem, was möglich ist und dem, was unerreichbare Fantasie bleiben muss. Die Aufnahmen wurden in Ohio gemacht, einer Stadt im sogenannten ‚Rostgürtel‘ des Mittleren Westens. Die Voice-Over-Texte stammen aus industriellen Bedienungsanleitungen, Monique Wittigs „Les Guérillères“ und Adornos „Minima Moralia“.

LABOUR POWER PLANT (Romana Schmalisch, Robert Schlicht, Frankreich/Deutschland 2019, OmE, 85 min) Eine neue Produktionsstätte, vielleicht in einer unbestimmten Zukunft. Was wird hier produziert? Folgen wir den Spuren und finden es heraus: zwei Paar Hände, die sich zu entknoten versuchen. Ein menschliches Schaf, virtuell in Stücke geschnitten. Ein herzliches Willkommen an die Autor*innen und Akteur*innen ihrer eigenen Leben. Geschichten werden erzählt, ihre Erzähler*innen seziert. Wenn die Fabriktore sich öffnen, werden jene, die das „Arbeitskraftwerk“ verlassen, für die Anforderungen des Arbeitsmarktes fit gemacht sein. Der nächste Produktionszyklus beginnt… Menschen mit eigenem Willen, Interessen und Begehren werden mit anderen physiologischen, kognitiven, psychologischen und sozialen Kernkompetenzen ausgestattet, um sie in Humanressourcen zu verwandeln. Währenddessen führt das Management neue Methoden ein, die Produkte mit innovativen Features der „Selbstbewertung“, „Selbstoptimierung“ und – vor allem – „Selbstverwirklichung“ anzureichern. Eine Reihe von Interventionen wird durchgeführt. Sie führen zu einer Versammlung, die im ersten Moment seltsam erscheinen mag.

IN ARBEIT (In the Works, D 2012–2019, Langzeitprojekt des Filmkollektivs cinéma copains = Arne Hector, Minze Tummescheit)
I SICALIANI (Teil 4) (Arne Hector, Minze Tummescheit, D 2018, OmE, 40 min)
FREIE SCHULE AM MAUERPARK (Teil 5) (Arne Hector, Minze Tummescheit, D 2018, OmE, 52 min)
9TO5, LUX UND KONSORTEN UND DIE VIELEN (Teil 6) (Arne Hector, Minze Tummescheit, D 2018, OmE, 55 min)
Das Langzeitprojekt IN ARBEIT des Filmkollektivs cinéma copains versteht sich als Recherche zu Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen kollektiven Handelns. Dabei wird der kommunikative Prozess der Recherche zum Inhalt des Films. Eine Interviewkette verbindet europaweit kollektive Projekte miteinander, in denen das Zusammenarbeiten im Mittelpunkt steht. So entsteht ein Bild kooperativer Praxis in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft. Zu sehen sind die letzten drei Teile des Projekts. Teil 4: I SICALIANI zeigt die sizilianische Sozialkooperative „I Sicaliani“, die in jahrelanger Arbeit eine Ludoteca, einen geschützten Raum für Kinder, aufgebaut hat, und entfaltet so die wechselhafte Geschichte der ältesten Anti-Mafia-Kooperative Palermos. Teil 5: FREIE SCHULE AM MAUERPARK wirft einen Blick auf Ideen und Wirklichkeit von Freien Schulen. Im letzten Teil 6: 9TO5, LUX UND KONSORTEN UND DIE VIELEN wird das Kollektiv durchlässig. Lehrer*innen der Freien Schule sprechen mit Mitgliedern der Hamburger Gruppe „9to5“ über politische Arbeit aus der eigenen Perspektive und Erfahrungen mit gesellschaftlicher Mobilisierung zu Prekariat, Autonomie und Grundeinkommen.

IN DIE ERDE GEBAUT (Ute Aurand, D 2008, ohne Dialog, 43 min) Vom ersten Spatenstich im Mai 2004 bis zur Eröffnung im Februar 2007 verfolgt der Film den Erweiterungsbau des Museum Rietberg in Zürich. „Aurands stakkatoartiger Stil findet ein formales Echo in der Konstruktion des Gebäudes, das schrittweise entsteht. Ihre Fähigkeit, in den unzähligen Details des Gebäudes visuelle Sensationen zu entdecken – die Verwendung von Löchern in den Wänden als Rahmen, die Berücksichtigung des Schattens einer Lamellentreppe, die perspektivische Konzentration auf eine Reihe von Gitterwänden – führt weit über eine Baudokumentation hinaus und wird zu einer Aufforderung der genauen Betrachtung". (Chris Kennedy)

SCHICHT (Shift, Alexandra Gerbaulet, D 2017, OmE, 29 min) Salzgitter: Eine Stadt wie ein Cyborg, in der sich Faser für Faser Geschichte ablagert – mit stählernem Skelett, das Herz schlägt in 1000 Metern Tiefe unter Schichten aus Erde und Beton. Bergbau, Stahlwerk, Musterstadt. Pulsierend, manchmal atemlos, folgt der Film dem Strom freigelegter Geschichten. Heute gefilmte Orte werden mit Archivmaterial kontrastiert: Propaganda, Nachrichten, Fotos aus den Familienalben der Filmemacherin, Aufzeichnungen aus dem Tagebuch ihrer Mutter. Alles wird einer subjektiven Lesart unterworfen. Ein Film zwischen Analyse und Imagination, komponiert aus dem Punk der Jugendjahre, begleitet vom Stahlwerksdröhnen und dem Rauschen der Autobahn. Unterbrochen von der schneidenden Stille stillgelegter Bergwerke, in die ab Mitte der 2020er Jahre radioaktiver Müll eingelagert werden soll.

A FLEA’S SKIN WOULD BE TOO BIG FOR YOU (Anja Dornieden, Juan David Gonzales Monroy, D 2013, OmE, 47 min) Ein Film über einen 2009 eröffneten Themenpark in Kunming, China: „The Kingdom of the Dwarves“, in dem 60 kleinwüchsige Menschen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren leben, die überall in China angeworben werden, um im Park zu arbeiten. Zweimal täglich betreten sie die Bühne und tanzen und singen für das zahlende Publikum. A FLEA’S SKIN WOULD BE TOO BIG FOR YOU zitiert ein spätrömisches Epigramm, in dem Kleinwüchsige herabgewürdigt werden.

ALS LANDWIRT (As a Farmer, Stefan Hayn, Anja-Christin Remmert, D 2007, OmE, 65 min) Worum geht's? Um Landwirtschaft, konventionelle Landwirtschaft, um Fragen zur Arbeit, um die Jahreszeiten, um Tradition aus einer anderen, nicht städtischen Perspektive, die als rückwärtsgewandte seit langem verschrien ist und die der Film so bewusst, so distanziert, so solidarisch und so regional-konkret wie möglich einnimmt. Nach einem Großbrand in Burgstall im Juli 2003 standen die Landwirte Geißendörfer vor der Frage: Aufhören oder risikoreich vergrößern? Wir haben bei der Eröffnung ihres neuen Stalls im September 2005 begonnen zu drehen und sind dann über ein Jahr viermal wiedergekommen. (Stefan Hayn & Anja-Christin Remmert)

DER LETZTE KUSS (Sweet Sticky Stuff, Riki Kalbe, BRD 1977, OmE, 25 min) Die Ausgangsidee ist ein Kinderfilm über Schokoküsse. Wie sie, aus was sie, und wo sie gemacht werden, wer sie herstellt und unter welchen Bedingungen. Die Frauen, die an den Bändern arbeiten, empfangen uns als willkommene Abwechslung, erzählen uns viel und gern von sich. Redend, rumalbernd und singend bringen sie sich gemeinsam durch den 8-Stunden-Tag. Das gefällt uns. Wir machen keinen Kinderfilm. Wir haben in diesem Film eine Dokumentarfilmform ausprobiert, die bewusst auf Interviews verzichtet und sich weitgehend auf die Wirkung der Bilder verlässt. (DFFB-Info) Aus heutiger Sicht zeigt der Film auch ein Stück westdeutscher Migrationsgeschichte und die Ungleichbehandlung von Frauen gegenüber Männern in der Arbeitswelt.

MICROBRIGADAS – VARIATIONEN EINER GESCHICHTE (Microbrigadas – Variations of a Story, Florian Zeyfang, Alexander Schmoeger, Lisa Schmidt-Colinet, D 2013, OmE, 31 min) Neben Gesundheitssystem und Bildung war Wohnen eine der Hauptsäulen der kubanischen Revolution. Angesichts des andauernden Wohnraummangels wurden 1971 in Kuba Selbstbau-Gruppen in wechselnder Intensität, die „Microbrigadas“, ins Leben gerufen. Bis heute bauen diese Baugruppen ihre eigenen Mehrfamilienhäuser sowie kommunale Bauten in ganz Kuba. Architekturbilder, Archivmaterial und Interviews verbinden sich zu einer experimentellen Collage über dieses Phänomen einer revolutionären Moderne.

ZUM VERGLEICH (In Comparison, Harun Farocki, D 2009, OmE, 61 min) In Afrika, Indien und Europa werden Ziegelsteine produziert, aus denen Krankenstationen, Kinderheime, Schulen und Wohnhäuser entstehen. Harun Farocki beobachtet die Arbeitsschritte bei der Herstellung des Baumaterials. Per Hand, Maschine oder Roboter wird es gegossen, gebrannt oder gepresst. Je nach Produktionsland sind dabei ein einzelner oder viele Arbeiter*innen beteiligt. Der Titel des Films teilt etwas Entscheidendes mit: Farocki bietet lediglich Material an, der Akt des Vergleichens zwischen traditioneller, früh- und hochindustrieller Gesellschaft liegt beim Zuschauer. Die kleinste Einheit, auf die sich der Film ausschließlich konzentriert, ist der Ziegelstein. Das verbindende Element sind Texttafeln, die knapp über den jeweiligen Ort und die Bauweise informieren. Ein weiterer Vergleich drängt sich auf: Die kleinste Einheit des 16mm-Bildes ist das Korn. Es verbindet sich mit dem Pixel, der in der Schweiz am Computer generiert wird, um einen Ziegel darzustellen, ebenso wie mit der Bleistiftzeichnung einer europäischen Architekturstudentin in Indien. Analoge und digitale Bildwelten sind mehr als Informationsträger, sie sind Teil der Produktion. (Stefanie Schulte Strathaus)

ORBITALNA (Marcin Malascsak, Polen 2014, OmE, 25 min) Wie eine Raumstation auf einem fremden Planeten sieht in der ersten Einstellung der Ort aus, den Marcin Malaszczak portraitiert. Die Kamera nähert sich ihm von oben, sie identifiziert lediglich ein paar Lichtinseln in einem Meer von Dunkelheit. Außerhalb des Films ist der Ort, steht zu vermuten, Teil eines Steinbruchs: ein Förderband, auf dem Erde und Steinbrocken transportiert werden. Eine Maschine, die das Laufband bearbeitet und eine Frau mit getönter Brille, die den Vorgang zu kontrollieren scheint. Der Film setzt diese Handvoll Elemente absolut: das Laufband, die Maschine, die Frau, dann noch der staubige, menschenleere, unwirklich anmutende Horizont. Die Maschine ist nicht funktionales Hilfsmittel in einem arbeitsteiligen Prozess, sondern Weltmotor. Ohne sie würde das Förderband, ohne das Förderband der Film, also eine ganze Welt zum Stillstand kommen. Und die Frau ist deshalb nicht eine lohnempfangende Angestellte, sondern der Geist von Film und Welt. Die dem Kapitalismus zugrunde liegende Differenz zwischen der Arbeit und ihrem Produkt ist aufgehoben. Freilich nur aufgehoben in Bildern und Tönen. Denn ein toller Film ist ORBITALNA auch deshalb, weil der dokumentarische Kern, der dem Film aller Wahrscheinlichkeit nach zugrunde liegt, nicht komplett verloren geht. (Lukas Foerster)

AZZIARA (The Visit, Nadia Mounier, Marouan Omara, Ägypten/Deutschland 2015, OmE, 42 min) beobachtet ein Fernsehteam, das den Besuch eines Inspektorenteams der Weltbank in einem ägyptischen Dorf ein paar Jahre nach der Revolution begleitet. Das Inspektorenteam will sich über die Fortschritte der landwirtschaftlichen Verwaltung seit dem politischen Umbruch informieren. Eine Entwässerungsrinne und ein örtliches Museum werden gebaut. Alles scheint so zu sein, wie es sollte. Allerdings lassen die dokumentarischen Autoren die Kamera eingeschaltet, nachdem das Fernsehteam ihre Arbeit beendet hat. AZZIARA erforscht die Rolle der Massenmedien in einer Gesellschaft, in der die Medien das Hauptinstrument zur Schaffung und Neugestaltung der öffentlichen Meinung geworden sind.

AL WADI (The Valley, Firas Taybeh, Jordanien 2011, OmE, 13 min) ist eine Komödie, die in der Zukunft spielt, mit einer primitiven Kulisse, die in einem ausgetrockneten Flussbett aufgebaut ist. Hier wohnen zwei Figuren: ein Bergarbeiter und ein Mann, dessen Arbeit darin besteht, Menschen bis zur anderen Seite des Tales zu führen. Eine Verschwörung löst einen Konflikt zwischen den beiden Männern aus und sie verlassen das Tal. Inspiriert von Volkssagen aus dem Nahen Osten, ist diese experimentelle work-in-progress-Arbeit eine Skizze für einen abendfüllenden Spielfilm.

DIDI MTSWANE WELI (Ein großes, grünes Tal, Merab Kokotschaschwili, Georgien 1967, OmU, 86 min) ist ein vom italienischen Neorealismus beeinflusstes Drama um einen Außenseiter im Spannungsfeld zwischen Tradition und Fortschritt: Der Hirte Sosana versorgt für seine Kolchose das Vieh in einem abgelegenen Gebirgstal. Im Land seiner Väter verwurzelt, lebt Sosana von der Nähe zur Natur und zu ihren Gesetzmäßigkeiten. Doch seine Frau Pirimse zieht es zu Menschen, die im Rhythmus der neuen Zeit leben, sie möchte sich von ihrem Mann, der ihr fremd geworden ist, trennen.

BETE & DEISE (Wendelien van Oldenborgh, Brasilien, Niederlande 2012, OmE, 41 min) zeigt die Begegnung zweier Frauen in Rio de Janeiro, die in ihrer jeweils eigenen Art und Weise der Öffentlichkeit eine Stimme geben. Bete Mendes ist eine Veteranin der Telenovela-Darstellerinnen und politische Aktivistin, Deise-Tigrona eine der stärksten Stimmen des Baile Funk, deren Song "Injeção" Ausgangspunkt für den Song "Bucky Done Gun" der Musikerin M.I.A. war. Der Film entstand im Rahmen von Van Oldenborghs Recherchen zum brasilianischen Kino und ihrer Untersuchung von Gesten im öffentlichen Raum als Ausdruck sozialer Verhältnisse.

Im Gedenken an Sarah Maldoror:
MONANGAMBEEE (Sarah Maldoror, Algerien 1969, OmE, 16 min) „Monangambeee“ lautete ein Ausruf, mit dem Aktivist*innen des antikolonialen Befreiungskampfs in Angola Dorfversammlungen einberiefen. MONANGAMBEEEist auch ein Kurzfilm von Sarah Maldoror, der von der portugiesischen Arroganz gegenüber der angolanischen Kultur handelt. Die Filmemacherin nimmt sich einer Novelle von José Luandino Vieira an, in der es um einen politischen Häftling geht, und dreht einen Film über Erniedrigung, Solidarität und Widerstand.

Unser Dank geht diese Woche an die Filmemacher*innen und Rechteinhaber*innen Jacques Willemont, Cristina Perincioli & Stiftung Deutsche Kinemathek & dffb, Yugantar, Laura Mulvey & Peter Wollen, Julian Radlmaier, Tatjana Turanskyj & Filmgalerie 451, Jasmina Metwaly & Philip Rizk, Jen Liu, Romana Schmalisch & Robert Schlicht, Minze Tummescheit & Arne Hector, Ute Aurand, Alexandra Gerbaulet, Anja Dornieden & Juan David Gonzales Monroy, Stefan Hayn & Anja-Christin Remmert, Dr. Matthias Kalbe, Florian Zeyfang & Alexander Schmoeger & Lisa Schmidt-Colinet, Antje Ehmann, Marcin Malascsak, Nadia Mounier & Marouan Omara, Firas Taybeh, Merab Kokotschaschwili und Annouchka de Andrade.