Oktober 2021, kino arsenal

arsenal 3: Abbas Kiarostami + Fortsetzung Werkschau Angelika Levi

MODEST RECEPTION, 2012

Auf unserer Streamingplattform arsenal 3 zeigen wir im Oktober Filme, die einen Blick auf Abbas Kiarostami und sein Schaffen werfen. Ergänzt wird das Programm um Videobotschaften und -einführungen, die auch im Kino vor einzelnen Filmen gezeigt werden. Amir Naderi, Jafar Panahi, Mahmood Kalari, Seifollah Samadian, Leila Hatami, Taranhe Aidoosti, Kanako Hayashi und Asghar Farhadi – Kollegen, Mitarbeiter, Schauspielerinnen – erzählen von ihren Beziehungen zu den Filmen Kiarostamis. Außerdem setzen wir anschließend an die Präsentation der digital restaurierten Fassung von Angelika Levis MEIN LEBEN Teil 2 beim Festival Archival Assembly #1 noch bis Ende Oktober die Werkschau ihrer seit 1983 entstandenen Filme fort.

FILME ZU ABBAS KIAROSTAMI

BÄRBEL ERZÄHLT EINEN FILM
(Karl Heil, D 2005) „Eine Frau sitzt auf einem Baumstamm und schaut mit dem Rücken zur Kamera auf einen See. In ihrer Nacherzählung einiger zentraler Szenen aus Abbas Kiarostamis Der Geschmack der Kirsche vermittelt sich ihre Begeisterung, während sie dem Betrachter das Gesicht zuwendet. Wir hören das leise Rauschen des Wassers und in ihrer Stimme das intensive Nachbeben des Erzählten in der Erinnerung. Auf das Ende der Erzählung folgt das Schweigen und die neuerliche Hinwendung zum See.“ (Karl Heil)

HAMRAH BA BAAD (Walking with the Wind, Mehdi Shadizadeh, Iran 2019) Der Dokumentarfilm über Abbas Kiarostami zeigt ihn nicht nur als Filmemacher, sondern als umfassenden Künstler, zu dessen Ausdrucksmittel auch Poesie, Fotografie und Grafik gehören. Eine Reihe von Weggefährten, ebenfalls in unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen tätig, erinnert an Kiaro-stami.

PAZIRAIE SADEH (Modest Reception, Mani Haghighi, Iran 2012) Ein Mann, der mit seinem Gipsarm an Napoleon erinnert, und eine gut gekleidete Frau fahren im Auto durch eine vom Krieg gezeichnete Bergregion. In ihrem Kofferraum Plastiktüten voller Geld, die sie an arme Menschen verteilen, die ihren Weg kreuzen. Sind die beiden tatsächlich in wohltätiger Mission unterwegs, oder bekommen wir es mit einem perfiden Spiel um Verführung und Moral zu tun? Schon in Men at Work (den wir im Rahmen der Abbas--Kiarostami-Retrospektive im Kino zeigen) führte Mani Haghighi die vom iranischen Kino erwartete Sozial- und Gesellschaftskritik ins Absurde. Mit beiden Filmen hat Mani Haghighi dem Genre des iranischen Roadmovies eine neue Richtung gegeben.


FORTSETZUNG WERKSCHAU ANGELIKA LEVI

Angelika Levi, 1961 geboren, studierte von 1985 bis 1991 an der Berliner dffb. Ihre kurzen, experimentierfreudigen Filme zeigen Freundschaft, Sex und Alltag, Architektur und Science-Fiction.

Ihr erster langer Film MEIN LEBEN TEIL 2 lief 2003 im Forum der Berlinale und gewann zahlreiche Preise. ABSENT PRESENT (2010) ist ein essayistischer Dokumentarfilm über verschiedene Formen des Reisens: Urlaub und Migration, gewollte und erzwungene Rückkehr. ANAK-ANAK SRIKANDI (2012) vereint acht sehr persönliche Blicke auf lesbisches, bisexuelles und transidentisches Leben im islamisch geprägten Indonesien. MIETE ESSEN SEELE AUF (2015) dokumentiert den nachbarschaftlichen Kampf um Wohnraum in Kreuzberg. Levis jüngster Film AHORITA FRAMES hatte beim diesjährigen Forum Expanded Premiere. Darin performen am Grenzübergang Ped-West in Tijuana Refugees ihre Erzählungen. Sie spielen Asbestarbeiterinnen, US-Soldat*innen, Rotkreuzhelfer*innen und Feuerwehrleute. Migrant*innen aus Guatemala und Venezuela und Mexikaner*innen, die aus den USA nach Tijuana deportiert wurden.

Angelika Levis Stimme führt wie ein Faden durch ihre Filmografie. Ausgangspunkt ihrer Assoziationswelten ist ihre unmittelbare Erfahrungswelt. Immer wieder fixiert sie ihren Standort, um sich der eigenen Identität zu versichern und sich dann wieder dem Fluss der Imagination hinzugeben. Weder kreist sie dabei um sich selbst, noch verliert sie den Halt. Stattdessen schafft sie ein Vertrauen, das es den Zuschau-er*innen erlaubt, den Assoziationsketten frei zu folgen und in unbestimmten Wahrnehmungsprozessen eine Methodik der Gesellschaftsanalyse zu erkennen, die niemals einen Abschluss finden kann.