Oktober 2020, kino arsenal

Es geht weiter...

COLLATERAL (Michael Mann, 2004)

Ab September bieten wir wieder allabendlich ein Programm an, wenn auch nur in einem Saal, dem Arsenal 1, in dem ab sofort 119 Plätze (statt zuletzt 69) zur Verfügung stehen. Nach dem neuen Hygienekonzept des Berliner Senats muss bei einem reduzierten Mindestabstand von einem Meter auch während der Vorführung eine Mund-Nasen-Bedeckung im Kino getragen werden. Doch wo könnten die mehrheitlich im Breitwandformat gedrehten Thriller und Actionfilme von Michael Mann ihre Wirkung besser entfalten als auf der großen Leinwand? Während das Arsenal 2 aus Kostengründen bzw. Sparzwängen leider geschlossen bleiben muss, haben wir unser virtuelles Kino arsenal 3 neu konzipiert. Es nimmt Bezug auf die unmittelbaren Aktivitäten unserer Institution: das Kinoprogramm, das Verleihangebot von Arsenal Distribution oder unsere auf Partizipation und Produktion beruhende Archivpraxis Living Archive. Vom 15. Bis zum 30. September widmen wir das Programm dem Symposium Recht auf Öffentlichkeit – Arbeit mit TV-Archiven und den Filmemacher*innen Navina Sundaram, Harun Farocki und Sohrab Shahid Saless, die vor allem mit NDR, WDR und ZDF eng zusammengearbeitet haben.

ORDNUNG (Sohrab Shahid Saless, BRD 1980, OV 105’) Ein Mann in schwarzem Rollkragenpullover tritt auf die Straße, blickt die Häuserschlucht hinauf. Mit beiden Händen formt er einen Trichter um seinen Mund, der sogleich seinen Ruf verstärken soll, der ein langgezogenes „Aufstehen“ ertönen lassen. Dieses Ritual des Weckrufs tätigt Herbert jeden Sonntag. Während die Arbeitenden sich von der wöchentlichen Arbeitsmühe erholen, will er aktivieren. Obgleich er selbst wochentags kaum zu aktivieren ist: Er lebt in Alltagsmonotonie versunken, während seine Frau arbeitet, ziehen die Tage ohne Struktur der Berufstätigkeit an ihm vorbei. Saless skizziert Herberts Leben in der BRD dumpf, wie eine moderne Elegie der Depression. Identifikation ist nie individuell, sondern immer ausgerichtet an der einer homogenen Gesellschaft, deren Regeln und Pflichten befolgt werden müssen, aber nicht mehr sinnlich wahrnehmbar sind. Der Film skizziert eine Angst vor anderen Menschen und somit vor andersartigem Verhalten. Saless gibt sich dabei in ORDNUNG nicht nur Metaphorik hin, sondern lässt das Bild zum Wort werden: Schonungslos bildet er eine Verdrängungsgeschichte der BRD ab. ORDNUNG wurde 1980 beim Filmfestival von Cannes in der Reihe Quinzaine des Réalisateurs uraufgeführt. Er ist einer von sechs Filmen, die Saless mit dem ZDF produzierte.

EHE MIT AUSLÄNDERN: PANORAMA VOM 13.4.1982 (Navina Sundaram, BRD 1982, 11’ OV) EHE MIT AUSLÄNDERN ist ein Beitrag zu einer Panorama-Sendung von 1982. Das Klingeln der anonymen Anrufe dringt in die Privaträume von Familie Almanasreh und bildet den Hintergrundton der Erzählungen und Berichte über den tagtäglichen Rassismus, dem binationale Familien in Deutschland ausgesetzt sind. Aus der Perspektive von Frauen, die mit irakischen, portugiesischen und nigerianischen Männern verheiratet sind, zeichnet sich das Bild einer Gesellschaft, die Liebe und transkulturelle Bindung als Verrat an einer imaginären Nationalgemeinschaft versteht und in der anonyme Briefe, offene Beschimpfungen und gelöste Radmuttern, als auch Kämpfe um Rechte und Anerkennung zum Familienleben dazugehören.

ZUR ANSICHT: PETER WEISS (Harun Farocki, BRD/Schweden 1979, 44’ OmE) Das detaillierte Gespräch mit Peter Weiss über „Die Ästhetik des Widerstands“, deren zweiter Band gerade erschienen war, wurde von der Redaktion „Literatur und Sprache“ (Christhart Burgmann und Annelen Kranefuss) beim WDR betreut und am 19. Oktober 1979 gesendet. Im Februar 1980 war der Film im „Informationsprogramm TV“ des Internationalen Forum des Jungen Films zu sehen. Farocki im Programmtext dazu: „Weiss hat unvorstellbare Materialforschungen gemacht, das Leben einer Person, die als Modell dient, bis ins kleinste studiert und, was für ihn sehr wichtig ist, fast immer den Schauplatz der Handlung aufgesucht. Der Film gibt eine Vorstellung von dieser Arbeit.“

ZUR ANSICHT: PETER WEISS. DREHARBEITEN IN STOCKHOLM (Harun Farocki, BRD/Schweden 1979, 63’ OmU/OmE) Eine Vorstellung von Farockis Arbeitsweise vermittelt etwa eine Stunde nicht verwendetes Interviewmaterial, das sich im filmischen Nachlass befand, der seit 2015 gemeinsam mit Antje Ehmann vom Harun Farocki Institut betreut wird. 2016 wurde es anlässlich des 100. Geburtstags von Peter Weiss digitalisiert. Wir zeigen das Material so, wie es gefunden wurde: als Reste der Arbeitskopie in schwarz-weiß, roh, teils ohne Ton, mit Klappen, Aussetzern und anderen Spuren der Schnittarbeit

Zu arsenal 3