November 2009, kino arsenal

Realismus reflektieren – Retrospektive Jean-Pierre und Luc Dardenne

LE FILS, 2002 (©Christine Plenus)

Die belgischen Brüder Dardenne gehören zweifelsohne zu den wichtigsten zeitgenössischen Filmemachern. Mit ihren fünf Spielfilmen LA PROMESSE, ROSETTA, LE FILS, L'ENFANT und LE SILENCE DE LORNA haben sie eine ganz eigene realistische Ästhetik ins europäische Erzählkino eingeführt, die präzise Gesellschaftsbilder zeichnet, ohne in simpler Sozialkritik aufzugehen. Die Wurzeln ihrer künstlerischen Handschrift sind dokumentarischer Art: Als "Video-Pioniere" drehten die beiden in den 70er und 80er Jahren in und um ihre Heimatstadt Seraing bei Lüttich politisch engagierte Dokumentarfilme. Dieses hierzulande unbekannte Frühwerk präsentieren wir im Rahmen der Retrospektive der Filme von Jean-Pierre und Luc Dardenne erstmals in Deutschland, ebenso wie die beiden Spielfilme aus der Zeit des Übergangs zur Fiktion, den Theater-Film FALSCH und das sozialkritische Melodram JE PENSE À VOUS. Die Retrospektive ermöglicht es, die Dokumentarfilme zu den Spielfilmen ins Verhältnis zu setzen und die allmähliche Entstehung des spezifischen Dardenneschen Realismus vom dokumentarischen, politischen Aktivismus über das Interesse an experimentellem Theater hin zu dem ausbalancierten Verhältnis von formaler Erneuerung und sozialem Anliegen, das ihre preisgekrönten Erfolgs-Filme kennzeichnet, nachzuzeichnen. Die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen von Realismus ist nicht nur von Anfang an prägend für die Arbeiten der Dardennes, sondern sie dauert bis heute an und zeitigt neue Ergebnisse.

Jean-Pierre und Luc Dardenne (*1951 bzw. 1954) wuchsen in der Stahlarbeiterstadt Seraing auf, an den Ufern der Maas. Die großen örtlichen Streiks der 60er Jahre haben einen prägenden Eindruck bei ihnen hinterlassen. Nach einem Schauspiel- bzw. Philosophiestudium begannen sie unter dem Einfluss des französischen Dramatikers und Anarchisten Armand Gatti sozial engagierte Filme zu drehen, die sich mit den Arbeitskämpfen in ihrer Heimatregion beschäftigen. Bis heute sind alle ihre Filme dort angesiedelt. Die Hinwendung zur Fiktion erfolgte 1986 mit einer Theaterverfilmung und 1992 mit einem melodramatischen Arbeitslosendrama. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen entwickelten sie daraufhin ihren kompromisslosen Stil, eine neue Art realistischen Filmemachens. Mit großer Detailgenauigkeit und Konzentration, der präzisen Beobachtung von Handgriffen und Blicken, in langen, dynamischen Plansequenzen und mit einer ruhelosen, nah am Körper agierenden Handkamera, die das Gehetzt- und Getriebensein der Figuren unterstreicht, erkunden sie Arbeits- und Beziehungswelten bzw. wie Menschen und Beziehungen zu Ware werden. Im Mittelpunkt stehen zwar immer gesellschaftliche Außenseiter, Arbeits- und Obdachlose, Immigranten ohne Papiere – von einem Sozialrealismus, der sich in erster Linie für ein Milieu interessiert, sind die Dardennes jedoch weit entfernt. Stets geht es um individuelle Schicksale, um konkrete Konflikte und Gefühle in einer prekären Lebenssituation. Die Intensität des moralischen Dilemmas, in das die Figuren geraten, die emotionale Tiefe, erwächst zwar aus der aktuellen gesellschaftlichen Wirklichkeit, hat jedoch viel von einer antiken Tragödie. Alttestamentarische Wucht und zeitgenössisches Setting verbinden sich in ihren Geschichten.

Zur Eröffnung am 15. November zeigen wir in Anwesenheit von Jean-Pierre und Luc Dardenne die frühe dokumentarische Arbeit LORSQUE LE BATEAU DE LÉON M. DESCENDIT LA MEUSE POUR LA PREMIÈRE FOIS (Belgien 1979) sowie LA PROMESSE (Das Versprechen, Belgien 1996), den Film, mit dem die Dardenne-Brüder zu ihrer singulären Ästhetik fanden.

LORSQUE LE BATEAU DE LÉON M. DESCENDIT LA MEUSE POUR LA PREMIÈRE FOIS (Belgien 1979, 15. & 26.11.) Léon Masy, in den 60er Jahren Metallarbeiter und militanter Linker, fährt in seinem selbstgebauten Boot die Maas hinunter und erinnert sich an die großen Streiks in der eisenverarbeitenden Industrie der Region. Zeitzeugen kommen zu Wort, sprechen an einschlägigen Orten der Stadt von Demonstrationen und Arbeitskampf. 20 Jahre nach den Ereignissen widmen sich die Dardennes der Geschichte der Arbeiterbewegung, jedoch nicht mit einem nostalgischen Interesse, sondern geleitet von der Frage: Gibt es eine Zukunft des Aktivismus?

LA PROMESSE (Das Versprechen, Belgien/F/Luxemburg 1996, 15. & 23.11.) "Die Maas, big usine, beaucoup money, Belgique very nice" – so versucht der Menschenhändler Roger (Olivier Gourmet) neu angekommenen Immigranten die belgische Industriestadt anzupreisen, in die er sie illegal einschleust, bevor er sie skrupellos ausbeutet. Sein Sohn Igor (Jérémie Renier) hilft ihm beim Abkassieren, doch diese Komplizenschaft gerät ins Wanken, als er einem Afrikaner, der bei Bauarbeiten vom Gerüst fällt, kurz bevor er stirbt, das Versprechen gibt, sich um dessen Frau und Sohn zu kümmern. Damit macht Igor den ersten Schritt aus der Allmacht des Vaters heraus und fängt an zu begreifen, dass Menschen eine Seele haben.

R... NE RÉPOND PLUS (Belgien 1981, 16.11.) Sie antwortet nicht mehr – wo ist die Wirklichkeit geblieben? Ein Film über Freie Radios in Europa, der von der Heimat der Dardennes bis in den Schwarzwald, die Schweiz und nach Italien führt. Ein Besuch bei Radiomachern, die das Medium "alternativ" nutzen: um von den Massenmedien ignorierte Nachrichten öffentlich zu machen und zu verbreiten, der Wirklichkeit auf der Spur.

JE PENSE À VOUS (F/Luxemburg/Belgien 1992, 16. & 24.11.) Als im Jahr 1980 die Fabriken der Stahlindustrie entlang der Maas geschlossen und die Arbeiter entlassen werden, stürzt der Verlust seiner Arbeit den 35-jährigen Fabrice in eine tiefe Krise. Zwar gelingt es seiner Frau, für Momente neuen Lebensmut in ihm zu wecken, doch sein Gefühl von Nutzlosigkeit bleibt: Er dreht durch und verschwindet. Doch seine Frau gibt nicht auf und findet ihn schließlich wieder. Mit bekannten DarstellerInnen und dem Nouvelle-Vague-Drehbuchautor Jean Gruault erzählen die Dardennes von den psychischen Belastungen der Arbeitslosigkeit. Inhaltlich also bereits ganz bei sich, überdenken sie in der Folge jedoch ihre formalen Mittel und verzichten auf melodramatische Elemente.

FALSCH (F/Belgien 1986, 17. & 25.11.) Einem modernen Totentanz gleicht diese formal innovative Adaption des Avantgarde-Theaterstücks "Falsch" von René Kalisky. Joe, einziger Überlebender der jüdischen Familie Falsch, kehrt 40 Jahre nach seinem Weggang von Berlin aus New York zurück. Als er die Ankunftshalle eines Flughafens betritt, sieht er sich dort mit seinen in Konzentrationslagern umgekommenen Familienmitgliedern und seiner Jugendliebe, der Tochter eines Nazioffiziers, konfrontiert. Sie verlangen Rechenschaft von ihm. Es kommt zu einer erbarmungslosen familiären Generalabrechnung.

POUR QUE LA GUERRE S'ACHÈVE, LES MURS DEVAIENT S'ÉCROULER (LE JOURNAL) (Belgien 1980, 18. & 26.11.) Ein Film über jene, die nach dem "Streik des Jahrhunderts" zwischen 1961 und 1969 heimlich eine Zeitung für die Arbeiter der Stahlwerke Cockerill in Seraing herausgaben. Einer von ihnen, Edmond, geht sieben Mal um die Fabrik, während er von den Utopien und Kämpfen einer vergangenen Zeit erzählt, die sich in die Stadt ein-geschrieben hat: zugemauerte Fabriktore, Industrieruinen, Schlote ohne Rauch, die er durch seine Erinnerungen reanimiert. Ein Film über den Widerstand und was davon blieb.

IL COURT, IL COURT LE MONDE (Belgien 1987, 19. & 21.11.) John bereitet eine TV-Sendung zum Thema Geschwindigkeit vor. Im Studio herrscht Hektik. Alles geht zu schnell oder eben nicht schnell genug – ein satirischer Kurzfilm über die Welt des Fernsehens. Marinetti lässt grüßen.

ROSETTA (F/Belgien 1999, 19. & 28.11.) Die 18-jährige Rosetta (Emilie Dequenne) ringt wütend und verzweifelt um ihre Würde und ein ganz normales Leben. Sie wohnt mit ihrer alkoholkranken Mutter in einem Wohnwagen und zieht jeden Tag aufs neue in den Kampf: Sie muss Arbeit finden, um zu verhindern, dass ihre gesamte Existenz zerfällt. Rosetta legt ein irrsinniges Tempo vor, und die Handkamera hetzt ihr atemlos hinterher, um ihr nahe zu kommen. Doch Rosetta, die Kriegerin, bleibt verschlossen – und gnadenlos mit anderen und sich selbst.

DANS L'OBSCURITÉ (Darkness, Belgien/F 2007, 20. & 22.11.) Ein Kinosaal, ein Taschendieb, ein Film von Robert Bresson und eine ergriffene Zuschauerin – Hommage an das Kino zum 60. Geburtstag des Festivals von Cannes.

LE FILS (Der Sohn, Belgien/F 2002, 20. & 29.11.) Der Tischlermeister Olivier (Olivier Gourmet) zeigt eine merkwürdige Faszination für seinen neuen Lehrling, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Während man der enorm beweglichen Handkamera folgt, die Olivier hartnäckig auf den Fersen ist, schleicht sich das Drama erst allmählich heran. Zu sehen sind zwei Körper, getrennt und gleichzeitig angezogen von etwas, von dem man nichts weiß. Das Verhältnis der Figuren, ihr Abstand, wird möglichst exakt vermessen. Gesten, Blicke, Worte – alles ist dazu da, die Entfernung zwischen den beiden auszuloten, nach dem rechten Maß zu suchen und die Macht des Geheimnisses, das die beiden verbindet, zu ermessen.

L'ENFANT (Das Kind, Belgien/F 2005, 21. & 27.11.) Mit Betteln, Stehlen und Hehlerei schlägt sich Bruno (Jérémie Renier), ein jugendlicher Außenseiter durch – den ökonomischen Kreislauf hat er in einer Weise internalisiert, dass er seinen neugeborenen Sohn zu Geld macht und verkauft – schließlich kann man ja sofort ein neues Kind machen. Doch die Dardennes sind weder an einer moralischen Verurteilung noch an einer Anklage des Jungen interessiert, sondern heften sich mit der Handkamera an seine Fersen, protokollieren seine Ruhelosigkeit und die Flucht vor der Übernahme von Verantwortung, die seine erschütterte Freundin von ihm fordert. Das Erwachen eines moralischen Bewusstseins braucht jedoch seine Zeit.

LE SILENCE DE LORNA (Lornas Schweigen, Belgien/F/Italien/D 2008, 22. & 30.11.) Die Albanerin Lorna geht mit dem Junkie Claudy (Jérémie Renier) eine Scheinehe ein, um die belgische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Das kommerzielle Kalkül dahinter ist, mit dem neuen Pass Geld zu machen, durch die Heirat mit einem reichen Russen, der für die Papiere und die damit verbundene Einbürgerung viel Geld bezahlt. Da eine Scheidung von Claudy zu lange dauern würde, soll er nach dem Willen ihres Mittelsmanns aus der Welt geschafft werden. Doch Lorna entschließt sich, ihr Opfer zu retten. Ein zeitgenössischer Stoff um Menschenhandel und Mafia, eine Kriminalgeschichte mit Suspense und zu guter Letzt auch ein Märchen.

LEÇONS D‘UNE UNIVERSITÉ VOLANTE (Belgien 1982, 23.11.) Nach Ausrufung des Kriegsrechts in Polen im Jahr 1981 und dem Verbot der Solidarność-Bewegung haben die Dardennes für die fünf Episoden dieses Films polnische ImmigrantInnen in Belgien zu ihrer Geschichte befragt. Anhand der Erfahrungen dieser Polen im Exil, die das Land wegen Nationalsozialismus, Kommunismus oder Antisemitismus verlassen haben, entsteht eine Geschichte Polens, ihres Heimatlandes.

REGARDE JONATHAN, JEAN LOUVET, SON ŒUVRE (Belgien 1983, 25.11.) Mit diesem experimentellen Porträt des wallonischen Dramatikers Jean Louvet, der im Gefolge von Brecht und Sartre, mit einer eigenen Truppe, die er nach dem Streik von 1960 gründete, proletarisches Theater macht, stellen sich die Dardennes erstmalig der Herausforderung, Theater zu filmen. Eine Collage aus Gesprächen, Theaterszenen, Slogans, Stahlfabriken, Musik von Penderecki und Stockhausen und vielen verlorenen Hoffnungen.

Am 18. November haben wir eine Veranstaltung aus der Reihe REVOLVER LIVE! im Arsenal zu Gast. Jens Börner und Nicolas Wackerbarth sprechen mit Jean-Pierre und Luc Dardenne u.a. über die Grenzen von Realismus im Kino.
Im Museum für Film und Fernsehen im 4. Stock des Filmhauses ist anlässlich der Retrospektive vom 15. bis zum 30. November die Ausstellung "Christine Plenus – Set Fotografie bei den Brüdern Dardenne" zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Eine Veranstaltung mit freundlicher Unterstützung der Delegation der Deutsch-sprachigen Gemeinschaft, der Französischen Gemeinschaft und der Wallonischen Region in Berlin.